11.12.2000

POPEinfach zu kompliziert

Seit einem Vierteljahrhundert gelingen den Sparks große Hits - und doch stilisieren sich die nun durch Deutschland tourenden US-Musiker gern zu Außenseitern.
Geboren wurden die Gebrüder Mael in Kalifornien unter den bürgerlichen Namen J. Ronald und Dwight Russell Day - und eine der schönsten Legenden um die beiden seltsamen Helden besagt, sie seien in Wahrheit die Söhne der Schauspielerin Doris Day.
Das ist leider falsch, "auch wenn uns in Schweden mal ein Agent einen Tantiemenscheck für unsere Mutter Doris mitgeben wollte", wie Ron Mael, 52, berichtet.
Einen Ruf als genialische Pop-Phantome genießen die Maels auch so. 1971 formierten sie sich als Sparks - und gelten inzwischen als "Band, die das meiste der modernen Popmusik vorwegnahm" ("Los Angeles Times"). Zu den Kollegen, die ihnen huldigen, gehören die Isländerin Björk sowie Bands wie Depeche Mode, Prodigy und die Pet Shop Boys.
Das skurrile Pop-Duo, das derzeit durch Deutschland tourt, entdeckte Mitte der siebziger Jahre die Möglichkeiten des Synthesizers und nahm später mit dem Produzenten Giorgio Moroder Songs wie "The Number One Song in Heaven" auf, die heute als wegweisend für den Elektropop gelten.
Mit theatralischen Auftritten, ausgefallenen Texten und Plattenhüllen, die sie mal neben einem Flugzeugwrack, mal geknebelt und gefesselt auf einem Motorboot zeigten, irritierten sie das große Publikum, schufen aber zugleich eine Aura des Geheimnisvollen.
Doch ihre Laufbahn nahm einen wilden Zickzackkurs. Regelmäßig sind die Pop-Dadaisten mit ihrer so kunstvollen wie exzentrischen Musik in den vergangenen drei Jahrzehnten in der Versenkung verschwunden, um dann ebenso regelmäßig wieder aufzutauchen: zu selten, um sie zu Superstars zu machen, zu häufig, um bei jedem Album vom Comeback zu sprechen. Absicht stecke hinter diesem Auf und Ab nicht, behaupten die Sparks, sondern einfach Pech. "Sicher, das könnte eine gerissene Strategie sein", sagt Russell Mael, 47, "dummerweise aber ist es in Wahrheit nur die anstrengendste Art von Karriere, die man sich vorstellen kann."
Das mag daran liegen, dass das Publikum von den Sparks oft so irritiert war wie die Sparks von der Welt um sie herum. Sie produzierten zahlreiche Platten für Firmen, die längst das Interesse an ihnen verloren hatten, oder sie komponierten Soundtracks für Filme, von denen nie jemand gehört hat.
Aber die Showbiz-Karriere der Brüder, gestartet nach ersten Erfahrungen als Kindermode-Models und ein wenig Filmstudium in Los Angeles, hat sich als überraschend langlebig erwiesen - vielleicht auch, weil die verschrobenen Brüder mit demselben Mutterwitz wie ihre großen Namenspaten ausgestattet sind. Getauft wurde das Duo von Albert Grossman, der als Mann an der Seite Bob Dylans berühmt wurde: "Jungs, ihr seht aus wie die Marx Brothers, nennt euch Sparks."
Ihren ersten großen Hit hatten sie 1974 mit dem Song "This Town Ain't Big Enough for the Both of Us", einem wunderbar hysterischen Stück, das heute noch so eindrucksvoll ist wie vor einem Vierteljahrhundert. Damals waren die Sparks bereits aus Kalifornien weggezogen und nach England emigriert - weil die Amerikaner sich weigerten, ihren Humor zu kapieren.
Keyboarder Ron etwa trug zu jener Zeit ein Charlie-Chaplin-Bärtchen - und das soll John Lennon anlässlich eines Sparks-Auftritts im Fernsehen zu dem Aufschrei animiert haben: "Unglaublich, das ist ja Adolf Hitler!" Der Chaplin-Bart klebt längst hinter Glas im "Hard Rock Cafe" von Los Angeles.
Auch in neuerer Zeit gelangen ihnen große Pop-Erfolge, die das Außenseiter-Image der Maels ein wenig relativieren. Ihr jüngster Hit hieß "When Do I Get to Sing ,My Way'" und war in Deutschland die meistgespielte Radiosingle des Jahres 1995; nebenbei bescherte sie dem Duo eine ausverkaufte Tournee in großen Hallen, wo sich selbst Teenager für alte und neue Sparks-Songs begeisterten.
Ganz so erfolgreich ist das in diesem Herbst veröffentlichte 18. Sparks-Album "Balls" bislang weder bei Kritikern noch bei Käufern - und deshalb beklagen sich Ron und Russell Mael derzeit, dass sie offenbar auf ewig zum Schicksal einer so genannten Kultband verdammt seien: "Auf Dauer sind wir für ein Massenpublikum wohl einfach zu kompliziert", sagt Russell.
Nicht aber für den französischen Komiker Jacques Tati: Den begeisterten die Sparks so sehr, dass er sie schon für einen Film eingeplant hatte. Dass er vor Drehbeginn verstarb, passt wiederum perfekt in ihre Karrierestory der verpassten Möglichkeiten. Ron zuckt mit den Schultern: "Es ist ein Wunder, dass wir das alles durchgestanden haben - und ganz sicher auch eine Kunst." CHRISTOPH DALLACH
Von Christoph Dallach

DER SPIEGEL 50/2000
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