11.12.2000

JOURNALISTENTödliches Nachrichtenfieber

In keinem Land der Erde werden so viele Reporter getötet wie in Kolumbien, neun bisher in diesem Jahr. Sie werden aufgerieben von Guerrilla, Paramilitärs, Drogenbaronen - und bisweilen verheizt im Auflagen- und Quotendruck der eigenen Redaktion. Von Matthias Matussek
Ob es sich lohnt, für diesen Job das Leben aufs Spiel zu setzen, hat sich die Reporterin Jineth Bedoya Lima nie gefragt. Vielleicht wäre sie schon tot, wenn sie es täte.
Sie ist jetzt 27, und sie macht ihn seit sechs Jahren. Sie sieht aus wie Gabriela Sabatini, als die schön war, elegant in ihrem weißen Hosenanzug, mein Gott, sie könnte Tennis spielen oder Parfum verkaufen oder Gedichte schreiben.
Warum sie ihn macht? Lustlos stammelt sie sich durch eine ganze Reihe von Antwortversuchen. Er sei interessant, sie treffe Leute, das Übliche eben, kein Journalist spricht gern über diese obskure Mischung aus Neugier und Geltungsdrang und kindischen Gerechtigkeitsimpulsen, die ihn anschiebt.
"Was soll''s", sagt sie schließlich, "dem Irrsinn in diesem Land entrinnt sowieso keiner." Sicher, das ist die Lage: Die Warlords der Drogenmafia haben Bergrücken und Tropenwälder unter sich aufgeteilt, Guerrilla und Paramilitärs kontrollieren wichtige Straßen und Küstenabschnitte, und selbst der braun geziegelten Andenfestung Bogotá gelingt es immer weniger, den ganz normalen Alltag zu spielen.
Alle in diesem Land zahlen ihren Preis. Doch dieser eine Job macht besonders verwundbar. Journalist in Kolumbien, das ist die große Löwennummer, nur riskanter, denn hier haben die Löwen auch noch die Peitsche und sind kein bisschen müde. Warum also?
Es ist keine große Story, die sie an diesem Nachmittag aus ihrer Redaktionsnische getrieben hat, aber sie lässt sich gut erzählen: 20 schwer verwundete Soldaten werden nach Italien fliegen, den Papst treffen und für den Frieden beten. "Was sonst hilft hier als beten?"
Sie will vor den anderen in der Sanitätsbaracke des Minenbataillons sein. "Wenn das Fernsehen erst da war, sind sie erschöpft." Und nun steckt sie, wie immer in Bogotá um diese Tageszeit, im Stau.
Straßenhändler klopfen an die Scheibe. Ein Junge will Kaugummi verkaufen, ein anderer ein altes Grammofon. Jineth mustert den schwarzen Koffer. Ganz sicher, da passt ein Plattenspieler rein, aber auch eine Bombe. Es gehört wohl zu ihren Geheimnissen, dass sie im Zweifelsfalle immer noch ans Grammofon glauben kann. "Vielleicht haben wir uns einfach an den Tod gewöhnt", sagt sie.
Sie dreht ihre schwarzen Locken, streicht die Revers ihres Hosenanzugs glatt, zieht den Lippenstift nach. Sie trägt hohe Absätze, aber selbst mit denen ist sie nur 1,52 Meter klein. In ein paar Tagen wird sie in Kanada den "International Press Freedom Award" für ihre Tapferkeit entgegennehmen - eine Urkunde, ein paar Reden für einen Job unter Todesdrohung.
Die Kosten für ihre Stadtfahrten werden fair aufgeteilt: Das Justizministerium stellt den gepanzerten, welkgelben Trooper-Jeep mit Fahrer und Bodyguard, ihre Zeitung "El Espectador" übernimmt das Benzin. Doch das Risiko, während ihrer Recherchen in den Eingeweiden des Molochs Bogotá abgeschossen zu werden, das trägt die zierliche Jineth selbst. "Es ist mein Traumberuf", sagt sie. "Ich weiß, dass es verrückt klingt."
