25.12.2000

DROGENGrausam wie die Roten Khmer

Internationale Mafiosi und afrikanische Dealer drücken die Ghetto-Droge Crack, gefährlichstes aller Rauschgifte, verstärkt auf den Markt. Kokain verhalte sich zu Crack „wie ein Moped zu einem Panzer“, warnen Experten. Polizei, Justiz und Ausländerämter reagieren hilflos. Von Jochen Bölsche
Knackarsch" und "Hurenbock", "Thai-Lover" und "Mabuse" haben es schon spitzgekriegt: Auf Deutschlands Straßenstrich hat sich in letzter Zeit vieles verändert.
Die Autofreier mit den Aliasnamen, die auf Websites wie "www.hurenforen.de" schlüpfrige Tipps und Warnungen austauschen, haben die Erfahrung gemacht: Die Straßenmädchen in den großen Städten sind geldgeil wie nie zuvor.
Am Bordstein stünden "im Gegensatz zu früher fast nur noch Junkies", meldet ein Hamburger namens "Andi" aus dem Rotlichtviertel hinterm Hauptbahnhof. Viele Frauen, so schreiben andere, seien nicht mehr von Heroin abhängig, sondern von einer neuartigen Droge, die ständig konsumiert werden müsse und deren Beschaffung sie dauernd auf Trab halte.
Uneins sind sich die Hurenkunden, ob das Auftauchen des mysteriösen Stoffs ihnen eher schadet oder nutzt.
Experte Andi warnt entschieden vor dem neuen Drogenstrich: "Beschissen
wirst Du da ohne Ende ... Im Internet kannst Du viel besser Kontakte knüpfen."
Auch im Frankfurter Bahnhofsviertel, auf den nach Urin stinkenden Straßen zwischen Sex-Shops und Kebab-Häusern, werde "die Situation immer schlimmer", echot einer, der im Internet den Tarnnamen "Blondinenfreund" führt: "Die meisten Abhängigen sehen inzwischen so furchtbar aus, dass einem jede Lust vergeht."
Andere Freier wiederum frohlocken zynisch, die verstärkte Drogengier der "Babynutten" sei für die Strichgänger nur von Vorteil. Die Kunden könnten den von Entzugsstress und Geldnot gequälten Prostituierten öfter mal den Preis diktieren oder auf einer Nummer "ohne Gummi" bestehen.
Neulich zum Beispiel, plaudert ein "MartinXY" im Internet aus, habe er im Frankfurter Bahnhofsviertel eine "Carola, 24 Jahre alt", zum Tiefpreis von 40 Mark "aufgegabelt und es nicht bereut". Getroffen hat er die Süchtige "in der Pizzeria neben dem ,Druckraum''".
Einrichtungen wie dieser "Druckraum" bergen das Geheimnis, warum sich der Straßenstrich in Deutschland in jüngster Zeit dramatisch gewandelt hat.
In den Häusern mit den so genannten Konsum- oder Hygieneräumen, in denen harte Drogen mit staatlicher Duldung injiziert ("gedrückt") werden dürfen, ist das bislang vorherrschende Heroin binnen weniger Monate durch einen anderen Stoff von seinem Spitzenplatz verdrängt worden. Die Novität gilt als "gesund", weil sie nicht gespritzt werden muss, sondern geraucht werden kann - Crack.
Der Name, der das Knacken und Knastern des grauweißen, streichholzkopfgroßen "Steins" in der Pfeife lautmalt, steht nicht für irgendeine neue Partypille, sondern für ein Rauschgift, dessen Suchtpotenzial das aller bekannten Drogen übertrifft.
Wer die vermeintliche Billigware - die Portion zu Preisen zwischen 5 und 20 Mark - inhaliert, erlebt eine kurze Phase hellster Euphorie, die rasch von einem Zustand düsterer Depression und übermächtiger Gier nach dem nächsten Kick abgelöst wird.
"Crack wirkt schneller, dafür aber nur wenige Minuten. Danach sind die Frauen depressiv und brauchen sofort neues Crack", sagt die Sozialarbeiterin Marion Fischer aus dem "Café Sperrgebiet", einer von vielen Beratungsstellen in St. Georg, dem Hamburger Bahnhofsviertel.
Mancher Konsument rauche "pro Stunde drei bis vier Pfeifen, und das vier bis fünf Tage lang rund um die Uhr", hat Drogenhelfer Peter Möller vom nahen "Drob Inn" beobachtet. Der Zwang, nahezu im Stundentakt Geld für den nächsten Kick zu beschaffen, pro Tag bis zu 800 Mark, treibt Crack-Abhängige permanent auf den Strich - und zwingt sie dort immer häufiger zu Zugeständnissen.
"Die machen es schon für einen Zehner ohne Kondom", ärgert sich eine altgediente Kollegin über die stets gereizt und hektisch wirkenden Teenies, die ihr die Preise verderben. "Sieben Kerle mache ich am Tag, mindestens", verrät eine 19-jährige Hamburgerin, die täglich rund 600 Mark für Drogen ausgibt - vor allem für Crack, aber zwischendurch auch für Heroin. Das nimmt sie, wie viele andere Frauen vom Strich, um nach tagelangem Beschaffungsstress "wieder ruhiger zu werden".
