11.12.2000

„Sich seiner Haut wehren“

Interview mit dem Kulturhistoriker Stephan Oettermann über die Bedeutung von Tattoos
Oettermann, 51, schrieb das Standardwerk "Zeichen auf der Haut. Die Geschichte der Tätowierung in Europa". -------------------------------------------------------------------
SPIEGEL: Herr Oettermann, was hat Menschen auf die Idee gebracht, sich Ornamente in die Haut zu ritzen?
Oettermann: Vielleicht sind die ersten Tätowierungen zufällig entstanden, indem durch kleine Verletzungen Ruß eindrang, etwa am Lagerfeuer, der dann eine Art Ornament unter der Haut bildete. Solche unwillkürlichen Tätowierungen kann man noch heute bei Bergleuten finden. Jedenfalls wird menschliche Haut seit Urzeiten geritzt. Auch der Gletschermann Ötzi war tätowiert. Das kann rituelle, magische oder einfach ästhetische Gründe gehabt haben; vielleicht wurde auch die Stellung im Sozialverband dadurch markiert.
SPIEGEL: Woher kommt der Begriff "tätowieren"?
Oettermann: Der englische Weltumsegler James Cook brachte 1774 mit dem tätowierten Südsee-Insulaner Omai auch das Wort "tattoo" nach Europa.
SPIEGEL: Warum schmücken sich immer mehr Zeitgenossen mit Tattoos?
Oettermann: Ich glaube, dass die Tätowierung ein Zeichen für die Krise des Individuums ist. Vor dem Ersten Weltkrieg trugen bis zu 20 Prozent der Bevölkerung Zeichen auf der Haut - meines Erachtens aus Protest gegen die Entpersönlichung durch die Fabrikwelt: Das war eine ganz eigene Art, sich seiner Haut zu wehren. Und heute gibt es ähnliche Gründe. Die Rückzugsmöglichkeiten für das Individuum werden kleiner; wer sich behaupten will, wird notgedrungen zum Einzelkämpfer.
SPIEGEL: Welche Rolle spielten Tätowierungen in der Religion?
Oettermann: Die Tätowierungen der frühen Christen waren ursprünglich wohl Brandmarkungen, durch die sie aus der Gesellschaft ausgegrenzt werden sollten. Aber die Frühchristen deuteten ihr Stigma - ein Kreuz oder Fisch auf Stirn oder Handgelenk - in ein positives Zugehörigkeitszeichen und Symbol ihrer Leidensfähigkeit um.
SPIEGEL: Heute sind Christen Tätowierungen wohl eher fremd.
Oettermann: Historisch war es so, dass das Christentum die Tätowierung in dem Augenblick verpönte, in dem es an die Herrschaft gelangte und auf "Heiden" traf, die ihrerseits tätowiert waren. Grundsätzlich ist eine wesentliche Funktion der Tätowierung die Grenzziehung, die Trennung zwischen In-Group und Out-Group.
SPIEGEL: Bis hin zur Tätowierung der Nazi-Opfer in den Konzentrationslagern?
Oettermann: Nicht nur der Opfer. Die bewusste Wiederbelebung der Barbarei führte dazu, dass einerseits jüdische Opfer mit der Häftlingsnummer gebrandmarkt wurden, andererseits aber SS-Leute sich durch Blutgruppen-Tätowierungen unter der Achsel als Elite markierten.
SPIEGEL: Warum sind Sie tätowiert?
Oettermann: Ich ließ meine Tattoos machen, als ich 30 wurde. Damals fühlte ich mich nicht mehr wohl in meiner Haut. "Trau keinem über 30" hieß doch seinerzeit ein Slogan. Ich kam mir absolut verknöchert vor und erhoffte mir eine Art Häutung.
SPIEGEL: Wie lang dauerte es, bis die Nadelstiche verheilt waren?
Oettermann: Ungefähr sechs Wochen, eine ziemlich eklige Zeit. Trotzdem juckte mich drei Monate nach meiner ersten Tätowierung wieder das Fell. Obwohl ich sonst keine masochistischen Züge habe, faszinierte mich die Erinnerung an den Schmerz, an das wespenartige Summen der Tätowiermaschine. Darum ließ ich mir weitere Tattoos stechen.
SPIEGEL: Bereuen Sie Ihre Entscheidung?
Oettermann: Nein, aber ich würde die Erfahrung auch nicht wiederholen, weil ich lernen musste, dass Zeichen auf der Haut gegen Verknöcherung leider nicht helfen. INTERVIEW: RAINER TRAUB
Von Rainer Traub

DER SPIEGEL 50/2000
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 50/2000
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

„Sich seiner Haut wehren“

  • Vulkaninsel Neuseeland: Angst vor weiterem Ausbruch verhindert Bergung
  • Greta Thunberg beim Klimagipfel: "Man rennt sofort los und rettet das Kind"
  • "Vertikale Stadt": Öko-Wohnzylinder fürs Emirat
  • Video aus Costa Rica: Bauchlandung mit Kleinflugzeug