11.12.2000

KÖRPERKULT„Es stärkt das Ego“

Immer mehr Prominente lassen sich tätowieren - und zeigen ihren Hautschmuck stolz in der Öffentlichkeit. Das Tattoo, einst als Stigma-Stempel der Unterschicht verpönt, ist in einer narzisstischen Gesellschaft zum Markenzeichen der Trend-Elite geworden.
Ein Tattoo hält ewig. Auch wenn es falsch buchstabiert ist. Lee Williams, ein Student aus Detroit, der sich "Schurke" (englisch "villain") auf den rechten Arm tätowieren lassen wollte, weiß das nur zu gut. Weil weder er selbst noch der Tattoo-Künstler das Wort richtig buchstabieren konnten, prangte am Ende "villian" auf der Akademiker-Haut. Williams wurde zum Gespött der Uni. Nach einer gescheiterten Tattoo-Entfernung verklagte der Student den alphabetisch minderbemittelten Tätowierer auf 25 000 Dollar Schadensersatz.
Da hat es David Beckham schon besser. Dass die Hindi-Schriftzeichen auf seinem Arm nicht den Namen seiner Gattin, des Spice Girls Victoria, zeigen, sondern als "Vihctoria" gelesen werden müssen, erkennt auf Anhieb nur, wer die indische Amtssprache beherrscht. Und obwohl auch Beckham verspottet wird, befindet er sich mit seinem Tattoo in guter Gesellschaft: Schauspielerinnen wie Angelina Jolie, Melanie Griffith und Franka Potente, Musiker wie Liam Gallagher, Madonna, Mel C. und Sabrina Setlur, Sportler wie Christian Ziege, Sergeij Garbusow, Nils Schumann oder Stefan Kretzschmar - bemalte Haut, wohin man schaut.
Gut zwei Millionen Deutsche, vom Schüler bis zur Staatsanwältin, haben inzwischen ihren Körper zur Kunstzone deklariert. Gab es vor zwei Jahrzehnten bloß eine einzige Tattoo-Fachzeitschrift in Deutschland, so sind es heute ein halbes Dutzend. In nahezu jeder Kleinstadt gehen heute professionelle Stichler zu Werke - und in Großstädten wächst die Konkurrenz. Was einst als Proll-Stempel galt, wird mittlerweile in kostbaren Fotografiebänden als Kunst auf der Haut zelebriert. Das Tattoo hat es vom gesellschaftlichen Stigma zum Statusträger gebracht.
Sicher: Das dezente Tattoo-Band um die Fessel, die zart erblühende Rose am Oberarm sind schon seit einigen Jahren en vogue. Doch erst jetzt führen Stars und Sportidole stolz ihre oft flächendeckende Ornamentik vor; erst jetzt gilt die Tätowierung nicht mehr als gewagt, sondern als Abzeichen einer neuen Trend-Elite.
"Grundsätzlich", sagt der Kulturhistoriker Stephan Oettermann, "ist eine wesentliche Funktion der Tätowierung die Grenzziehung, die Trennung zwischen In-Group und Out-Group" (siehe Interview Seite 232). Wer sich im Fitness-Center unter der Dusche umschaut, weiß: Die Grenze verläuft zwischen den verzierten Dazugehörern und den Normalos mit blanker Haut.
Dass die In-Group - jung, schön und sportlich - gerade aufs Tätowieren verfallen ist, kann in einer Zeit des allgemeinen Körperkults nicht verwundern. Narzisstisch wird der eigene Body getont, gestählt, bewundert und zur Schau gestellt. Warum ihn dann nicht auch dekorieren - das Tattoo als Teil der Ganzkörper-Performance?
Wenn die Individualität im genormten Alltag nur noch schwer zu fassen ist, wenn in der virtualisierten Welt das unmittelbare Erleben des Ichs verloren geht, scheint es logisch, sich verstärkt über Körperlichkeit zu definieren: eine Trotzreaktion, ein Rückzug auf das, was mit Händen zu greifen ist.
Nicht zufällig sind gerade exotische Ornamente, so genannte Tribal Tattoos, besonders gefragt: Sie drücken eine ungestillte Sehnsucht nach fremden, scheinbar wilden, authentischen (und erotisch konnotierten) Kulturen aus, die sich vom westlichen Alltag deutlich abheben.
Tätowierungen haben eine "Authentisierungsfunktion", sagt die Münchner Germanistin Ulrike Landfester, die an einem Buch über Tätowierungen arbeitet, "sie schaffen Identität - jeder formt seinen Körper, wie er es will".