Mehr als das. Gerade ein halbes Jahr ist es her, als sie über die Kämpfe zwischen linken Guerrillas und rechten Paramilitärs in Bogotás berüchtigtem "Modelo"-Zuchthaus berichtete - und über die allzu große Nähe zwischen Wachpersonal und Kriminellen. "Schon am nächsten Tag begann es mit den Morddrohungen." Kurz darauf wurde sie zu einem Interview mit dem Zuchthaus-Bandenchef der Paramilitärs, den sie den "Bäcker" nennen, regelrecht vorgeladen. "Ein Interview mit dem Bäcker, darauf hatte ich lange gewartet", sagt sie.
Offenbar auch andere. Nachdem sie sich vor dem Gefängnisportal eingefunden hatte, näherte sich ein Mann. Und dann ging alles sehr schnell. Er betäubte und schleppte sie in einen Pick-up-Truck. Und dann passierten all die Sachen, über die sie nicht mehr reden möchte. Folter? Sie nickt. Und das andere? Sie nickt wieder. "Männer sind Schweine", sagt sie.
Immerhin, sie wurde nicht getötet, sondern einen Tag später 40 Kilometer außerhalb von Bogotá aus dem Auto gestoßen. Die Gangster nannten die Sache einen "Denkzettel" - sie solle in Zukunft "objektiver" berichten.
Das ist Killersprech für genehme Banden-PR, und darauf sind sie alle aus, die linken Mörder und die rechten und sogar die Drogengangster, und kein Mensch kann das Pack noch auseinander halten. Es gibt einfach keine richtige, keine sichere Seite für Journalisten in Kolumbien: Irgendwen verärgerst du immer. Und was heißt dann "objektiv"?
"Im Krieg gibt es keine Objektivität", sagt der Coronel des Minenbataillons. Er muss es wissen, er war als Presseoffizier im Kosovo dabei. Was ist objektiv?
Sind es die leeren Gesichter der Amputierten, bei denen Jineth kurz darauf auf der Pritsche sitzt? Sind es die Stahlstangen, die in ihre Beinstümpfe geschraubt sind? Die handgemachten Guerrilla-Minen mit den ins Teer gedrückten rostigen Schraubenteilen, die vor der Baracke vorgeführt werden? Oder die TV-Kameras - sie haben es tatsächlich vor ihr geschafft -, die dieses Elend absaugen?
Jineth spricht mit den Soldaten, leise und eindringlich. Was wird nun? Wie wird der Rest deines Lebens aussehen? Hast du irgendwas gelernt? Sorgt deine Familie für dich? All diese absolut nicht sendefähigen Fragezeichen ... Fernsehen, sagt sie später, habe sie nie interessiert. "Journalismus ist schreiben."
*
Journalismus in Kolumbien ist der Alltag als Feuerzone. Im letzten Jahr starben weltweit 34 Journalisten bei ihren Recherchen. Journalisten werden in Kriegen getötet, in Gefängnisse geworfen, mundtot gemacht. Doch nirgendwo wird der Kampf gegen die Presse gewalttätiger geführt als in Kolumbien. Hier schicken die interessierten Parteien keine Leserbriefe, sondern Sprengsätze.
Keiner in diesem Land will wirklich reden - soeben hat die Farc-Guerrilla erneut die Friedensgespräche platzen lassen, kurz zuvor haben die Paramilitärs sieben Abgeordnete gekidnappt.
Die klügsten Essayisten des Landes, unter ihnen Nobelpreisträger Gabriel García Márquez, haben sich über die kolumbianische Gewaltkultur versucht, ratlos. Es ist auch egal, ob es nun das grausame Konquistadorenerbe ist, der Machismo, oder auch nur der starke Kaffee: Zeitungmachen in einem dialogunfähigen Milieu bedeutet ständige Gefahr. Eine unbequeme Meinung wird nicht diskutiert, sondern man liquidiert denjenigen, der sie vertritt.
In den letzten 20 Jahren wurden rund 150 kolumbianische Journalisten getötet und in diesem Jahr allein 9 - von den Autobomben der Drogenbosse zerrissen, hingerichtet von bezahlten Killern korrupter Politiker, entführt und gefoltert von Paramilitärs oder der Guerrilla oder mitten im Berufsverkehr erschossen wie der Satiriker Jaime Garzón vor gut einem Jahr, der nichts anderes wollte als den Frieden vermitteln.
Dieser 40-jährige Krieg hat seine Gründe längst vergessen. Seine Kämpfer heuern mal bei der linken Guerrilla an, mal bei den rechten Paras, nicht wenige waren einst beim Militär - sie docken an, umstandslos, an diese weltweit grausamste Geldbeschaffungsmaschine aus Drogen, Entführung, Erpressung.
