15.01.2001

SHOWGESCHÄFTRote Spitze

Im „Big Brother“-Container fiel Alida Kurass nur durch Körpereinsatz auf. Nun mühen sich die Vermarkter der Show, der Siegerin etwas Glamour zu verpassen. Von Matthias Geyer
Als Alida noch unter der Dusche stand, war Arnd schon zum Wohle von Leib und Leben im Einsatz. Arnd wittert die Gefahr an jedem Ort und zu jeder Stunde. Es war 5.45 Uhr.
Arnd stopfte die Hände in die Hosentaschen und streifte durch die Hotellobby. Er sah sich nach Figuren um, die ihm irgendwie verdächtig erschienen. Er fand keine. Dann nahm er die Notausgänge ins Auge. Arnd erlebt es nämlich häufiger, dass die Notausgänge mit irgendwelchen Schrubberkarren und Putzeimern zugestellt sind, und wenn man ihn braucht, den Notausgang, ist er dicht. Wenn. War aber nicht so. War alles in Ordnung.
Arnd hat wasserstoffblondes Haar und eine "behördliche Personenschutzausbildung genossen". Er war beim Bundesgrenzschutz und später bei der GSG 9. Jetzt ist er bei Alida.
Sie ist 23 und studiert Jura und hat ein Piercing zwischen den Schneidezähnen, Oberkiefer Mitte. Bis vor kurzem war ihre Geschichte damit im Wesentlichen erzählt gewesen.
Seit Alida bei "Big Brother" gewann und dafür 250 000 Mark bekam, gibt es allerdings einen Haufen Menschen, die meinen, Alida Kurass aus Brandenburg sei ein Star. Das sind solche, die fragen, ob sie von ihr ein Autogramm kriegen. Wegen solcher Leute gibt es auch Arnd.
Es gibt natürlich auch welche, die sind schlauer. Das sind die, die Alidas Autogrammkarten drucken lassen. Sie setzen darauf, dass Alida wirklich mal ein Star wird. Seit sie raus ist aus dem Container, verdienen diese Leute Geld mit ihr. Und wenn es gut läuft, werden sie vielleicht sogar reich. Sie machen "Format-PR" und "Personality-PR" und "Medien-PR" und so was. Sie arbeiten in Berufen, die man früher nicht brauchte, weil es früher so einen Schwachsinn wie "Big Brother" nicht gab. Jetzt tragen sie dunkle Anzüge und fliegen Business Class.
Die Firma "Position" zum Beispiel ist dazu da, Alidas Pressetermine zu koordinieren. Wenn sie ein wichtiges Interview hat, kommt der PR-Chef eingeflogen und passt auf, was sie so sagt. Die Firma Max Media wiederum ist dafür zuständig, dass es Alida gut geht. Wenn sie einen Auftritt im Fernsehen hat, kommt eine Frau von Max Media und schneidet mit einer Nagelschere das Preisschild von der Hose, die Alida für den Auftritt gekauft hat.
Sie nagen am Knochen, solange das Verfallsdatum noch nicht erreicht ist.
Letzte Woche war Alida in Hamburg. Sie musste sehr früh aufstehen, weil sie um sieben einen Termin bei Radio Hamburg hatte. Um halb sieben kam sie in die Hotellobby, und Arnd hatte, nachdem klar war, dass die Luft rein ist, ein Taxi bestellt. Sie verließen das Hotel durch den Haupteingang.
Radio Hamburg hatte angekündigt, die Sendung mit Alida werde ein Heuler. Sie musste das Wetter aufsprechen und den Verkehrsbericht.
Um fünf nach sieben war es bewölkt, und auf der A 24 von Berlin nach Hamburg gab es zwei Kilometer Stau. Vor dem Studio von Radio Hamburg standen fünf Menschen und wollten ein Autogramm.
Dann stellte John Ment, der oberste Humorist des Senders, Fragen. "Alida, trägst du heute die rote Spitzenunterwäsche, die du im Container anhattest?"
"Nee, heute trage ich blau."
"Aber auch Spitze?"
"Ja."
"Oh, Spitze!"
Um fünf nach acht war es noch immer bewölkt, und auf der A 24 gab es jetzt drei Kilometer Stau.
Dann kam die Pressesprecherin von Radio Hamburg. Sie sagte, es hätten sich so viele Fernsehstationen für heute morgen angesagt, "da kriegt man echt 'nen Knall".
Die erste Fernsehstation, die zwischendurch Fragen stellte, wollte das wissen: "Was ist mit der Kohle? Hast du die schon verprasst?"
Alida sagte, dass sie nach Australien will und etwas spenden und dann mal sehen.
Um fünf nach neun war es bewölkt, und auf der A 24 waren acht Kilometer Stau. Vor dem Studio standen 30 Menschen. Dann war Schluss. "War 'n Traum, war echt ein Traum", sagte John Ment.
Wo Alida ist, ist es immer so. "Explosiv", "Exclusiv", "Punkt 9", "Punkt 12" und solche Sachen.
