15.01.2001

TIEREVerpatztes Techtelmechtel

Über Jahre versuchten Biologen, das letzte frei lebende Exemplar einer brasilianischen Papageienart zu retten. Nun ist der Vogel verschwunden.
Der letzte wilde Spix-Ara führte ein lausiges Leben: Flog er im Abendrot zu seinem Schlafplatz, stand ihm keine Partnerin zur Seite. Auch sein "krah-ark" verhallte unbeantwortet über der Savanne. Aus Not an der Frau ging der Papagei sogar artfremd und paarte sich mit einem Rotrücken-Ara.
Über mindestens zehn Jahre fristete der "einsamste Vogel der Welt" ("The Independent") sein freudloses Dasein im Nordosten Brasiliens. Mit seinem Schicksal verknüpften Biologen den Erhalt der ganzen Art. Seit rund drei Monaten jedoch ist fast alle Hoffnung verloren.
"Der Vogel ist wie vom Erdboden verschluckt", klagt Yara de Melo Barros, Koordinatorin des Projektes "Ararinha Azul" ("Kleiner Blauer Ara") im brasilianischen Curaçá. "Wenn dieses letzte Männchen wirklich gestorben sein sollte, ist das ein schwerer Rückschlag."
Der mögliche Tod des gefiederten Eremiten wider Willen markiert den vorläufigen Höhepunkt einer tierischen Tragödie. Skrupellose Tierhändler, die sich vom graublau schillernden Ausnahmevogel schnelles Geld versprachen, spielten darin die Bösewichte. Die Helden, ambitionierte Artenschützer, kamen wohl zu spät. "Faktisch ist der Vogel im Moment in freier Wildbahn ausgestorben", sagt Yves de Soye, Direktor der Artenschutzstiftung Loro Parque auf Teneriffa, die in den letzten Jahren 600 000 Dollar für die Rettung des Papageis ausgegeben hat.
Cyanopsitta spixii, 1819 von dem bayerischen Naturforscher Johann von Spix entdeckt, war seit jeher ein rarer Zeitgenosse. Zum Brüten benötigt der Vogel hohe Caraibeira-Bäume, die nur an wenigen Wasserläufen in der Dornbusch-Savanne der brasilianischen Caatinga-Region gedeihen. Nie, so schätzen Biologen, haben etwa in der Gegend um den Ort Curaçá, wo nun auch der Letzte seiner Art verschwand, mehr als 60 Exemplare gelebt.
Den Niedergang des Vogels jedoch läutete schließlich die wachsende Zahl von Menschen und Ziegen in der Region ein, die dem Papagei das Terrain streitig machten. Die Lust weltweiter Papageienliebhaber an der Rarität tat ein Übriges. "Der Verlust des Lebensraumes hat den Spix-Ara an den Rand des Aussterbens gebracht", sagt de Soye. "Der illegale Handel jedoch hat der Art den Rest gegeben."
Erst Mitte der achtziger Jahre wurde den Forschern die prekäre Lage des Tieres bewusst. Von Vogelfängern gnadenlos verfolgt (der Schwarzmarkt-Preis für den Spix-Ara beträgt rund 60 000 Dollar), fiel der Bestand der Tiere stetig. Nach wochenlanger Suche in ganz Brasilien konnten Biologen 1985 nur noch ganze drei Exemplare des scheuen Tieres in der Nähe Curaçás ausfindig machen. 1990 war es nur noch einer.
Dieser Vogel, durch Genanalyse ausgefallener Federn schließlich dem männlichen Geschlecht zugeordnet, hält die Ornithologenzunft seither in Atem, galt es doch von Anfang an, dem Tier in freier Wildbahn zu neuem Nachwuchs zu verhelfen. Denn obwohl allein lebend, hatte der letzte wilde Spix-Ara für die Rettung der Art fast unschätzbaren Wert. Gleichsam als Mentor sollte er einigen der rund 60 in Gefangenschaft lebenden Spix-Aras zur Seite stehen. "Er war der Einzige, der noch in der Lage gewesen wäre, Jungvögeln Erfahrungen etwa über natürliche Feinde oder Wasser- und Futterstellen zu vermitteln", so Barros.
Konsequent versuchten die Forscher erstmals 1995 ihr Kuppler-Glück und wilderten ein zuvor in Gefangenschaft lebendes Weibchen aus. Doch die Vogelhochzeit war nicht von Erfolg gekrönt.
Zunächst ignorierte der Umworbene die neue Braut und vergnügte sich stattdessen mit einer nah verwandten Rotrücken-Ara-Dame, die er schon zuvor zur Aushilfspartnerin erkoren hatte. Als sich nach Wochen doch noch ein artiges Techtelmechtel anbahnte, war es das Schicksal, das den Wissenschaftlern den Tag verdarb: Jählings endete das Spix-Ara-Weibchen an einer Hochspannungsleitung.
Seither haben die Forscher an neuen Plänen zum Familienglück gearbeitet. So war etwa noch kurz vor Verschwinden des Männchens der Import von fünf gezüchteten Spix-Ara-Weibchen vorgesehen, um die verpatzte Traumhochzeit zu wiederholen. Auch planten die Biologen, die fehlgeleitete Romanze des Männchens mit dem Rotrücken-Ara zu nutzen und die Vögel als Adoptiveltern einzusetzen. In Gefangenschaft ausgebrütete Spix-Ara-Küken sollten dem ungleichen Paar, das zur Überraschung der Forscher sogar mit dem Nestbau begann, untergejubelt werden.
Doch zur arrangierten Familienfürsorge wird es nun wohl nicht mehr kommen. Mit 15 Personen durchforsteten die Ornithologen noch im Dezember erfolglos jeden Winkel der Galeriewälder entlang des São-Francisco-Flusses bei Curaçá. "Entweder der letzte Spix-Ara ist von einem Habicht erlegt worden", befürchtet Barros, "oder er starb an Altersschwäche."
Aufgeben will die Forscherin trotzdem nicht: "Wir können das Projekt immer noch fortführen - auch ohne das Männchen." Schon plant sie ein Zuchtzentrum vor Ort, in dem in Gefangenschaft aufgezogene Spix-Aras in einer großen Voliere auf ihr Leben in freier Wildbahn vorbereitet werden sollen.
Und vielleicht gibt es auch noch eine Chance, den einsamen Spix-Ara wiederzufinden. Von November bis März ist die Brutsaison des Tieres. Möglicherweise habe der Vogel nur vorübergehend die Gegend verlassen, um sich anderswo nach einer Partnerin umzusehen, hofft Barros: "Die Suche geht weiter." PHILIP BETHGE
Von Philip Bethge

DER SPIEGEL 3/2001
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