Bizarrerweise ist dieser Krieg auch eine Werbeschlacht. Je mehr den Kämpfern die Überzeugungen fortschwimmen, desto größer der Wunsch, sie wenigstens in der Zeitung zu lesen.
Die Täter sind an guter Propaganda interessiert. Der Chef der Paramilitärs, Carlos Castaño, zeigte sich im März in einem
sorgfältig vorbereiteten TV-Interview, seine Kommandeure lassen Castaño-Lebensläufe in den Redaktionen zirkulieren.
Für Gegendarstellungen bemüht man hier nicht Juristen, die holt man sich direkter: Farc-Guerrilla-Chef Marulanda ließ sieben Reporter kidnappen und zu Massengräbern führen, für die er Castaños Leute verantwortlich machte. "Nun schreibt darüber", wurde den Reportern bei ihrer Entlassung beschieden. Was ist da objektiv?
Nicht wenige werden außer Landes getrieben. "El Tiempo"-Chefredakteur Francisco Santos etwa. Er war 1990 mit sieben anderen Journalisten von den Leuten des Drogenkönigs Pablo Escobar gekidnappt worden. "Innere Zerstörung, Schutzlosigkeit und Einsamkeit" habe er damals empfunden. "Wunden, die nie heilen." Nach seiner Freilassung gründete Santos die Menschenrechtsstiftung "País Libre".
Im letzten Jahr brachte Santos mit seiner "País Libre" zu Friedensmärschen Millionen von Kolumbianern auf die Straße. Die Farc mochte das nicht. Sie drohte Santos mit erneuter Entführung und Hinrichtung. Vor neun Monaten hat Santos aufgegeben und sich und seine Familie nach Madrid in Sicherheit gebracht.
Er ist dort unter Landsleuten. "In Kolumbien kann man Journalisten töten, wie man Kühe schlachtet", sagte Ignacio Gómez, der ehemalige Politikchef des "Espectador", "97 von 100 Gewaltverbrechen bleiben unaufgeklärt." Gómez ist in die USA gezogen. Wie kann man auch bleiben?
"Wie kann man fortgehen?", fragt Hernando Corral, Politikchef des "Tiempo". Er hat es versucht. Sieben Monate lang hat er es in Hamburg ausgehalten, nachdem er bedroht worden war, dann kapitulierte er. Die Sucht, sich einzumischen, war stärker.
"Lieber hier durch eine Kugel getötet werden als im Ausland vor Traurigkeit sterben." Dann lächelt er unter den dicken Brillengläsern seinem eigenen Bonmot hinterher, als teste er es bereits daraufhin, ob es eine Kolumne hergibt. Das eigene Schicksal, prächtiger Stoff.
In einer verglasten Konferenzwabe im ersten Stock des modernen Pressekomplexes hat er die Ressortleiter zur Titelkonferenz zusammengetrommelt. Die Nachrichtenlage? Ein böser Thriller und damit ein Traum für jede Zeitung: Der Kampf zwischen Präsident Andrés Pastrana und der Guerrilla spitzt sich zu. Zudem geht das Drama um die von den Paras entführten Abgeordneten weiter. Und dann hat Kolumbien auch noch gegen Brasilien verloren, in der Nachspielzeit.
Allerdings ist das nichts gegen das neue Serienthema der Gesundheitsressorts. Safer Sex. "Der ''Blue-Jeans-Job'' ist schwer in Mode", sagt die Redakteurin. Und dann wird das Thema selig hin- und hergedribbelt, bis jeder ein Tor geschossen hat.
Zeitung machen. Nachrichtenfieber. Diese Mischung aus Lärm und Analyse und Kinderei. "Es ist die schiere Lust", sagt Corral anschließend, und dann telefoniert er mit dem spanischen Botschafter über das Essen am Vorabend und seinen Eindruck von Pastranas Friedensvermittler Camilo Gómez. "Es macht einfach Spaß, am Rad zu drehen", sagt er. Dafür nimmt er in Kauf, dass er auf die Straße schaut, bevor er das Haus verlässt.
Das ist wohl das Gespenstische an Bogotá - es ist nicht nur die Hölle für Journalisten, sondern auch das Paradies. Jeden Tag eine neue Nachrichtenlage, eine neue Bewährungsprobe. Journalisten werden getötet, und Journalisten werden Präsident.
