11.12.2000

LITERATURGerüchte, Gerede

Sebastian Adomeit, der alte Vogelkundler, ist ein Sonderling - der Naturfreund hat schon als Kind Gänseblumen und Schmetterlinge gezeichnet, er ist ein philosophierender Einzelgänger, der sich fern hält von den "Krankenversicherungsmitgliedern" in seiner Nachbarschaft und diese nicht selten durch kluge Grobheiten beleidigt. Sie erleben noch seinen Tod als Intrige: Ausgerechnet am Pfingstsonntag muss er - und wollte er in einer letzten Bitte, die ihm der Pfarrer gewährt - beerdigt werden. Das Testament wird zwei Tage später eröffnet, da feiert man in der hessischen Wetterau den "Wäldchestag" mit Essen und Trinken in freier Natur - und hat keine Lust, zum Notar zu gehen.
Adomeit ist der Held des ersten Romans von Andreas Maier, 33. Aber der Roman ist nicht nach seiner Hauptfigur benannt, er heißt "Wäldchestag". Für Maier enthält der Wäldchestag das Bild einer "friedlichen und fröhlichen Gesellschaft" im Grünen - eine "Vision", der die reale Gesellschaft mit all ihrem Neid, ihrem Geschwätz, ihrer Trunksucht und ihrer Habgier niemals gerecht werden kann. Das ist das eigentliche Thema des in Südtirol lebenden Wetterauers.
Der Autor baut Adomeits Bildnis aus nichts als dem Gerede jener Menschen zusammen, die zur Beerdigung und zur Testamentseröffnung erscheinen. Folge: Der Roman spricht fast ausschließlich in der indirekten Rede über seinen Helden. Ist dieser Adomeit am Ende nur ein Gerücht? Und die Welt ein Wahngebilde aus Worten?
Dass er deshalb unentwegt "habe er gesagt" schreiben muss, nimmt der Autor in Kauf - das ewige "meinten sie" oder "dachte ich" stört ja auch bei seinem großen Vorbild, Thomas Bernhard, nur Puristen. Ein brillant konstruiertes Buch, farbig, urkomisch. Aber leicht zu lesen ist es nicht. Lob verdient es nicht zuletzt als kühnes, trotziges Denkmal für etwas, das ebenso auszusterben droht wie kauzige Vogelkundler: für den Konjunktiv.
Andreas Maier: "Wäldchestag". Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main; 316 Seiten; 39,80 Mark.

DER SPIEGEL 50/2000
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