Die kristallinen "Steine", die wie vertrockneter Keksteig aussehen, werden mit Hilfe von Ammoniak oder Natron aus Kokain hergestellt. Die Wirkung des pulverisierten Kokains und des krümeligen Crack unterscheidet sich allerdings ebenso sehr voneinander wie der Kokainschnupfer aus der Champagner-Schickeria vom verelendeten Crack-Raucher im Schattenreich der Schmuddelviertel.
Nicht nur, dass Crack Paranoia, Psychosen und Herzversagen auslösen kann und die Ammoniakreste in den Steinen die Atemwege schädigen. Weil Kokainpulver vor allem über die Nasenschleimhaut ins Blut gelangt, Crack aber über die sehr viel größere Lungenoberfläche, stellt sich beim Raucher die euphorisierende Wirkung besonders schnell ein - und damit auch eine hochgradige psychische Abhängigkeit.
"Nach dem ersten Zug war ich der Droge verfallen", berichtet der Liedermacher Konstantin Wecker, 53, der jahrelang nicht nur Kokain gesnieft, sondern auch Crack probiert hat. Die Wirkung von geschnupftem zu gerauchtem Kokain verhalte sich "wie ein Moped zu einem Panzer", bestätigt Wolfgang Götz vom Berliner Therapiezentrum "Kokon". Die Elendsdroge mache "am allergierigsten auf diesem Planeten".
Nach brasilianischen Untersuchungen stirbt jeder fünfte Crack-Süchtige an den grausamen Auswirkungen der Droge. "Crack kills", fasst die "Medical Tribune" die einschlägigen Erfahrungen zusammen.
Gar nicht mal allzu überzogen wirkt da ein Vergleich, den der Karikaturist und Schriftsteller Walter Moers zieht: "Crack-Atome gelten als die Roten Khmer unter den Drogenmolekülen", schreibt er: "Sie dringen überfallartig ins Gehirn ein und killen dort alles, was sich bewegt. Das überträgt sich auf die Konsumenten: Man möchte am liebsten irgendwo eindringen und dort alles killen, was sich bewegt."
Jedenfalls ist bei Crack-Usern "die Aggressivität enorm hoch - in allererster Linie untereinander, aber auch gegen das Personal", hat Birgit Wichelmann-Wirth erfahren, die Leiterin des Frankfurter "Café Fix". "Ein unerwartetes Geräusch, und die Leute rasten aus", sagt Norbert Dworsky vom Hamburger Drogenzentrum "Fixstern", das inzwischen den Crack-Konsum in seinen Räumen untersagt und zur Durchsetzung des Verbots zwei private Wachmänner angestellt hat.
Das permanente Pendeln zwischen Himmel und Hölle mache die Abhängigen "fast verrückt, psychotisch, hibbelig, suizidal", schildert "Drob Inn"-Chef Möller. Manchmal setze es schon Streit, "wenn bloß ein Markstück auf den Fußboden fällt": "Da können Nasenbeine brechen, da holt auch mal einer das Messer raus."
Zwei Drittel der Crack-Konsumenten, heißt es in einer Studie der Frankfurter Uni-Klinik, litten unter Verfolgungsängsten, 50 Prozent unter Halluzinationen - Folgen, die nach Crack-Gebrauch noch "häufiger und intensiver" als nach Kokainkonsum auftreten. Manche Patienten landen in der Nervenheilanstalt: Verwirrte, die sich den Kopf amputieren lassen wollen, weil sie in ihrem Gehirn Termiten vermuten, oder die sich die Haut aufschlitzen, um in den Wunden nach Würmern und Käfern zu suchen.
Als naiv erweist sich bald die Ansicht von Erst-Usern, die neue Droge sei billig. Trotz des niedrigen Portionspreises komme das Kokainderivat auf Grund der hohen Konsumfrequenz "letztendlich wesentlich teurer als Heroin", sagt die Sozialpädagogin Anke Parey von der Hamburger Hurenberatungsstelle "Ragazza". Auf der Hetzjagd nach dem nächsten Geldschein sind die obdachlosen Crack-Zombies bisweilen hundert Stunden und länger auf den Beinen, bis der Schlafentzug sie zusammenbrechen lässt.
"Den typischen Crackie", erzählt ein Drogenhelfer, "erkennt man an stark geweiteten Pupillen - wir sagen dazu Tellerminen -, am torkelnden Gang, an abgelatschten Schuhen, an offenen Wunden an den Füssen, an diesem ewigen Gehuste."
Wer vor Erschöpfung umfällt, oft mitten auf der Straße oder in einem Hauseingang, wird nicht selten von anderen Süchtigen ausgeplündert - manchmal bis zum letzten Piercingstecker und bis zum letzten Fingerring. Die Szene kennt kein Mitleid und keine Solidarität, Lug und Trug zählen zur Überlebensstrategie.
Wenn die Crack-Wracks nach dem Zusammenbruch in einem der Drogentreffs auftauchen, registrieren die Helfer, wie "Drob Inn"-Krankenpfleger Amadeus von der Oelsnitz berichtet, "alle möglichen Elendserkrankungen, Parasitenbefall, Mangelernährung, Dehydrierung, Zahnausfall, Herzkrankheiten".
Männliche Crack-User beschaffen sich das Geld für den Stoff zumeist als Büro- und Ladendiebe, Stricher oder Straßenräuber. Viele werden schnell kriminell:
* In Hamburg, wo im Drogenviertel St. Georg auf jeweils 1000 Einwohner 1775 Straftaten pro Jahr kommen, erwischte die Polizei einen 16-jährigen Crack-Raucher, der gerade SS-Runen in ein Auto geritzt und versucht hatte, einer Passantin die Tasche zu entreißen. Einen 49jährigen Türken, der dem Opfer zu Hilfe eilte, stach der kranke Knabe nieder.
