11.12.2000

CHINA„Menetekel der Nation“

Eine deutsch-chinesische Umweltkonferenz soll helfen, das Reich der Mitte vor dem Öko-Kollaps zu bewahren. Das Problem: Naturschutz ist dem Staat zu teuer.
Der Yongding-Fluss im Westen Pekings macht den Bauern schon lange keine Freude mehr. Das Wasser für Haushalt und Felder müssen sie aus Brunnen schöpfen. Denn, so klagt ein Alter, der in einen dicken Wintermantel gehüllt vor einem Getreidelager sitzt: "Der Fluss ist hoffnungslos verschmutzt."
Nahe seines Dorfes, das ironischerweise "Östliche Wasserquelle" heißt, leiten Fabriken und Bergwerke ihre Abwässer ungeklärt in die Nebenarme des Yongding. Fatale Folgen hat das nicht nur für die nähere Umgebung. Der Fluss speist den Guanting-See, eines der beiden großen Trinkwasserreservoire von Peking. Inzwischen mussten die Behörden den Wasserspeicher sperren.
Rund hundert Kilometer weiter nördlich droht eine andere Gefahr. Aus der Wüste Gobi und der mongolischen Steppe herangewehter Sand begräbt Äcker und Felder. Im Dorf Lantougou etwa versinken die Wege im Staub, türmen sich vor den Häusern meterhohe Dünen. An windigen Tagen müssen die Bauern den Sand von den Dächern ihrer Häuser schippen, damit die Ziegel nicht zusammenbrechen.
Landesweit veröden auf diese Weise jedes Jahr 2500 Quadratkilometer mehr. Die Ursache: Gräser und Büsche, die einst den Wüstenboden festhielten, wurden abgeweidet. Alle Versuche, die Sandmassen mit neu gepflanzten Bäumen aufzuhalten, scheiterten bisher. In den letzten Jahren erlebte Peking deshalb so viele Sandstürme wie noch nie - "ein Menetekel für die ganze Nation", warnte Premierminister Zhu Rongji.
Die Hochhäuser der Stadt verschwinden zudem oft tagelang im Industriesmog. Zwar hat sich der Ausstoß von Staub und Schwefeldioxid in den letzten Jahren verringert, weil die Regierung einige der schlimmsten Verursacher vor die Tore verbannte und die Bürger innerhalb des 3. Stadtringes keine Kohle mehr verfeuern dürfen. Der wachsende Autoverkehr aber macht die Fortschritte weitgehend zunichte. Manchmal sind so viele Reizstoffe in der Luft, dass den Passanten die Augen tränen.
"Peking ist eine der ungesündesten Städte der Welt", sagt der Weltbank-Ökonom Songsu Choi. Chinas Hauptstadt ist jedoch nur das augenfälligste Beispiel für die katastrophalen Umweltprobleme, die das 1,26-Milliarden-Einwohner-Land belasten. Acht der zehn am meisten verschmutzten Metropolen liegen im Reich der Mitte. Chinesische Küstenstädte und Fabriken leiten jährlich etwa zehn Milliarden Tonnen Abwässer ungeklärt ins Meer.
Saurer Regen verursacht Jahr für Jahr Schäden von rund 13 Milliarden Dollar. Weniger als die Hälfte der pro Tag anfallenden 20 bis 40 Millionen Tonnen Sondermüll werden weiterverarbeitet oder sicher gelagert. Die Gifte Tausender Müllhalden versickern im Grundwasser.
Dem Norden droht dramatischer Wassermangel: Der Gelbe Fluss, Symbol der chinesischen Kulturnation, führt so wenig Wasser, dass er 1997 an über 300 Tagen nicht mehr das Meer erreichte (SPIEGEL 21/2000). Der Seitenarm des ähnlich berühmten Perlflusses in der südlichen Stadt Kanton ist streckenweise zu einer grauroten, gärenden Brühe verkommen.
Bis zu 1,6 Millionen Chinesen, so schätzen Experten, sterben jedes Jahr, weil sie vergiftetes Wasser tranken, verpestete Luft einatmeten oder pestizidverseuchte Lebensmittel aßen. Das ist rund ein Fünftel aller Todesfälle. Die volkswirtschaftlichen Schäden der Luftverschmutzung schätzt die Weltbank auf jährlich 123 Milliarden Mark, was ungefähr dem im gleichen Zeitraum erzeugten Wachstum entspricht.
Besserung ist nicht in Sicht. Denn die meisten Funktionäre sind nur von einer Furcht getrieben: die Bevölkerung, die jährlich um zehn Millionen Menschen wächst, bei schwindenden Ressourcen nicht mehr ernähren zu können. Dafür müssen nach ihrer Ansicht erst einmal die Schornsteine rauchen. Dass Vorsorge langfristig billiger kommt, sehen sie oft nicht ein - Umweltschutz konkurriert mit vielen anderen Zielen.
Die Chinesen geben derzeit ein Prozent des Bruttoinlandsprodukts für die Umwelt aus (Deutschland: 1,8 Prozent). Der Einbau von Filtern und Ventilen, Saugern und Sieben reicht aber beim derzeitigen Wirtschaftswachstum nicht aus, die Luftverpestung einzudämmen, wie Yang Chaofei, Abteilungsleiter bei der Umweltbehörde Sepa, feststellt.
