11.12.2000

MUSIKTHEATERDealer in Walhall

Mit einem glänzenden „Rheingold“ startet der kanadische Regisseur Robert Carsen in Köln einen neuen Wagner-„Ring“ - und 24 Strafgefangene spielen mit. Von Klaus Umbach
Noch sind sie hinter Gittern. Lutz B., 37, beispielsweise muss, weil er die Bewährung verpatzt hat, zwei Jahre und sieben Monate einsitzen: Fahren ohne Führerschein, Trunkenheit im Verkehr. Hans Michael G., 52, Anton P., 26, und Christoph G., 25, sind als Dealer sogar für mindestens vier Jahre in der Justizvollzugsanstalt (JVA) der rheinischen Stadt Euskirchen in Haft. Eine harte Zeit, auch wenn für sie, wegen guter Führung, Schloss und Riegel gelegentlich gelockert werden.
Doch neuerdings vertauschen die vier Straftäter, zusammen mit 20 anderen Häftlingen der JVA, den offenen Vollzug mit freiwilliger Fron. Seit Anfang November steigen sie, rußig geschminkt und in dreckige Montur gezwängt, regelmäßig hinab in eine düstere Unterwelt und malochen dort als Knechte eines machthungrigen Ausbeuters. Dieses Ekel Alberich, der das Rheingold erst raubt, dann verliert und schließlich bis zum Inferno der "Götterdämmerung" danach giert, ist ein Geschöpf von Richard Wagner. Unter Alberichs Fuchtel und Wagners Knute wühlen die 24 Sträflinge jetzt als Nibelungen im Dreck.
Auf allen Vieren tappen sie, zu einem wabernden Leiberhaufen verklumpt, durch Nibelheim, tasten dessen finsteren Boden nach jedem Gran Gold ab und kratzen selbst noch schimmernden Staub zusammen. "Was sich da unter der Erde tut", sagt der kanadische Regisseur Robert Carsen, 45, "muss man drastisch zeigen, die Plackerei gehört einfach zum ,Ring', dieser gewaltigsten und gewalttätigsten Geschichte des Musiktheaters."
Diese immer noch heißeste Story der Opernbühne haben sich in letzter Zeit schon Bayreuth, Stuttgart, Graz, Genf, Kiel, Bonn, Chemnitz, Mannheim und Münster zugemutet. Nun tritt Carsen in Köln an: Vergangenen Samstag war in der rheinischen Metropole mit "Rheingold" der "Vorabend" der Tetralogie als Premiere angesagt: ein - nach den Proben beurteilt - wahrhaft glänzender Start in das Langspiel, das folgt; ein fulminantes Stück voll nachtschwarzem Realismus und augenzwinkerndem Entertainment.
Darauf versteht sich dieser Carsen: einen Krimi schlüssig zu erzählen und zugleich pointiert zu konterkarieren, einen schwerverbrecherischen Plot durch szenische Arabesken zu beschwingen, werktreu zu sein und doch dem Libretto Schnippchen zu schlagen. Er hat die Gnade der leichten Hand: Das klotzige "Rheingold" als süffiges Kabinettstück zu inszenieren - das muss ihm erst mal einer nachmachen, so gewitzt und doch so gewichtig.
Schon beim "Rheingold"-Auftakt, wenn das berühmte Wagalaweia der Wellen und Wogen aus dem Orchestergraben kräuselt und gemeinhin putzige Nixen in Es-Dur kichern, ist der Strom bei Carsen zu einem Rinnsal voll Schrott und Müll vertrocknet, mit Rheintöchtern als schmuddeligen Flittchen. Und während Wagners Wassermusik an Tempo zulegt, hetzt der Regisseur immer mehr Passanten über die Bühne und lässt sie ihren Abfall achtlos ins Flussbett werfen. "Ich will", sagt Carsen, "dass das Publikum mitdenkt. Es hat schließlich Wagners Natur-Idylle, die es in dieser Szene erwartet, selber vergiftet."
Das klingt wie eine Verlautbarung von Greenpeace. Doch Carsen ist kein Aufständischer und beileibe keiner von jenen radikalen Kopfständlern, die sich, aktualisierend und politisierend, häufig in modischen Kapriolen verlieren und weniger Wagner als sich selbst inszenieren. Eher ist er ein - fast konventioneller - Sachdiener, der vom Urgrund des Rheins bis hinauf nach Walhall einen klaren roten Faden zieht und damit sein Publikum an Wagners zeitlose Geschichte bindet.
Ein verblüffendes Beispiel dafür, wie Carsen die Zuschauer zugleich entwöhnt und bedient, ist sein Walhall - die Götterburg, von der bei ihm nichts zu sehen ist. Nur: bühnenbreit und -hoch Steinquader, Betonplatten, Marmorblöcke, Flaschenzüge, schweres Gerät, Lifte, Leitern. Auch bei Wotans, Wagners "Royals", wie Carsen juxt, ist das Leben eine Baustelle; den fertigen Herrschersitz soll sich das Publikum gefälligst denken.
Da allerdings, wo der sonst maßlose Wagner "ungewöhnlich geizt", wie Carsen findet, wollte der Regisseur auftrumpfen: "Man muss doch zeigen", meint er, dass Alberich ein ganzes Heer von Untertanen drangsaliert, dass die Riesen Fafner und Fasolt Walhall nicht allein gebaut haben und dass die Götter dort mit einer luxuriösen Entourage Einzug halten. Highlife bringt halt auch Wagner in Schwung.