Andrés Pastrana startete seine politische Karriere als Anchorman der Nachrichtenshow "TV Hoy". Und selbst im Amtszimmer des Präsidentenpalastes, zwischen all den Standarten, wirkt sein Lächeln so aufgeräumt, als warte er auf das Rotlicht über der Kamera. Ein Medienpräsident, ganz sicher, und das silbergerahmte Foto, das ihn mit diesem anderen Könner Bill Clinton zeigt, liebt er besonders. Auch in Bogotá ist Politik zunehmend ein TV-Job.
Doch in letzter Zeit könnten seine Quoten nicht verheerender sein. Seine Befriedung der Guerrilla ist gescheitert, und die militärische Aufrüstung durch die Amerikaner wird kritisiert - Pastrana gilt als korruptionsfrei, aber handlungsschwach. Er lächelt staatstragend, aber auf völlig verlorenem Posten.
"Ich weiß, was ich meinen alten Kollegen schuldig bin", sagt er. Gerade hat er ein Dekret zum Schutze gefährdeter Journalisten unterschrieben. Noch ein Papier also. "Ein Anschlag auf einen Journalisten ist ein Anschlag auf die Meinungsfreiheit und damit aufs ganze Land."
Natürlich hat der Präsident Recht. Warum nur wirkt das alles so - unbesorgt? Er selbst war doch 1988 vom Medellín-Kartell entführt worden, hat diese innere Zerstörung erlebt, diese Wunden, die nie heilen. Allerdings war er nach seiner Freilassung mit überwältigender Mehrheit zum Bürgermeister von Bogotá gewählt worden und sitzt heute hier als Staatschef.
Vielleicht heilen sie doch, die Wunden? Das ist die Macht der Medien - selbst eine Entführung kann sich karrierefördernd auswirken. Ruhm ist der große, der einzige Preis, den sie zu vergeben haben, und er fördert den Neid, so sehr, dass einige behaupten, Pastrana habe die eigene Entführung nur inszeniert und Santos die Drohungen gegen sich. Kolumbien, ein höllisches Medienspektakel - wenn Journalismus immer auch Politik ist in diesem Land, warum nicht gleich die Seiten wechseln?
Der kolumbianische Krieg ist auch einer um Auflage, einer, den die Presse gegen sich selbst führt. Rund 30 Zeitungen, 33 TV-Anstalten und 650 Radiosender kämpfen um den Markt, und die Sitten untereinander werden rauer, besonders bei den privaten Fernsehsendern.
Es gibt die, die es geschafft haben, und es gibt die armen Schweine. Es gibt den schwerreichen, konservativen "Tiempo" mit einer Tagesauflage von 400 000, es gibt den liberalen "Espectador" (200 000), es gibt zahllose, weniger seriöse Blätter - und Heere von jungen Einzelkämpfern, die davon träumen, sich verheizen zu lassen. Gewerkschaften werden nicht geduldet. Wer die Wochenenden frei haben will, muss gar nicht erst antreten.
"Die Journalisten", sagt "El Tiempo"-Kolumnist Arturo Guerrero, "riskieren für ein paar hundert Dollar ihr Leben." Und dann erzählt er die Geschichte der TV-Reporterin, die sich weigerte, bei einem militärischen Kampfeinsatz gegen die linke Terroristengruppe ELN mitzufliegen.
Ihren Platz nahm eine Kollegin vom Konkurrenzsender ein. Nachdem der Helikopter abgeschossen wurde, wurde die am Boden verbliebene Reporterin von ihrem Chefredakteur keinesfalls für ihre Weitsicht beglückwünscht - man drohte ihr mit Kündigung, weil sie feige gewesen sei.
Sie bekam ihren Job nur deshalb wieder, weil es ihr in einem aberwitzigen Einsatz kurz darauf gelang, eine von der ELN entführte Fokker zu orten. "Die werden von ihren Chefs regelrecht in die Feuerzone getrieben", sagt Guerrero.
Mit dem Journalisten Andrés Restrepo und der Unterstützung der Deutschen Botschaft in Bogotá hat Guerrero nun "Medios para la Paz" gegründet, ein Ausbildungsprogramm für Reporter in Krisengebieten.
