11.12.2000

Im Liebesnest der Zarinnen

Ein Schloss bei St. Petersburg barg eine pornografische Rarität.
Ein Flieger-Ass der deutschen Luftwaffe, Major Hans ("Assi") Hahn, gelangte im Winter 1942/43 bis 40 Kilometer vor Leningrad. Dort besichtigte er ein von der Wehrmacht erobertes Kleinod russisch-italienischer Architektur, den Zarenpalast von Gattschina. Er stieß auf unikales Mobiliar.
Das Schloss hatte Katharina II., Russlands aufgeklärte Zarin von 1762 bis 1796, ihrem Favoriten Grigorij Orlow geschenkt. Der Gardeoffizier war der Vater ihres zweiten Sohns Alexej. Schon ihr erster Sohn, der dann als Paul I. den Thron bestieg, stammte wahrscheinlich vom Kammerherrn Saltykow, eine Tochter vom Grafen Poniatowski, während die berühmte Verbindung mit Fürst Potemkin - dem Erbauer der Häuserfassaden am Dnjepr - ohne Folgen blieb.
Katharina ließ Gattschina vom Architekten Antonio Rinaldi im Stil einer mittelalterlichen Burg erbauen - als Liebesnest. Die liebesbedürftige Zarin aus Anhalt-Zerbst befand über ihren Gatten Peter III., der auch aus Deutschland (Holstein-Gottorp) kam und ein halbes Jahr nach der Thronbesteigung mit Orlows Zutun ermordet wurde: "Er war der Liebe nicht würdig und gab sich auch keine Mühe, es zu werden." Katharina hielt sich von ihrem 23. bis zu ihrem 62. Lebensjahr 21 Liebhaber, denn: "Man mag sich die schönsten Sittenregeln eingeprägt haben, sobald sich die Sinnlichkeit einmischt, ist man schon unendlich viel weiter, als man glaubt ... Wie soll man fliehen, ausweichen, den Rücken kehren inmitten des Hoflebens?"
In einem Gemach von Gattschina fand Krieger Hahn denn auch jene höchst artifiziell geschnitzten Möbel samt einer von männlichem Ejakulat getragenen Tischplatte und freizügige Aquarelle, welche der sinnlichen Kaiserin als Stimulans gedient haben mögen. Nach Machart und Sujet aus dem 18. Jahrhundert, kann es sich freilich auch um historisierendes Dekor im Jugendstil handeln, zum Vergnügen der letzten Zarin Alexandra - auch eine Deutsche - und ihres Rasputin.
Zu Zarenzeiten war das Panoptikum der Kopulation ein Staatsgeheimnis. Die Bolschewiki verbargen hernach die Beweise monarchischer Zügellosigkeit ihrem Volk gegenüber aus Prüderie, vielleicht gar wegen des Risikos einer Sympathiewerbung für die sinnenfrohen früheren Herrscher.
Der "Einsatzstab" des NS-Ministers Rosenberg zur Plünderung "herrenlosen Kulturguts" transportierte die Stücke vor den Augen Hahns ab. Er ließ sie rasch noch von einem Fotografen der Propagandakompanie ablichten. Die Abzüge bekam Hahn erst lange nach dem Krieg: Drei Wochen nach dem Kunstgenuss musste er bei Demjansk notlanden und wurde von Rotarmisten gefangen genommen.
Bis 1949 blieb er im Lager. Dort suchten ihn Kamerad Heinrich Graf von Einsiedel und der Dichter Erich Weinert für das "Nationalkomitee Freies Deutschland" anzuwerben, derweil sowjetische Vernehmer ihn inständig und ebenso erfolglos aushorchten: nach seiner Visite in Gattschina, dessen Innenräume 1944 abbrannten, und nach dem Verbleib der erotischen Beutekunst. Sie ist bis heute nicht wieder aufgetaucht.

DER SPIEGEL 50/2000
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 50/2000
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

Im Liebesnest der Zarinnen

  • Expedition Antarktis: Größtes Segelschiff der Welt läuft aus
  • Nahende Buschfeuer: Sydney versinkt im Rauch
  • Finnlands neue Ministerpräsidentin: "Denke nicht an Alter oder Geschlecht"
  • Mögliches Impeachment gegen Trump: "Er hat seinen Eid gebrochen"