11.12.2000

PHILIPPINENRobin Hood im freien Fall

Als erstem asiatischen Staatschef droht Präsident Estrada die Amtsenthebung - wegen Korruption und Amtsmissbrauchs. Deutsche Ermittler und der BND vermuten, dass sich der schillernde Staatschef auch am Lösegeld für die Jolo-Geiseln kräftig bereichert hat.
Für Joseph Ejercito Estrada, 63, ist das ganze Leben wie ein Film - und dessen Bühne ist ein ganzes Land. Seit fast zweieinhalb Jahren herrscht der korpulente Mann mit den pomadisierten Haaren und den markanten Oberlippenflusen über 75 Millionen Filipinos: ein ehemaliger Schauspieler und volkstümlicher Karrierist, der von der Kinoleinwand leibhaftig herniederkam, das Böse und Korrupte zu besiegen.
Doch der Sumpf aus Bestechung und hemmungsloser Vorteilsnahme, der unter dem langjährigen Diktator Ferdinand Marcos im philippinischen Inselreich um sich gegriffen hatte und den weder seine demokratischen Nachfolger Corazon Aquino noch Fidel Ramos austrocknen konnten, droht nun auch den Retter Estrada zu verschlucken. Vorigen Donnerstag wurde ein spektakuläres Amtsenthebungsverfahren gegen ihn eröffnet. Estrada werden Bestechlichkeit, Korruption, Verfassungsbruch und eigennütziger Missbrauch der höchsten Position im Lande vorgeworfen.
Der unerhörte Casus spaltet die Nation. Zu Zehntausenden demonstrieren Bürger seit Tagen auf den Straßen der Hauptstadt Manila - die Linken, die Gebildeten gegen den Präsidenten, die Mittellosen und christliche Gruppen für ihn.
Das Fernsehen berichtet live aus dem Verhandlungssaal. Dort müssen 22 Senatoren und der Vorsitzende Richter des Obersten Gerichtshofs über Estrada und die Glaubwürdigkeit seiner Gegner befinden. Wenn eine Zweidrittelmehrheit von mindestens 15 Juroren die Daumen senkt, dann würde das erste Impeachment in der Geschichte Asiens mit Estradas Entlassung enden. Der bestreitet alle Vorwürfe.
Vier Anklagepunkte stehen zur Debatte. Der Präsident, heißt es, habe
* Einnahmen aus dem illegalen Glücksspiel Jueteng in Höhe von 19 Millionen Mark eingestrichen und zum Teil an Gefolgsleute weitergeschoben;
* sechs Millionen Mark aus Tabaksteuern in die eigene Tasche gesteckt;
* bei der Untersuchung eines Insidergeschäfts zu Gunsten der Firma eines Freundes interveniert, deren Aktien kurzfristig um das 54fache gestiegen waren;
* Geschäftsinteressen ungeniert mit seinem Amt verquickt; insgesamt soll der Estrada-Clan an 68 Firmen beteiligt sein.
Ein weiterer Skandal ist noch gar nicht aktenkundig, aber er könnte mindestens genauso schwer wiegen: Deutsche Ermittler und der Bundesnachrichtendienst (BND) haben Anhaltspunkte, dass der oberste philippinische Politiker auch kräftig bei den rund 20 Millionen Dollar Lösegeldern mitkassiert hat, die während des Geiseldramas auf Jolo geflossen sind. Zehn Prozent seien an seinen Chefunterhändler Roberto Aventajado gegangen, 40 Prozent an Estrada, der wiederum einen Sicherheitsberater und den Armeechef General Angelo Reyes beteiligt haben soll.
Der BND hatte nämlich schon zu Anfang der Geiselnahme dem Anführer der Abu-Sayyaf-Rebellen, Commander Robot, ein Satellitentelefon zugespielt und damit alle Gespräche zwischen Robot und Aventajado abgehört. Flankierend bauten deutsche Ermittler, die auf Jolo aktiv waren, im Juni einen separaten Kontakt zu den Entführern auf, um an der philippinischen Regierung vorbei die Entführten zu befreien.
In diesen direkten Gesprächen soll Robot für die Geiseln um die Göttinger Familie
Wallert nicht mehr als 100 000 Dollar pro Kopf verlangt haben. 15 Prozent davon seien, nach ortsüblichen Gepflogenheiten, für den südphilippinischen Provinzgouverneur Tan vorgesehen gewesen.
Es gehe ihm ausschließlich um Lösegeld, habe der muslimische Geiselnehmer Robot mehrfach beteuert und sich sogar beschwert, dass ihm Manila nach Gutdünken politische Forderungen unterschiebe, die ihn gar nicht interessierten. Doch das gehörte womöglich zur Taktik der Regierung. Nachdem die Gespräche ins Stocken gerieten, ordnete Aventajado im Juni eine Verhandlungspause an. Anschließend stiegen die Forderungen um ein Vielfaches - kein Zufall, wie nicht nur die Deutschen meinen. "Aventajado trieb die Preise hoch", zitiert "Asiaweek" einen in der Geiselaffäre tätigen Gesandten.