* In Offenbach flog eine zehnköpfige Bande auf, der 200 Diebstähle aus Bürogebäuden in der Innenstadt angelastet werden. Etliche der jugendlichen Täter finanzierten auf diese Weise ihren Crack-Konsum; der habe, gaben sie zu Protokoll, jeweils zwischen 200 und 400 Mark pro Tag verschlungen.
* In Hanau wurde ein 29-Jähriger zu vier Jahren Haft verurteilt, der in Bonnieund-Clyde-Manier mit einer Kumpanin in gestohlenen Limousinen durch Deutschland gerast war, bei Verfolgungsjagden Polizeiwagen gerammt und mindestens 70 Straftaten begangen hatte; das Pärchen benötigte, wie es vor Gericht versicherte, täglich rund tausend Mark für "Steine" und Heroin.
Immer mehr Crack-Raucher versuchen, als Kleindealer an Geld zu kommen - und verbreiten damit ihre Sucht wie der Vampir im Horrorfilm den Vampirismus.
Aus Opfern werden auf diese Weise Täter. "Konsum und Handel sind bei Crack kaum zu trennen, viele User verticken den Stoff weiter", bestätigt der Hamburger Drogenexperte Möller. Unter den rund tausend Abhängigen, die sich im Lauf der Woche vor der Tür seiner bunt bemalten "Drob Inn"-Baracke am Bahnhof einfinden, ist der Anteil der Crack-Verbraucher in letzter Zeit "exponentiell gestiegen". Im "Drob Inn" liegt er mittlerweile bei 70 Prozent, in der Hilfseinrichtung "Palette" sogar bei 90 Prozent.
Auch in Frankfurt ist Crack, das vor kurzem in weiten Teilen Deutschlands noch nahezu unbekannt war, "zu einem Massenphänomen geworden", wie "Café Fix"-Chefin Wichelmann-Wirth weiß. Mittlerweile sind der Frankfurter Polizei 1400 Crack-Konsumenten bekannt.
Zerschlagen hat sich die Annahme, der Stoff diene lediglich als Ausweichdroge für ohnehin Abhängige - für Alt-Junkies, deren Venen heillos zerstochen sind, oder für Koks-Sniefer, die ihre Nasenscheidewand ruiniert haben.
Pulverkokain werde bald schon der Schnee von gestern sein, meint der Hamburger Möller: "Crack ist die Kokainform der Zukunft." Auch Erstkonsumenten wenden sich mehr und mehr dem Konzentrat zu, das Eingeweihte auch "Supercoke" nennen.
"Jugendliche finden es toll, dass das Pfeifchen so ,süß'' aussieht und der Stoff zum Taschengeldpreis zu haben ist", weiß Möller aus Gesprächen mit Pubertierenden. "Und viele denken, die Eltern kriegen nichts mit, weil Crack keine hässlichen Einstiche und keine kaputten Nasen hinterlässt."
Möllers Kollegin Manuela Samland von der Hurenberatung "Ragazza" hat beobachtet, dass gerade bei Frauen die Hemmschwelle gegenüber der Pfeife "deutlich niedriger" liegt als gegenüber der Heroinspritze. Der Nutzerkreis weite sich allmählich aus: "Auch mancher Freier raucht schon mal ein Pfeifchen mit."
Früher oder später, fürchtet Möller, werde sich die Straßendroge "auch in der Partyszene etablieren". In Frankfurt hat Kriminalhauptkommissar Hans-Joachim Zahn unter den Crack-Usern bereits etliche sozial integrierte Menschen ausgemacht, darunter sogar Bank-Vorstände und einen Künstler, "der bei der ersten Crack-Pfeife dachte, ihm fliegt die Schädeldecke weg". In weniger als einem Jahr habe der Mann eine siebenstellige Summe für Crack ausgegeben.
Nur mit Schrecken denken Experten an die Konsequenzen einer weiteren Ausbreitung von Crack. Mögliche Folgen lassen sich am Beispiel der Vereinigten Staaten studieren, wo Mitte der achtziger Jahre eine regelrechte Crack-Epidemie ausbrach.
Der Stoff war von Pablo Escobar, dem Kommandanten der kolumbianischen Narco-Mafia, damals in den USA eingeführt worden. Escobar, ein ehemaliger Grabsteindieb, wollte mit billigem Massenkokain den chinesischen Heroin-Triaden auf dem Drogenmarkt Konkurrenz machen - er wurde rasch zum Milliardär.
In den US-Städten, vor allem in den Farbigenghettos, verursachte die Droge ähnlich grausame Zerstörungen wie ein Bürgerkrieg. Schwer bewaffnete Streetgangs, denen das Medellín-Kartell den Straßenhandel überlassen hatte, lieferten sich Verteilungsschlachten mit Pumpguns und Uzi-Maschinenpistolen.
Noch Mitte der neunziger Jahre ging jeder fünfte Mord in den USA auf das Konto der Killerdroge. Washingtons Ex-Chefankläger Edwin Meese erinnert sich: "Crack war die Geißel der Innenstädte." General a. D. Barry R. McCaffrey, der oberste Drogenbekämpfer der Vereinigten Staaten, stöhnt noch heute: "Es war ein Alptraum, es war der Dritte Weltkrieg."
