11.12.2000

IDOLEIst denn nichts mehr heilig?

Boris ohne Babs: Das Ende des Traumpaars der neuen Mitte bewegt die Deutschen, blamiert die Klatschpresse - und zerstört den Glauben ans perfekte Glamour-Liebesglück. Von Reinhard Mohr
Es war ein Schock für Deutschland, die Sache schlug ein "wie eine Bombe". Der Tie-Break war verloren.
Die Nation schien wie gelähmt. In manchen deutschen Vorzimmern flossen Tränen, und die Paarpsychologen, diese Kreml-Astrologen unserer Zeit, machten Überstunden bei RTL-"Exclusiv", "Brisant" und "hallo Deutschland".
Es war aber auch zu viel für das empfindliche deutsche Gemüt.
Erst die Aufregung über den vermeintlich neonazistischen Kindermord in Sebnitz, dann die erste deutsche BSE-Kuh und nun das - die "dickste Beziehungsbombe des Jahres": Boris Becker und seine Frau Barbara trennen sich kurz vor dem siebten Hochzeitstag, weil sie, wie es in der achtzeiligen Pressemitteilung ganz amtlich heißt, "seit geraumer Zeit feststellen" mussten, dass "unsere Auffassung über die Prioritäten unserer Beziehung zu unterschiedlich sind".
"Wir haben sehr lange um unsere Ehe gekämpft", fügte Becker - "oft größer als sein Sport" ("Hamburger Abendblatt") - in einem Interview hinzu. Doch schließlich hätten beide erkannt, dass es "so nicht weitergeht".
Jedenfalls nicht mit den alten Prioritäten. Der Sportexperte und Berufszyniker Harald Schmidt hatte gleich die neuen parat: zwei frische Bälle für Boris Becker.
Es war aber auch der Super-GAU der Yellow Press, die ansonsten auf Wolke sieben einer nie da gewesenen Klatsch- und Tratsch-Begeisterung schwebt: Keiner ahnte was. Selbst die stets auf journalistische Manndeckung bedachten "Gala"- und "Bunte"-Reporter hatten angeblich "nichts gewusst". Bis zuletzt wurde die "magische Liebe" von Babs und Boris beschworen - irgendwie "unglaublich glücklich", fast schon unheimlich.
Noch vergangenen Donnerstag feierte die "Bunte" auf ihrem Titel Boris Becker ganz arglos als "erotischsten Mann Deutschlands" - abgeschlagen landete Campino von der Rockgruppe Die Toten Hosen auf Platz zwei. Engste Freunde wie der Ex-Hochspringer Carlo Thränhardt waren "total perplex", und viele Normalbürger draußen im Lande, die sich gerade noch über die gestaffelte Entfernungspauschale der rot-grünen Regierung aufgeregt hatten, zeigten sich plötzlich "einfach traurig", weil sie es "bei den beiden am wenigsten vermutet hätten".
Wieder einmal war eine große Illusion zerplatzt - der Traum von romantischer Liebe, perfekter Beziehung und dauerhaftem Glück. Die uralte und immer neue Geschichte von der Kurzlebigkeit des Himmelreichs auf Erden zerstörte die schönen Projektionen vom multikulturellen Glamour-Traumpaar, das auch noch "ein anderes Bild von Deutschland" vermitteln sollte: "Deutschlands wahre First Lady" ("Max") und ihr Mann, der Held von Wimbledon und Start-up-Burschi Nummer eins - "Ich bin schon drin" -, die kosmopolitische Vorzeigefamilie im ewigen Blitzlichtgewitter, aus und vorbei. Keine Werbung mehr für den Doppelpass. Kein rettender Hechtsprung am Netz.
Ein nationales Aufstöhnen ging durchs Land, und von "Bild" bis "taz" stand eine Frage hart im Raum: "Warum, warum?"
Ist denn nichts mehr heilig? Gibt es denn gar nichts mehr, was heil ist und ein Vorbild für den Rest der Menschheit? Brechen jetzt die letzten Dämme?