Zur "Diva" erklärt sich auf diese Weise die schwedische Schwimmerin Therese Alshammar, die sich das Wort in den Rücken stechen ließ. Die Selbstvergewisserung strebt auch der Handballer Stefan Kretzschmar an: "Wenn ich vorm Spiegel stehe", erklärte er just der Zeitschrift "Stern", "will ich auf die einschneidenden Erlebnisse meines Lebens blicken."
Die Komplexität des Seins wird so auf den Leib reduziert. "Ich habe einen Körper, also bin ich", sei die Devise gerade junger Menschen, sagt der Hamburger Trendforscher Francis Müller, "der Körper nimmt die Form der Seele an."
Und so ewig wie die Seele sind eben auch die Tattoos - ein weiterer wichtiger Aspekt ihrer Attraktivität. In einer extrem kurzlebigen Zeit setzen Tätowierungen ein sichtbares Zeichen der Dauerhaftigkeit: Wer sich so markiert, meint es ernst - und setzt sich gegen die Wisch-und-weg-Attitüde einer Gesellschaft zur Wehr, in der morgen nicht mehr gilt, was heute angesagt ist. "Jobs, Leasing, Beziehungen: Alles ist auf Zeit angelegt", sagt Müller, "da entsteht starke Sehnsucht nach etwas Bleibendem - und wenn es nur ein Tattoo ist."
Doch wenn alle ihr Individualisierungsheil in der Tätowierung suchen, schlägt die Wirkung unweigerlich um: Die Nonkonformisten schaffen paradoxerweise einen neuen Konformismus. Wenn alle tätowiert sind, ist keiner mehr besonders. Bei den Olympischen Spielen im September schien es schon so, als schmückten die deutschen Sportler mehr Tätowierungen als Medaillen.
Viele der "Sydney 2000"-Beschriftungen waren allerdings Klebe-Tattoos - Ersatz für alle, die schick sein wollen, denen aber die Traute fehlt. Echte Fans würden sich dafür nicht hergeben - zum Tätowieren gehört der Schmerz: Etwa 500 Nadelstiche pro Sekunde sorgen für eine intensive Körper- und Ich-Erfahrung. Die Schmerzen, sagt der Hamburger Tätowierer Valco, machen manche Kunden süchtig: "Es stärkt das Ego enorm, wenn man sich überwunden und die Zähne zusammengebissen hat."
Diesen Härtetest suchen inzwischen auch immer mehr Frauen, und die sind nach Valcos Erfahrung weniger zimperlich als Männer. In seinem Fotoalbum hat er eine Mittvierzigerin verewigt, deren gesamter Rücken vom Bild einer Tigerin mit zwei Jungen bedeckt ist. Das Leben der Frau habe sich "mit der Tätowierung geändert", sagt Valco, aus einer "kleinen Büro-Maus" sei "eine wahnsinnig starke Frau" geworden.
Aber nicht alle tragen ihr Tattoo glücklich bis ans Ende ihrer Tage. Daran sollten vor allem diejenigen denken, die sich im Rausch der Verliebtheit den Namen des Partners in die Haut gravieren lassen. Die Sitte führten japanische Edel-Kurtisanen Ende des 17. Jahrhunderts ein, die Stammkunden auf den Innenseiten ihrer Arme verewigten. Die neue Sehnsucht nach der Idylle zu zweit macht das tätowierte Treuepfand als Zeichen für langfristigen Bindungswillen moderner denn je.
Doch die Realität menschlicher Paarungsgewohnheiten sieht anders aus: Auch wer schon lange nicht mehr liebt, bleibt (vorbehaltlich einer teuren und nicht immer effektiven Laserbehandlung) fürs Leben gezeichnet. Der Schauspieler Johnny Depp hat sicher nicht daran gedacht, dass er dereinst in den Betten von Kate Moss und Vanessa Paradis liegen könnte, als er sich "Winona forever" (für Winona Ryder) stechen ließ.
Die "Baywatch"-Sirene Pamela Anderson wünschte sich nur einen besonders verlustsicheren Treueschmuck, als sie sich zur Hochzeit den Vornamen ihres Gatten, "Tommy", um den Ringfinger tätowieren ließ. Stéphanie von Monaco verstand erst nicht, warum Vater Rainier entsetzt war, als sie und Daniel Ducruet Verlobungsblumen am Handgelenk blühen ließen. Vielleicht hätten die Damen und Herren besser in echten Schmuck investiert: Auch Diamanten halten schließlich ewig. ANJA HAEGELE
Von Anja Haegele

DER SPIEGEL 50/2000
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