11.12.2000

„Ein Recht auf Verteidigung“

Arafats Sicherheitschef Mohammed Dahlan über Terrorismus und den Weg zum Frieden
Dahlan, 38, wurde in einem Flüchtlingslager im Gaza-Streifen geboren, stieß nach seiner Deportation durch die Israelis 1988 zur PLO in Tunis und ist als Chef der "Präventiven Sicherheitskräfte" und Unterhändler mit Israel einer der mächtigsten Führer des Autonomiegebiets. -------------------------------------------------------------------
SPIEGEL: In Kürze nimmt die internationale Kommission, die den Ursachen der Gewalt in der Region nachgehen soll, ihre Arbeit auf. Trägt dies zur Beruhigung der angespannten Lage bei?
Dahlan: Wenn die Delegation keine weit reichenden Untersuchungsvollmachten bekommt, ist es nutzlos. Ich fürchte, dass Israel mit Hilfe der USA eine korrekte Analyse verhindern wird. Denn Israel hat kein Interesse, dass über den Tod von 300 Palästinensern Nachforschungen angestellt werden.
SPIEGEL: Die Kommission wird aber auch fragen, wer für Anschläge und Schüsse auf Israelis verantwortlich ist.
Dahlan: Das sind keine Terroraktionen. Wir haben ein Recht, uns zu verteidigen. Sollen wir zusehen, wie Israel unser Land immer wieder besetzt?
SPIEGEL: Vor der Intifada haben Sie erfolgreich mit Israel im Kampf gegen Gewalt zusammengearbeitet. Jetzt wirft Ihnen Israel vor, Sie hätten Terroristen freigelassen, darunter den berüchtigten Bombenbauer Mohammed Dëif und damit grünes Licht für Anschläge gegeben.
Dahlan: Die Inhaftierten konnten entkommen, als Israel unsere Städte bombardierte. Bei den Angriffen hatte ich dafür zu sorgen, dass der Präsident und wir selbst geschützt werden. Da konnten wir uns nicht um die Gefangenen kümmern. In der derzeitigen Lage rühre ich keinen Finger, Israelis zu beschützen.
SPIEGEL: Israel beschuldigte Sie, hinter dem Attentat auf den Schulbus bei Kfar Darom zu stehen.
Dahlan: Mit dem Anschlag habe ich nichts zu tun. Ich habe mich sieben Jahre für den Frieden eingesetzt. Das heißt nicht, dass ich jetzt dastehe und Beifall klatsche, wenn die israelische Armee hierher zurückkommt.
SPIEGEL: Aber Sie treffen sich weiter mit hohen Israelis - kürzlich erst mit Geheimdienstchef Awi Dichter. Der nahm Sie anschließend sogar in Schutz.
Dahlan: Ich treffe jeden, zu dem mich Arafat schickt.
SPIEGEL: Geben Sie dem Frieden noch eine Chance?
Dahlan: Wenn Barak wirklich will, können wir in einer Woche zum Abschluss kommen. Das setzt voraus, dass Israel uns unseren Teil Jerusalems gibt, vor allem den Haram al-scharif. Die heiligen Stätten sind der Schlüssel zur Lösung. Zuallererst geht es um das Bild in der ganzen muslimischen Welt, wer über den "Tempelberg" regiert. Daran entscheidet sich Krieg oder Frieden.
SPIEGEL: Also volle Souveränität über den Haram, das muslimische und die christlichen Viertel - und für die Juden nur Klagemauer und jüdisches Viertel?
Dahlan: Ich will hier jetzt nicht verhandeln. Wir verstehen, wie wichtig die Klagemauer für die Juden ist. Wir können eine Lösung finden, die auch für Israel akzeptabel ist.
SPIEGEL: Verlangen Sie die Auflösung aller Siedlungen? In Camp David war von möglichem Landtausch die Rede.
Dahlan: Arafat hat seine Zustimmung signalisiert, aber nur in einer Größenordnung von etwa einem Prozent und wenn der Ersatz für Siedlerland gleichwertig ist.
SPIEGEL: Wenn Sie sich nicht bald mit Ehud Barak verständigen, müssen Sie vielleicht wieder mit Bibi Netanjahu verhandeln.
Dahlan: Er ist nicht gerade eine liebenswerte Person. Sogar seine Freunde können ihn nicht leiden. Aber wir gehen mit dem, der uns unsere Rechte gibt. INTERVIEW: ANNETTE GROßBONGARDT
Von Annette Großbongardt

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