"Wir bringen ihnen bei, dass sie nicht jeden Job annehmen müssen", sagt er. Vor allem aber, dass es nicht bei jeder Story auf die Anzahl der Leichen ankommt, sondern auf Hintergründe, auf Analysen, auf vieles mehr, was den Friedensprozess im Lande nach vorne bringen könnte.
Die gängigen Nachrichtenhitparaden verlassen sich auf die gewohnten sensationalistischen Mischungen. "Sie bestehen aus Körpern: den kalten, den lauwarmen, den heißen." Im Klartext: erst die Toten, dann die Fußballspieler, dann die nackten Mädchen.
Eine Initiative, wenigstens die Gewaltopfer nur noch in dezenten Schwarzweißfotos abzubilden, wurde nach wenigen Wochen aufgegeben - die Quoten, so befürchteten die Medienzaren des Landes, würden in den Keller rutschen.
Ob es die Nation liebt, dem eigenen Schlachten in Farbe zuzuschauen? Guerrero bezweifelt es. "Wir sind der Gewalt müde", sagt er, "sowohl die Journalisten wie die Leser."
Man könne das Publikum auch mit Alternativen gewinnen. Kürzlich veranstaltete "Medios para la Paz" einen Workshop im umkämpften Drogenanbaugebiet Putumayo. Worüber, wurden die Journalisten gefragt, sie schreiben würden, wenn sie nicht über den Krieg schrieben. "In Kürze kamen 40 Themen zusammen, das reichte von Kinderschicksalen bis Ökologie."
Journalisten sind keine Künstler: Sie erfinden die Welt nicht neu, sie schöpfen sie ab. Und wenn diese Welt kriegerisch ist, dann fahren sie die blutige Ernte ein. Sie sind auch keine Heiligen. Durchaus gibt es solche, wie sie "Tiempo"-Korrespondent Santiago Gamboa in seinem hinreißenden Bogotá-Krimi "Verlieren ist eine Frage der Methode" beschrieben hat - kleine Schnüffler mit windigen Motiven.
Doch trotz aller Entgleisungen sind sie wichtig wie Brot, weil sie den Stimmen der Opfer Gehör verschaffen, und was könnte relevanter sein in einem Land, das in 40 Jahren Bürgerkrieg über 200 000 Menschen verloren hat?
Buchstäblich jeder ist in Gefahr. In den Mauern eines alten Klosters stellt Journalist Carlos Torres von der Stiftung "País Libre" ein ganz besonderes Radioprogramm zusammen: Jeden Dienstag und Mittwoch wenden sich die Angehörigen von Entführungsopfern an die, die aus ihrer Mitte gerissen wurden.
Allein in diesem Jahr sind über 2700 Menschen entführt worden, darunter mehr als 100 Kinder. In 165 Fällen wurden die Verhandlungen abgebrochen - die Opfer waren getötet worden.
Auf die perverse Entführungsindustrie, die Millionen umsetzt, reagiert "País Libre" mit Hochglanzbroschüren wie "Rechtliche Konsequenzen von Kidnapping" oder "Warum fühle ich mich schuldig?" oder "Wem erzähle ich was?" - professionelle Ratgeber in einem mörderischen Alltag.
Doch wer diesen Alltag wirklich begreifen will, der muss Radio hören, muss diesem Stimmenkonzert der Ohnmacht in der "Stunde der Botschaften" lauschen, im Ätherrauschen auf AM 560: kleine Mädchen, die ihren Papa grüßen und von Halloween erzählen; ein Ehemann, der zärtlich seine "Pachita" beschwört und ihr eine Zukunft verspricht, in der jeder Tag "endloses Glück bringen wird, denn wir werden uns wiederhaben"; eine Mutter, die ihren Sohn bittet, auf Gott zu vertrauen; ein Mann, der vom "Blonden" grüßt und vom "Dicken" und dass sie alles Menschenmögliche unternehmen.
Da ist die Stimme von Manuel, der seine Schwiegereltern bittet, Geduld zu haben und auf ihre Gesundheit zu achten. Dann spricht die Tochter Rosita, und man merkt ihrer Stimme an, dass sie nicht mehr weiß, woher sie die Hoffnung nehmen soll, die sie bei ihren Eltern irgendwo dort draußen in einem Gefangenenlager in den Bergen pflanzen will.
