11.12.2000

Strafgericht am Bosporus

Steckt im Mythos von der Sintflut ein wahrer Kern? Am Grund des Schwarzen Meeres haben Forscher eine versunkene Steinzeit-Landschaft entdeckt. Offenbar ertränkte ein Wassersturz, 200-mal mächtiger als die Niagarafälle, vor 7500 Jahren die ersten Bauern.
Bei spiegelglatter See dümpelte die "Northern Horizon" vor der Südküste des Schwarzen Meeres. Eine warme Brise umstrich das 75 Meter lange Forschungsschiff. Im Morgengrauen, die Venus verblasste langsam am Himmel, trat Robert Ballard an Deck.
Ein Ruf wie Donnerhall umgibt den Schnorchel-Tycoon aus Mystic, einer Hafenstadt im US-Staat Connecticut. 150 Wracks hat Ballard geortet, darunter phönizische Lastkähne und das Schlachtschiff "Bismarck". Der größte Coup gelang 1985, als sein Tauchgerät "Argo" zur "Titanic" hinabglitt.
Diesmal ging es um ein noch berühmteres Schiff. Seine technischen Daten sind aus der Bibel bekannt: Der Kahn war 135 Meter lang und lief bei starkem Regen zur Jungfernfahrt aus. Ballard fahndet im Dunstkreis der Arche Noah.
Anfang September war die - mit einer 50-köpfigen Crew besetzte - "Northern Horizon" ins Schwarze Meer vorgedrungen. Modernstes Such- und Peilgerät hatten die Fahnder an Bord. Archäologen waren dabei, Techniker und ein Vertreter des türkischen Kulturministeriums. Ballard wollte eine phantastisch klingende These überprüfen. Demnach fand die Sintflut wirklich statt - und zwar vor etwa 7500 Jahren am Bosporus.
Vor der zerklüfteten Südküste nahe der Stadt Sinop begann die heiße Phase der Mission. Ein Kran packte das Tauchboot "Little Hercules" und hob es ins Wasser. Langsam sank das mit einer Kamera bestückte Vehikel zum Meeresgrund herab. An seinem Rumpf hing ein Kabel aus Fiberglas - die elektronische Nabelschnur.
Im Kommandostand leuchteten derweil die Monitore. Mit Konsole und Joystick wurde die Schwimmdrohne über den Meeresgrund bugsiert. Über die Bildschirme rieselte grüner Schnee - Zooplankton.
Dann geriet ein Holzpflock ins Sichtfeld der ferngesteuerten Kamera. In einer Tiefe von 95 Metern schwebte der Roboter über Sandstrände und überspülte Uferzonen hinweg. Der Lichtschein fiel auf versunkene Flussläufe und einen abgestorbenen Baumstamm, der wie ein totes Gerippe aus dem Meeresgrund ragte.
Urwälder im Submarinen? Was für ein neolithisches Atlantis ist da in den Abgründen des Pontus Euxinus aufgetaucht?
Nahezu vier Wochen lang wurde der Meeresgrund kartografiert. Dann war sich der wissenschaftliche Leiter der Expedition, Fredrik Hiebert, sicher: "Am Boden des Schwarzen Meeres haben einst Menschen gewohnt."
Die versunkenen Flussbetten, Anhöhen und Küsten, die sich da schattenhaft auf den Sonarbildern abzeichneten, brachten vor allem die türkische Presse in Aufruhr: "Noah war ein Türke", meldete das Istanbuler Blatt "Hürriyet". "Takvim" titelte: "Arche Noah gefunden".
Fest steht: Tief verborgen im Schwarzen Meer, wo sich heute Stör und Steinbutt tummeln, liegt eine Landschaft, auf der 100 Meter Wasser lastet. Ballards Funde vom Meeresgrund muten tatsächlich an wie der historische Beleg für den wohl wirkmächtigsten Mythos des Alten Testaments.
Bis heute umgibt die Sintflut einen magischen Klang. "Entzügelte Ströme" nannte Ovid den fatalen Regenguss. Im Mittelalter mutierte das Geschehen zur "Sündflut".
An die 80 000 Publikationen in 72 Sprachen haben sich mit religiösem Eifer oder wissenschaftlichem Ernst dem Bericht gewidmet: Der jähzornige Jahwe schickt eine Wasserwalze, um seine eigene Schöpfung zu ertränken. Nur Noah überlebt mit jeweils einem Tierpaar den göttlichen Zerstörungsdrang.
Der Heidelberger Alttestamentler Bernd Jörg Diebner geht davon aus, dass die Bibel erst im 4. vorchristlichen Jahrhundert niedergeschrieben wurde. Doch der Arche-Bericht ist wesentlich älter. Seine Wurzeln liegen in Mesopotamien. Auf den sumerischen Fluthelden Ziusudra etwa verweisen bruchstückhaft über 4000 Jahre alte Tontafeln.
Was an der Bibel ist Fakt, was Legende? Gab es tatsächlich die eine, reale, große Flut? Solche Fragen interessierten auch den telegenen Tauchstar und promovierten Geologen Robert D. Ballard, 58. Und er befindet sich auf einer heißen Spur.
Am Morgen des 9. September herrschte auf dem Expeditionsschiff helle Aufregung. Der Tauchroboter hatte 20 Kilometer vor der Küste ein rechteckiges Gebilde aufgespürt. Verborgen in der sauerstoffarmen Tiefe, ragten quadratische Steine aus dem Schlick. Daneben lag ein Balken und Holzzweige. "Reste einer Steinzeithütte", vermutete Hiebert.
