11.12.2000

„Unvorstellbar lautes Tosen“

Der Geologe Burkhard Flemming über neue Beweise für die vorzeitliche Sintflut am Schwarzen Meer
Flemming, 56, ist Leiter der Abteilung Meeresforschung am Senckenberg-Institut in Wilhelmshaven. -------------------------------------------------------------------
SPIEGEL: Herr Professor, versunken im Schwarzen Meer, in hundert Meter Tiefe, wurden höchstwahrscheinlich Steinzeitsiedlungen gefunden. Hat Sie diese Entdeckung überrascht?
Flemming: Überhaupt nicht. Wir wissen, dass dieses Gewässer bis vor etwa 7500 Jahren ein Süßwassersee war und erst durch ein plötzliches Geschehen, eine katastrophenartige Überschwemmung, mit Meerwasser voll lief.
SPIEGEL: Mit dieser Behauptung haben auch die Sintflutforscher Ryan und Pitman für Aufsehen gesorgt.
Flemming: Walter Pitman und William Ryan sind renommierte Wissenschaftler. Ihre Arbeit ist 1997 im Fachblatt "Marine Geology" erschienen und hat ein großes Echo ausgelöst. An der Untersuchung waren türkische, bulgarische und russische Kollegen beteiligt. Alles deutet darauf hin, dass sich am Schwarzen Meer ein jäher Wassereinbruch ereignete.
SPIEGEL: Worauf stützt sich diese Erkenntnis?
Flemming: Schon in den achtziger Jahren entdeckten sowjetische Geologen vor der Südküste der Krim alte Strandablagerungen auf dem Meeresgrund. Mehr Beweiskraft haben die neuen Sediment-Analysen: Rund 120 Meter unter der Meeresoberfläche befinden sich im Sand Süßwassermuscheln. Darüber folgt eine grünliche Schlammschicht, in der plötzlich marine Mollusken auftauchen.
SPIEGEL: Sind das Reste jenes Gewürms, das vom Katastrophenstrudel mitgerissen und durch den Bosporus gespült wurde?
Flemming: Die abgestorbenen Meerestiere sind allesamt etwa 7500 Jahre alt. Wir müssen davon ausgehen, dass die Muschellarven in ganz kurzer Zeit ins Schwarze Meer eingetragen worden sind. Der Wasserspiegel ist rapide und sprunghaft angestiegen - und zwar um rund 70 Meter.
SPIEGEL: Wie konnte es zu solch einem Desaster kommen?
Flemming: Alles begann vor 18 000 Jahren. Damals war die Höchstphase der Vereisung erreicht. An den Polen türmten sich gigantische Eispanzer. Vor 18 000 Jahren konnte man noch trockenen Fußes nach Australien wandern. Zwischen Sibirien und Alaska lag eine Landbrücke. Die Ostsee existierte nicht.
SPIEGEL: Dann tauten die Gletscher allmählich ab.
Flemming: Richtig. Unsere Kurven zeigen, dass der Meeresspiegel wegen der ständigen Zufuhr von Schmelzwasser seit der letzten Eiszeit um etwa 130 Meter gestiegen ist. Dabei gingen Millionen Quadratkilometer Land unter.
SPIEGEL: Wie sah es damals am Bosporus aus?
Flemming: Das war eine trockene, lang gestreckte Felsschlucht, eine Art Canyon. Tiefenmessungen haben ergeben, dass diese Wasserstraße sehr flach ist. Das Grundgebirge ragt bis 85 Meter unter die Wasseroberfläche. Am Ende der Eiszeit hätten Sie zwischen Asien und Europa hin- und herwandern können.
SPIEGEL: Und an diesem Damm brach das ansteigende Mittelmeer durch?
Flemming: Immer langsam. Zuerst musste das Wasser aus dem Mittelmeer noch eine andere Schwelle überschreiten. Denn auch die Dardanellen wirkten als Barriere. In den Tälern dieser Felsspalte lag Geröll und Lockergestein. Als der globale Meeresspiegel nur noch rund 60 Meter unter dem heutigen Niveau lag, passierte es: Der Geröllpfropf wurde gesprengt, das Wasser ergoss sich ins Marmara-Becken.
SPIEGEL: Wann passierte das?
Flemming: Vor etwa 12 000 Jahren.
SPIEGEL: Und dann?
Flemming: Der Meeresspiegel stieg weiter an und drückte gegen die nächste Schwachstelle: den Bosporus. Schließlich schwappte das Wasser auch über diese Dammkrone und ergoss sich in die südrussische Tiefebene.
SPIEGEL: Ryan und Pitman haben errechnet, dass pro Tag etwa 50 Kubikkilometer Wasser über die Felsschwelle herabstürzten.
Flemming: Das ist durch den enormen Höhenunterschied zu erklären. Das abgeschottete Schwarzmeer lag zu der Zeit etwa 120 Meter unter dem heutigen Niveau. Das Tosen muss unvorstellbar laut gewesen sein.
SPIEGEL: Superwasserfälle, ein überschäumender Ozean - das klingt alles ziemlich gruselig.
Flemming: Wir wissen von viel dramatischeren Ereignissen. Im Miozän, vor sechs Millionen Jahren zum Beispiel, war das Mittelmeer über längere Zeit vom Weltozean abgeschnitten. Es verdampfte völlig, der Meeresboden fiel trocken. Übrig blieb eine Wüste mit endlosen Feldern von Steinsalz.
SPIEGEL: Zu der Zeit lebten aber noch keine Menschen. Das Schwarzmeerdebakel dagegen spielt in der Frühphase des Ackerbaus.
Flemming: Von diesem Geschehen waren in der Tat auch neolithische Siedler betroffen. Wir müssen davon ausgehen, dass der gesamte Küstensaum unterging. Pro Tag stieg das Wasser um einige Dezimeter.
SPIEGEL: Konnten die Anrainer fliehen?
Flemming: Das hängt vom Standort ab. In flachen Ebenen, denken Sie ans Wattenmeer, kann sich Flutwasser sehr schnell ausbreiten. Da haben Sie kaum eine Chance.
SPIEGEL: War dieses Unglück der Anstoß für die Sintflut-Saga?
Flemming: Die Verbindung mit der Bibel ist spekulativ, aber durchaus plausibel. Zeitlich fällt das Ereignis in die frühe Phase der Sesshaftwerdung der Menschheit. Ich halte es für möglich, dass die Geschichte von der Arche Noah unter anderem von diesem Ereignis genährt wurde.
SPIEGEL: Das würde bedeuten, dass die Story mindestens drei Jahrtausende lang mündlich weitergereicht wurde.
Flemming: Ja, und? Flutlegenden finden sich bei vielen Völkern. Um tradiert zu werden, muss ein Ereignis beeindruckend, beängstigend und von kolossaler Dimension sein. Heute wissen wir: Die jüngste Erdgeschichte hat Katastrophen solchen Kalibers produziert - und zwar zuhauf.

DER SPIEGEL 50/2000
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