15.01.2001

Vorschau

Les Misérables - Gefangene des Schicksals Montag, 20.15 Uhr, Sat.1
Jean Valjean, der Held dieser neuen Victor-Hugo-Verfilmung, lag einst als Sträfling in Ketten, ehe er geläutert durchs Leben zog, unschuldig verfolgt vom rachsüchtigen Inspektor Javert (John Malkovich). Gérard Depardieu, der den Ex-Sträfling spielt, muss sich dessen Kettenschicksal sehr zu Herzen genommen haben. Er schleppt sich durch die Szenen, als wollten die beschwerenden Gewichte nie von ihm abfallen. Auch mimisch tendiert er zum Minimalismus, auf Deutsch: Ob Freud, ob Leid, er blickt fast immer gleich drein. Wie viel mehr Faszination strahlt dagegen Jeanne Moreau aus, die in diesem zweiten Teil der dreiteiligen Verfilmung als Äbtissin auftritt: Die Grande Dame der französischen Schauspielkunst weiß die heimliche Sympathie mit manchen Zielen der Revolution hinter der Fassade der Strenge diskret und dennoch einprägsam anzudeuten. Malkovich überzeugt als unerweichlicher Prinzipienreiter: ein melancholischer Mephisto, der wegen einer "déformation professionelle" das Gute nicht wahrhaben kann.
Friedman Mittwoch, 23.00 Uhr, ARD
Ganz was Neues: noch eine Talkshow. Michel Friedman, der bisher nur auf Hessen III zu sehen war, präsentiert als ersten Gast die CDU-Vorsitzende Angela Merkel.
Themenabend: Preußen Donnerstag, 20.45 Uhr, Arte
Es ist noch nicht einmal Nacht, und die Preußen kommen trotzdem - auf Arte. Nach Wolfgang Staudtes Defa-Klassiker von 1951 "Der Untertan" gibt es vier Dokumentationen: eine über die hochverehrte Königin Luise (1776 bis 1810), eine weitere über das gespannte Verhältnis zwischen Preußen und Polen. Kompakt und anschaulich zeichnet Jochen Trauptmann in einem weiteren Film (Beginn: 22.35 Uhr) die Erziehung und Abrichtung des Preußenvolkes zum Untertanen nach. Bereits am Mittwoch widmet das ZDF von 23.15 Uhr an eine ganze Nacht dem Thema. Unter anderem diskutieren Bundesaußenminister Joschka Fischer und Ex-Mitherausgeber der "FAZ", Joachim Fest, über die preußischen Wurzeln Deutschlands.
Festival der Komik Donnerstag, 23.00 Uhr, West III
Vor 100 Jahren, am 18. Januar 1901, erheiterte Baron Ernst von Wolzogen im "Überbrettl" zu Berlin sein Publikum mit humoristischen Lesungen - das deutsche Kabarett war geboren. Es soll immer noch nicht tot sein, wie die Macher glauben. Um das zu beweisen, kramt der WDR im Archiv, und vier Stunden lang kommen sie alle wieder: Werner Finck, Karl Valentin, Lore und Kay Lorentz, Wolfgang Neuss als Mann mit der Pauke.
Jenseits Freitag, 20.45 Uhr, Arte
Der Regisseur Max Färberböck steht für exzellente Film- und Fernseharbeit. Seine Inszenierungen der ersten beiden Folgen der ZDF-Krimireihe "Bella Block" setzten Maßstäbe: eigenwillige Stücke mit viel Raum für Stimmungsbeschreibungen, mit langen, intensiven Dialogen. Im Kinofilm "Aimée & Jaguar" gelang Färberböck die packende Schilderung einer lesbischen Liebe während der Nazi-Zeit. Vielleicht sind es diese hohen Erwartungen, die angesichts dieses neuen Fernsehfilms eine leichte Enttäuschung entstehen lassen. In "Jenseits" geht es um die Macht des Entsetzens, um das Einfallen eines Schreckens, der das Leben verändert und neben Zerstörung auch Liebe schafft. Ein Staatsanwalt (Sylvester Groth) überfährt einen Jungen, begeht im Schock Fahrerflucht und bringt es nicht über sich, sich als Verursacher zu melden. Getrieben von Reue und Verzweiflung nähert er sich der Mutter des toten Jungen, einer in Deutschland arbeitenden Russin (Ekaterina Medvedeva). Nach den ersten Begegnungen, in denen sich der Jurist der Mutter nicht offenbart, entsteht Liebe. Als sich der Staatsanwalt schließlich entschließt, seine Mitverantwortung am Tod des Jungen seiner Geliebten zu offenbaren, ist es fast zu spät: Katharina hat das Unerhörte bereits von der Ehefrau des Staatsanwalts (Anja Kling) erfahren und verletzt ihren Freund mit einer Glasscherbe. Die Russin wandert dafür ins Gefängnis, und auch der Staatsanwalt stellt sich der Justiz, nimmt seine Schuld an und sagt aller Welt, wie ihn das Entsetzliche zu seiner wahren Bestimmung gebracht hat, zur Liebe zu Katharina. Die eindringlichen, die Zeitabfolge durcheinander bringenden Bilder, die den Zustand der Verstörung des Helden zeigen, und die bedrückende Schilderung der langsamen Zerstörung des gewohnten Daseins, das der Staatsanwalt zuvor mit seiner Familie gelebt hat, können nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Geschichte eine Kopfgeburt ist, eine wenn auch erlesene Konstruktion ohne die Wärme echten Lebens.

DER SPIEGEL 3/2001
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DER SPIEGEL 3/2001
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