Immer wieder kreuzte die "Northern Horizon" mit aktiviertem Sonar im Zickzackkurs über der verdächtigen Struktur. Der "Daily Telegraph" meldete bereits: "Noahs Haus entdeckt".
Tags darauf landete der Vizepräsident der "National Geographic Society", Terry Garcia, auf dem Provinzflughafen von Sinop. "Es gab eine Flut, und es gab eine Siedlung", gab der Boss zu Protokoll. Dann eilte er umgehend aufs Expeditionsschiff und verhängte eine Nachrichtensperre.
An Bord traf er einen verzweifelten Fahrtleiter an. Ballard hatte zwar Spähgeräte, Echolot und Sidescan-Sonar dabei. Das Bergungsgerät aber fehlte: "Der Fund hat uns total überrascht."
Schließlich gelang es den Technikern, eine improvisierte Schaufel zu basteln, die auf eine der Schwimmdrohnen montiert wurde. So entstand eine Art Bagger, mit dem zumindest einige kleine Holzstücke und fünf Bodenproben geborgen wurden.
Bewacht wie Reliquien, brachte Hiebert die Stücke, kaum größer als Zahnstocher, in die USA. Ein C 14-Labor legte vor wenigen Wochen die Altersdatierung vor.
Die Analyse endete mit einem verwirrenden Ergebnis. Der vermeintliche Splitter aus dem Bungalow von Fred Feuerstein ist nur 200 Jahre alt. Vermutlich handelt es sich um Treibholz, das als Fremdkörper an das auffällige Gebilde herangespült wurde.
Gleichwohl ist Hiebert davon überzeugt, dass es sich bei "Fundplatz 82" um die Trümmer einer neolithischen Hütte handeln muss. Am Boden, so vermutet er, sind Keramikscherben und "Mauerreste aus Stein" zu sehen. Die Sedimentproben hätten zudem Hinweise auf "Holzkohle" erbracht. Demnach flackerte am Boden des Schwarzen Meeres einst ein Lagerfeuer.
Keine Frage, die US-Aquanauten haben einen Knüller gelandet. Ihre Funde zeugen von einer vorzeitlichen Großkatastrophe, der auch Ozeanforscher auf der Spur sind. "Vor etwa 7500 Jahren", erklärt der deutsche Geologe Burkhard Flemming, "ergossen sich ungeheure Wassermassen von der Ägäis aus ins Schwarze Meer."
Die große Flut
Erste Indizien für das Debakel hatte im Jahr 1993 das russische Forschungsschiff "Aquanaut" geliefert. Vor der Krim, in Wassertiefen unter 100 Metern, wurden Pflanzenwurzeln, fossile Schnecken- und Muschelschalen aus dem Sediment gezogen. Überraschender Befund: Es sind alles Süßwasserarten. Das Schwarze Meer war folglich während der Eiszeit ein - tief liegender - See.
Dann jedoch, vor rund 15 000 Jahren, setzte eine globale Erwärmung ein. Die Gletscher tauten, Schmelzwasser rann in die Ozeane. Ein rasanter Anstieg des Meeresspiegels war die Folge. Schließlich schwappte das Wasser über und ergoss sich blitzartig ins Schwarze Meer (siehe Grafik Seite 272).
Minutiös haben die New Yorker Geologen Walter Pitman und William Ryan diesen monumentalen Durchbruch am Bosporus rekonstruiert. Mit der Wucht von "200 Niagarafällen", so die Autoren, sei der Strahl durch den Felsschlauch zwischen Asien und Europa gestürzt. Etwa ein Jahr lang spritzte, toste und rauschte es wie in einer Autowaschanlage.
Als das urweltliche Gegurgel verstummte, meldeten die Gebiete vor Warna, Odessa und der Krim auf breiter Front "Land unter": Rund 100 000 Quadratkilometer Küstensaum gingen in den Fluten unter. Im Osten schwappten die Wellen bis zum Kaukasus-Massiv.
So abenteuerlich das Szenario klingt, unter Geologen gilt es mittlerweile als bewiesen. Und es liegen neue Details vor. "Der erste Akt der Katastrophe", sagt der Experte Flemming, "begann an den Dardanellen." Auch der Stichtag des Unglücks lässt sich eingrenzen. Die ältesten Fossilien von Salzwassertieren im Schwarzen Meer, das zeigen die Bohrkerne der russischen Forscher, sind etwa 7510 Jahre alt. Dieselben Daten ermittelte jüngst ein französisches Team anhand von Sedimenten aus dem Donau-Delta.
Der Wasserstrudel überspülte Getreidefelder. Er verschlang Abertausende von Lehmhütten und archaische Tempelanlagen. Backöfen versanken im Schlick ebenso wie Viehställe, in denen kleinwüchsige und zur Milchwirtschaft nicht geeignete Rinder standen.
Auf dem "8. Internationalen Thrakologenkongress" in Sofia vor wenigen Wochen herrschte denn auch große Aufregung. "Da sind Menschen ertrunken und massenhaft vertrieben worden", vermutet der Hallenser Prähistoriker Francois Bertemes. Er drängt nun ebenfalls auf breitflächige Untersee-Forschung: "Wir müssten mit U-Booten vor der rumänischen und bulgarischen Küste fahnden."
Mit dem eurasischen Flutdebakel ist ein wichtiger neuer Orientierungspflock in die Prähistorie eingerammt. Fest steht: Der Wassersturz ereignete sich in einer entscheidenden Phase der Menschheitsgeschichte.
Vor 7500 Jahren, als am Bosporus der Damm brach, befanden sich weite Teile Europas gerade in einer revolutionären Umbruchphase. Orientalische Farmer, die Bandkeramiker (benannt nach den auffälligen Verzierungen ihrer Tongefäße), starteten ihren Siegeszug nach Westen und begründeten ein "goldenes Zeitalter".
