25.12.2000

* 10. Die Grenzen der Erkenntnis * 10.3 Die Zukunft der WeltreligionenAlles oder nichts

Die Spielregel heißt: Wer zuerst nachgibt, hat verloren. SPIEGEL-Redakteur HENRYK M. BRODER über die verhängnisvolle Rolle jüdischer und muslimischer Fundamentalisten im Nahen Osten.
Es ist noch nicht lange her, da gab es auch in Deutschland echte Fundamentalisten. Dann übernahm eine rot-grüne Koalition die Regierung und zeigte viel Pragmatismus bei dem Einstieg in den Atomausstieg, der Asylfrage und der Altauto-Entsorgung. Die Fundis, wie man die Hüter der wahren Lehre in der Öffentlichkeit fast zärtlich nannte, wurden in die Regierungsarbeit integriert und gaben dafür ihre Forderungen nach sofortiger Abschaltung der Kernkraftwerke, auf Asyl für alle und eine Entsorgungsabgabe für Neuwagen auf. Die letzte fundamentale Frage, die noch diskutiert wird, ist die über eine Pfanderhebung für Dosen und Einwegflaschen. Glückliches Deutschland.
Zur gleichen Zeit treibt der Konflikt im Nahen Osten auf einen neuen, gefährlichen Höhepunkt zu. Israelis und Palästinenser beziehungsweise Juden und Muslime, die seit rund hundert Jahren um ein Stück Land kämpfen, das kleiner ist als das Bundesland Brandenburg, agieren, als wären sie fest entschlossen, gemeinsam unterzugehen, statt nebeneinander oder gar miteinander zu leben. Alle Vermittlungsversuche scheinen derzeit so aussichtslos wie der Versuch, einen Kometen aufzuhalten. Anders als die deutschen Öko-Fundis sind die Fundamentalisten im Nahen Osten nicht bereit, ihre Positionen zu überdenken.
Der Vergleich mag manchem gewagt erscheinen, er ist aber nicht allzu weit hergeholt. Fundamentalismus war auch eine in Europa weit verbreitete Krankheit, auf dem Balkan und in Nordirland ist er es noch immer. Fundamentalismus, sagt der britische Historiker Bernard Lewis, lässt sich auf einen Satz bringen: "I am right, you are wrong, go to hell!"
Es gab im Laufe der letzten tausend Jahre in der jüdischen und islamischen Geschichte keine blutigen Exzesse wie die Kreuzzüge und die Hexenverfolgung bei den Christen. Es gab auch keinen Versuch, einander auszurotten, im Gegenteil. Saladin, der Sultan von Ägypten, Syrien und Palästina - von Lessing in seinem Nathan-Stück verewigt -, hat den Juden nach der Wiedereroberung Palästinas 1187 die Rückkehr nach Jerusalem erlaubt. Und während die Juden im christlichen Europa des 15. und 16. Jahrhunderts immer wieder verfolgt wurden, waren sie im Osmanischen Reich ihres Lebens sicher. Da die Juden seit der Zerstörung des Zweiten Tempels keinen eigenen Staat hatten, hatten sie ihrerseits auch keine Gelegenheit, Macht auszuüben und Minderheiten schlecht zu behandeln. Es gab Fundamentalisten unter den Juden, wie den falschen Messias Sabbatai Zwi, aber keinen politischen Fundamentalismus.
Genau 613 Gebote und Verbote sind es, die das Leben der Juden bestimmen. Aber auch der frommste unter den frommen Juden weiß, dass kein Mensch alle Regeln einhalten kann. Deswegen besteht der Alltag der gläubigen Juden zur einen Hälfte daraus, die "halachischen" (religionsgesetzlichen) Vorschriften zu befolgen, und zur anderen Hälfte daraus, sie zu umgehen. Es gibt in Jerusalem ein "Institut für Wissenschaft und Halacha", dessen Mitarbeiter - religiöse Naturwissenschaftler - vor allem damit beschäftigt sind, Gott hinters Licht zu führen. Sie entwickeln Aufzüge, Klimaanlagen und Telefone, die ein gläubiger Jude auch am Sabbat benutzen darf. Im Notfall, bei Gefahr für Leib und Leben, ist ohnehin fast alles erlaubt.