Doch Kölns Generalintendant Günter Krämer, von Carsen um eine stattliche Komparserie von "50, 60 Leuten" gebeten, musste passen: zu teuer. Abhilfe versprach da nur die kostengünstige Ausleihe von Strafgefangenen im benachbarten Euskirchen. Das Düsseldorfer Justizministerium hatte keine Bedenken, JVA-Leiter Ulrich Beckheuer war begeistert: Der Bühnenexkurs fördere bei den Häftlingen "die Eigen- und Gruppenverantwortung in einer völlig ungewohnten Umgebung" und sei deshalb "eine ideale Resozialisierungsmaßnahme".
Zusammen mit Kölns hauseigener Statistenriege rotten sich die Gefangenen jetzt auf der Bühne zu einem handfesten Bautrupp zusammen, der dem Auftritt der (um ihren Lohn geprellten) Riesen erst eine vitale Drastik verpasst; und wenn im Finale die göttlichen Herrschaften mit Champagner und Kandelabern Einzug halten in Walhall, dann schleppen die Knackis ihnen die Koffer, Vasen und Sessel hinterher - Wagners pompöse Prozession wird so von Möbelpackern unterlaufen, mythisches Musiktheater gerät zur Schnurre.
Bei aller pfiffigen Virtuosität, mit der Carsen gern schwergewichtige Noten durch optische Fußnoten abfedert, ist "die Ehrfurcht vor dem Werk", die er fast altmodisch hochhält, sein Credo. Kein Wunder, dass dieser kleine Kanadier im Getöse des hochtourigen Regietheaters die Rolle eines stillen Revolutionärs spielt, und das mit seltsamen Folgen: Er ist immer noch Geheimtipp und doch längst Star.
Seine Inszenierung von Benjamin Brittens Shakespeare-Vertonung "Ein Sommernachtstraum", 1991 in Aix-en-Provence erstmals gezeigt, sicherte ihm auf Anhieb die Bravos des internationalen Feuilletons, seine Version von Mozarts "Zauberflöte", drei Jahre später am gleichen Ort kreiert, gilt bis heute unter Mozartianern als Lustbarkeit voll Arg und Schalk.
In Köln ließ Carsen 1996 Verdis Otello - Shakespeare und Sarotti zum Trotz - als Weißen auftreten. Ein Jahr später stellte er, abermals in Köln, den feisten Falstaff in eine riesige Wohnküche und servierte das Ränkespiel der Windsors als "Vier-Sterne-Gourmandise" ("Rheinischer Merkur").
Längst hat Carsen Verdi auch in Paris, Tschaikowski an der New Yorker Met inszeniert, hat in Genf, München und Zürich gastiert. Im vergangenen September debütierte er auf der Musicalbühne und erntete nach der Londoner Premiere von "The Beautiful Game", einer Fußball-Story im nordirischen Konfessionsstreit, mehr Lorbeer als der Librettist Ben Elton und der Komponist Andrew Lloyd Webber.
Nur in Salzburg, wo er "wahnsinnig gern einmal arbeiten möchte", blieb ihm die Bühne bislang verschlossen, und Carsen ahnt auch, warum. Kaum hatte (der dort amtierende Festspielintendant) Gerard Mortier, damals noch als Chef des Brüsseler Monnaie-Theaters, seine Abscheu gegen Puccinis Bühnenstücke verkündet, setzte die benachbarte Flämische Oper in Antwerpen und Gent einen ganzen Puccini-Zyklus an - und betraute Carsen gleich mit sieben Inszenierungen. Der machte eine "Bohème" ohne Boheme-Klischees, ließ "Manon Lescaut", die unglücklich Liebende, im Sog einer galligen Gesellschaftssatire sterben und verhinderte, auf seine ganz skurrile Weise, den Tod der Tosca: Statt von der Engelsburg ließ er die Sängerin in eine imaginäre Tiefe springen, dort wieder aufstehen und, ganz à la Callas, vor dem Publikum den tiefen Knicks einer Diva machen - voilà, Oper ist Bluff und alles bloß Theater.
Wagners Nibelungen-"Ring" allerdings ist mit einem Coup de théâtre nicht beizukommen, "ich weiß", gesteht Carsen, "dass ich da noch gehörig ins Schwitzen komme". Noch hat er, "ganz ehrlich", keine Ahnung, wie er in der "Walküre" Siegmund und Sieglinde zum Inzest verführen soll, wie er in "Siegfried" das trällernde Waldvögelein ins Geäst locken kann und unter welchen Tricks seine Götter beim großen Finale dämmern und mit Walhall und der Welt untergehen werden.
Und deshalb ist auch das noch unklar: ob er Wagners singendes Personal im Verlauf der Tetralogie noch einmal durch viele stumme Rollen aufmischen und seine Statisten dann auch wieder aus dem Knast holen wird.
"Diese Männer", lobte der Regisseur nach den Proben, "sind äußerst willig und hervorragend konzentriert bei der Sache." Die 24 Häftlinge selbst, erst einmal für 31 Proben und Aufführungen engagiert, haben ihr Debüt im Opernhaus genossen.
Ihnen ist jedenfalls zu verdanken, dass Carsens "Rheingold" nicht nur ein spannendes, sondern auch ein bombensicheres Amüsement geworden ist. Während auf der Bühne in höchsten Tönen Freiheitsberaubung, Raub und Mord besungen werden, wachen im Parkett und hinter den Kulissen die Augen des Gesetzes: Beamte der JVA haben ihre schweren Jungs in Köln jederzeit im Blick - safety first.
Von Klaus Umbach

DER SPIEGEL 50/2000
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