Etwa um 5500 v. Chr. tauchten die Landwirte im Karpatenbecken auf. Mit Hirschhacken, Schaufeln und Saatgut im Gepäck kamen die Trupps in Fellbooten die Donau hochgeschippert. Schon kurz danach standen sie am Rhein und drangen weiter ins Pariser Becken und nach Nordrussland vor.
Ein knorriges Biotop empfing die Invasoren. Lindenwälder mit 30 Meter hohen Stämmen wucherten damals in Mitteleuropa. Unter dem dichten Blätterdach erstreckte sich im Schummerlicht kahler Boden. "Die frühen Bauern haben den Horizont nie gesehen", erläutert der Kölner Urgeschichtler Andreas Zimmermann.
Doch die Zwielichtzone war rasch entzaubert. Mit Steinäxten schlugen die Kolonisten Schneisen ins Dickicht. Grunzende Schweine, gepäppelt mit Eicheln und Bucheckern, suhlten sich auf den Lichtungen. Mit Hacken und Grabstöcken wurden die fruchtbaren Lössböden aufgerissen. Zwischen die Baumstümpfe säten die Landwirte Emmer und Einkorn.
Was für Arbeitswütige kamen denn da anspaziert? Verdutzt lugte die mesolithische Urbevölkerung aus dem Gebüsch. Als Jäger und Sammler waren sie Meister im Rumgammeln, nur Magenknurren brachte sie auf Trab. Nun jedoch hatten die einheimischen Freibeuter das Nachsehen. Ruck, zuck waren sie assimiliert oder abgedrängt.
Seit langem wird über den schnellen Vormarsch der Bandkeramiker spekuliert. Innerhalb von kaum 200 Jahren hatten die Körnerfresser den Kontinent erobert. "Das Phänomen macht uns echt Probleme", klagt der Kölner Vorgeschichtler Thomas Frank. Wo kamen all diese Brötchenbäcker her? Aus welchen Quellen speiste sich ihre raumgreifende Dynamik?
Pitman und Ryan glauben die Antwort zu kennen: Die Masseneinwanderung, behaupten die Forscher, sei aus schierer Not geboren worden. Ihrer Meinung nach waren die Urbauern Überschwemmungsopfer vom Bosporus.
Die Sintflut als Motor des Fortschritts? Schon allein diese These hat unter den Forschern für viel Streit gesorgt. Doch die Geologen aus den USA haben noch mehr Provokantes zu bieten: Sie gehen davon aus, dass der Kataklysmus sich ins kollektive Gedächtnis der Opfer einbrannte.
Schreiend und zeternd, nassen Hausrat auf dem Buckel, so das Szenario, flohen die Farmer aus ihrer Kornkammer am Schwarzen Meer. Schwer traumatisiert hätten sie die Flutmalaise weitererzählt und schließlich niedergeschrieben: erst im Gilgamesch-Epos, der ältesten Heldenschrift der Welt - dann in der Bibel, als Geschichte vom rechtschaffenen Noah und seiner Arche.
Mit dieser Verknüpfung wagen sich die Autoren an einen großen Mythos heran. Kaum eine andere Legende hat die Phantasie der Menschen so beeindruckt wie das nasse Inferno aus dem Alten Testament. Anlass für das Strafgericht (Genesis 6,5) ist Jahwes Enttäuschung über sein Ebenbild. Weil das Herz der Menschen "nur böse war immerdar", rächt sich der Allmächtige mit einem meteorologischen Tiefstausläufer. "40 Tage und 40 Nächte" prasselt der Regen. Schließlich waren "alle hohen Berge unter dem ganzen Himmel" mit Wasser bedeckt.
Einzig Noah erhält einen Tipp und baut - streng nach Vorschrift - eine dreistöckige Arche, "300 Ellen lang, 50 Ellen breit". Vieh, Gewürm und Vögel werden in dem mit Pech ausgestrichenen Kasten verstaut. Am Ende steigt der Kapitän mit seiner Großfamilie an Bord und schlingert davon.
Nach 150 Tagen klart der Himmel auf, die Wasser fließen ab. Die Arche läuft am Berg Ararat (in der heutigen Türkei) auf Grund. Sodann "tat Noah an der Arche das Fenster auf". Ihm bietet sich ein Bild des Jammers. Öd und leer, wie am ersten Tag, präsentiert sich die Welt. Die gesamte Schöpfung ist ertrunken.
Dann beginnt der Wiederaufbau. Drei junge Frauen sind an Bord - aus ihren Schößen stammen alle nachsintflutlichen Generationen. "Seid fruchtbar und mehret euch", ruft Gottvater den Überlebenden zu. Biologisch gesehen, ist Noahs Sippe der genetische Flaschenhals, durch den die Menschheit neu ersprießt.
Ohne Zweifel eine rigorose Geschichte. Eine Mischung aus Doktor Doolittle und Robinson Crusoe steckt in Noah. Die Geschichte paart Ursprungslegende mit Vernichtungshorror und moralischem Strafgericht. Doch steckt dahinter auch ein historischer Kern?
Das Arche-Noah-Problem
Bereits in der Antike meldeten sich die ersten Skeptiker zu Wort. Der Rettungskutter habe "höchstens vier Elefanten fassen können", meinte im 2. Jahrhundert der römische Philosoph Apelles. Wohin all das Wasser abgelaufen sei, wollte - im 5. Jahrhundert - der Bischof Theodoret von Kyros wissen.