Nur die englische Presse konnte noch ungebrochen auf bewährte Erklärungsmuster zurückgreifen: "Nazis ruinieren Boris Beckers Ehe", schrieb die "Sun", und selbst der konservativseriöse "Daily Telegraph" war sich sicher: "Becker und seine Frau trennen sich nach siebenjährigem Kampf gegen Rassismus."
Das glaubt nicht mal die Antifa in Berlin-Kreuzberg. Doch mag es sein, dass selbst sportlich interessierte Antifaschisten beim abendlichen Bier "Betroffenheit" zeigten - denn auch Boris Becker war ein harter Kämpfer.
Aus dem kaum sprechfähigen Rasen-"Bobele" aus Leimen ist im Lauf der Jahre der strahlende Repräsentant der New Economy geworden, als Werbeträger für AOL der Internet-Held der Nation. Eine deutsche Karriere, von der die "Generation Kübelwagen" (Götz Aly) in den Schützengräben des Zweiten Weltkriegs nicht mal geträumt hat.
Bum-Bum-Becker wurde ein Weltmann, den selbst die Tommys mochten.
Und Babs, die Frau an seiner Seite, formte kräftig mit am Master of the Universe. "Sie hat mich aus dem Sumpf geholt", so Becker einmal in netter Übertreibung. Noch am 8. August dieses Jahres revanchierte er sich öffentlich und erklärte seine Ehe zur objektiv guten, antirassistischen Tat.
In einem Werbespot gegen Rechtsextremismus, gesendet von der "Deutschen Welle", sagte er: "Ich selber habe eine schwarze Frau geheiratet. Insofern habe ich, wenn auch unbewusst, meinen Beitrag geleistet."
Siegertyp Becker, auch noch ein guter Mensch. Unglaublich.
Fast hätte er jüngst noch seinen guten Namen, "the brand" Becker, die Weltmarke, an die Börse gebracht. Nemax Boris.
"Der ist abgehoben", sollen Insider über Becker sagen. Doch wohin soll er sonst, wenn nicht nach ganz oben?
Medienrummel und private Wallungen zeigen aber auch, wie sehr sich im "Big Brother"-Deutschland die Gewichte verschoben haben. Die Parole der RTL-II-Containerschlacht, "Zeig mir dein Gesicht, zeig mir, wer du wirklich bist", ist zur Maxime einer Pseudo-Authentizität geworden, die den Drang zur verlogenen Inszenierung, zur kalkulierten Entblößung stärkt.
Privatsphäre ist nicht mehr. Jetzt ist alles öffentlich - zu jeder Zeit, an jedem Ort, unter allen Umständen. Eine neue Schamlosigkeit breitet sich aus, die mit neuer Freiheit wenig zu tun hat. Eher mit jener "repressiven Entsublimierung", die der Philosoph Herbert Marcuse schon in den sechziger Jahren des vorigen Jahrhunderts entdeckt hat. Nur so können schwangere Heideköniginnen a. D. zum gesellschaftlichen Dauer-Event werden - bis hinein in den Kreißsaal.
In dieser infantilisierten Medienwelt wird nichts ausgelassen, und schon längst ist nichts mehr heilig.
Auch die Meute der Fotografen, die beim Bundespresseball in Berlin gerade erst den Tisch des Bundesaußenministers und seiner Frau stundenlang so penetrant umlagerte, als hinge vom Verziehen des linken Mundwinkels nicht nur die Zukunft einer Ehe, sondern auch jene Europas ab, trägt zu diesem Zustand bei. Von Dezenz, Diskretion und Höflichkeit keine Spur.
Exhibitionismus, Narzissmus, Voyeurismus - sie bilden das Dreigestirn der Mediengesellschaft, in dem auch das Traumpaar der neuen Mitte, Babs und Boris, die Clintons von München-Bogenhausen, zu Hause waren. Keine Mega-Party ohne das Dream-Couple - Staatsbankett mit Chirac, Besuch bei Mandela, Filmgala hier, Schloss Bellevue dort, DaimlerChrysler, Thurn und Taxis, rauf und runter. München und Miami, Monte Carlo und Mallorca.
