11.12.2000

PALÄONTOLOGIEAufrecht am See

In Kenia haben Forscher Fossilien eines bislang unbekannten Vormenschen entdeckt. Hat der „Millennium Man“ schon vor sechs Millionen Jahren gelebt?
Die Affenmenschen der Tugen Hills lebten mit Blick auf den See und ernährten sich von den Früchten des Waldes. Mit kräftigen Armen hangelten sie sich von Ast zu Ast. Auf zwei Beinen liefen sie umher, immer auf der Hut vor den Fängen hungriger Raubkatzen und der Wut aggressiver Ur-Nashörner.
Vor sechs Millionen Jahren sollen die haarigen Geschöpfe in der kenianischen Baringo-Region gelebt haben. Jetzt hat ein französisch-kenianisches Forscherteam ein Dutzend ihrer Knochen ausgegraben und diese der Menschheit als Indizien eines bislang unbekannten Urahns präsentiert.
Der Fund des vorläufig auf den Namen "Millennium Man" getauften Wesens könnte sich als ältestes Zeugnis der Menschwerdung erweisen: Um mindestens 1,5 Millionen Jahre wird durch diese Entdeckung die Entwicklung des aufrechten Ganges vorverlegt.
"Unser Fund ist nicht nur älter als alle bisher beschriebenen - er deutet zudem auf Hominiden in einem erstaunlich fortgeschrittenen Evolutionsstadium hin", berichtet Brigitte Senut, Mitglied des Forscherteams und Paläontologin am Naturkundemuseum in Paris.
Die versteinerten Überreste zweier Kieferteile stellten die Forscher am Fundort im afrikanischen Rift Valley sicher. Eine Anzahl von Eck- und Backenzähnen, die
denen heutiger Menschen verblüffend ähneln, bargen sie aus dem Gestein, dazu die Reste einiger Oberarm- und drei kräftiger Oberschenkelknochen.
"Zwei dieser Beinknochen sind sehr gut erhalten und belegen, dass diese Wesen sehr wahrscheinlich aufrecht laufen konnten", sagt Senut, die zusammen mit ihrem Kollegen Martin Pickford die Ergebnisse jetzt in Kenia vorstellte: "Wir haben es hier eindeutig mit einer neuen Hominiden-Gattung zu tun."
Bestätigen sich die Schlussfolgerungen des Forscherteams, kann der "Millennium Man" tatsächlich als neuer Sensationsfund der Paläoanthropologie gewertet werden. Denn die Gesteinsschichten, aus denen die fossilen Knochen stammen, sind von zwei Forscherteams unabhängig voneinander auf ein Alter von sechs Millionen Jahren geschätzt worden. Demnach tingelte der Jahrtausend-Mensch just zu der Zeit auf zwei Beinen durch Afrika, als sich modernen Erbgutanalysen zu Folge Schimpanse und Vormensch auseinander entwickelten (siehe Grafik).
Auf ein Alter von 4,4 Millionen Jahren wurden bislang die ältesten Überreste von Vormenschen datiert. Gefunden hatte sie 1992 und 1994 ein Team um den Paläoanthropologen Tim White in Äthiopien. "Ardipithecus ramidus" zeigt eine Kombination menschlicher und äffischer Merkmale. Den eindeutigen Beweis, dass diese Kreatur aufrecht gehen konnte, sind White und sein Team jedoch noch schuldig geblieben.
Ganz anders bei Vormenschin "Lucy", der wohl berühmtesten Figur aus dem Panoptikum der Paläoanthropologie: Schon 1974 entdeckt, ließ Lucys zu 40 Prozent erhaltenes Skelett keinen Zweifel zu: Hier lief ein Menschlein (Körpergröße etwas über ein Meter) aufrecht durch das späte Tertiär.
Auf 3,2 Millionen Jahre wird das Alter des berühmten weiblichen Fossils geschätzt. Fast doppelt so alt jedoch sind die Überreste des jetzt in Kenia geborgenen "Millennium Man". "Dieser Fund stellt unsere bisherige Sicht der menschlichen Evolution in Frage", glaubt Senut: "Möglicherweise haben sich die Entwicklungslinien von Mensch und Schimpanse früher getrennt als angenommen." Zudem bekräftige der Fund die Vermutung, dass schon früh mehrere vormenschliche Entwicklungslinien entstanden sein könnten, von denen sich aber am Ende nur eine durchgesetzt habe.
Aus ihren Ergebnissen können die Forscher bereits ein grobes Bild des neu entdeckten Affenmenschen herleiten. Knochen von mindestens fünf Individuen verschiedenen Alters hat das Team gefunden. Als "etwas massigere Lucy-Version" mit der Körpergröße eines Schimpansen beschreibt Senut das Geschöpf. Die gefundenen Zähne entlarven den Urahn als Frucht- und Gemüsefan, der gelegentlich auch Fleisch zu sich nahm. Kräftige Oberarmknochen deuten darauf hin, dass der "Millennium Man" neben der Fortbewegung zu Fuß auch gut klettern konnte.
Selbst über den Lebensraum des Vormenschen vermögen die Wissenschaftler einige Aussagen zu machen. Der Fund zahlreicher versteinerter Molluskenschalen in nächster Nachbarschaft zu den Hominiden-Fossilien weist auf einen See hin. Versteinerte Überreste von Bäumen und von den Knochen urzeitlicher Flusspferde, Rüsseltiere, Antilopen und Nashörner fanden sich in derselben Gesteinsschicht.
Auch Raubtiere tummelten sich offenbar am Urzeitsee. In einem der Oberschenkelknochen des "Millennium Man" fanden sich auffällige Bissspuren. "Dieses Exemplar könnte von so etwas wie einem Leoparden getötet und auf einen Baum über dem See geschleppt worden sein", mutmaßt Senut. Die Überreste des Mahls seien dann womöglich ins Wasser gefallen und dort von Sediment überspült worden.
So hatte erst ein Urzeit-Drama den Urahn für die Nachwelt konserviert. PHILIP BETHGE
* Im Vordergrund Knochen des "Millennium Man".
Von Philip Bethge

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