11.12.2000

AUTOREN„Die Leichen werden an Land gespült“

An einem einzigen Tag im November 1975 spielt der große neue Roman des spanischen Schriftstellers Rafael Chirbes, „Der Fall von Madrid“ - eine vielstimmige literarische Erinnerung an den Übergang von der Diktatur zur Demokratie. Von Rainer Traub
Der Generalissimus liegt im Sterben. Im Körper des greisen Francisco Franco, der Spanien mehr als dreieinhalb Jahrzehnte mit eiserner Faust beherrscht hat, lassen nur noch Maschinen ein künstliches Fünkchen glimmen. Was vom einst allmächtigen Tyrannen blieb, ist verkabelt und mit Infusionsnadeln gespickt. Während Bulletins eines vielköpfigen Ärztestabs alle paar Stunden letzte "Lebensanzeichen" vermelden, hält die Nation den Atem an.
Diesen historischen Augenblick beschwört der Roman "Der Fall von Madrid" herauf*. Der 51-jährige Autor Rafael Chirbes, einer der herausragenden Realisten der Gegenwart, gewann mit Büchern wie "Der lange Marsch" (1998) oder "Die schöne Schrift" (1999) auch in Deutschland eine große Leserschaft und die Bewunderung der Kritik. Sein neues Werk spielt an einem einzigen Tag, dem 19. November 1975, in Spaniens Hauptstadt; am Tag darauf wurde der reale Franco amtlich für tot erklärt. Das Buch gliedert sich in die gleich langen Hälften "Der Morgen" und "Der Nachmittag".
Nur ein einziger Tag - doch aus Chirbes'' Roman schlägt dem Leser das Lebensge-
fühl im Spanien jener dramatischen Umbruchszeit entgegen. Viele Figuren treten an, jede verbindet andere Hoffnungen oder Ängs-te mit dem bevorstehenden Ende der Franco-Herrschaft. Während des letzten Countdowns des Diktators zählt der Roman zugleich die Herzschläge seiner Untertanen.
Der Möbelfabrikant Don José Ricart, der im Franco-Regime reich geworden ist, feiert den 75. Geburtstag. Doch seine Zukunft ist höchst ungewiss. Schon hat er Kapital außer Landes geschafft, dem Rat seines alten Kumpans Maxi folgend, der als Mitglied der politischen Polizei Zugang zum innersten Herrschaftszirkel hat. Maxi selbst will sich nach Südamerika absetzen: Keinesfalls gedenkt er das Schicksal jener Geheimpolizisten zu teilen, die das aufgebrachte portugiesische Nachbarvolk bei der "Nelkenrevolution" des Jahres 1974 vor sich her gejagt hat.
Dagegen stellt sich Josés Sohn Tomás, ein Pragmatiker und Realist, schon darauf ein, künftig seine Geschäfte ohne die schützende Hand Francos zu machen. Seine beiden Söhne wiederum, die Enkel des Familienpatriarchen, hängen entgegengesetzten Ideologien an: Der Jung-Falangist Josemari will jede Art von Demokratie mit der "Dialektik von Fäusten und Pistolen" bekämpfen. Sein Bruder Quini hingegen, ein linksradikaler Student, spricht am Familientisch über die Revolution, "als handle es sich um einen Zirkus, der seine Zelte um die Ecke aufgeschlagen hatte und dessen Vorstellungen man jeden Nachmittag besuchen konnte".
Quini ist ungefähr so jung und so berauscht vom Geist der Utopie, wie der Autor es zu jener Zeit war, in der sein Roman spielt. Als Student, so erzählt Chirbes, arbeitete er in den frühen siebziger Jahren in einer Madrider Universitätsbuchhandlung. Er gehörte einer linken Studentengruppe an und schwelgte in dem Gefühl, den theoretischen Schlüssel zur Welt zu besitzen.
Dem Erzähler Chirbes liegt es fern, diese idealistische Vergangenheit rückblickend zu verklären. Doch er weigert sich auch, den jungen, ihm selbst so ähnlichen Träumer Quini durch wohlfeilen Sarkasmus zu verraten. Vielmehr konfrontiert er Denken und Handeln jeder Figur mit den Lebenswelten aller anderen. Durch dieses Erzählprinzip relativiert sich rasch die Frage, wer nun richtig, wer verwerflich handelt.
Chirbes nimmt alle Figuren gleich ernst, in ihren Stärken und Schwächen, Sehnsüchten und Lebenslügen. Er respektiert ihr Eigenleben und die innere Logik ihres Tuns, weswegen er den Gang seiner Handlung nicht vorab am Schreibtisch entwerfen kann. "Meine Romane", sagt der eminent politische Erzähler, "schreibt das Unbewusste." Selbst ein ziemlich widerwärtiger Charakter wie der brutale Geheimpolizist Maxi - privat ein von Potenzängsten getriebener, pathologischer Sexmaniac - weckt Mitleid neben dem Abscheu, auch ihm bleibt eine Art Würde.