Doch die Kirchenväter ließen solche Zweifel nicht zu. Im Jahr 1600 starb der Philosoph Giordano Bruno auf dem Scheiterhaufen. Er hatte, neben vielen anderen blasphemischen Äußerungen, die Realität der Sintflut geleugnet. Noch 1945 schrieb der Kanonikus des Linzer Domkapitels, Karl Fruhstorfer, dass es "uns nicht zusteht", das feuchte Geschehnis "naturwissenschaftlich näher zu bestimmen".
Dabei hatte die Kurie gerade von der Naturwissenschaft viel Unterstützung erfahren. Denn wie sonst, wenn nicht durch die Sintflut, so fragten sich die ersten Fossilienforscher, hätten versteinerte Fische in die Alpengipfel geraten können. Einwände, die auf einen Mangel an Platz und Futter in der Arche zielten, wischten die Bibelgläubigen mit dem Hinweis weg, die meisten Tiere seien in Form von Larven, Eiern und Puppen an Bord genommen worden.
So wogte es hin und her, vor und zurück, wie bei der Echternacher Springprozession. "Das Arche-Noah-Problem", sagt der Anthropologe Richard Milner, "erscheint uns heute als die absurdeste aller religiöswissenschaftlichen Debatten des 19. Jahrhunderts."
Aufgehört hat die Diskussion bis heute nicht. Der Geologe Ernst Tollmann aus Wien glaubt allen Ernstes, dass die Sintflut durch einen Kometeneinschlag ("an einem 23. September vor 9545 Jahren") hochgepeitscht wurde. Und der Hobby-Archäologe Ron Wyatt will am Ararat gar die petrifizierte Arche entdeckt haben - in Wahrheit ist es nur ein bootsförmig geformte Felsen.
Mit der neuen Schwarzmeer-These steht erstmals eine Theorie mit echter wissenschaftlicher Schlagkraft im Raum. Und die Formel ist einfach: Am Bosporus springt das Wasser über. Fred Feuerstein kriegt nasse Füße und wehklagt noch Jahrtausende später über die verlorene Heimat.
Nicht alle können sich mit dem schlichten Konzept anfreunden. Manfred Korfmann, Chefausgräber in Troja, passt die ganze Richtung nicht. Pitman und Ryan verbänden seriöse Forschung "reißerisch mit dem Mythos der Sintflut", meint er: "Da sind wir schnell bei Däniken."
Doch Korfmann verkennt den neuen Trend: Mythen, glauben mittlerweile viele seiner Fachkollegen, seien wie Kernobst. Man brauche nur die phantastische Schale abzukratzen, um auf den wahren Kern zu stoßen. Der Ethnologe Johann Jakob Bachofen formulierte es so: Legenden sind der symbolische Ausdruck gewisser Urerlebnisse.
Der Ansatz, kritisch abgefedert, kann durchaus inspirierend wirken. Kaum jemand bezweifelt heute mehr, dass der Turm von Babel wirklich gebaut wurde (Höhe: 90 Meter) und die Königin von Saba im Jemen lebte. Ob Atlantis, die Hydra oder der Menschen fressende Minotaurus - für viele Legenden haben die Forscher interessante profane Erklärungen vorgelegt.
Auch hinter den Flutsagen könnte eine geschichtliche Erfahrung stecken. Über 250 Hochwassermythen sind den Völkerkundlern bekannt. Ob bei den Ami in Taiwan, den Eskimos oder den Mayas - kaum ein Stamm, der in seinem eschatologischen Sagengut auf die große "Mandränke" verzichtet. Alles Zufall?
Die Meeresforscher hegen einen anderen Verdacht. Sie stufen die Flutmythen als Echo auf einen realen und weltumspannenden Klima-Umschwung ein: Um 130 Meter erhöhte sich seit Ende der letzten Eiszeit der Pegel der Ozeane. Dabei versanken acht Prozent der Landfläche.
Jetztmenschen, die mit Deichen das Meer bändigen und bei übergelaufenen Badewannen die Wasser-Assekuranz anrufen, mögen sich kaum vorstellen, wie schutzlos die frühe Menschheit dem Klimachaos ausgesetzt war.
Beispiel: Vor 18 000 Jahren, der Höchstphase des letzten Glazials, ragten die Gletscher bis nach Brandenburg. Ganz Mitteleuropa verwandelte sich in eine Todeszone. Homo sapiens musste das Feld räumen.
Dann tröpfelte und taute es. Das Kaspische Meer blähte sich auf das Vierfache seiner heutigen Größe. In der Sahara grünten Oasen. In Nordeuropa tauten kilometerdicke Gletscher ab. Es entstand eine Pfütze: die Ostsee.
Schließlich, um 10 500 v. Chr., brach die "Jüngere Dryas" über Europa herein. Fast 1000 Jahre lang war es kalt, es fiel kaum Regen. Das Schwarzmeer schrumpfte heftig - alles verdunstet. Ganze Landstriche im Nahen Osten verdorrten. Zwischen 6200 und 5800 v. Chr. folgte erneut eine Dürreperiode. Wieder wurde die Menschheit schwer dezimiert.
Doch ausgerechnet auf dieser Bühne der Wetterkapriolen inszenierte der Mensch seine größte Kulturleistung: Er wurde sesshaft.
Die neolithische Revolution
Zwei Millionen Jahre lang hatte der Zweibeiner von der Hand in den Mund gelebt. Unstet zog er durchs Biotop. Er erfand den Speer, um Wild zu erlegen, auf dem Rücken trug er das eingeklappte Fellzelt für die Nacht. Ein Bummler war er. Der australische Archäologenpapst Gordon Childe nannte ihn einen "Parasiten".