Das Publikum sah all dies mit Staunen. Ein wahres Märchen. Und eine wunderbare Inszenierung, denn das Glück wird vermarktet, weil es einen Markt für Glück gibt. Der ist unerschöpflich.
Denn wenn es schon keine Leitkultur geben soll, dann doch wenigstens ein Leitbild, eine Lichtgestalt, die glaubwürdige Epiphanie des gelungenen Lebens im Hier und Jetzt. Konkrete Utopie auf Hochglanz. Aber nix da. Seit Babs und Boris scheiterten, sind wir alle dran. Tua res agitur, sagt der Lateiner. Es geht um dich.
Die hektischen Spekulationen über eine rappende Geliebte im Vordertaunus (dunkelhäutig wie Babs) oder andere Gespielinnen des einstigen Tennis-Champions lenken nur davon ab, dass hier - ähnlich wie beim Unfalltod von Prinzessin Diana - unser aller Sache zwischen Leben und Tod verhandelt wird, unser Glück und unser Unglück. Da wird es existenziell.
Doch wo die Gefahr ist, da wächst Rettendes auch - Dialektik sei Dank. Die Menschen draußen im Lande können sich entlastet fühlen, wenn das Exempel zeigt: Die Promis können's auch nicht besser, all die Giganten des Sports, die Schönen und Reichen, die schaumgeborenen Selbstverwirklicher und makellos Strahlenden, die noch im TV-Live-Gespräch souverän über Gott und die Welt parlieren wie zu Hause am Kamin und kurz darauf mit Kaiser Franz die Champions League kommentieren.
Wie tröstlich: Sie kriegen's eben auch nicht hin - meist halten sie nicht mal jene vier bis sechs Jahre durch, die laut dem Statistischen Bundesamt in Wiesbaden die kritische Phase markieren.
Die Liste der prominenten Trennungen im Jahr 2000 ist lang - Veronica Ferres und Helmut Dietl, Michael Stich und Jessica Stockmann, Claudia Schiffer und Tim Jefferies, dazu Klausjürgen Wussow, Anke Engelke, Hera Lind, Ralph Siegel, Fred Kogel (einst mit Babs liiert) und ihre jeweiligen Partner, um nicht von Liz Hurley und Hugh Grant zu sprechen oder von Harrison Ford, der nach 17 Ehejahren seine Frau verließ - ein Fegefeuer der Eitelkeiten, Angebot und Nachfrage, das Karussell der individualisierten Gesellschaft mit eingebautem Turbospeed.
"Bürgerliche Gesellschaftsideale schwinden dahin", sagt die Münchner Diplompsychologin Dorothea Böhm. Ein klarer Verlust von Bindung und Konvention, sagt der Soziologe. Abnutzung durch Reibungsverlust nennt es der Mechaniker.
Die unentwegte Beschleunigung, die Globalisierung der Jet-Set-Partnerschaften - all das hat seinen Preis. Da ist man schnell drin, aber auch schnell wieder draußen. Der Markt der Möglichkeiten und Versuchungen ist so groß wie die Sehnsucht nach Zweisamkeit, der letzten romantischen Illusion. In dieser Ambivalenz bewegen sich alle, Akteure und Voyeure, Micker und Macker. Doch immer wieder setzt sich, im Kleinen wie im Großen, ein Prinzip durch, das der Amerikaner schlicht "trading up" nennt: Austausch, Wechsel, Aufstieg. Der Wahrheit zuliebe: Das war immer schon Beckers Weg. Dafür wurde er bewundert. Ein Siegertyp, der sich im Zweifel für das Realitätsprinzip entscheidet.
Am vergangenen Freitag hatte Boris Becker schon wieder Promi-Programm: Es galt, den Goldenen Ehren-Bambi an Franz Beckenbauer zu übergeben - weil der die Fußball-WM 2006 nach Deutschland geholt hat.
Die Nation war gerührt.
Zurück zum Sport.
Von Reinhard Mohr

DER SPIEGEL 50/2000
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