11.12.2000

„Diese Rolle gehört mir“

Der Schauspieler Bruno Ganz über den langen Weg zu Goethes „Faust“ und den Überraschungserfolg seiner italienischen Kinokomödie „Brot und Tulpen“
SPIEGEL: Herr Ganz, wie fühlt man sich, wenn man das 22-stündige "Faust"-Marathon durchgestanden hat?
Ganz: Wir Schauspieler sind alle froh, wenn wir den Schlussapplaus hinter uns haben. Das ist ein tolles Gefühl. Der Sonntag mit seinen fast 13 Stunden "Faust II" ist wirklich lang. Und dass sich das Publikum das antut bei einer so komplizierten Sache, erstaunt mich. Je länger ich mit Peter Stein zusammenarbeite, desto weniger verstehe ich, wie der Mann funktioniert. Für ihn ist "Faust" das größte Kunstwerk deutscher Sprache, und deshalb würde er niemals bezweifeln, dass es genügend Leute gibt, die dieser Unternehmung von Anfang bis Ende folgen wollen. Und er hat Recht.
SPIEGEL: Wahrscheinlich gibt es keine andere praktikable Aufführungsform als diese Wochenendmarathons.
Ganz: Bei der Expo in Hannover wurde ja als Alternative eine Serie von sechs Abendvorstellungen angeboten. Aber diese "Sushi-Fassung", wie wir sie nennen, lief schon im Vorverkauf in Hannover so mühsam, dass die meisten für Berlin geplanten "Sushis" bereits damals storniert wurden.
SPIEGEL: Ist das nicht verständlich? Wer will schon sechs Abende hintereinander nach Treptow rausfahren?
Ganz: Als Schauspieler bin ich auch für das Marathon - aber als Zuschauer würde ich lieber sechsmal hinfahren. Anders würde
meine Aufnahmefähigkeit hoffnunglos überfordert. Aber ein "Event", wie das heute heißt, ist nur das Marathon.
SPIEGEL: Seit den achtziger Jahren hat Peter Stein Sie mit seinem großen "Faust"-Projekt umworben. Sie haben sich gesträubt, Sie haben 1986 im SPIEGEL sinngemäß gesagt: Er will, aber ich will nicht. Wie hat er Sie endlich doch überzeugt? Oder hat die Treue zu einer lebenslangen Arbeitsbeziehung gesiegt?
Ganz: Es ist eher Treue als Begeisterung für die Sache. Mir war das Stück nicht nah, und es ist mir auch nicht näher gekommen durch die lange Beschäftigung. Ich empfand es schon als Privileg, einen Zweijahresvertrag zu bekommen für eine einzige Rolle, ohne dass man die wie in London oder New York nun jeden Abend runterrasseln muss. Acht Monate Probenzeit! Und mir war klar: Wenn es jemanden gibt, der mir zu "Faust II" etwas zu sagen hat, dann ist das Stein mit seinen analytischen Möglichkeiten und seinem hoch entwickelten Sinn für Dramaturgie. Das hat mich interessiert. Ich habe Stein aber auch immer gesagt, dass es andere Rollen gäbe, die mich sehr viel mehr lockten. Niemand außer Stein hätte mich zu "Faust" gebracht.
SPIEGEL: Hat er Ihnen denn nun einen entscheidenden Schlüssel geben können zu der Frage, wer Faust ist?
Ganz: Nein. Auf metaphysischer Ebene sicher nicht. Er mag sich nicht auf solchen spekulativen Feldern aufhalten und hat als Marschrichtung vorgegeben: Konzentration auf das Handwerkliche. Damit hatte man eh genug zu tun. Allein diesen ganzen Text auswendig zu lernen ist gigantisch.
SPIEGEL: Haben Sie nie versucht, Stein eine gerafftere Version vorzuschlagen?