Wenn die Regierung nicht schnell das Ruder herumwerfe, stehe ein "ökologischer GAU" bevor, warnt der Chef von Greenpeace in Hongkong, Ho Wai Chi. "Die Politiker sind sehr fröhlich, wenn sie die Wachstumsraten sehen", ergänzt Professor Liang Congjie von der nichtstaatlichen Umweltorganisation "Freunde der Natur" in Peking. "Aber die Situation ist ähnlich wie auf der ,Titanic' - wir singen, das Orchester spielt, und der Eisberg kommt unaufhaltsam näher."
Nicht nur Ökoaktivisten hoffen, dass Chinas Politiker zur Vernunft kommen. Deutsche Firmen wollen den Chinesen moderne Umwelttechnologien und das dazugehörige Know-how verkaufen. Reinhard Dalchow von der Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) in Peking: "China ist ein riesiger Markt. Man muss ihn nur erobern."
Deshalb veranstalten die deutsche und chinesische Regierung am 12. und 13. Dezember zum ersten Mal gemeinsam eine Umweltkonferenz mit bis zu 900 Teilnehmern. Gleich drei deutsche Minister, darunter Joschka Fischer, reisen nach Peking. Regierungschef Zhu Rongji will ebenfalls dabei sein.
Schon jetzt sind deutsche Unternehmen in Chinas Umweltsektor aktiv. Die KfW zum Beispiel finanzierte unter anderem bislang zwölf Klärwerke, drei Rauchgasentschwefelungsanlagen und sechs Windparks.
Investoren brauchen allerdings "einen langen Atem", warnt Katja Hellkoetter von der deutschen Außenhandelskammer in Schanghai. Denn die Gefahr ist groß, sich in den Fallstricken der wuchernden chinesischen Bürokratie zu verfangen. Zudem sind deutsche Technologien oft zu teuer. Shi Han, Direktor des Pekinger "Zentrums für den Transfer von Umwelttechnologien": "Die aktuelle Nachfrage ist noch sehr begrenzt."
Wie schwer es ist, in China Fuß zu fassen, erfuhr das Herforder Unternehmen Sulo, das seit 1998 nahe Peking moderne Mülltonnen herstellt und an die Kommunen verkaufen möchte. "Wir schreiben blutrote Zahlen", schildert Geschäftsführer Detlef Thom deprimiert die Lage. Keine Verwaltung fand sich bislang bereit, ihre Müllabfuhr mit den Sulo-Behältern auszurüsten. Stattdessen wird der Abfall wie gehabt in den Wohnvierteln in Schuppen zwischengelagert oder einfach an die Straße gekippt, bevor ihn Lastwagen abholen.
Größtes Manko sind nach Thoms Ansicht fehlende Marktmechanismen. Müllabfuhr, Wasser und Strom sind billig, was zu sorglosem Umgang mit Abfall und Ressourcen führt. Im Winter regulieren die Bürger ihre Zimmertemperatur zum Beispiel durch das Öffnen der Fenster. Thom: "Umwelt ist in China noch kein kostbares Gut."
Auch andere Projekte funktionieren nicht immer so, wie sie sollten. So arbeiten einige der KfW-finanzierten Kläranlagen nur mit halber Kraft. Die Betreiber haben entweder kein Geld für die Wartung, oder das Personal kann die Maschinen nicht richtig bedienen. Nun will die Bank ein Trainingsprogramm für Klärwerker nachschieben.
Dabei sind Chinas Umweltgesetze durchaus streng. Dutzende von Paragrafen und Normen regeln den Schutz der Natur, in den Provinzen sind es allein über 900 Vorschriften. Doch schwerfällige Bürokraten, Unkenntnis und Gleichgültigkeit verhindern ihre Umsetzung. "Das System ist korrumpiert", klagt Professor Liang, der Chef der "Freunde der Natur".
Da die örtlichen Umweltbehörden nicht genügend Mittel vom Staat erhalten, müssen sie ihre Büros, Dienstwagen und Gehälter aus den Strafen gegen Umweltsünder finanzieren. Folglich sind sie kaum daran interessiert, dass sich die Lage bessert. Viele Ämter sind aus Geldmangel bereits selbst zu Unternehmern geworden. Sie betreiben Hotels oder Karaoke-Bars und verlieren ihre ursprüngliche Aufgabe aus den Augen.
Die Bürger müssen dies alles hinnehmen. Naturschutz ist Sache des Staates, und der gehört mit seinen maroden Betrieben zu den größten Umweltfrevlern. Ihre Schließung würde mehr Arbeitslose bedeuten und soziale Unruhen heraufbeschwören.
Den wenigen privaten Ökogruppen bleibt nur der Versuch, das Bewusstsein ihrer Landsleute zu schärfen. So genannte Grüne Schulen unterrichten Umweltschutz, aber die Auflagen der Lehrbücher sind verschwindend gering, Anschauungsmaterial ist rar.
Wenn die Pekinger den Zuschlag für die Olympischen Spiele im Jahr 2008 erhalten wollen, müssen sie schon bald Luft und Abwässer gründlich reinigen und ein vernünftiges öffentliches Transportsystem schaffen. Ein 349-Millionen-Dollar-Kredit der Weltbank soll dabei helfen.
So viel steht bereits fest: Die größte Dreckschleuder, das hauptstädtische Stahlwerk, wird abgerissen und in der Provinz Shandong wieder aufgebaut. An seiner Stelle soll ein riesiger Automarkt entstehen. ANDREAS LORENZ
Von Andreas Lorenz