Manuel und Rosita leben im Arbeiterviertel "Libertador", in der oberen Etage eines aufgestockten Einfamilienhauses. Der Schmuck an den rot gestrichenen Ziegelwänden: eine Madonna, zwei blank polierte Whiskeyflaschen und ein Bild der Entführten, die stolz die Schulurkunde des Enkels in den Händen halten.
Zwei freundlich lächelnde Rentner, die eine kleine Werkstatt am Stadtrand Bogotás unterhielten - bis zur Karwoche dieses Jahres, als sie gekidnappt wurden. Der Entführer, ein halbstarker "Richard", meldete sich über Handy. Er verlangte 500 000 Mark. "Wie hätten wir die aufbringen sollen?", sagt Manuel mit einer hilflosen Geste in den kargen Raum.
Richard wollte Papiere sehen. Bankauskünfte, Lohnzettel. All das musste in einem Bus ins Guerrilla-Gebiet nach Nazaret deponiert werden. Doch seit fünf Monaten haben sie nichts mehr gehört. "Wir müssen Hoffnung vermitteln in dieser Radiosendung", sagt Manuel. "Das ist die strikte Anweisung - aber es fällt schwer."
Was er sagen würde, wenn er es könnte? Manuel schluckt. Dann bricht es aus ihm heraus: "''Ihr seid so feige, so erbärmlich feige'', das würde ich sagen - und ich würde ihre Namen nennen, denn wir wissen ja, wer''s getan hat und wo sie untergekrochen sind." Seine Frau schüttelt sich stumm unter Tränen. Die beiden sind am Ende: Wer die Wahrheit nicht hinausschreien kann, wird krank.
Doch es ist ratsam, den linksgetünchten Drogenmob nicht zu reizen, denn "sonst stehen ihre Killer vor unserer Tür". Es wäre nicht das erste Mal, dass sie ihre Opfer mitten aus dem Häuserwirrwarr in Libertador herausgreifen - sie kennen jeden hier.
Manuel fühlt sich von der Regierung im Stich gelassen. Für ihn, sagt er, sind die Zeitungen lebenswichtig. Er liest "El Tiempo" und "El Espectador", und er respektiert ihre Reporter. "Sie riskieren Kopf und Kragen für die Wahrheit." Darüber hinaus seien die Blätter äußerst zweckmäßig. Er deutet auf die Wellblechdecke - die Lücken zur Wand sind mit alten Zeitungen ausgestopft.
Sie erscheinen täglich, sie erscheinen pünktlich, auch wenn es manchmal nur in Notausgaben möglich ist - sie erscheinen. Dem Terror ist es nicht gelungen, die Meinungsfreiheit in Kolumbien zu liquideren. Das liegt sicher daran, dass es hier nicht nur einen, sondern viele kleine Stalins gibt, die miteinander konkurrieren - was dem einen missfällt, bejubelt der andere.
Das liegt aber auch an Frauen wie Jineth Bedoya Lima und ihren Kollegen, die an diesem frühen Abend im Großraumbüro des "Espectador" auf ihre Monitore starren. Die Fensterfront gegenüber ist freigeräumt. Auf dem blauen Teppichboden noch die Abdrücke der Tische, die hier einst standen - das ist die Seite, die 1989 von der Bombe weggedrückt wurde. "Hätten sie den Lkw vor der Vorderfront geparkt", sagt Chefredakteur Fidel Cano, "wäre die Druckwelle an der Rückseite hängen geblieben - und dann hätte es noch mehr Tote gegeben."
Die dunkel getäfelte Chefsuite muss aus den Gründertagen von 1887 stammen. Verstaubte Shakespeare-Ausgaben, Ölgemälde der Herausgeber in Stehkragen, ein wenig verwahrlost das alles, als habe man irgendwann den Versuch aufgegeben, durch Tradition zu beeindrucken.
Jetzt beeindruckt man durchs schiere Überleben. Nur fahles Licht dringt durch die Scheiben - man hat sie mit Sichtschutzfolien beklebt. Eine Galerie von Pressetrophäen, Auszeichnungen für Mut und Fairness. Und das Bild eines weißhaarigen Señors an einer Schreibmaschine.
"Bereits zwei Monate nach ihrem Kidnapping wollte Jineth wieder ins Putumayo, wo die Guerrilla die Landbevölkerung aushungert", sagt Cano. "Ich habe versucht, ihr das auszureden." Und? Der 36-jährige Cano lächelt müde. "Sie sagte, wenn es mir nicht passt, soll ich ihr kündigen - aber so lange wird sie ihren Job tun."