Mit drakonischen Strafandrohungen reagierten die USA Mitte der Achtziger auf die kolumbianische Drogen-Offensive. Das Abgeordnetenhaus setzte die gesetzliche Mindeststrafe für den bloßen Besitz von 5 Gramm Crack oder von 500 Gramm Kokain auf fünf Jahre Gefängnis ohne Bewährung fest.
Die 1-zu-100-Relation entsprach der Überzeugung des Gesetzgebers, "crack cocaine" sei ums Hundertfache gefährlicher als "powder cocaine".
Seit die Vereinigten Staaten den Krieg gegen Crack aufgenommen haben, hat sich die Zahl der Gefängnisinsassen im Lande vervierfacht - auf zwei Millionen. Jede Woche wird, wie die "New York Times" ("NYT") errechnete, irgendwo in den USA ein neuer Knast eröffnet, alle 20 Sekunden irgendwo ein Rauschgifttäter inhaftiert.
Auf Grund der Lex Crack sitzen in den USA wegen Drogendelikten zurzeit über 450 000 Menschen hinter Gittern - mehr Täter als in allen EU-Ländern, Kanada und Japan zusammengenommen wegen sämtlicher Straftaten.
Was der 1985 ausgerufene "war on drugs" gebracht hat, ist umstritten. Liberale Gegner des knallharten Kurses argumentieren, der Drogenkonsum habe sich seither keineswegs verringert. Sie müssen aber einräumen, dass der Verbrauch immerhin nicht zugenommen hat.
Und unstrittig ist: Die Bandenkriege sind weitgehend erstickt, die Slums befriedet, die Mordraten seit 1990 um rund 40 Prozent gesunken - eine Folge vor allem der deutlich verlängerten Gefängnisstrafen. "Die Militanz des Crack-Handels", bilanzierte schon vor zwei Jahren die "NYT", "ist ausgebrannt."
Zur selben Zeit hatte sich das Problem bereits teilweise nach Europa verlagert.
Eine multinationale Mafia stürzte sich dort auf das Crack-Geschäft, das enorme Gewinnspannen verspricht: Durch kurzes Aufkochen mit Wasser und Backpulver lässt sich der Wert von gewöhnlichem Pulverkokain um das Sechs- bis Zehnfache steigern.
Überall in Europa haben Fahnder, so der Wiesbadener Polizeipräsident Peter Frerichs, im Crack-Business inzwischen "Strukturen Organisierter Kriminalität" ausgemacht: Der Handel ist "landsmannschaftlich durchorganisiert", "hierarchisch geordnet" und wird "mit diversen Druckmitteln geführt". Frerichs: "Sanktionen sind nicht ungewöhnlich."
Blutige Verteilungskämpfe um die besten Crack-Reviere und Morddrohungen gegen zahlungsunwillige Crack-Kunden haben in Großbritannien bereits "Erinnerungen an die Zeit Al Capones" ("The Guardian") geweckt. Zum Teil aus New York zugereiste Banden von Jamaikanern, die nun den Crack-Handel in den britischen Innenstädten kontrollieren, liefern sich Feuergefechte mit automatischen Waffen.
Allein 1999 wurden in Großbritannien 29 Menschen von den "Yardies" ermordet, benannt nach den Elendsvierteln ("yards") in ihrer jamaikanischen Heimat. Die Gewaltserie hält an. Vor dem Reggae-Club "Chicago''s" im Londoner Südosten etwa feuerten Yardie-Gangster im Sommer ohne Vorwarnung in eine Menschenmenge; acht Verletzte brachen blutend zusammen.
In No-Go-Areas wie dem Ghetto-Stadtteil North Peckham in Süd-London verbreiten durch Crack enthemmte Jugendbanden Angst und Schrecken wie einst die Negativhelden des Kino-Klassikers "Clockwork Orange". In diesem Milieu von "drugs and thugs", von Drogen und Ganoven, kam Ende November ein Zehnjähriger aus Nigeria ums Leben, den mit Messern bewaffnete karibische Jung-Machos erst als "Schwulen" hänselten, weil er sich zum Geburtstag eine Bibel gewünscht hatte, und dann brutal niederstachen; das Schulkind verblutete.
Nachdem in Großbritannien bereits vor zwei Jahren der Anteil der Crack-Raucher den der Heroin-User eingeholt hat, ist vielerorts die Saat der Gewalt aufgegangen. Jeder hundertste Jung-Brite zwischen 16 und 29 Jahren hat einer Studie zufolge schon die "Rocks" probiert. In London und Manchester ist jeder vierte Festgenommene als Crack-Abhängiger identifiziert worden.
Auch den Kontinent hat die Stein-Lawine voll erwischt. In Nordrhein-Westfalen sprengten Zoll- und Kriminalbeamte voriges Jahr erstmals einen Drogenring, der massenhaft Kokain im Auftrag eines sizilianischen Mafia-Clans über die Benelux-
Staaten in die Bundesrepublik schmuggel-
te, um Köln und Umgebung mit Crack zu versorgen. Anderswo drücken kurdische oder iranische, albanische oder afrikanische "Familien" den Stoff auf den Markt.
"Wer Crack haben will, kriegt es auch", weiß die Hamburger Drogenberaterin Samland. Doch trotz aller üblen Erfahrungen in den USA und in Großbritannien verhalten sich die Verantwortlichen in Deutschland noch immer, als handele es sich bei dem Stoff nur um eine x-beliebige neue Modedroge - Politiker und Bürokraten verdrängen oder verniedlichen das Problem.