Praktizierende Muslime verhalten sich ähnlich. Im Fastenmonat Ramadan darf von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang nicht gegessen und nicht getrunken werden. Fällt der Ramadan in den Sommer, wird das Fasten zur Qual. Die Restaurants bleiben geschlossen, aber was die Gläubigen zu Hause machen, geht nur Gott etwas an. Die Religion ist dazu da, das Leben zu strukturieren, es aber nicht noch komplizierter zu machen. Deswegen beneiden sowohl Christen wie Juden die Muslime um ihre großartig einfachen Vorschriften zur Eheschließung, Ehescheidung und Konversion.
Was aus einer pragmatischen, alltagsorientierten Religion werden kann, wenn sie sich mit Nationalismus verbündet, dafür bietet Israel leider ein schönes Beispiel. Der "Judenstaat" ist eine Demokratie mit funktionierender Gewaltenteilung, Marktwirtschaft und freier Presse, aber er hat keine Verfassung. Das Versäumnis ist Absicht. Für eine Verfassung müsste erst einmal die Frage entschieden werden, ob Israel ein "jüdischer Staat" oder ein säkularer Staat mit einer jüdischen Bevölkerungsmehrheit ist. De facto ist Israel ein Zwitter: politisch eine Demokratie, kulturell eine Theokratie, in der die religiösen Gemeinschaften in Zivilstandsangelegenheiten das Sagen haben.
Für die Juden ist das orthodoxe Oberrabbinat zuständig, jüdische Reformgemeinden genießen eine "innere Freiheit", Reformrabbiner dürfen Gottesdienste anbieten, aber keine Ehe schließen. Muslime und Christen, immerhin etwa 20 Prozent der Bürger Israels, sind auf die Dienste ihrer Kadis und Priester angewiesen. Wer zivil heiraten möchte, muss ins Ausland fahren. Der Staat kennt die Institution der Zivilehe nicht, erkennt aber im Ausland geschlossene Zivilehen an. In der Armee und in den Krankenhäusern wird ganz selbstverständlich koscheres Essen serviert. So hat sich im Alltag ein Fundamentalismus etabliert, der genauso selbstverständlich ist wie in anderen Gesellschaften die Trennung von Staat und Kirche. Irgendwie ist Gott immer mit von der Partie.
Der Sieg im Sechstagekrieg machte aus Israel nicht nur eine Besatzungsmacht, er setzte bei vielen religiösen Israelis die Überzeugung frei, dass sich Gott seinem Volk mal wieder offenbart hatte. Es galt, die besetzten Gebiete nicht als Pfand für Friedensverhandlungen zu behalten, sondern sie zu besiedeln, um Seinen Willen zu erfüllen. Die Ankunft des Messias schien ihm unmittelbar bevorzustehen, in einem solchen Moment Land aufzugeben, hätte bedeutet, dem Allmächtigen ins Handwerk zu pfuschen. Nur wenige erkannten die Gefahr, die in der Verbindung von Religion und Nationalismus steckte. Der Philosoph Jeschajahu Leibowitz, selber ein strenggläubiger Jude, hatte schon bald nach dem Triumph von 1967 gewarnt: "Wir haben den Sechstagekrieg am siebten Tag verloren, als wir beschlossen, die besetzten Gebiete nicht zurückzugeben."
Zugleich findet man in Israel auch einen Fundamentalismus der ganz anderen Art, repräsentiert von ultraorthodoxen und militant antizionistischen Juden, die einem säkularen jüdischen Staat das Existenzrecht absprechen. Schon jetzt wird "die einzige Demokratie im Nahen Osten", wie sie immer wieder in Israel genannt wird, von innen ausgehöhlt. Die drittstärkste Partei in der Knesset, ohne die praktisch weder die Arbeitspartei noch der Likud regieren können, ist die fundamentalistische "Schas", die gegenüber den Palästinensern relativ kompromissbereit ist, dafür aber in Israel einen Staat nach den Regeln der Tora einführen möchte. "Einige religiöse Juden reden wie die Ajatollahs in Teheran", stellt der Historiker Bernard Lewis fest.
Der wachsende Fundamentalismus in Israel trifft auf einen etablierten Fundamentalismus in der Region. Inzwischen ist absehbar, dass auch der palästinensische Staat kein demokratisches Gebilde sein wird. Nicht nur, weil es in der Tat schwierig ist, unter den Bedingungen einer über 30-jährigen Besatzung demokratisches Bewusstsein zu entwickeln, sondern vor allem, weil Demokratie und Fundamentalismus nicht kompatibel sind. Wobei die Palästinenser für ihren Fundamentalismus historisch nachvollziehbare Gründe haben. Sie wurden vertrieben, sie haben gelitten, sie wurden belogen und getäuscht, sie haben einen ungeheuren Blutzoll bezahlt - nur um nach über 50 Jahren einen Kompromiss angeboten zu bekommen, den sie als eine Niederlage empfinden müssen.
