11.12.2000

GESTORBENH. C. Artmann

H. C. Artmann, 79. Die Sprache als erogene Zone, der Autor als "Kuppler und Zuhälter von Worten", die Welt als Gedicht und Phantasie - der Hans Carl Artmann aus Wien war ein poetisches Urgestein, zerklüftet, himmelstürmend, hin- und hergerissen zwischen der Melancholie und dem Makabren, zwischen wütendem Witz und barocker Allüre. Mit einem schwarzblütigen Knaller, mit dem Mundartgedichtband "med ana schwoazzn dintn", hatte er 1958 Aufsehen erregt; aus den Kellern der Wiener Avantgarde stieg er auf das Dichterross, das ihn durch die Welt und durch zwei Dutzend Sprachen führte. So wurde er auch ein genialischer Übersetzer, lyrisch wie dramatisch. Früh schon wollte der Wiener Schusterssohn nicht bei den Leisten bleiben, das k. u. k. Multikulti-Ambiente weckte seine Sprachlust, der Autodidakt wurde zur Autorität, zum "Kurfürstlichen Sylbenstecher", wie er sich selber hieß; ein selbstironischer Dandy war er auch. Eine stattliche Zahl von Gedicht- und Prosabänden hinterlässt Artmann, spät wurden ihm Ehrungen zuteil, 1974 der Große Österreichische Staatspreis, 1997 der Georg-Büchner-Preis, einen Dr. h. c., passend zum Vornamen-Kürzel, bekam er auch. H. C. Artmann starb am 4. Dezember in Wien.

DER SPIEGEL 50/2000
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