Beispiel Berlin: Obwohl dort die Zahl der User von Crack und Freebase, einer weiteren Kokainvariante, nach Überzeugung von "Kokon"-Chef Götz bereits "in die Tausende geht", wollte die Polizei den Trend zunächst nicht wahrhaben. Als Sozialarbeiter 1999 auf zunehmenden Crack-Handel in leer stehenden Charlottenburger Häusern hinwiesen, zeigten sich die Ordnungshüter ahnungslos. In der Berliner Polizeistatistik wurden Crack-Delikte lange Zeit als Kokainfälle deklariert.
Auch in Hamburg wird die Crack-Gefahr offiziell heruntergespielt, "wohl um keine Hysterie zu wecken" (Samland) - aber auch, weil die regierenden Sozialdemokraten, die sich im kommenden Herbst zur Wahl stellen müssen, ihrem populistischen Herausforderer Ronald Schill ("Richter Gnadenlos") und seiner Partei Rechtsstaatlicher Offensive (PRO) kein neues Law-and-Order-Thema servieren wollen.
Die traditionelle Drogenhochburg an der Elbe (Satiriker-Spott: "das High im Norden") ist neben dem unionsregierten Frankfurt am Main das beste Beispiel dafür, wie staatliche Institutionen gegenüber der sozial- und kriminalpolitischen Herausforderung Crack ebenso zu versagen drohen, wie sie jahrelang beispielsweise das Kampfhunde-Problem vernachlässigt haben.
Nur ein paar ehemalige Grüne, die sich im Hamburger Parlament zur "Regenbogen"-Gruppe zusammengeschlossen haben, nerven den Innensenator Hartmuth Wrocklage (SPD) immer wieder mit bohrenden Fragen nach einem Anti-Crack-Konzept der Stadtregierung.
Doch die kritischen Parlamentarier werden, wie der Regenbogen-Abgeordnete Lutz Jobs resümiert, regelmäßig abgespeist mit Hinweisen auf "ungesicherte Datenlage, zu kurze Zeiträume für differenzierte Schlussfolgerungen, noch nicht abgeschlossene Diskussions- und Entscheidungsprozesse und fehlende interbehördliche Gespräche".
Bisweilen grenzt die Informationspolitik des Senats gar an Desinformation. So erklärte Wrocklage zur Vorlage der jüngsten Kriminalstatistik, die Zahl der erfassten Drogendelikte sei in Hamburg gegenüber dem Vorjahr um 2,2 Prozent gesunken. Verschwiegen wurde die wahre Ursache, die in einem vertraulichen Vermerk für den Senator festgehalten ist - es hat 1999 im Drogenmilieu zeitweise kaum polizeiliche Ermittlungen gegeben:
Auf Grund der Kurdendemonstrationen standen für die Drogenbekämpfung insbesondere in der offenen Szene in einem Zeitraum von nahezu zwei Monaten keine beziehungsweise nur wenige Kräfte zur Verfügung.
Deutschlands Drogenpolitiker, Drogenfahnder und Drogenmediziner sind - das ist die traurige Wahrheit - seit dem Auftauchen von Crack mit ihrem Latein am Ende. "Die Politik kommt überhaupt nicht hinterher", klagt der Hamburger "Palette"-Berater Rainer Schmidt.
Alle Strategien, die linke und liberale Experten im letzten Jahrzehnt entwickelt haben, waren auf die Auslaufdroge Heroin ausgerichtet: Spritzentausch und Methadonvergabe, mehr Druckräume und mehr Therapieplätze. Auch ein jahrelang diskutiertes bundesweites Modellprojekt zur kostenlosen Heroinabgabe an Schwerstabhängige, das Mitte 2001 endlich anlaufen soll, ist auf Grund des Trends zum Kokain und seinen Derivaten kaum mehr zeitgemäß - es kommt "zehn Jahre zu spät" (Wichelmann-Werth): Abhängige, die ausschließlich Heroin konsumieren, gibt es kaum noch.
Drogenhelferin Samland kennt im Hamburger Bahnhofsviertel "nur noch einen einzigen derartigen Fall". Alle anderen ihrer Klientinnen sind "polytoxikoman": Sie konsumieren alles, was verfügbar ist und einen Kick verspricht - und eben immer häufiger den Stoff, der aus den Anden kommt.
Pharmaka, mit denen Crack substituiert werden könnte, sind noch nicht gefunden, Therapiemodelle wenig erprobt. Und eine Gratisabgabe ausgerechnet der "Höllendroge" ("Bild") auf Kosten des Steuerzahlers wagen nicht einmal die permissivsten Liberalisierer in den Parlamenten öffentlich zu fordern.
Alle Versuche, den Schmuggel des Crack-Rohstoffs nach Deutschland zu stoppen oder wenigstens den offenen Crack-Handel in den Großstädten wirksam zu unterbinden, sind gescheitert.
Das liegt nicht nur an der Skrupellosigkeit der Schmuggler und Dealer, die sich die Globalisierung der Märkte und die Errungenschaften des deutschen Rechtsstaates für ihr kriminelles Gewerbe zu Nutze machen. Mitverantwortlich für die Misere sind Effizienz- und Koordinierungsmängel in staatlichen Institutionen wie Polizei und Justiz, Jugend- und Ausländerämtern.
