11.12.2000

ITALIENModernes Fegefeuer

Roms populärster Platz, der Campo de' Fiori, wird seinen Anwohnern zu laut und zu gefährlich.
Zwei schmächtige Nonnen um die 70 schleppen Berge von Gemüse weg, vor den Fischständen diskutieren Käufer und Händler lautstark über die richtige Menge Petersilie am Schwertfisch. Japanische Touristen knipsen Schlange stehende Einheimische am Kiosk von Rossana Farina, der Zeitungsverkäuferin mit Hochschuldiplom, oder vor der Bäckerei "Al forno". Dort gibt es das beste Olivenbrot der Stadt.
Rundherum in den Cafés träumen deutsche und amerikanische Besucher davon, für immer hier zu sein: am Campo de' Fiori, dem lebendigsten, ursprünglichsten Platz im barocken Zentrum der italienischen Hauptstadt Rom.
Das sehen die, die tatsächlich hier wohnen, nicht mehr ganz so rosig.
Leben rund um die Uhr, 24 Stunden am Tag: Das, was seit den frühen siebziger Jahren, als Hippies aus aller Welt hier musizierten, das einzigartige Flair des Platzes ausmacht - nun geht es den Anwohnern auf die Nerven.
Kneipenlärm bis nachts um zwei, Verabschiedung all'italiana, also phonstark, bis drei Uhr. Zwischen vier und fünf kommt die Müllabfuhr und kippt Abfallkörbe voller Flaschen in den Transportbehälter aus Blech. Das rappelt ordentlich. Eine halbe Stunde später beginnen die Marktleute den neuen Tag.
Die hier wohnen, verschanzen sich hinter schalldichten Doppelfenstern und organisieren sich in Bürgerinitiativen. Sie bedrängen den Bürgermeister mit Petitionen, mobilisieren die Lokalblätter. Manche von ihnen sind landesweit bekannte Film- und Fernsehprominente. Andere sind einflussreiche Mitglieder der feinen römischen Gesellschaft. Kein Wunder, die Mieten an Roms schönstem Marktplatz sind hoch. In den oberen Stockwerken kostet eine Bleibe mit Dachgarten leicht 10 000 Mark und mehr im Monat.
Doch mit ihrem Geld haben die Reichen und Schönen das, was sie jetzt beklagen, mitgeschaffen. Die absurd gestiegenen Mieten haben "viele normale Läden und Handwerker verjagt", beschreibt die Buchhändlerin Katia Gabrielli die Entwicklung der letzten Jahre. An deren Stelle seien immer mehr Etablissements gekommen, "in denen man trinkt".
Und auch das Trinken ist anders geworden. Wein zum Essen, ansonsten Wasser und Kaffee - an das alte römische Ritual halten sich die jungen Campo-Besucher nicht mehr so streng. Wein ist ziemlich out bei den Ragazzi, Bier ist in. Sich übers Maß zu betrinken, für Italiener früher eine peinliche Sache, ist für Jung-Römer weniger schmählich geworden. So werden an langen Sommer- und lauen Winterabenden in und vor den Pubs und Bars um die 10 000 Flaschen die Nacht geleert - und viele gleich danach auf dem Kopfsteinpflaster zertrümmert.
Mit dem Suff kam die Kriminalität, klagen die Menschen im Viertel. Die Überfälle häuften sich. Zwar gibt es inzwischen eine Polizeistreife auf dem Platz. Aber um ein Uhr nachts kehren die Carabinieri heim in ihre sichere Kaserne und lassen die Bürger in Angst zurück. "Dann ist hier Niemandsland", sagt ein alter Mann, der in einem Nebengässchen wohnt. Kameras sollen demnächst das Nachtleben überwachen. Doch jeder weiß, dass das nichts hilft: zu viele dunkle Gassen, zu viele Ecken und Nischen rund um den Campo. Auch vom Bürgermeister haben die Platzbewohner wenig zu erwarten. Denn Francesco Rutelli will bei den Wahlen im kommenden Frühjahr Ministerpräsident einer Mittelinks-Koalition werden. Er hat deshalb wenig Lust, sich mit der römischen Jugend und der mächtigen Lobby der Bar- und Restaurantbesitzer anzulegen.
Warum auch? "Hat euch jemand gezwungen, im Zentrum zu wohnen?", hielt er den Protestlern entgegen. Und er hat ja Recht: Laut war es hier immer. Mag sein, dass es heute mehr lärmt als früher, mag auch sein, dass die Anwohner von einst duldsamer waren - ein beschauliches Plätzchen für sensible Gemüter war der Campo de' Fiori nie.
Schon vor 500 Jahren boten hier dunkle Kaschemmen Wein und Weiber feil, prügelten sich Kutscher und Kuttenträger. Die schöne Vannozza Catanei wohnte hier im 15. Jahrhundert. Sie war Gattin eines reichen Edelmanns, Geliebte des späteren Borgia-Papstes Alexander VI. und Bordellchefin. Keck offenbarte sie das Dreiecksverhältnis in einem bis heute erhaltenen Phantasiewappen an der Hauswand mit ihren Insignien, denen des Gatten und jenen des päpstlichen Galans.
Auf dem Campo de' Fiori wurde ausgelassener gelebt als irgendwo sonst in der Ewigen Stadt - und brutaler gelitten. Etwa am 17. Februar im Heiligen Jahr 1600.
In den frühen Morgenstunden wurde, vor Tausenden gespannter Zuschauer, damals ein nackter Mann zum Scheiterhaufen geführt. Der frühere Dominikanermönch Giordano Bruno wurde auf Geheiß der Heiligen Inquisition der Heiligen Katholischen Kirche verbrannt, weil er es gewagt hatte, sich rund um die Erde ein unendliches Weltall vorzustellen.
Fast 300 Jahre später, 1889, kehrte der "Ketzer" siegreich zurück: Brunos gewaltiges Bronzedenkmal, von antiklerikalen Italienern provokant mit Blick in Richtung Vatikan aufgestellt, ist das Wahrzeichen des Campo de' Fiori, dem einzigen Platz im Zentrum Roms ohne Kirche. HANS-JÜRGEN SCHLAMP
Von Hans-Jürgen Schlamp

DER SPIEGEL 50/2000
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