Ganz: Wozu? Ich wusste doch, dass es ihm von Anfang an um das Ganze ging. Man kann viel gegen Stein sagen, und manchmal ist es wirklich nicht lustig mit ihm, aber eines muss man ihm zugestehen: Er hat zehn Jahre darum gekämpft, dieses Ding auf die Beine zu stellen. Er hat es geschafft, und das ist eine große Leistung.
SPIEGEL: Pures Handwerk, Spielen ohne Interpretation - geht das überhaupt?
Ganz: Na ja. Ich spiele die Rolle ja gern, trotz allem. Ich weiß natürlich von Satz zu Satz und innerhalb einer Szene, was ich mache. Nur weiß ich nicht, wie die Teile zusammenhängen. Es gibt, anders als etwa bei Shakespeare, nicht eine Art Schicksal einer Figur. Das sind ja alles viel eher Repräsentanten als Personen.
SPIEGEL: Kann man sagen: Für Stein gab es von Anfang an nur einen Wunsch-Darsteller für den Faust, nämlich Sie?
Ganz: Das schon. Aber er hätte das Ganze auch ohne mich gemacht. Er hat mich ja auch schnell ersetzt, als ich während einer Probe von der Leiter fiel.
SPIEGEL: Da blieb ihm doch wohl nichts anderes übrig?
Ganz: Ich meine, wenn ich ihm vor zehn Jahren erklärt hätte: Ich kann nicht und ich will nicht, dann hätte er sein "Faust"-Projekt genauso energisch weiter betrieben.
SPIEGEL: Sie sind im Juni, fünf Wochen vor der Premiere in Hannover, verunglückt und konnten Ihre Rolle erst jetzt in Berlin übernehmen. Hat sich in diesem Sturz vielleicht Ihr unbewusster Widerstand gegen die ganze Unternehmung manifestiert?
Ganz: Von solchen Erklärungen halte ich nichts. Ich war sehr auf den Text konzentriert; deshalb habe ich nicht wahrgenommen, dass ein Dekorationsteil verändert worden war, und so kippte ich weg.
SPIEGEL: Leiden Sie noch an den Folgen?
Ganz: Es geht. Manchmal meldet sich noch ein Schmerz. Ein Kreuzbeingelenk war nah an der Wirbelsäule glatt durchgebrochen, vorn hatte es die Schambeine förmlich auseinander gerissen, und das rechte Handgelenk war gebrochen. Aber die Heilung ist gut verlaufen.
SPIEGEL: Waren Sie nicht in Versuchung, diesen Sturz als Wink des Schicksals zu verstehen und sich ganz von "Faust" zu verabschieden?
Ganz: Ich gebe zu, es hat mich tief getroffen, innerhalb so kurzer Frist ausgetauscht worden zu sein. Ich wusste zwar, dass Christian Nickel, der Darsteller des jungen Faust, vertraglich verpflichtet war, im Notfall auch meinen Teil der Rolle zu übernehmen. Doch mit der Erkenntnis, wie schnell man ersetzt werden kann, hatte ich emotional große Probleme.
SPIEGEL: Hätte Stein denn, rational gesehen, anders handeln können?
Ganz: Rational, nein. Nur habe ich ziemlich lange gebraucht, um das in ein so kaltes Licht zu tauchen, dass ich es akzeptieren konnte. Ich habe mir eine Zeitlang nicht vorstellen können, in die Produktion zurückzukehren. Aber je kälter das Licht wurde, in dem ich die Sache betrachtete, umso deutlicher wurde auch das Gefühl: Diese Rolle gehört mir, die ist mir durch höhere Gewalt abhanden gekommen, und ich will sie zurückhaben. Ich bin also nicht zurückgekehrt, weil ich mich der deutschen Theatergeschichte verpflichtet fühlte, sondern aus ganz persönlichen Motiven. Ich wollte mir beweisen, dass ich es kann.
SPIEGEL: Sie werden noch ein ganzes Jahr lang - bis zum Sommer in Berlin, dann in Wien - den Faust spielen. Können Sie sich die Zeit danach vorstellen?