Wie eine Bankrotterklärung liest sich ein internes Hamburger Behördenpapier:
Seit Jahren ist es nicht gelungen, das Angebot an illegalen Drogen durch polizeiliche Maßnahmen zu reduzieren. Hinzu kommt, dass die Bekämpfungsstrategien der Polizei insgesamt nur noch zum Teil greifen, da sich die Tätergruppen bis hin zum Straßendealer immer mehr auf die polizeilichen Taktiken einstellen ... Das erfordert einen immer höheren Personaleinsatz, der in Zeiten knapper Ressourcen kaum noch geleistet werden kann.
Lediglich Teilerfolge lassen sich auch bei der Bekämpfung des Kokainhandels erzielen, den die Logistiker des Medellín-Kartells organisiert haben. In Schulungslagern in Zentralkolumbien werden eigens angeheuerte Kuriere - Arme, Alte, Arbeitslose - vier Wochen lang darauf trainiert, Plastikbeutel mit dem Crack-Grundstoff zu verschlucken und sich unauffällig durch alle Kontrollen zu bewegen.
Erreichen die Kuriere mit der Konterbande im Magen ihren europäischen Zielflughafen, winken den Hungerleidern rund 6000 Mark Erfolgshonorar; werden sie erwischt, drohen ihnen je nach Land bis zu 20 Jahre Haft. Platzt einer der Beutel im Magen, steht das Leben der Schmuggler auf dem Spiel.
Wenn die Ware erst auf EU-Territorium eingetroffen ist, sinkt dank der offenen Binnengrenzen das Transportrisiko. Die dann anstehende Verarbeitung von Koks zu Crack ist kaum schwieriger als Kuchenbacken - und höchst profitabel.
In Frankfurt etwa kochte ein Afrikaner Crack in der Küche einer 79-jährigen Rentnerin, die er über deren süchtige Enkelin kennen gelernt hatte. Der Großdealer verdiente laut Polizeiermittlungen monatlich 40 000 bis 60 000 Mark.
Für den "Ameisenhandel" auf der Straße, wie die Polizei ihn nennt, rekrutieren die Hintermänner vorzugsweise solche Landsleute, die den Schutz diverser Klauseln des Asyl- und Ausländer-, des Jugendstraf- und -hilferechts für sich in Anspruch nehmen können: Der ideale Straßendealer ist ein eingeschleuster Krimineller, der tatsächlich oder angeblich minderjährig ist, sich als politischer Flüchtling ausgibt und behauptet, seinen Pass verloren und seine Personalien vergessen zu haben.
Die Frontdealer - in Hamburg und Frankfurt überwiegend Afrikaner - deponieren die in Plastik verpackten Crack-Portionen im Mund. Bei Kontrollen schlucken sie die "Plomben" rasch herunter. "Teilweise", weiß Frerichs, "werden die Polizeibeamten durch provokatives Schlucken regelrecht veralbert."
Um die Beweismittel dennoch zu sichern, flößt die Polizei etwa in Berlin und Bremen Verdächtigen ein Brechmittel ein. Das rot-grün regierte Hamburg hingegen verzichtet auf diese Methode - aus Respekt vor der Menschenwürde der mutmaßlichen Dealer.
In Frankfurt wiederum war eine Zeitlang die Verabreichung eines Mittels namens "Ipecacuanha" üblich. Diese Praxis musste allerdings nach Einwänden des hessischen Oberlandesgerichts mehrere Jahre lang untersagt werden. Unterdessen kam es, so Crack-Experte Frerichs, prompt zu einer "deutlichen Ausweitung dieser speziellen und gefährlichen Szene".
Erst nach einer Erklärung des Bundesverfassungsgerichts, die Brechmittel-Verabreichung verstoße nicht gegen die Menschenwürde, wurde der Einsatz des Sirups im Herbst 1999 durch Hessens Generalstaatsanwalt Christoph Schaefer schließlich wieder genehmigt. Das Mittel darf allerdings nur nach Prüfung des Einzelfalls, unter strengen Auflagen und ausschließlich durch Amts- oder Polizeiärzte verabreicht werden.
Selbst wenn auf diese Weise "Plomben" zu Tage gefördert werden - allzu viel haben die Dealer nicht zu befürchten. Weil viele von ihnen als "minderjährige unbegleitete Flüchtlinge" (Amtsjargon: "Mufl") gelten und unter das Jugendstrafrecht fallen, sei es in Hamburg "sehr schwer, einen Haftbefehl zu erwirken", klagt der Drogenfahnder Stefan Meder: "Noch seltener sind Haftstrafen, selbst auf Bewährung."
Auch Konrad Freiberg, Chef der Gewerkschaft der Polizei (GdP), ortet "das Problem eindeutig bei der Justiz": "Die Polizei nimmt die Täter am laufenden Band fest, und die Richter lassen sie wieder laufen."
Geschlossene Heime sind in den meisten Bundesländern während der antiautoritären siebziger Jahre abgeschafft worden. Die ertappten und wieder auf freien Fuß gesetzten Jungdealer können daher in der Regel umgehend an den Ort ihrer Untaten zurückkehren.
"Ruft man beim Kinder- und Jugendnotdienst an, bequemen die sich oft nicht einmal zur Wache, um einen minderjährigen Dealer abzuholen", vertraute ein Hamburger Ermittler der Lokalpresse an: "Wir setzen ihn dann auf die Straße, und der geht sofort wieder los."