Dann jedoch ging es Schlag auf Schlag. Als wäre er der ewigen Klima-Malaisen überdrüssig geworden, stieg Homo sapiens ins produzierende Gewerbe ein. Über 100 000 Jahre hatte ihn die Eisklaue des Pleistozäns gebeutelt, die Bevölkerungszahl stagnierte auf niedrigem Niveau. Nun, mit den ersten lauen Winden, kam der ganz große Neuanfang.
In schneller Folge erfand der Mensch die Lehmhütte (um 9000 v. Chr.) und das Brennen von Tongefäßen (8000 v. Chr.). Er züchtete das erste Getreide (7600 v. Chr.) und päppelte das erste Ferkel im Stall (7000 v. Chr.). In der Architektur, bis dahin krumm und schief, kam der rechte Winkel in Mode.
"Neolithische Revolution" hat der Archäologe Childe diesen umstürzenden Wandel des Lebens genannt, der schließlich zu Wolkenkratzern und Gentech-Raps führte. Auch das Epizentrum des Fortschritts lässt sich genau lokalisieren. Ausgangspunkt der Entwicklung, gleichsam die Wiege des Ackerbaus, war der Raum südlich des Schwarzen Meeres.
Menschen, die bis dahin ruhelos durch die lichten Wälder gezogen waren, schufen mit Sicheln, Mahlsteinen und Backformen einen künstlichen Garten Eden - die Kornkammer im Nahen Osten.
Viel Plackerei und Mühsal kam mit der "aneignenden Wirtschaftsform" in die Welt. Der Weg von der Aussaat bis zum fertigen Brot umfasst rund 40 Arbeitsvorgänge - und keiner macht Spaß.
Gleichwohl hatte die neue Form der Selbstversorgung enorme Vorteile: Mit Getreide konnten auf engem Raum große Menschenmassen ernährt werden. Innerhalb kurzer Zeit nahm die Bevölkerungszahl im Ursprungsgebiet des Ackerbaus explosionsartig zu. Umso schlimmer waren dort später dann die Folgen der Jahrtausendflut.
Verblüffend ist allerdings auch, wie die Erfolgsstory der Steinzeitbauern einst begonnen hatte. Nach neuesten Funden aus Anatolien erscheint die Geschichte der Sesshaftwerdung plötzlich in ganz anderem Licht.
Bislang waren die Gelehrten sicher: keine Immobilie ohne Getreide. Erst das kalorienreiche Körnerfutter, so das Dogma, hätte es den Menschen ermöglicht, an einem Fleck zu wohnen, ohne zu verhungern.
Das ist offenbar falsch. Erst in jüngster Zeit sind im Nahen Osten vorsintflutliche Schutthügel aufgetaucht. Sie beweisen: Schon die Jäger und Sammler errichteten die ersten monumentalen Gebäude der Weltgeschichte.
Gleichsam im Zentrum der ersten Häuslebauer sitzt der Heidelberger Archäologe Klaus Schmidt. Er gräbt im Süden der Türkei inmitten einer karstigen Mondlandschaft, auf dem Schuttberg von Göbekli. In dem Hügel ist ein Bergheiligtum verborgen. Die Stätte ist 11 000 Jahre alt.
Zentnerschwere Vogelköpfe wuchtete das Grabungsteam aus dem Geröll. Reliefierte T-Kopf-Pfeiler sowie eine 40 Zentimeter lange Statue mit erigiertem Penis kamen zum Vorschein. Eines der Gebäude hat 1,40 Meter dicke Mauern. In einem nahe gelegenen Steinbruch liegt ein unfertiger Monolith. Käme der Klotz frei, würde er 50 Tonnen wiegen.
Angesichts solcher Entdeckungen ist die Theorie vom Korn kauenden Bauern als Erfinder der Immobilie zusammengekracht. Die Leute von Göbekli kannten weder Tontöpfe noch domestiziertes Vieh. Sie aßen kein Brot. Und sie haben in ihren Felskolossen nie gewohnt. "Auf dem Berg gibt es keinen Brunnen", erzählt Schmidt, "wir fanden weder Friedhöfe, Herde, Schlafstellen noch Wohnhäuser."
Kopfzerbrechen bereitet auch der zweite große Sensationsplatz der Vorzeit. Er heißt Çatal Hüyük und liegt in der Zentraltürkei. Dicht an dicht reihen sich an einem Flusstal die Häuser der Großsiedlung. Çatal Hüyük besaß weder Straßen noch Gassen. Über Leitern gelangten die Einwohner auf die Dächer ihrer Lehmkabuffs und von dort durch Luken in die Innenräume.
Grauenhafte hygienische Bedingungen mussten in den Steinzeit-Pueblos geherrscht haben. Geschätzte 2000 Familien lebten in den Buden. Kot, Abwässer, Speisereste fielen auf den Boden. Die Toten kamen in Freihöfe, in denen sie verwesten und von Geiern gefressen wurden. Blanke Skelette vergrub man unter den Betten.
Verwirrende Pflanzenanalysen, im Fachblatt "Science" veröffentlicht, zeigen, dass auch die Çatal-Hüyük-Leute noch keinen geregelten Ackerbau betrieben. In der Umgebung wuchs zwar Wildgetreide. Backformen oder Mahlsteine wurden jedoch nicht gefunden.
Rund 10 000 Menschen, eingepfercht in dunklen Katakomben, ohne Brot - wie konnten diese Menschen überleben? "Çatal Hüyük", sagt der britische Grabungsleiter Ian Hodder, "treibt die Idee des Dorfes zur logischen Absurdität."
Mittlerweile haben die Prähistoriker eine Erklärung für das Phänomen. Die frühen Großdörfler des 10. bis 7. Jahrtausends lebten von einer hoch spezialisierten Jagdform. Sie trieben komplette Gazellenherden in kilometerlange, V-förmig aufgebaute Mauern.
