11.12.2000

STADTPLANUNGLaien ans Lineal

In einer sauerländischen Kleinstadt konzipieren Bürger ein ganzes Stadtviertel neu - mit dem Segen der Verwaltung.
Die Botschaft kam per Brötchentüte ins Haus. Mit dem aufgedruckten Schriftzug "Mach mit" warb Bäckermeister Eberhard Vielhaber, 42, wochenlang bei Käufern von Croissants und Vollkornstangen im sauerländischen Arnsberg für ein ungewöhnliches Polit-Projekt.
Bürger, so die aus Großbritannien importierte Idee, sollten mit Expertenhilfe ein ganzes Stadtviertel selbst planen - in weniger als einer Woche. Es hat funktioniert, zum achten Mal in Deutschland, zum ersten Mal in einer abgelegenen Kleinstadt.
Das so genannte Community-Planning erobert die deutsche Provinz - und verändert Kommunalpolitik. Der Bürger, so die Vision, ist in Verwaltungsstuben künftig nicht nur Kunde, sondern Mitgestalter: Er soll für die Planung von Straßen, Plätzen und Gebäuden seiner Stadt selbst ran an die Zeichentische - schließlich wisse er besser als Profiplaner, wie er wohnen und leben möchte. "Wir erneuern hier lokale Demokratie", verkündet der Arnsberger Bürgermeister Hans-Josef Vogel (CDU).
Damit die Bürgerplanung nicht im Chaos endet, engagierte die Stadt ein Expertenteam des Londoner Unternehmens John Thompson & Partners. In Zusammenarbeit mit einer Berliner Agentur hat die Firma seit 1995 achtmal in deutschen Kommunen Stadtplanungswochenenden organisiert. In Berlin und Umgebung, München, Essen und Leverkusen halfen die Fachleute den Laien, Pläne für stillgelegte Eisenbahnwerke, Plätze oder Plattenbau-Siedlungen zu entwickeln.
Planen mit Bürgern, sagt Fred London, Deutschland-Direktor des britischen Unternehmens, sei "in jeder Stadt und Gemeinde möglich". In Großbritannien konzipierte die Firma bereits 52 Projekte.
Ganz billig ist die Sache nicht: 400 000 Mark zahlen die Arnsberger für das Projekt. Dafür reisten Ende Oktober 30 Fachleute an - Architekten, Landschafts- und Verkehrsplaner, Zeichner und Geografie-Studenten -, organisierten eine zweitägige so genannte Perspektivenwerkstatt mit Bürgern und entwarfen auf der Basis der Bürgerwünsche einen Gesamtplan für das Bahnhofsgebiet zwischen den Zentren der Ortsteile Hüsten und Neheim.
Eine vertrackte Aufgabe, da die Region von der Autobahn 46, Bahngleisen, Industrieflächen und der Ruhr zerschnitten wird. Dazwischen stehen verloren Wohngebiete, ein Kulturzentrum und Schulen.
Mitarbeiter der Stadtverwaltung, jahrzehntelang mit ihren eigenen Plänen gescheitert, kamen auf die Idee mit dem Bürger-Experiment - und fanden bald Unterstützung. Bäckermeister Vielhaber fiel der Werbegag mit der Brötchentüte ein. Lucas Vogt, 18, Schüler der Jahrgangsstufe 12 des örtlichen Franz-Stock-Gymnasiums, entwarf mit seinem Geografie-Leistungskurs in wochenlanger Vorarbeit Detailpläne für bessere Schulwege und Pausenplätze.
Die Forderungen, die rund 350 Bürger an zwei Planungstagen präsentierten, schienen anfangs kaum zusammenzupassen. Helmut Dülberg, Ingenieur beim Leuchtenhersteller Trilux, dem größten Unternehmen am Ort, verlangte mehr Parkplätze, Erweiterungsflächen für die Firma und eine Untertunnelung der Bahngleise. Hobby-Skater Jochen Kirchberg, 17, wollte so viel Geld lieber ganz anders verbauen: "Wir brauchen dringend eine Skate-Hockey-Halle."
Eine simple Methode machte Annäherung möglich: Auf gelben Klebezetteln sammelten die Experten Probleme, Wünsche und Lösungsvorschläge der Bürger. Die Ergebnisse, in Arbeitsgruppen zusammengetragen und im Plenum diskutiert, wurden anschließend an Planungstischen mit Lineal und bunten Stiften in ersten Skizzen festgehalten. "Jetzt sehe ich, wie schwierig Stadtplanung ist", stöhnte ein Rentner.
Außerdem zogen die Experten mit den Bürgern durch den Ort - Realitätstest für die mitunter wilden Träumereien. "Mensch, mein Radweg passt ja gar nicht unter dieser kleinen Brücke durch", erkannte Birgitta Weber-Bange, 44, Mutter von drei Kindern.
In drei Tagen und viel Nachtarbeit bauten die Thompson-Leute einen Gesamtplan zusammen. Jedes Mal aufs Neue, sagt Fred London, sei er überrascht, "wie realistisch das ist, was die Menschen uns am Ende als Vorlagen an die Hand geben".
Das Ergebnis in Arnsberg - zumindest auf dem Papier: ein Bahnhofsgebiet mit neuen Fußweg-Verbindungen, zentralem Platz, Wasserflächen, Allee und Kino, Parkplätzen und Gewerbeflächen.
Ob aus der Vision Wirklichkeit wird, hängt vor allem vom Geld ab. Fördermittel müssen beantragt, Sponsoren gefunden werden. Noch fehlen detaillierte Kostenrechnungen. Und das Stadtparlament muss die Bürgerwünsche auch noch billigen.
Doch in spätestens einem Jahr, hofft Bürgermeister Vogel, wird der Bebauungsplan für das Gelände stehen: "Das ist schneller, als wir es mit konventionellen Methoden je geschafft hätten."
Birgitta Plass, Projektleiterin in der Stadtverwaltung, ist sicher, dass Bürgerplanung sich in ganz Deutschland durchsetzen wird. "In ein paar Tagen", sagt sie, "haben wir hier mehr erreicht als in 30 Jahren."
Das meint auch Bäckermeister Vielhaber. Wenn die Pläne tatsächlich umgesetzt werden, zahlt sich vielleicht auch seine Privatinvestition in Werbung auf Brötchentüten aus: "Das wird ein idealer Standort für ein neues Bäckerei-Geschäft." ANDREA STUPPE
Von Andrea Stuppe

DER SPIEGEL 50/2000
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 50/2000
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

STADTPLANUNG:
Laien ans Lineal

  • Neue Protestbewegung in Italien: Sardinen gegen Salvini
  • Nach der britischen Parlamentswahl: "Ich bin sehr beunruhigt"
  • Britische Parlamentswahl: Der Brexit-Beschleuniger
  • Schottland nach der Briten-Wahl: "Mandat für Unabhängigkeitsreferendum"