Die Deutschen entschlossen sich daraufhin, nur noch auf die libysche Vermittlung zu setzen. Mutmaßliche Nutznießer der schließlich gezahlten Millionenbeträge, die per Nachtfähre nach Jolo transportiert wurden, dort aber nur zu Teilen ankamen: nicht zuletzt die einheimischen Unterhändler und Estrada, den der Volksmund "Erap" nennt.
Erap heißt in einem Wortspiel Kumpel, und zahllose Freunde und Berater, aus alten Zeiten und vom Militär, scharwenzeln denn auch in seinem Dunstkreis. Gefälligkeiten bleiben da kaum aus. Estradas Vita ist ein öffentlicher Traum. Und seine Politik? Ein Selbstbedienungsladen?
Joseph Estrada, neuntes von zehn Kindern, stammt aus Manilas Armenviertel Tondo. Die Geschwister studierten, wurden Ärzte oder Lehrer. Ihr Bruder brach die Schule ab und ging zum Film. Der angehende Mime mochte simpel gestrickt sein, er selbst bestritt das nicht einmal. Entscheidend aber für seinen Erfolg war die "street credibility".
Estrada reüssierte in Seifenopern als rauflustiger Anwalt der Armen und war wohl auch nicht unbegabt. Fünfmal erhielt der Darsteller mit dem Hang zum Sentimentalen für seine Robin-Hood-Rollen den "Award for Best Actor". 1969 wechselte er das Fach und wurde, auf einer Woge der Popularität, Bürgermeister von San Juan, einem 100 000-Einwohner-Viertel Manilas.
Dort profilierte er sich 17 Jahre lang als Wohltäter in der wirklichen Welt. Der Vater von drei ehelichen und mindestens sieben unehelichen Kindern ließ Schulen und Gesundheitszentren bauen, doch wegen angeblicher Korruption forderte ihn Präsidentin Aquino zum Rücktritt auf.
1987 gewann Estrada als Chef der Partei PMP einen Senatssitz, 1992 wurde er philippinischer Vizepräsident. Als Senator in Manila steigerte er seine Sympathiewerte weiter, indem er Subventionen für Kleinbauern förderte, Bewässerungsprojekte anschob und gegen die US-Militärstützpunkte auf den Philippinen Front machte.
"Erap Para sa Mahirap" (Erap für die Armen) lautete folgerichtig sein Slogan für die Präsidentenwahlen 1998. Der schillernde Staats-Schauspieler deklassierte den Konkurrenten. Nur die als seine Stellvertreterin angetretene Gloria Macapagal Arroyo, die ihn nun beerben möchte, bekam noch mehr Stimmen als Estrada. Ob sein Show-Talent, das ihn nach oben brachte, Estrada jetzt auch vor dem freien Fall bewahrt, ist allerdings fraglich.
Die katholische Kirche, neben dem Militär mächtigste Institution des Landes, warnte seit jeher vor dem moralisch anfechtbaren Aufsteiger. Estrada, der Playboy mit der unvermeidlichen Lucky Strike, soll Scharen von Mätressen ausgehalten und ihnen Luxus-Immobilien verschafft haben. Fünf Gespielinnen sollen jetzt aussagen.
Kronzeuge der Anklage ist der nordphilippinische Gouverneur Luis Singson, ein Saufkumpan aus alten Zeiten und Pate eines Estrada-Kindes. Singson fühlte sich abserviert und machte die Glücksspielaffäre publik. Gut möglich, dass der Präsident ausgerechnet an seinem Hang zum Männerbündischen scheitert, an einer aus dem Ruder gelaufenen Beziehung zum beiderseitigen Vorteil.
Das wäre allerdings nur der Auslöser; vor allem gärt es in der Wirtschaft. Der Konjunkturmotor stottert. Der Peso hat massiv verloren. Die ökonomischen Eckdaten sind wenig verheißungsvoll. Führenden Unternehmern ist Estrada, dessen Koalition noch immer mit Hilfe von Marcos-Loyalisten regiert, ein Dorn im Auge.
Im Januar wird über Estradas Zukunft befunden. Der weiß immer noch 46 Prozent der Bevölkerung hinter sich und wirft sich in seine liebste Pose: "Wenn ich unten bin", so tönt er filmreif, "kämpfe ich am härtesten." RÜDIGER FALKSOHN,
JÜRGEN KREMB
* Mitte: Commander Robot, Roberto Aventajado.
Von Rüdiger Falksohn und Jürgen Kremb

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