Bei der Hatz mit den Riesenfallen fiel schlagartig tonnenweise Fleisch an. Um es vor Raubtieren und feindlichen Clans in Sicherheit zu bringen, so die Vermutung, sei es in befestigten Häusern geräuchert und gelagert worden. Schmidt zufolge war das Bergheiligtum von Göbekli eine gigantische Speisekammer: "Im Zentrum standen die Tempel, an der Peripherie lagen die Fleischhäuser."
Solche Konservenstädte, errichtet von Gazellenjägern, waren demnach die Keimzellen des Fortschritts. Erst diese Vorform der Sesshaftwerdung schuf den Freiraum zum Experimentieren mit dem Getreideanbau.
Neue Datierungen zeigen, dass die entscheidenden Zuchtverfahren im Umkreis der Fleischpaläste von Göbekli Tepe abliefen. Ob Kichererbe, Gerste oder Linse - die Urformen der ersten Nutzpflanzen stammen aus der Kernregion in der Südosttürkei und Nordsyrien (siehe Karte Seite 266).
Es sind diese Orientalen vom Oberlauf des Euphrat, die schon vor der Sintflut ihre landwirtschaftlichen Flächen immer weiter ausdehnten. Um 7000 v. Chr. begann ein erster, noch zaghafter Ausfall aus dem Gebiet des Fruchtbaren Halbmonds.
Über den trocken liegenden Bosporus rückten die asiatischen Sichelschwinger langsam nach Norden vor. Etwa um 6000 v. Chr. war das heutige Jugoslawien erreicht. Eine andere Gruppe zog entlang des Mittelmeers Richtung Spanien.
Der Umsturz aller Traditionen, den die heranstürmenden Bauern auslösten, war so tief greifend, dass er sich offensichtlich auch in der Bibel an zentraler Stelle niederschlug. Die ersten Seiten der Heiligen Schrift lesen sich wie ein Echo auf die realen Umbrüche am Beginn der Jungsteinzeit:
* Im 1. Buch Mose 3 muss Adam das Paradies verlassen (als dessen Grenzfluss der Euphrat genannt wird). Fortan erntet er im "Schweiße seines Angesichts" Feldfrüchte.
* Im nächsten Kapitel geraten zwei Prototypen der sesshaften Wirtschaftsform aneinander. Kain, der Ackermann, erschlägt Abel, den Viehhalter.
Dann folgt die Geschichte Noahs. Womöglich ist auch sie ein märchenhaft verschwommener Reflex auf eine reale Naturkatastrophe. Am Ararat läuft die Arche auf Grund - und rückt das Geschehen damit nach Kleinasien.
Doch was geschah damals an den Ufern des Schwarzen Meeres? Wie viele Menschen lebten an seinem Gestade? Wie sahen die Opfer der großen Flutwelle aus?
Ausgerechnet die Nahtstelle zwischen Europa und Asien erstreckt sich immer noch wie ein weißer Fleck auf der Landkarte der Archäologen. Jahrzehntelang waren Anrainerstaaten des Schwarzmeeres den westlichen Forschern verschlossen. Das Gebiet sei "praktisch unerforscht", sagt Hermann Parzinger vom Deutschen Archäologischen Institut in Berlin.
Erst in jüngster Zeit wendet sich das Blatt. Die Umgebung der steinzeitlichen Super-Katastrophe wird langsam erschlossen:
* Beim türkischen Kirklareli wurde eine 150-Mann-Siedlung rekonstruiert, die fast an eine Großbäckerei erinnert. In dem
Steinzeit-Ort wurden ganze Batterien von Öfen freigelegt.
* Im bulgarischen Drama, 80 Kilometer von der Küste entfernt, haben Forscher ein vorsintflutliches Dorf freigelegt. Die Bauern dort waren Meister des Weizenanbaus, sie hüteten Rind, Schaf und Ziege und lebten in rechteckigen Lehm-Datschas, die sorgsam mit Kalk verputzt waren.
"Die Besiedlung des Schwarzmeergebiets muss bereits ungewöhnlich dicht gewesen sein", meint der Archäologe Bertemes, "das nächste Dorf liegt nur vier Kilometer entfernt."
Diese Beobachtung stimmt gut mit anderen Befunden überein. Die letzten Jäger und Sammler in Mitteleuropa brachten es nur auf eine Besiedlungsdichte von 0,1 Einwohner pro Quadratkilometer.
Mit den Getreidebauern der Bandkeramik kam es dann zu einer gewaltigen "Bevölkerungsexplosion", wie der Prähistoriker Zimmermann erklärt: "Die Zahl der Menschen stieg ums 20fache an."
Anhand dieser Zahlen lässt sich grob abschätzen, wie viele Bosporus-Bauern von der Sintflut überrascht wurden. Bei einer Dichte von zwei Einwohnern pro Quadratkilometer hätte die Wasserwalze rund 200 000 Menschen heimatlos gemacht.
Ryan und Pitman gehen davon aus, dass die neolithischen Bewohner der Schwarzmeerregion "Fürchterliches" erlebten: "Mindestens 300 Tage lang jagten die Wassermassen mit unbändiger Kraft durch das Bosporustal." Jeden Tag stürzten etwa 50 Kubikkilometer Frischnass über die Schwelle - das entspricht dem Inhalt des Bodensees. Der Pegel im Schwarzen Meer stieg täglich um etwa 15 Zentimeter.
Alle Uferbewohner waren sofort betroffen. Ihre Lehmbuden liefen mit Wasser voll. An der flachen Nordküste war das Problem besonders heftig. Hier kam die Flutwelle blitzartig voran. Die Leute mussten täglich etwa 400 Meter weglaufen.