"Big Brother", die Mutter allen Fernseh-Mülls, ernährt ihre Kinderchen.
Die Diskussion, ob es faschistoid oder unmoralisch oder unsittlich oder unethisch ist, zehn Menschen 100 Tage lang in einen Container zu sperren und dabei mit der Kamera zu beobachten, ist geführt worden, als es "Big Brother" zum ersten Mal gab. Alida gewann die zweite Staffel dieses Sozialpornos, und Ende Januar gehen die nächsten in den Bau.
Jetzt ist eh alles Wurst. Wurst, ob RTL eine Sendung wie "Der Frisör" im Programm hat, eine Veranstaltung, bei der sich verhaltensauffällige Haareschneider bei der Arbeit filmen lassen. Wurst, ob sich 50 herzensreine junge Frauen im Fernsehen einem Mann zur Ehe andienen, der behauptet, er sei Millionär, der aber eher so aussieht, als betreibe er ein Sonnenstudio in Köln-Nippes. Wird gesehen. Geht alles.
Die Frage ist nur, ob auch Alida geht.
Arnd hatte für Punkt zwanzig vor zehn ein Taxi bestellt. Wer bis dahin noch kein Autogramm hatte: "Pesch jehabt, da kenn isch nix." Alida musste mit dem Flugzeug nach Köln. Nachmittags um drei gab es ein Gespräch mit Christian Rottmann. Herr Rottmann ist Geschäftsführer bei Endemol, dem Unternehmen, das "Big Brother" produziert, und er ist zuständig für die Vermarktung der Kandidaten. Bei Herrn Rottmann ging es um Alidas Zukunft.
Aber Alida ist nicht Zlatko. Der Autoschrauber aus dem Schwäbischen sagte während der ersten Staffel von "Big Brother" unter anderem, er besitze einen Grad an "Menschenkenntnis, da scheißt du dir in die Hosen". Heute ist Zlatko Millionär.
Alida ist auch nicht Harry. Harry ist ein dicker Altrocker, der nach 13 Jahren Ehe mit seinem besten Freund die Frau tauschte. Harry sah man während der zweiten Staffel von "Big Brother" 106 Tage lang im schwarzen T-Shirt durch den Container laufen. Deshalb meinte man immer, man könne ihn sogar riechen. Vielleicht wird Harry auch mal Millionär.
Alida raucht Dunhill-Menthol-Zigaretten, trinkt Mineralwasser ohne Kohlensäure und lieblichen Weißwein.
Bevor "Big Brother" losging, war in der ARD ein interessantes Experiment zu besichtigen. Der Fernsehsender hatte ein paar Goldhamster in ein selbst gebasteltes Haus gesperrt, und jeden Tag musste das Publikum ein Tier aus der Gemeinschaft herauswählen. Am Ende blieb der Hamster übrig, der meistens apathisch in der Ecke gehangen hatte.
Wahrscheinlich hat Alida deshalb gewonnen. Sie hat sich aus allem rausgehalten. Sie hieß "das Küken". Sie war unauffällig. Sie war langweilig. Sie ist nicht gut für die Vermarktung. Das weiß sie ja selber. "Du siehst nicht so besonders aus, du laberst viel dummes Zeug, wie soll das den Leuten gefallen?", dachte sie, nachdem sie sich beworben hatte.
Aber sie ist schlau. Irgendwann hat sie den Leuten ihre Brüste gezeigt. Ihre Brüste sind groß. Sehr groß. Als Harry sie sah, sagte er: "Boh. Andere Frauen lassen sich so Dinger nachmachen."
Hat sie das mit Absicht gemacht?
"Ich hab gedacht: Du kannst dich auch mal von einer anderen Seite zeigen, die du ja auch hast. Ich bin ja nicht nur ein kleines, blödes Küken, ich bin ja auch Frau."
Wenn am Ende gar nichts geht, geht vielleicht was mit den Brüsten.
Arnd lenkt einen neuen Audi mit Navigationssystem. Er fuhr vom Flughafen nach Köln-Rodenkirchen, wo Herr Rottmann von der Firma Endemol sein Büro hat. Sie waren um zehn vor drei da. Hinter ihnen parkte ein silberner Mercedes, und aus der Beifahrertür stieg Martin Kurass.
"Kurass", sagte er und verbeugte sich leicht.
Herr Kurass ist Alidas Vater. Früher, als es die DDR noch gab, war er bei der Volkspolizei. Seine Tochter machte das, was alle Kinder in ihrem Alter damals machten; sie war bei den Thälmann-Pionieren, trug rote Halstücher und sang: "Bau auf, bau auf". Heute arbeitet Herr Kurass, 48, für die Polizei in der Verwaltung.
Er hatte Urlaub und einen Umschlag mit Papieren unterm Arm. Er trug einen neuen Anzug und einen strengen Seitenscheitel.
Sie waren genau um drei Uhr vor dem Büro von Herrn Rottmann. Aber die Tür war zu. Sie standen auf dem Gang, und keiner der vielen Mitarbeiter von Endemol kümmerte sich um sie. Bei Endemol waren sie eine Nummer. Irgendeine Nummer. Arnd klopfte um zehn nach drei gegen die Tür von Herrn Rottmann. Der sagte, sie sollten nebenan bei Mandy warten.