DER SPIEGEL 50/2000
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 50/2000
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

CHINA:
„Menetekel der Nation“

Video 01:06

Auftritt in Iowa Biden bezeichnet Wähler als "verdammten Lügner"

  • Video "Nancy Pelosi zu Reporter: Legen Sie sich nicht mit mir an" Video 01:24
    Nancy Pelosi zu Reporter: "Legen Sie sich nicht mit mir an"
  • Video "US-Demokraten vs. Trump: Das Impeachmentverfahren rückt näher" Video 02:39
    US-Demokraten vs. Trump: Das Impeachmentverfahren rückt näher
  • Video "Impeachment gegen Trump: US-Demokraten eröffnen Amtsenthebungsverfahren" Video 02:16
    Impeachment gegen Trump: US-Demokraten eröffnen Amtsenthebungsverfahren
  • Video "Frankreich: Auf Generalstreik folgt Randale in mehreren Städten" Video 01:10
    Frankreich: Auf Generalstreik folgt Randale in mehreren Städten
  • Video "Neue SPD-Spitze macht Ansage an GroKo: Mehr Klima, mehr Mindestlohn" Video 01:19
    Neue SPD-Spitze macht Ansage an GroKo: "Mehr Klima, mehr Mindestlohn"
  • Video "Hilfe für bedrohte Korallenriffe: Das Geräusch der Fische" Video 03:02
    Hilfe für bedrohte Korallenriffe: Das Geräusch der Fische
  • Video "Nach viralem Witze-Video: Zank unter Staatschefs beim Nato-Gipfel" Video 02:44
    Nach viralem Witze-Video: Zank unter Staatschefs beim Nato-Gipfel
  • Video "Russische Militäreinheit: Ski-Soldaten mit Schlittenhunden" Video 00:44
    Russische Militäreinheit: Ski-Soldaten mit Schlittenhunden
  • Video "Erster Filmtrailer: James Bond 007 - Keine Zeit zu sterben" Video 02:41
    Erster Filmtrailer: "James Bond 007 - Keine Zeit zu sterben"
  • Video "Traumtore in Ligue 1: Hackentor Mbappè, Elfmeter Neymar" Video 00:53
    Traumtore in Ligue 1: Hackentor Mbappè, Elfmeter Neymar
  • Video "Generalstreik in Frankreich: Schwarzer Donnerstag legt Paris lahm" Video 01:20
    Generalstreik in Frankreich: "Schwarzer Donnerstag" legt Paris lahm
  • Video "Nato-Gipfel in London: Staatschefs witzeln offenbar über Trump" Video 00:46
    Nato-Gipfel in London: Staatschefs witzeln offenbar über Trump
  • Video "Anhörung im US-Kongress: Rechtsprofessoren halten Impeachment-Verfahren gegen Trump für gerechtfertigt" Video 01:36
    Anhörung im US-Kongress: Rechtsprofessoren halten Impeachment-Verfahren gegen Trump für gerechtfertigt
  • Video "World-Surf-League-Tour: Carissa Moore - Hawaiis beste Surferin" Video 01:19
    World-Surf-League-Tour: Carissa Moore - Hawaiis beste Surferin
  • Video "Trump über Trudeau: Er hat zwei Gesichter" Video 00:54
    Trump über Trudeau: "Er hat zwei Gesichter"
  • Video "Auftritt in Iowa: Biden bezeichnet Wähler als verdammten Lügner" Video 01:06
    Auftritt in Iowa: Biden bezeichnet Wähler als "verdammten Lügner"