Ganz: O ja, es gibt schon ein Theaterprojekt, zu dem ich große Lust habe. Und dann, hoffe ich, werde ich auch noch ein paar Filme machen.
SPIEGEL: Wenn man sich Ihre Filmkarriere anschaut, ist man unsicher, ob man das überhaupt eine Karriere nennen kann. Ein paar Filme in Deutschland, dann und wann einer in Frankreich oder in Italien, auch mal einer in Griechenland, sogar einer in Island, zuletzt wieder einer in Italien ... Das wirkt alles sehr zufällig. Haben Sie es nicht anders gewollt?
Ganz: Wie jeder von uns wäre ich gern in Hollywood gelandet. Aber das hätte ich anders anpacken müssen. Ich hätte mich auf Sachen einlassen müssen, die ich eigentlich nicht wollte.
SPIEGEL: Bedauern Sie im Rückblick, dass Sie so wählerisch waren?
Ganz: Nur vom Kontostand her.
SPIEGEL: Der deutsche Film ist angeblich wieder im Aufwind. Bekommen Sie Angebote von jüngeren Regisseuren?
Ganz: Schon lange nicht mehr. Ich gelte wohl als Repräsentant einer Generation - Wenders, Schlöndorff, Herzog -, von der sich die Jungen scharf abgrenzen.
SPIEGEL: Aber wollen würden Sie schon?
Ganz: Das käme sehr darauf an. Mit Tom Tykwer etwa würde ich gern etwas machen. Bei "Lola rennt" sehe ich wohl, was für eine filmische Potenz da am Werk ist.
SPIEGEL: Was interessiert Sie an Neuem?
Ganz: In Sachen Theater gehe ich eigentlich nur noch ins Ballett, sonst lieber ins Kino. "Gladiator" habe ich gesehen. Ich dachte, da würden mir endlich mal vor lauter Brot und Spielen die Augen übergehen. War aber leider nicht so.
SPIEGEL: Nächste Woche läuft in Deutschland der italienische Film "Brot und Tulpen" an, in dem Sie eine der Hauptrollen spielen. Wie ist es dazu gekommen?
Ganz: Das war abenteuerlich. In Zürich, wo ich seit ein paar Jahren wieder lebe, hatte ich mir auf Grund einer positiven Kritik "Le acrobate" angeschaut, einen Film über zwei Frauen, die gemeinsam eine Reise machen. Den fand ich großartig. Dann, nach einer Lesung in Rom, wurde ich von der "Repubblica" interviewt und erwähnte, dass ich "Le acrobate" wunderbar fand und mit dem Regisseur gern etwas machen würde. Ich ahnte ja nicht, dass dieser Film in Italien ein totaler Flop war. Der Regisseur Silvio Soldini las das Interview und kam nach Zürich, um mir die Rolle des Kellners in "Brot und Tulpen" anzubieten. Dass Licia Maglietta, eine der Frauen aus "Le acrobate", die Hauptrolle spielen sollte, hat mich begeistert, und dass der Film in Venedig gedreht würde. Vor allem aber gefiel mir die Art, wie der Kellner redet: ganz höflich, umständlich, altbacken und behutsam.
SPIEGEL: Er redet, als hätte er die Sprache aus alten Romanen gelernt. Aber es wird im Film nicht erklärt, warum er so spricht. War die Figur von Anfang an als Isländer konzipiert?
Ganz: Überhaupt nicht. Ich habe ja im Italienischen einen leichten Akzent. Darum habe ich gesagt, den müsst ihr erklären. So kam Soldini auf die elegante Lösung, irgendwann zu erwähnen, dass der Kellner aus Island stammt.
SPIEGEL: Ihre Mutter war Italienerin. Haben Sie in Ihrer Kindheit in Zürich auch italienisch gesprochen?
Ganz: Ich war das erste Kind. Anfangs hat meine Mutter mit mir italienisch gesprochen. Aber als ich in die Schule kam, fing ich an, ihr das sehr harsch zu verbieten. Kannst du nicht so reden wie die anderen Mütter? Man will ja als Kind immer, dass alles so ist wie in der Umgebung. Damit habe ich mich der Chance beraubt, zweisprachig aufzuwachsen. Aber eine Sehnsucht war da, und ein paar Jahre später habe ich im Umgang mit Gastarbeitern einigermaßen Italienisch gelernt.
