11.12.2000

SCHWEIZAufrecht sterben

Assistiert von Helfern, können sich in der Alpenrepublik unheilbar Kranke selbst töten. Auch deutsche Patienten kommen, um sich das Leben zu nehmen.
Den Tag ihres Todes legte Marianne auf den 35. Hochzeitstag fest - sie hatte nur noch den Wunsch zu sterben. Der Selbstmord sollte die 68-Jährige von ihrem jahrelangen Martyrium erlösen.
Hautkrebs hatte Mariannes Gesicht zerstört, über 40 Operationen konnten ihn nicht stoppen. Um ihren Freunden den Anblick zu ersparen, deckte sie die schlimmsten Entstellungen notdürftig mit einem Verband ab. Gegen den beißenden Schmerz half längst kein Morphium mehr.
"Niemals zuvor und niemals danach bin ich einer Patientin begegnet, die Minuten und Sekunden zählte, bis ich ihr das tödliche Medikament bereitgestellt hatte", berichtet Gabriele Fricker, Freitodbegleiterin aus dem schweizerischen Olten. "Während ihr Mann Bernhard auf dem Bettrand saß und weinte, sog Marianne das tödliche Natrium-Pentobarbital langsam auf." Die Frau starb ohne Schmerzen.
Wie Marianne scheiden in der Schweiz jedes Jahr bis zu 150 todkranke Menschen mit Hilfe von ausgebildetem Personal freiwillig aus dem Leben. Allein Gabriele Fricker von der Sterbehilfeorganisation Exit stand 50 Menschen zur Seite, die sie ihre "Patienten" nennt.
Doch während in der Eidgenossenschaft die Freitodbegleitung völlig legal ist, wird sie in Deutschland unter Umständen strafrechtlich verfolgt. Deshalb überlegen sich auch schwerstkranke Deutsche, in der
Schweiz ihrem Leiden ein Ende zu setzen. Bei Exit sprachen rund 30 sterbewillige Bundesbürger vor. Doch denen konnte die Organisation nicht helfen.
Denn Exit akzeptiert nur Schweizer Staatsbürger oder Personen, die in der Schweiz leben. "Wir halten das für eine Diskriminierung", sagt Ludwig Minelli, Generalsekretär der Zürcher Sterbehilfevereinigung Dignitas. "Wir stehen jedem unheilbar Kranken bei, der bei uns in Würde aus dem Leben scheiden will."
Bei Dignitas erhielt auch Maria Ohmberger aus dem Schwarzwaldstädtchen Elzach Hilfe. An ihrem 60. Geburtstag diagnostizierten die Ärzte einen Tumor in der Gebärmutter - 27 Jahre nachdem der Krebs erstmals ausgebrochen war. Die Patientin wurde "austherapiert", sie konnte das Krankenhaus verlassen, weil eine Operation bereits sinnlos war. "Die Ärzte rieten ihr, sich nur noch Gedanken um die besten Schmerzmittel zu machen", erzählt Tochter Sybilla Ortlieb.
Als ihre schon vom Tod gezeichnete Mutter im Fernsehen von Dignitas erfuhr, war für sie der Suizid beschlossene Sache. "Plötzlich hatte meine Mutter wieder das Gefühl, selbst über ihr Leben bestimmen zu können, die Ohnmacht gegenüber dem Krebs wich von ihr." Am 1. Oktober 1999 wollte sie sterben. "Mein Bruder und ich brachten unsere Mutter in die Wohnung von Dignitas."
Dort, in der Zürcher Gertrudstraße, wartete bereits die Freitodbegleiterin. Ein Arzt hatte das Rezept für das todbringende Medikament Natrium-Pentobarbital ausgestellt. "Die Wohnung war kahl", erzählt die Tochter. "Ein graues Bett wie im Krankenhaus. Natürlich schmerzte es mich, aber für meine Mutter war es das Richtige. Und sie wollte es unbedingt."
Maria Ohmberger nahm das Gift im Stehen ein. Aufrecht wollte sie sterben. "Oh, wie wunderbar, so zu gehen", waren die letzten Worte. Ihren Tod bestätigten die Beamten der Zürcher Kantonspolizei.