Die Suche nach den Hintermännern des Verbrechens und den Betreibern der geheimen Crack-Küchen führt die Fahnder immer wieder in Asylbewerberheime und -wohnschiffe - wo die Spur oft jedoch auf dem Gang endet.
Denn die Dealer betreiben ihr Geschäft in der Regel nicht in ihren eigenen Räumen, sondern mieten vorübergehend
Zimmer und Kabinen von ansonsten unbeteiligten Mitbewohnern an. Dabei aber handelt es sich juristisch um "Wohnungen", deren Unverletzlichkeit das Grundgesetz garantiert und die auch bei einer Razzia nicht ohne weiteres durchsucht werden dürfen.
Weil die Dealer immer wieder "der Polizei auf der Nase herumtanzen", wie die Hamburger CDU-Opposition moniert, herrscht selbst im Hamburger Drogenviertel St. Georg, dem Stadtteil mit der höchsten Polizeidichte Deutschlands, der Eindruck, in Hamburg sei das Gesetz ohne Hüter.
Zwar verhängten hanseatische Beamte 1999 auf dem Drogenkiez in St. Georg und im Schanzenviertel über 50 000 "Platzverweise". Doch die Dealer lassen sich dadurch offenbar ebenso wenig einschüchtern wie ihre Kunden. Manche gehen sogar zur Gegenattacke über; in einem Hamburger Bahnhofstunnel wurden kürzlich erst zwei Beamte von Dealern verprügelt. Vertraulicher Behördenvermerk:
Die Täter halten sich häufig in Gruppen auf und zeigen, falls sie gegenüber einschreitenden Polizeibeamten in der Überzahl sind, ein spontanes und sehr aggressives Verhalten, das bis zur Gefangenenbefreiung gehen kann.
Ähnlich geht es in Frankfurt zu, wo der langjährige Polizei-Vize Frerichs bei Crack-Dealern ein "ansteigendes Aggressionspotenzial gegenüber Polizei und Bevölkerung" beobachtete. In der Adventszeit etwa versuchte dort ein algerischer Gifthändler der Festnahme zu entgehen, indem er an der Hauptwache eine Passantin als Geisel nahm und mit einem 30 Zentimeter langen Messer bedrohte.
Platzverweise werden auch anderswo "mit Lächeln zur Kenntnis genommen - man geht 50 Meter weiter" (Frerichs). Zahlungsbefehle, mit denen Zuwiderhandlungen geahndet werden sollen, kommen meistens als unzustellbar zurück.
Auch die vorübergehende "Ingewahrsamnahme" von Dealern nach dem Gefahrenabwehrrecht erweist sich als stumpfe Waffe: "Fast ausnahmslos" werde eine Fortsetzung "durch die Haftrichter für unzulässig erklärt", stellt Frerichs fest: "In der Regel geschieht dies mündlich und ohne weitere Begründung."
Ein "erhebliches Problem bei der Bekämpfung der Dealertätigkeit" sieht der Polizeiführer im Asylbewerber-Status eines Teils der Täter. Selbst wenn ein Asylantrag endgültig abgelehnt worden ist, erschweren mannigfache Abschiebungshindernisse wie fehlende Papiere häufig die Ausweisung (SPIEGEL 45/2000).
"Die Beschaffung von Passpapieren über die ausländischen Vertretungen gestaltet sich sehr langwierig", klagt Frerichs im Fachblatt "Der Kriminalist". Weil während der monatelangen Wartezeit "eine Abschiebehaft in der Regel durch die zuständigen Gerichte abgelehnt" werde, könne der Rauschgifthändler weiterhin "seiner Tätigkeit nachgehen".
Wird die Ausweisung endlich vollzogen, bedeutet das noch lange nicht das Ende der kriminellen Karriere, wie das Beispiel des abgelehnten Asylbewerbers Mohamadi K. aus Burkina Faso zeigt. Nach seiner Abschiebung im Jahre 1995 kehrte der Afrikaner illegal in die Bundesrepublik zurück, um einen "Asylfolgeantrag" zu stellen.
Während der Vorgang in den Behörden schmorte, versorgte Mohamadi, mittlerweile 30 und mit einer Deutschen verlobt, von einem Asylschiff auf der Elbe aus die schwarzafrikanischen Kleindealer am Hamburger Hauptbahnhof mit Stoff - bis die Polizei ihn mit Crack im Straßenverkaufswert von 20 000 Mark erwischte.
Immer wieder sorgt behördliche Schlamperei für Schlappen im Umgang mit Drogenhändlern. So beklagen Fahnder, dass der Justizvollzug Dealer, die bereits zur Abschiebung vorgesehen sind, aus der Haft entlässt, ohne die Ausländerbehörde zu verständigen. Folge: Die Entlassenen tauchen in die Illegalität ab - und bald wieder in der Dealer-Szene auf.
So wächst unablässig der Verdruss unter den Fahndern, die immer wieder dieselben "polizeibekannten Täter" festnehmen müssen, um sie dann auf freien Fuß zu setzen. "Personen, die selbst nicht süchtig sind und mehrmals mit geringen Mengen angetroffen werden, müssen wegen Drogenhandels bestraft und sofort abgescho ben werden", fordert GdP-Chef Freiberg: "Man muss einfach härter durchgreifen."