Auf der anderen Seite stehen sich die Israelis auf eine ähnliche Weise selbst im Wege. Sie wissen natürlich, dass den Palästinensern nicht wieder gutzumachendes Unrecht geschehen ist, dass ein jüdischer Staat nach 1945 in Deutschland und nicht im Nahen Osten hätte errichtet werden müssen, auf Kosten der Deutschen, nicht der Palästinenser. Weil dies nicht geschehen ist, fürchten viele Israelis, jede Konzession an die Palästinenser komme einem Eingeständnis gleich, dass das zionistische Projekt ein historischer Irrtum war. Wenn man den Palästinensern einen Teil von Jerusalem einräumt, müsste man ihnen dann nicht auch Jaffa zurückgeben? Zum Wesen des Fundamentalismus gehört auch, dass seine Repräsentanten am liebsten das Spiel "Alles oder nichts" spielen. Wer zuerst nachgibt, hat verloren.
Aus einem solchen Dilemma bietet nur ein weiterer Fundamentalismus einen Ausweg - einer, der beiden Seiten alles gibt. In Tekoa, einer Siedlung für 250 jüdische Familien am Rande der judäischen Wüste, lebt der Rabbiner Menachem Fruman. Im achten Jahrhundert vor Christus hat hier der Prophet Amos Schafe gehütet und über Gott und die Welt nachgedacht. Fruman, 1945 bei Haifa als Sohn polnischer Juden geboren, tut auf seine Weise etwas Ähnliches. Bevor er Rabbiner wurde, hat er in einer Fallschirmjägereinheit der israelischen Armee gedient und Philosophie und Geschichte an der Jerusalemer Universität studiert.
Seit 1989 unterhält er Kontakte zur palästinensischen Hamas-Bewegung. Den Hamas-Gründer, Scheich Ahmed Jassin, hat er im Gefängnis besucht und mit ihm "stundenlange Gespräche" darüber geführt, "wie Religion als Brücke zum Frieden dienen könnte". Rabbi Fruman hat einen Plan ausgearbeitet, von dem er glaubt, dass die Fundamentalisten unter den Palästinensern ihn ebenso gut finden könnten wie er selbst. "Das hier ist das Land der Propheten, das Land der Bibel, deswegen müssen wir einen prophetischen, einen biblischen Frieden erreichen." Statt das Land zwischen Israelis und Palästinensern zu teilen, soll es nach seiner Vorstellung zwei Staaten auf demselben Territorium geben. "Israel in Palästina, Palästina in Israel. Zwei Flaggen, zwei Hymnen, zwei Parlamente, zwei Präsidenten, zwei Regierungen." Fruman weiß, dass eine solche Konstruktion ein absolutes Novum in der Geschichte der Völker wäre, verbunden mit vielen Risiken.
Doch wie sagte es schon sein Lehrer, der große Rabbi Zwi Jehuda Kook: "Je größer die Idee, desto größer auch die Gefahr." Frumans Idee gleicht der Quadratur des Kreises. Säkulare Israelis gruseln sich bei der Vorstellung, in einem Land zu leben, in dem Rabbi Fruman und Scheich Jassin, ein jüdischer und ein muslimischer Fundamentalist, den biblischen Frieden garantieren sollen. Doch es könnte die letzte Chance sein. Wenn alle vernünftigen Optionen gescheitert sind. Also sehr bald.
IM NÄCHSTEN HEFT: * 10.4. Gehirn und Bewusstsein Hirnforschung: Das Universum im Kopf SPIEGEL-Gespräch: Neuroforscher Singer über das Rätsel des Bewusstseins Hirnschäden: Alzheimer - Volkskrankheit der Zukunft DIE KAPITEL IN DER ÜBERSICHT: 1. Medizin von morgen 2. Bevölkerungswachstum und knappe Ressourcen 3. Das Informationszeitalter 4. Planet Erde - gefährdeter Reichtum 5. Die Zukunft der Wirtschaft 6. Technik: Werkstätten der Zukunft 7. Globale Politik 8. Die Zukunft der Kultur 9. Künftige Lebenswelten 10. Die Grenzen der Erkenntnis
Von Henryk M. Broder

DER SPIEGEL 52/2000
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