Frau Ohmberger ist eine von bisher vier Deutschen, die in der Gertrudstraße 84 von eigener Hand starben. In der Heimat ist die Rechtslage kompliziert. Hier müsste eine Vertrauensperson spätestens nachdem der Selbstmörder die todbringenden Medikamente eingenommen hat, den Notarzt alarmieren. Andernfalls droht eine Strafverfolgung wegen Tötung durch Unterlassen. Nach den Mord-Programmen der Nazis an Behinderten und Kranken wollte der Gesetzgeber jegliche Erinnerung an die Euthanasie im Dritten Reich vermeiden.
"In Deutschland wird den Menschen ein würdevoller Freitod verwehrt", kritisiert der Potsdamer Rechtsanwalt und Sterberechtsexperte Dieter Graefe. "Hier müssen Menschen, die ihre Qualen beenden wollen, sich vor einen Zug stürzen, sich erschießen oder aufhängen, mit allen Risiken für sich und andere."
Beim Selbstmord mit Dignitas entfallen zumindest solche öffentlichen Begleitumstände. Bisher "erfolgten sämtliche Freitodbegleitungen ohne irgendwelche Zwischenfälle", sagt Dignitas-Chef Minelli. Vor dem Tod werden die Patienten intensiv betreut, Gespräche und Besuche gelten auch den Angehörigen. "Der Freitodwunsch des Patienten muss stabil sein", erklärt die Organisation.
Rückzieher in letzter Minute hat es gleichwohl schon gegeben. Ein 85-jähriger Mann, der unter Sklerose litt, brach dreimal den Selbstmordversuch ab. Jedes Mal wollte er sein Testament vorher noch ändern. "Ich musste die Entscheidung akzeptieren", erinnert sich Erika Luley, die beim Tod von 20 Patienten als Begleiterin anwesend war. "Wir bestärken niemanden, weder sich zu töten noch weiter zu leben."
Auf viele der ehrenamtlichen Freitodbegleiterinnen übt das Sterben eine "unwiderstehliche Faszination" aus, räumt die Helferin Gabriele Fricker ein: "Eine Faszination, von der Psychologen nicht zu Unrecht sagen, dass sie ein gefährliches Suchtpotenzial enthält. Deshalb sollen Begleiter ihre Erfahrungen regelmäßig mit Hilfe von Experten verarbeiten.
Gegen die Freitodbegleitung als Institution regt sich in der Schweiz nur schwacher Widerstand. Kirchen, christlich orientierte Politiker und die Schweizerische Akademie der Medizinischen Wissenschaften halten sich weitgehend bedeckt. Zu stark ist bei den Eidgenossen der Respekt vor dem Selbstbestimmungsrecht - auch im Tod.
Am heftigsten protestiert der ehemalige Leiter der Psychiatrischen Universitätsklinik Zürich, Klaus Ernst: "Durch die organisierte Freitodbegleitung ändert sich das Suizidklima in einer Gesellschaft. Die Selbstmordrate erhöht sich." Zudem befürchtet der Professor eine Art "Sterbetourismus" für sein Land. "Dann gehört der Suizid vollends zum Lifestyle."
Die Freitodbegleiter von Dignitas und Exit lassen solch abstrakte Argumente nicht gelten. Die Entscheidung zum Freitod, so versichern sie, sei keine Modeerscheinung, sondern ein quälender Prozess.
Ist die Stunde des Abschieds gekommen, geht es allerdings zuweilen noch einmal recht irdisch zu. "Eine Patientin ließ sich Champagner und Lachs servieren", berichtet die Freitodbegleiterin Erika Luley. "Dass Champagner die tödliche Wirkung von Natrium-Pentobarbital um eine gewisse Zeit aufschiebt, konnte die Frau nicht wissen." JAN DIRK HERBERMANN
* Mit Sterbehelferin und Tochter Sybilla Ortlieb.
Von Jan Dirk Herbermann

DER SPIEGEL 50/2000
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