SPIEGEL: Gibt es bestimmte Filmrollen, bei denen Sie heute bedauern, dass Sie sie abgelehnt haben?
Ganz: Nicht wirklich. Ein echter Welthit war nicht dabei. Mein kommerziell erfolgreichster Film ist wohl "Brot und Tulpen".
SPIEGEL: Aber kinogeschichtlich gesehen war natürlich Wim Wenders mit dem "Amerikanischen Freund" und dem "Himmel über Berlin" bedeutender.
Ganz: Sicher.
SPIEGEL: Der Ort Ihrer größten Theatererfolge über zwei Jahrzehnte hin war die Berliner Schaubühne. Verfolgen Sie noch, was aus diesem Theater geworden ist?
Ganz: Ich habe keine Aufführung gesehen. Der Abstand ist offenbar ganz allgemein zu groß. Auch von Christoph Marthaler etwa habe ich erst jetzt in Zürich etwas gesehen, "Hotel Angst".
SPIEGEL: Der müsste Ihnen in seiner Musikalität und Melancholie eigentlich liegen.
Ganz: Ja, schon. Eine Stunde lang habe ich wirklich gern zugeschaut. Ich fand das wach und lustig, aber am Schluss fühlte ich mich unterfordert. Ich vermisste eine Struktur, die für mich ein Stück erst ausmacht.
SPIEGEL: Da das neue Theater Sie kaum zu interessieren scheint - wollen Sie überhaupt noch irgendwo mitspielen?
Ganz: Ich fände es natürlich toll, wenn mich alle Theater laufend fragen würden, und ich könnte sagen: Nee danke. Eigentlich sollte ich die Klappe halten und die Jungen machen lassen. Und wenn es daneben Platz gibt für die zwei, drei Dinge, an denen mir liegt, ist doch alles gut.
SPIEGEL: Aber Sie spielen doch die größte Theaterrolle in der größten deutschen Stadt. Wie fühlen Sie sich wieder in Berlin?
Ganz: Ich wollte mir natürlich Zeit nehmen und kreuz und quer durch die Stadt reisen, aber bisher habe ich''s nur einmal bis zum Potsdamer Platz geschafft. Den hatte ich nie mehr gesehen, seit ich in "Der Himmel über Berlin" dort im Niemandsland stand.
SPIEGEL: Und wie war''s jetzt?
Ganz: Na ja, neu und modern und sauber. Ich fand nicht gerade begeisternd, was Berlin aus seiner Chance zum Neuanfang gemacht hat. Ansonsten fällt einem auf, dass die Stadt ganz schön abgewirtschaftet hat. Sie ist so müde.
SPIEGEL: Wenn man den Faust-Klang im Ohr hat oder den Kellner aus "Brot und Tulpen", oder wenn man an Ihre Lyrik-Lesungen denkt, dann möchte man fragen: Halten Sie das Alltagsgerede überhaupt noch aus?
Ganz: Ich habe schon vor 20 Jahren hören müssen, ich hätte im Kino nichts verloren, weil ich so sprachvernarrt sei. Das habe ich hoffentlich widerlegt. Aber "Faust" ist Sprache, der muss man sich stellen. Alltagsgeplapper setzt mir oft zu, das stimmt. Aber ich muss nicht mit allen Leuten so reden, als ob Botho Strauß es geschrieben hätte. Oft finde ich: Ich muss überhaupt nicht reden.
SPIEGEL: Herr Ganz, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.
Das Gespräch führten die Redakteure Anke Dürr und Urs Jenny. * In "Der Himmel über Berlin" (1987) und in "Nosferatu" (1978) mit Klaus Kinski.
Von Anke Dürr und Urs Jenny

DER SPIEGEL 50/2000
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