Die literarische Gerechtigkeit durchkreuzt jede politische Korrektheit - auch wenn das den Erzähler in innere Qualen trieb. Er habe beim Schreiben "gelitten wie nie", sagt Chirbes. "Jede meiner Figuren ließ mich mit mir selbst diskutieren." Eine Glorifizierung der Linken wäre "verlogen und historisch falsch" gewesen. "Das Buch hat sich gegen meine ursprünglichen Ziele entwickelt. Das Literarische hat über das Politische gesiegt." Nachdenklich fügt Chirbes hinzu: "Ein mitfühlender Erzähler hat immer etwas von einer Hure: Mit jedem, auf den er sich einlässt, muss er intim werden."
Wer so auf Tuchfühlung geht mit seinen Figuren, dem müssen modische Literaturrezepte zuwider sein, die alle Ästhetik zu reinem Selbstzweck erklären und "Romanthemen zu bekömmlichen postmodernen Pasteten verarbeiten", wie Chirbes sagt. "Viele in meiner Generation haben die Vergangenheit weder als Farce erlebt noch als Ballettvorstellung, sondern als schrecklichen Bruch, als Verstümmelung."
Die Herkunft des Autors hat seine Literatur geprägt. Chirbes wuchs in einfachen Verhältnissen auf. Beide Eltern arbeiteten bei der Eisenbahn und gehörten als Republikaner zu den Besiegten des spanischen Bürgerkriegs. Der Vater starb, als sein Sohn vier Jahre alt war, Rafael kam in ein Waisenhaus für Eisenbahnerkinder. Die Schulzeit verbrachte er auf verschiedenen Internaten, das Studium der Geschichte musste er sich erarbeiten.
Früh gewöhnte sich Chirbes daran, eigene Wege zu gehen. Von jeher bevorzugte er eine gewisse Distanz, um schärfer zu sehen, was um ihn herum vorging. "Es hat mir nie gefallen, im Zentrum der Dinge zu stehen", sagt er. Schon als Student veranstaltete er lieber auf eigene Faust in Madrids Arbeiterbezirken Geschichts- und Literaturkurse, als sich in akademischen Ideologiezirkeln zu tummeln.
Nach Francos Tod empörte ihn die Wahrnehmung, dass sich mit dem Übergang zur Demokratie, der so genannten "transición", wenig änderte - Wendehälse aller politischen Richtungen beherrschten die Szene mit ihrem Opportunismus und ihrer Geschichtsverdrängung. Chirbes ging deshalb 1978 für ein paar Jahre nach Marokko und lehrte in Fes Literatur, bevor er mit der Veröffentlichung seines ersten Romans "Mimoun" 1988 das wurde, was er von Kind auf hatte sein wollen: ein Erzähler.
Seit diesem literarischen Debüt, von Chirbes als Gegenroman zur "transición" angelegt, betreibt der Autor in seinen Werken den Widerstand der Erinnerung gegen das Vergessen. Denn die scheinbare Reibungslosigkeit des spanischen Übergangs zur Demokratie war mit Sprachverlust und Identitätszerfall, mit Lügen und Selbstbetrug erkauft.
Der zeitweilige Kulturminister der postfranquistischen Demokratie, der Schriftsteller Jorge Semprún, wurde in seiner Staatsfunktion vom selben Polizisten geschützt, der ihn bespitzelt hatte, als Semprún im Untergrund gegen das Franco-Regime gekämpft hatte. "Das Vergangene lässt sich nicht einfach so auslöschen", weiß Chirbes, "irgendwann werden die Leichen wieder an Land gespült."
Doch auch im "Fall von Madrid" tummeln sich Gestalten, die im Gedächtnis nur lästigen Ballast sehen und alles dafür tun würden, dass die Vergangenheit sie nicht einholt - und sie haben Erfolg. Der Advokat Taboada etwa, gerissen, eloquent und skrupellos, hat immer die Nase im Wind. Er flirtet kurz mit der Revolution, weil ihn sein bürgerliches Leben langweilt. Insgeheim aber dient er bereits dem Unternehmer Don José Ricart als juristischer Berater dabei, sich auf den künftigen, demokratischen Kapitalismus einzurichten. Der Anwalt ist zu wendig und zu intelligent, um ernsthaft seine Existenz zu riskieren.
Taboada, dieser Mephisto des Romans, lebt Spaniens Zukunft vor. Geschmeidig verkörpert er die postfranquistische Gesellschaft, in der Karriere alles bedeuten wird, Geschichte und Identität nichts. Unter allen Figuren des Buchs erweist sich ausgerechnet der größte Zyniker als größter Realist.
Ist aus dem einstigen Träumer Chirbes also ein Erzähler von radikalem Pessimismus geworden, ein totaler Skeptiker?
Diese Frage hat der Autor in einem Rundfunkinterview beantwortet, in dem er die Arbeit von Erzählern mit der von Medizinern verglich: Der Arzt behandle und lindere, obwohl jeden Patienten am Ende der sichere Tod erwarte. Die Schriftsteller hielten es auf ihre Art genauso: "Wir müssen operieren und heilen und Sonden legen, auch wenn wir wissen, dass das Böse am Ende immer siegt, dass die Macht immer in die Hände der Schlechtesten fällt. Ich glaube, das ist die beste Erklärung für meine Haltung."
* Rafael Chirbes: "Der Fall von Madrid". Aus dem Spanischen von Dagmar Ploetz. Verlag Antje Kunstmann, München; 304 Seiten; 39,80 Mark.
Von Rainer Traub

DER SPIEGEL 50/2000
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