11.12.2000

POLENIm Schatten einer Geste

Wie nähert man sich einem Mythos? Schröders Reise nach Warschau geriet zur Geschichtsstunde.
Vor dem Parlament in Warschau steht ein älterer Herr mit Schal und Schiebermütze. Amüsiert beobachtet er die Abfahrt der Staatskarossen. Der Terminplan ist eng. Der deutsche Kanzler Gerhard Schröder hechtet in seine Limousine, und Mieczyslaw Tomala wird schon wieder von einem Déjà-vu erwischt.
Schließlich hat er das vor 30 Jahren alles schon einmal erlebt. Brandt hatte damals auch nicht viel Zeit, bloß sieben Minuten. Tomala blättert in einem schmalen Heft. Dort heißt es: Von 10.35 Uhr bis 10.42 Uhr Besuch und Kranzniederlegung beim Mahnmal für die Helden des Ghettos.
Tomala, damals Dolmetscher zwischen Willy Brandt und Polens kommunistischem Parteichef Wladyslaw Gomulka, besitzt den Protokollband noch immer, in dem der Staatsbesuch des ersten sozialdemokratischen Kanzlers auf die Sekunde genau durchgeplant wurde. Er wird ihn nach dem Staatsdiner Gerhard Schröder zeigen und sagen: "Schauen Sie mal, was aus sieben Minuten werden kann."
Schröder suchte vergangene Woche in Polen einen Ort auf, den er bei seinem Antrittsbesuch im Herbst 1998 noch sorgsam gemieden hatte. Denn jeder deutsche Politiker, der nach Willy Brandt vor das Warschauer Ghettomahnmal tritt, steht im Schatten einer großen Geste. Helmut Kohls Besuch an diesem Ort fiel im November 1989 wegen des Mauerfalls nicht auf. Das hat den Pfälzer nicht gestört. Der Unionskanzler hatte sich 1984 Händchen haltend in Verdun um ein eigenes Foto bemüht, das vor der Geschichte Bestand hat.
Schröder nähert sich andächtig. Zunächst weiht er ein Brandt-Ehrenmal aus Klinker mit eingelassener Gedenktafel ein. Das Relief zeigt den knienden Kanzler. Einen Mythos bekommt man vielleicht am besten in den Griff, wenn man ihn in Bronze gießt. Hinter dem polnischen Ministerpräsidenten Jerzy Buzek und Schröder schreiten Dutzende Honoratioren, Politiker, Prominente. Tomala kennt fast alle, die Polen wie die Deutschen. Der ehemalige Brandt-Vertraute Horst Ehmke läuft neben Hans Koschnick, und Günter Grass, vor 30 Jahren schon dabei, begleitet der grüne Bundestagsabgeordnete Werner Schulz.
Der erzählt auf dem Weg zum Mahnmal dem in gebeugter Haltung schreitenden Dichter, wie er als Student der Ost-Berliner Humboldt-Universität den Kniefall in der verbotenen "Tagesschau" sah: "Ich war elektrisiert von der Geste dieses Mannes." Grass nickt stumm. Bis zu jenem Zeitpunkt wusste Schulz, damals 20,
nichts vom Ghetto-Aufstand, weil die DDR-Propaganda ihn kleingeredet hatte. Der Kniefall Brandts löste in Ost-Berlin die gefährliche Frage aus: "Was wissen wir eigentlich noch alles nicht?"
In den Nachrichtensendungen der DDR und Polens wurde zwar über die Unterzeichnung des Grundlagenvertrags berichtet. Aber dass ein westdeutscher Kanzler auf die Knie ging angesichts der Gräuel des Faschismus, das passte nicht ins Bild. Statt des Jahrhundertfotos zeigten die Blätter Brandt und Gomulka in unverfänglicher Gesprächssituation, Tomala, schon damals weißhaarig, immer in der Mitte.
"Gomulka hat Brandt nicht mal gefragt, was der Kniefall sollte, es war kein Thema", erinnert sich der ehemalige Dolmetscher. Der polnische Staatschef ging lieber "zur Tagesordnung über und wollte über Milliardenkredite verhandeln". Damals hat Tomala das nicht gewundert. "Ich war furchtbar hungrig, weil ich vor lauter Übersetzen gar nicht zum Essen kam."
Heute bekommt auch Tomala sein Menü. Bei Wildschweinmedaillons und spanischem Rotwein begießen Gerhard Schröder und Jerzy Buzek die deutsch-polnische Freundschaft. Die, so betonen beide, war noch nie so gut wie heute. Tomala, alter Diplomat, weiß, was das bedeutet: "Bei unserer Vergangenheit kann sie ja nur besser werden."