Der Firma Endemol wird gelegentlich vorgeworfen, sie behandele Menschen wie Schweinehälften. Endemol sagt dann, das stimme nun ganz und gar nicht.
Als Alidas Entourage bei Herrn Rottmann saß, kam eine Angestellte zu Mandy ins Büro. Sie hatte DIN-A-4-Blätter dabei. Auf den Blättern stand, welcher frühere Container-Insasse gerade mit welcher Werbemaßnahme beschäftigt war. Manche Blätter waren fast leer.
"Warum sollen wir den noch mitschleifen?", fragte die Frau. Dann blätterte sie weiter. "Meinst du, den sollen wir abschießen?"
Wer aus dem Container geht, muss der Firma Endemol mindestens ein Jahr lang zur Verfügung stehen. Und Endemol bekommt mindestens 20 Prozent der Einnahmen. Aber was will Endemol mit tauben Nüssen? Und was wird aus Alida?
Sie selber möchte Schauspielerin werden. Oder Moderatorin. Sie glaubt nämlich, "dass so viel Potenzial in mir schlummert, dass man was draus machen könnte".
Okay, hat Herr Rottmann gesagt, probieren wir. Möglichkeit eins: "Schnelle Auswertung, ohne Perspektive." Möglichkeit zwei: "Behutsam, vorsichtig." Also, klar, Lösung zwei. Das heißt: "Stärken feststellen, Coaching durchführen, Casting durchführen."
Stärken? Rottmann streichelt mit dem Zeigefinger über einen goldenen Kugelschreiber aus dem Hause Montblanc, der viele hundert Mark gekostet hat. Stärken, Stärken. "Das, was sie hat, ist genau das, was wir brauchen: eine gewisse Zurückhaltung." Zurückhaltung. Rottmann backt sich seine Wahrheiten, wie er sie gerade braucht. Als ob Zurückhaltung etwas mit "Big Brother" zu tun hätte.
Wer hat es zu was gebracht außer Schreihälsen wie Zlatko und Alex? "Christian", sagt Rottmann.
Christian war ein Mitbewohner von Alida. Er hat dann ein Lied gesungen, das es in die Charts schaffte. Der Titel hieß: "Es ist geil, ein Arschloch zu sein." Na und? "Es ist ja nicht so, dass Christian sich als Arschloch outet. Er besingt Arschlöcher", sagt Rottmann. Das sind die Feinheiten. Es kommt auf die Feinheiten an.
Alida möchte keine CD machen. Sie sagt, sie könne nicht singen. "Sie werden es nicht glauben", sagt Rottmann, "aber der Song für sie ist fertig." Muss sie? "Ich habe ihr gesagt: Alida, wenn du nicht willst, dann lassen wir das jetzt." Jetzt. Sie wird singen.
Das mit den Brüsten jedenfalls könnte schneller gehen als angenommen.
Am Tag nach dem Strategiegespräch mit Herrn Rottmann hatte Alida einen Fototermin für "Bravo". Er fand in einem hellen Loft in Köln-Ehrenfeld statt.
Mitten zwischen den vielen jungen Menschen stand ein Mann, der ein graues Hemd aus glitzerndem Stoff trug. Die obersten Knöpfe waren auf, und das Hemd hing aus der Hose.
"Ich bin der Martin", sagte der Mann.
Er war nicht sofort zu erkennen, jedenfalls dann nicht, wenn man ihn vorher nur einmal gesehen hatte. Er hatte nämlich auch eine neue Frisur. Kurz, nach vorn gekämmt und mit tüchtig Gel drin.
Am Tag vorher war der Martin noch der Vater Kurass. Dann war er mit Alida in den Frisörladen gegangen, in dem RTL neuerdings Filme dreht. Und Boris, einer von den Haareschneidern, machte sich an ihm zu schaffen.
Dem Martin gefiel es, was "Bravo" mit seiner Alida machte. Sie trug ein T-Shirt, das die Brüste betonte, und jemand zog an ihrer Jeans, damit man was vom Slip sah.
"Also, echt super", sagte Alidas Vater.
Irgendwann in den letzten Wochen war ein Mann von der "Bild"-Zeitung bei Herrn Kurass zu Hause. An der Wand hing ein Foto mit dem nackten Hintern von Alida. Der Mann von "Bild" fragte, ob er das mitnehmen dürfe. Frau Kurass sagte nein. Herr Kurass sagte ja. Dann wurde das Foto gedruckt. Im Nachhinein, sagte der Martin, "war das auch schon ganz richtig so".
Und wenn der "Playboy" kommt? "Dann würde ich prinzipiell sagen: Warum denn nicht?"
Bald, sagte der Martin dann noch, muss er wieder zurück nach Brandenburg.
Er will sich zu Hause einen guten Steuerberater suchen.
Von Matthias Geyer

DER SPIEGEL 3/2001
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