Mit brausender Gewalt stürzte aufgewirbelter Dreck, dazu Meeresschnecken und Fische in das Süßwasser-Bassin. Wer sich auf einen zu flachen Berg flüchtete, konnte Probleme kriegen. Untermalt wurde der Horror durch das dunkle Grollen der herabstürzenden Wassermassen. "Wer das erlebt hat", sagt Pitman, "der ist mit Sicherheit weit, weit weggezogen."
Vieles an diesem Szenario ist noch wackelig. Der britische Archäologe Douglass Bailey von der Universität Cardiff bezweifelt, "dass es so dramatisch war".
Gleichwohl sind die Forscher aufgeregt. Denn ungefähr zu der Zeit, als die Katastrophe passierte, tauchten die bandkeramischen Heerscharen aus dem geschichtlichen Dunkel auf. Bis zu 40 Meter lange Häuser errichteten diese Farmer in Europa.
Abenteuerlust und Nahrungskrisen wurden bislang als Triebkraft der Invasion genannt. Nun müssen die Fachleute eine neue These ins Kalkül ziehen: einen Exodus durch die Sintflut.
Was die Experten vor allem irritiert: Hunderte von frühen Gräbern der Bandkeramiker sind mit Schmuck aus Spondylus-Muscheln gefüllt. Reiche Landwirte ließen sich mit Armringen, Lochperlen und Ohrclips bestatten. Der Rohstoff muss extrem kostbar gewesen sein. Die handtellergroße Spondylus-Art Lazarusklapper lebt im Mittelmeer.
In einer noch unveröffentlichten Untersuchung hat der Landshuter Prähistoriker Alexander Binsteiner Dutzende der schillernden Grabfunde untersucht. Für ihn steht fest, dass der Muschel-Nachschub über ein "Fernhandelsnetz" in den Norden gelangte: "Die Leute sind mit Einbäumen oder Fellbooten über Donau und Schwarzmeer bis in die Ägäis gefahren."
Merkwürdigerweise findet sich das Muschel-Gepränge aber nur in der Frühphase der Bandkeramiker. Um 5300 v. Chr. versiegte der bizarre Fernhandel. Womöglich, spekuliert Binsteiner, pflegten die Ur-Bauern anfangs noch gute Kontakte in die alte
Heimat. Diese Beziehung könnte dann nach einigen Generationen abgebrochen sein.
Stammten die Bandkeramiker mithin aus dem Osten? Waren es, wie Pitman und Ryan glauben, in die Diaspora getriebene Überschwemmungsopfer?
"Wir könnte hier etwas extrem wichtiges entdeckt haben", meint Bailey. Und auch der Urgeschichtler Zimmermann gerät ins Grübeln: "Vielleicht war die Schwarzmeer-Flut ein Mitauslöser für das Ankurbeln des Ackerbaus in Europa."
Und auch der Sintflut-Mythos könnte hier seinen Ursprung haben. Klar zumindest ist, dass die biblische Noah-Geschichte, wie sie im 1. Buch Mose ausgebreitet wird, keine Erfindung der Juden ist. Die Story basiert auf wesentlich älteren Vorläufergeschichten aus dem Zweistromland.
Im alten Orient war die Flutgeschichte weit verbreitet. Schüler lernten sie in den Schreibschulen. Frauen erzählten sie den Kindern beim Spinnen. Vom Ober- bis zum Unterlauf des Tigris kursierte die Geschichte von dem urzeitlichen Wasser-Inferno.
Assyrer und Babylonier kannten eigene Varianten der Erzählung. Selbst in der Hethiter-Hauptstadt Hattusa wurde ein Sintflut-Text entdeckt. Der Fundort (in Zentralanatolien) liegt nur 160 Kilometer vom Saum des Schwarzen Meeres entfernt.
Die berühmteste Fassung aber stammt vom Zaubervolk der Sumerer. Die Kulturgenies vom Euphrat, die (um 3000 v. Chr.) Schrift, Mathematik und den Bollerwagen erfanden, benutzten ihre Tontafeln, Griffel und Stempelzeichen wahrscheinlich als Erste, um das Geschehen aufzuzeichnen.
Wortmächtig wird auf Tafel 11 des Gilgamesch-Epos ein fieser Götterplan präsentiert. Weil die Menschen zu viel Lärm machen, sollen sie ersäuft werden - ein Reflex auf die extreme Bevölkerungszunahme in Metropolen wie Ur und Uruk, die sich bereits um 3000 v. Chr. zu Boomtowns entwickelten.
Der dortige Flutheld Utnapischtim wirkt wie der Zwillingsbruder von Noah. Auch er wird von einem Gott gewarnt. Auch an ihn ergeht der Auftrag: "Baue ein Schiff ... bringe den Samen aller lebenden Dinge an Bord." Wie Noah sendet er Vögel aus, um Land zu suchen, ehe sein Kahn am Berg Nisir (nordöstlich von Bagdad) auf Grund läuft.
Bis heute konnten die Wissenschaftler nicht enträtseln, wann die Gilgamesch-Sage erstmals niedergeschrieben wurde. Doch es gibt eine Orientierungsmarke. Im Schutt von Ninive stießen die Archäologen auf eine alte Herrscherliste. Sie weist Gilgamesch als König der 1. Dynastie von Uruk aus.
Der geheimnisumwitterte Regent lebte demnach um 2650 v. Chr. Zu der Zeit stand in Ägypten noch nicht eine Pyramide.
