11.12.2000

MEDIZINSchleudernde Kugel

Nach einem Auffahrunfall wird vielen Patienten eine Halskrause verordnet. Doch die engen Stützkragen schaden meist nur.
In Sekundenbruchteilen ist es um das arme Haupt geschehen. Wie eine mürbe Melone knallt der Kopf nach hinten gegen die Nackenstütze. Bei der Gegenbewegung nach vorn ächzen Bänder und Halsmuskeln unter der grotesken Überdehnung. Erst das Kinn stoppt den Flug, wenn es wie ein Bremsklotz gegen die Brust schlägt.
Als "Peitschenschlag-Syndrom" oder "Schleudertrauma" kennen Autofahrer die Verletzung, die eintritt, wenn ihr Kopf bei einem Auffahrunfall wie eine an einer Schnur hängende Kugel durch die Luft schleudert.
Rund 200 000-mal pro Jahr diagnostizieren deutsche Mediziner nach Heckkarambolagen eine solche "Halswirbelsäulen-Distorsion". Die Peitschenschlag-Opfer leiden unter Hals- und Nackensteife und spüren dumpfe, drückende Kopfschmerzen, vor allem im Hinterkopf. In der Regel beginnen die Beschwerden erst Stunden oder gar Tage nach dem Heckaufprall.
Ruhe und Schonung galten bisher für die Unfallopfer als oberste Genesungspflicht. Die Mediziner schrieben die Patienten oft wochenlang krank und verordneten ihnen anatomisch geformte Halskrausen. Doch die Stabilisierungshilfen ("Zervikalstützen") sind nicht nur warm und lästig: Nach neuen Studien können sie sogar den Heilungsprozess behindern. Der Essener Neurologe Matthias Keidel beispielsweise hat herausgefunden, dass Unfallopfer von den Haltehilfen der Ärzte kaum profitieren: Die Kopf- und Nackenschmerzen verschwinden im Mittel nach drei Wochen - und zwar unabhängig davon, ob die Patienten eine Halskrause getragen haben oder nicht.
Nach einer Untersuchung norwegischer Mediziner von der Universität in Trondheim schaden die Halskrausen sogar: Schleudertrauma-Opfer, die von den Ärzten weder krankgeschrieben worden waren noch eine Halskrause getragen hatten, klagten nach einem halben Jahr seltener über Schmerzen oder einen steifen Nacken als jene Leidensgenossen, denen die Mediziner einen Halteapparat verpasst hatten.
Der Grund für den zweifelhaften Nutzen des Büßerkragens: Schon nach spätestens zwei Tagen ununterbrochenen Tragens bildet sich unter ihm die Muskelmasse zurück. Die nicht mehr trainierten Hals- und Nackenmuskeln werden schwach. Streifen Unfallopfer die Kunststoffhilfen erst nach mehreren Wochen wieder ab, ist der natürliche Halteapparat mit dem rund vier Kilogramm schweren Kopf überfordert. Die vermeintlich Genesenen leiden in der Folge erst recht unter Kopf- und Muskelschmerzen.
Statt zur Immobilisierung raten die Mediziner deshalb neuerdings zur schnellen, wenn auch sanften Belastung. Die Patienten sollten nach dem Unfall so früh wie möglich ins Alltags- und Berufsleben zurückkehren. Gegen Beschwerden helfen in der Frühphase schmerzlindernde und entzündungshemmende Medikamente.
Auch Krankengymnastik und Massagen sollten so früh wie möglich begonnen werden, um den Teufelskreis aus Schonhaltung, Verspannung und Muskelschwäche zu verhindern. Voraussetzung allerdings: Wirbel und Nervenstränge dürfen durch den Nackenschlag nicht verletzt worden sein.
In neun von zehn Fällen verschwinden die Beschwerden bei dieser zurückhaltenden Behandlung nach drei bis spätestens sechs Wochen. Vor allem junge Unfallopfer erholen sich von den Beschleunigungsverletzungen rasch.
Hartnäckiger sind dagegen oft vegetative Beschwerden, die manche Opfer noch nach Monaten quälen: Die Betroffenen klagen über Seh- und Hörstörungen, Schwindelgefühle, depressive Verstimmungen oder Konzentrations- und Gedächtnisstörungen.
Vor allem Männern, so haben Untersuchungen gezeigt, schlägt das Schreckerlebnis offenbar stark aufs Gemüt: Sie brauchen nach dem Crash bis zu einem halben Jahr, um wieder aus ihrem Stimmungstief herauszufinden. Frauen haben die Unfallfolgen dagegen nach längstens zwölf Wochen überwunden.
Einige der Forscher machen für die Störungen im Nervengerüst minimale Hirnschädigungen durch den Unfall verantwortlich. Beweise für diese Vermutungen gibt es bislang nicht.
Für wahrscheinlicher halten es die meisten Experten, dass sich die Langzeitopfer ihre Leiden überwiegend einbilden.
Dafür spricht auch folgendes Experiment: Mehr als 50 freiwillige Probanden setzten sich unter Anleitung von Wissenschaftlern einem künstlichen Auffahrunfall aus. Sie hörten ein Auto von hinten heranbrausen, spürten den Aufprall und konnten hinterher den entstandenen Blechschaden und die auf dem Boden herumliegenden Glassplitter besichtigen.
Bei jeder fünften Testperson traten nach diesem Erlebnis "lang anhaltende Beschwerden" auf, wie der Berliner Mediziner Ulrich Weber Anfang September in Berlin berichtete. Dabei waren die Probanden einer Täuschung aufgesessen - der Aufprall hatte gar nicht stattgefunden. Nach der akustisch simulierten Heckkollision war der Wagen mit den vermeintlichen Unfallopfern lediglich eine kleine Rampe hinuntergerollt. GÜNTHER STOCKINGER
Von Günther Stockinger

DER SPIEGEL 50/2000
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