Was kann man da machen? Der weißhaarige Señor an der Wand wüsste wohl auch keinen Rat. Es ist Canos Onkel Guillermo, der das Blatt in den achtziger Jahren geleitet hat - bis er von der Drogenmafia erschossen wurde. "Natürlich habe ich sie behalten", sagt Cano. "Und sie hat unglaublich gut geliefert - sie hat einfach die besten Kontakte."
In ihrer Schreibnische fehlen Familienfotos. Dafür Schnappschüsse mit Guerrilla-Führern, dem Präsidenten, mit Soldaten. Camouflage steht ihr. Sie lacht. Sie wartet auf die Fahne ihres Artikels über die verwundeten Soldaten, und als sie ihn in den Händen hält, sagt sie "endlich" und "sieht doch gut aus".
Die Überschrift ist ein Zitat: "Ich gehe zum Papst - ohne meine Beine". Solche Sätze lassen sich nicht erfinden, diese und andere, alle buchstäblich diktiert vom kolumbianischen Elend, vom Wahnsinn des Bürgerkriegs.
Jineth lässt sich an diesem Abend überreden auszugehen, zum ersten Mal seit ihrem Kidnapping. Der gepanzerte Jeep chauffiert alle zu einem Italiener in die "Zona Rosa", wo sich die Jeunesse dorée Bogotás trifft. Die Bars lärmen, vor der Shopping-Mall Andino wird ein neuer Internet-Service mit einem Rockkonzert präsentiert. Alle sehen jung und fröhlich aus und so, als hätten sie sich im gleichen GAP-Laden angezogen.
Vor ihrer Entführung habe sie 55 Kilo gewogen, erzählt Jineth über der Speisekarte, "in den Wochen danach nur 43". Sicher, man hat ihr Therapeuten auf den Hals geschickt, aber die beste Therapie sei immer noch ihre Arbeit.
Wann sie sich zum letzten Mal richtig glücklich gefühlt habe? Sie überlegt. Lange. Dann erzählt sie von diesem Manöver im Frühjahr, in das sie mit einem Gebirgsbataillon gezogen war.
Sie haben gefroren, sie lagen unter Beschuss, sie hatte sich im Matsch die Schuhe ausgezogen und war ins Gehirn einer Leiche getreten, es war die Hölle. Als sie ihre Reportage zusammenhatte, kam der Oberst auf sie zu. Er habe gerade erfahren, dass seine Frau ein Kind bekommen habe. "Es ist ein Mädchen." "Glückwunsch", sagte Jineth. "Wie soll es heißen?" "Jineth", sagte der Offizier.
"Beim Abschied haben die Jungs salutiert. Ich habe durchs Rückfenster gesehen, wie sie mir hinterhergewinkt haben, mit ihren Taschentüchern." Ja, da war sie wohl glücklich.
Sie lebt noch bei ihrer Mutter. Für einen Freund habe sie keine Zeit, sagt sie. Abends schaut sie fern und liest und geht mit ihren Kuscheltieren ins Bett - Winnie the Pooh hatte sie selbst im Manöver dabei. Sicher würde sie gern öfter ins Theater gehen. Sie hat sogar mal davon geträumt, Schauspielerin zu werden. Ja, sie hat früher selbst gespielt.
Dann erzählt sie, plötzlich schwärmerisch und gelöst bei Rotwein und Kerzenlicht, von ihrer Rolle als Simón Bolívars Geliebte. "Las Artes de Manuelita" hieß das Stück. Sie war Manuelita.
Und nun ist sie Jineth Bedoya Lima, und auch diese Rolle gefällt ihr. Die unerschrockene Reporterin des "El Espectador". Als die, sagt sie, wird sie respektiert. Kompanien von Soldaten stehen stramm. Die Guerrilla achtet sie. Selbst Paramilitärchef Castaño habe ihr gerade in einer E-Mail freies Geleit versprochen. "Aber als unbekannte Frau bin ich jedem bescheuerten Macho Bogotás ausgeliefert."
Das ist es wohl, was sie an ihrem Beruf liebt: Er schützt sie, so idiotisch das klingt.
* Bei Farc-Guerrilleros.
Von Matthias Matussek

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