Die Stimmung ist gut. Zwischen zwei Gängen empfiehlt sich ein Vertreter der polnischen Militärmission höflich seinem deutschen Tischnachbarn, dem Nobelpreisträger Günter Grass. "Ich kenne Sie!", ruft der halb empört, halb belustigt zurück, "Sie haben mir früher oft die Einreise nach Polen verweigert!"
Doch das ist Geschichte. Heute fliegt Joschka Fischer fast genauso oft zum Staatsbesuch nach Warschau wie nach Paris. Und Gerhard Schröder duzt Buzek und den polnischen Präsidenten Kwasniewski so oft vor laufender Kamera, bis auch der letzte Zuschauer kapiert hat, dass die Hauptakteure hier gut klarkommen miteinander.
Als Brandt nach Warschau fuhr, begann Schröder gerade seine Karriere in der SPD - Brandts Geste beeindruckte auch den damals gerade 16-jährigen Aleksander Kwasniewski, wie er dem SPIEGEL erklärt: "Da kniete der deutsche Kanzler, ein Nazi-Gegner, der eigentlich nicht knien musste."
Zum krönenden Abschluss präsentiert Präsident Kwasniewski seinem Staatsgast eine polnische Wochenschau von 1970. Der Film zeigt Brandt, wie er zum Mahnmal läuft. Schnitt. Dann läuft er wieder zurück. Da geht ein Raunen durch den Saal, denn dass die große Geste ihres Willy erst Jahre später in Polen freigegeben wurde, haben viele hier im Palast nicht gewusst.
Doch die Betroffenheit über den Rückblick in Polens Orwell-Ära löst sich schnell auf in gute Laune. Der Kanzler verspricht, in Nizza für einen Beitritt Polens in die EU zu kämpfen wie ein Löwe. An die skeptischen Franzosen will er "als Sozialisten" appellieren, dem Vermächtnis von Brandt zu folgen und Europa inklusive Polen zu vollenden. Das freut die Gastgeber, und am Ende bauen sich alle Teilnehmer des Staatsbesuchs zum Familienfoto auf.
Da stehen sie nun, Kwasniewski vis-à-vis von Günter Grass, der Regisseur Sönke Wortmann neben dem Abgeordneten Werner Schulz, der Ex-Premier Tadeusz Mazowiecki neben der Witwe Brigitte Seebacher-Brandt. Irgendwie, im sanften Warschauer Abendlicht und im versöhnenden Angedenken an den großen Europäer, werden plötzlich alle zu sozialen Demokraten, auch wenn sie früher Bürgerrechtler waren, Kommunisten oder Privatiers.
Der juvenile Horst Ehmke, 73, herzt seine Nachbarin, eine junge CDU-Bundestagsabgeordnete aus Potsdam, als "Genossin von der Jungen Union". Gerhard Schröder ist begeistert. "So viele interessante Leute mit so viel Geschichte", ruft er und befiehlt dem Chef der Friedrich-Ebert-Stiftung, Holger Börner: "Da machen wir ein Buch draus." Schreiben kann das ja Günter Grass, und "Sönke Wortmann verfilmt das", juxt der Kanzler.
Er ist zufrieden, denn er ist dem Schlagschatten der großen Geste heute geschickt ausgewichen. Und die spontane Umarmung mit Jerzy Buzek im Sejm war mehr, als der deutsche Kanzler erwarten konnte. Dann fliegen die Deutschen zum EU-Regierungstreffen nach Nizza.
Für Professor Mieczyslaw Tomala, Autor mehrerer wissenschaftlicher Standardwerke über die deutsch-polnischen Beziehungen, war es ein langer Tag. Dreimal hat er dem Kanzler bei den verschiedenen Empfängen die Hand geschüttelt. Wo denn eigentlich die anderen polnischen Diplomaten und Politiker seien, die an der Entstehung des Vertrags vor 30 Jahren gearbeitet hätten, hat Gerhard Schröder zum Abschied gefragt. "Auf dem Friedhof", antwortet Tomala, inzwischen in den Siebzigern, "ich bin der Letzte." CLAUS CHRISTIAN MALZAHN
* Bei der Einweihung des Brandt-Denkmals am vergangenen Mittwoch.
Von Claus Christian Malzahn

DER SPIEGEL 50/2000
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