Aus welchen Wurzeln sich der Schreckensbericht speiste, wird sich kaum je beweisen lassen. Wenn die Keilschrifttexte wirklich auf der Bosporus-Flut basieren, dann hätte sie über eine Zeitspanne von etwa 3000 Jahren mündlich tradiert werden müssen. Bertemes hält das für durchaus denkbar. Auch der Frankfurter Altorientalist Thomas Krähter vermutet einen "Fakten-Kern" in der Geschichte. In Mesopotamien sei "ein und dieselbe Flutsage" fast manisch "immer wieder neu erzählt und umgestaltet worden. Dahinter könnte eine reale Schockerfahrung stecken".
Genauso gut kann die Geschichte von Utnapischtim auf eigene leidvolle Erlebnisse Bezug nehmen. Wie kaum ein anderes Volk haben die Sumerer, eingezwängt zwischen den Flüssen Euphrat und Tigris, mit der zerstörerischen Kraft des Wassers Bekanntschaft gemacht. Die Stadt Uruk zum Beispiel wurde um 3200 v. Chr. unter einer 2,50 Meter hohen Schlammflut begraben.
Einige Experten hegen zudem eine prinzipielle Skepsis. Geschichten wie das Gilgamesch-Epos würden Theogonien und Lehren von der Weltentstehung enthalten, meint der Heidelberger Assyrologe Stefan Maul. Diese sinnstiftende Großliteratur mit einem historischen Protokoll zu verwechseln, sei absurd.
Fahndung im Flutgebiet
Den Tatmenschen Ballard ficht solche Kritik nicht an. Mit Aqua-Power und modernsten Unterwassergeräten (und dem Geld des Hauptsponsors, der "National Geographic Society") will er endlich Klarheit in die Fama vom Regenguss bringen.
In seinem "Institute for Exploration" im amerikanischen Mystic hat der Tauchstar diffizilstes Schwimmgerät entwickelt. Seine Automaten, Rov ("remotely operated vehicles") genannt, können bohren und greifen. Sie liefern gestochen scharfe Bilder vom Meeresgrund, und sie lassen sich zentimetergenau dirigieren.
Fast fünf Wochen lang zog der US-Schnorchler mit Sonar und Echolot seine Kreise über der potenziellen Verwüstungszone im Schwarzen Meer. Erst Ende Oktober traf die "Northern Horizon" wieder in ihrem Heimathafen im englischen Hull ein. Die Mietgebühr für das Schiff lag bei täglich 13 000 Mark.
Derzeit sitzt das Team im Winterquartier und bereitet den nächsten Schlag vor. Gemeinsam mit dem "Massachusetts Institute of Technology" wird ein Tauchgerät entwickelt, das sich ferngesteuert in den Schlick graben kann. Im Sediment verborgene Artefakte sollen damit aufgespürt und geborgen werden.
Archäologe Hiebert brennt bereits darauf, den neuartigen Untersee-Maulwurf an dem mysteriösen "Fundplatz 82" einzusetzen. Er ist sicher, dass unter dem Sediment ein steinzeitliches Bauerngehöft versteckt liegt. Fluttheoretiker Pitman gibt dem Team gute Chancen: "Das Schwarze Meer ist eine einzigartige archäologische Schatzkammer."
Auch der Termin für die nächste Expedition steht schon fest. Im Jahr 2002 wird der Trupp erneut ins vorgeschichtliche Katastrophengebiet vorstoßen. Mag die Arche auch verrottet sein - Indizien auf die Flutopfer, so die Hoffnung, müssten sich dennoch finden lassen.
Ballard jedenfalls ist optimistisch. "Jeder Mythos, auch die Legende von der Sintflut, hat einen wahren Kern", tönt der Froschmann und blättert grimmig in der Heiligen Schrift. Vor 15 Jahren, mit der Entdeckung des "Titanic"-Wracks, brachte er Licht in die größte Tragödie der modernen Seefahrt.
Nun schickt sich der Tauchstar an, eines der letzten Rätsel der Menschheit zu enthüllen: die Schlingerfahrt der Arche Noah. MATTHIAS SCHULZ, BERNHARD ZAND
Die Bandkeramiker
Begründer der ersten großen Bauernkultur Europas (5800 bis 4500 v. Chr.)
* Gründung von Dörfern und Errichtung von Langhäusern
* Anbau von Emmer, Einkorn, Gerste, Mohn und Flachs
* Betrieb von Feuersteinbergwerken
* Vielzahl von Kultfiguren aus Ton; Hinweis auf kannibalische Riten
Tauchstar in der Tiefe
In über 100 Expeditionen gelangen Robert Ballard spektakuläre Entdeckungen
* 1977: Erste Tauchfahrt zu einer heißen Tiefseequelle mit bis dahin unbekannter Fauna
* 1985: Das "Titanic"-Wrack wird in 3740 Meter Tiefe aufgespürt
* 1989: Ortung des deutschen Weltkrieg-II-Schlachtschiffs "Bismarck"
Das Gilgamesch-Epos
Die erste schriftliche Überlieferung
der Sintflut
* Die ältesten Originale des Gilgamesch-Epos stammen aus der 1. babylonischen Dynastie (2232 bis 1933 v. Chr.)
* Der dortige Flutheld Utnapischtim baut nach Anweisung der Götter ein Schiff
* Die Flut dauert sechs Tage und ertränkt die "ganze Menschheit"
* Oben: vor wenigen Wochen fertig gestellte Rekonstruktion im Tiergarten Straubing in Bayern; rechts: mit dem Langhaus-Erbauer Robert Pleyer. * Computerrekonstruktionen. * Katalanische Buchmalerei um 970 n. Chr.
Von Matthias Schulz und Bernhard Zand

DER SPIEGEL 50/2000
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