Frust über "Drehtürarbeit" macht sich aber auch unter den gestressten Drogenhelfern breit, die in den Zeiten von Crack weitgehend zur Sisyphusarbeit verdammt scheinen. Selbst Aufklärung und Vorbeugung scheinen schwieriger als früher. Drogenexperten wissen: Je gefährlicher eine Droge und je dramatischer die Warnungen, desto größer ist der Konsumanreiz für ungefestigte Charaktere. "Viele Kids", sagt der Hamburger Möller, "halten Crack für schick, gerade weil es als Teufelsdroge gilt".
Auch an Behandlungskonzepten mangelt es - wenngleich jüngste Untersuchungen in den USA die dort populäre Ansicht widerlegen, Crack mache jeden User lebenslang süchtig, so dass es ni cht die geringste Therapie-Chance gebe. Allerdings: Die neuen US-Erfahrungen wurden unter Bedingungen gewonnen, die auf Deutschland nicht übertragbar scheinen.
In immer mehr US-Staaten geht die Justiz dazu über, Drogen-Delinquenten vor die Wahl zu stellen, die fünfjährige Mindeststrafe im Gefängnis abzusitzen - oder aber einen Zwangsentzug zu absolvieren. "Glaubt mir, das ist schlimmer als Gefängnis", beschreibt ein Ex-Gang-Mitglied die Tortur.
Die Entzugswilligen leben in Entgiftungsanstalten mit Zehner-Zimmern. Auf der Agenda stehen Gruppentherapie und Akupunktur, dazu militärischer Pünktlichkeitsdrill und permanente Urin-Untersuchungen. Wer versagt, landet im Knast.
Unter diesen denkbar härtesten Konditionen hat sich das vermeintlich Unmögliche als möglich erwiesen: 70 Prozent der eingelieferten Crack-User absolvieren die Entgiftung mit Erfolg. Das Risiko, dass Gefängnisinsassen in den ersten fünf Jahren nach ihrer Entlassung erneut Drogendelikte begehen, ist in den USA viermal so groß wie die Rückfallrate unter den Zwangsbehandelten.
In Deutschland verfechten bislang nur einige Unionspolitiker wie der Münchner Peter Gauweiler die Idee, Crack-Konsumenten eine Therapie hinter Schloss und Riegel zu verpassen. Ein Teil der Experten scheint sich allerdings mit dem Konzept anzufreunden, die kriminalisierende Droge gesellschaftlich massiv zu ächten, ihre Verfügbarkeit mit polizeilichen Mitteln zu begrenzen und den Süchtigen nicht Milde angedeihen zu lassen, sondern "tough love", Liebe mit Strenge - ein Rezept, das US-Drogengegner auch im Internet (www.crackreality.com) propagieren.
Der langjährige Hamburger Drogenbeauftragte Horst Bossong, der gegen viel Widerstand die Vergabe des Ersatzopiates Methadon an Heroinabhängige durchsetzte, wendet sich angesichts von Crack gegen "die ewige Mitleidsgeschichte". Statt für bloße "Beratung" und "Betreuung" der süchtigen Kleinkriminellen vom Drogenkiez plädiert er für den Einsatz von "case-managern", die für die Abhängigen - häufig Ausreißer und Schulabbrecher, Elternlose und Schwerkranke - individuelle Hilfspläne erarbeiten und deren Einhaltung kontrollieren.
Die meisten "akzeptierenden Drogenarbeiter" in den "niedrigschwelligen Einrichtungen" werden sich vorerst wohl damit begnügen müssen, ihren kirren Klienten ab und zu Duschen und Ruheräume, Heftpflaster und Faltblätter mit Tipps für weniger riskanten Drogengebrauch anzubieten - wenngleich diese Ratschläge bisweilen tückische Folgen haben.
Die jahrelang betriebenen "Safer use"-Kampagnen haben bei manchem Junkie-Mädchen die Bereitschaft erhöht, zwecks Verhütung von HIV und Hepatitis statt zur Spritze lieber zur vermeintlich hygienischen Crack-Pfeife zu greifen - ein verhängnisvoller Trend: "Es ist verrückt", sagt der Hamburger "Palette"-Mann Schmidt, "wir gehen auf die Straße und raten den Abhängigen, beim Heroin zu bleiben."
Die Umsteigerinnen ahnen nicht, was die Frankfurter Uni-Klinik herausgefunden hat: dass das hohe Suchtpotenzial von Crack und der verschärfte Geldbeschaffungszwang bei den Raucherinnen "die Bereitschaft zu riskanten, d. h. ungeschützten Sexualpraktiken" fördern - und damit jene Ansteckungsgefahr erhöhen, der sie aus dem Wege gehen wollten.
Zu den potenziellen Opfern zählen nicht nur die Strichmädchen und -jungs, sondern auch ihre Kunden - wie etwa ein Freier, der sich im Internet-Chat "Orgazmik" nennt. Er habe, brüstete er sich, eine bestimmte Prostituierte "im letzten Jahr ca. 6-mal ohne Gummi durchgebumst".
Als "Skyfox" und "Thai-Lover" im Web die Vor- und Nachteile des neuen Drogenstrichs debattierten, rückte er mit einer traurigen Nachricht heraus: "Vor drei Wochen war mein HIV-Test positiv."
Unterschrift: "Orgazmik, der jetzt ganz andere Probleme hat".
* In Kügelchen verpackt; aus einer Asylbewerberunterkunft in Hamburg-Georgswerder. * Das Röntgenbild zeigt verschluckte Kokainbeutel. * Oben: Opfer einer Schießerei im Stadtteil Clapham; unten: in Soho.
Von Jochen Bölsche

DER SPIEGEL 52/2000
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