15.01.2001

HAUPTSTADTAllianz der Medienstars

Ein Opernstreit wird zum Ost-West-Konflikt stilisiert - Dirigent Barenboim und Anwalt Gysi bilden dabei ein überraschendes Bündnis gegen das West-Berliner Establishment.
Der Maestro sitzt in seinem Büro auf einem originalen DDR-Velourssessel, beigebraun, davor ein Furniertischchen, auch aus volkseigener Produktion. Stardirigent Daniel Barenboim, 58, Künstlerischer Leiter der Ost-Berliner Staatsoper Unter den Linden, redet inzwischen wie ein Ostdeutscher zu Wendezeiten, der gegen den Untergang seiner Welt kämpft: Was er hier erlebe, sei "keine Wiedervereinigung, sondern ein Take-over".
Ost-Kultur, so der Generalmusikdirektor mit Wohnsitz im feinen West-Berliner Dahlem, werde von der Politik behandelt, als wäre sie "von der Qualität eines Trabbis". Die "Überheblichkeit" des Westens sei unerträglich kurzsichtig.
Da scheint es ihm aussichtsreicher, in Zukunft mit dem Osten zu paktieren. In einem raffinierten politischen Schachzug engagierte der erfolgsgewohnte Orchesterchef jetzt den ehemaligen Vorsitzenden der PDS-Bundestagsfraktion Gregor Gysi, 52. Der Berliner Jurist soll ihm bei seinen Verhandlungen über die anstehende Vertragsverlängerung als Rechtsbeistand dienen, um durch entsprechende Klauseln vor allem die Zukunft des Hauses zu sichern.
Mit Gysi als Verbündetem - neben Katarina Witt und den Puhdys größter Sympathieträger des Ostens - macht Barenboim die Staatsoper somit zum Kampfschauplatz: Ihr Bestand oder Verfall wird zum Ost-West-Konflikt stilisiert.
Auch Gysi zieht aus der neuen Allianz mehr als ein prestigeträchtiges Mandat: Der Bundestagsabgeordnete, der nicht ausschließen will, dass er sich bei der nächsten Berliner Wahl als PDS-Spitzenkandidat vorwagt, um Regierender Bürgermeister von Gesamt-Berlin zu werden, verlässt damit die Nische, in der er als postkommunistischer Kämpfer für die Rechte der Wehr- und Hilflosen ringt. Erstmals dringt er ins West-Berliner Establishment vor. Für den eitlen Gysi bedeutet der Auftrag die Ausdehnung der Kampfzone nach Westen.
Barenboims Misstrauen gegen die mächtigen Westler der Stadt sitzt anscheinend tief. Er erlebte kürzlich, was Millionen ostdeutscher Arbeitnehmer erlitten: Sein Betrieb wurde plötzlich als nicht mehr attraktiv und rentabel ausgemacht. Aus Spargründen sollte auf Teilproduktion umgestellt werden.
So ähnlich las sich Ende 2000 der so genannte Masterplan von Kultursenator Christoph Stölzl, 56, der, mit seinem Haushalt schwer in der Klemme, die West-Berliner Deutsche Oper und die Ost-Berliner Staatsoper nach Pariser Vorbild zum Mega-Kulturbetrieb fusionieren wollte. Die "Lindenoper" sollte nur noch Klassik und Barock spielen, das große Repertoire dagegen im Westen stattfinden.
Obgleich die Attacke unter Einhaltung aller üblichen Höflichkeiten ausgetragen wurde - die Geringschätzung seiner Arbeit und des mit seinem Namen verbundenen Orchesters wird Barenboim Stölzl nie vergessen. Er weiß wohl um die provozierende Wirkung, die Medienstar Gysi als Unterhändler erzielen wird: "Die Provokation kommt vom Senat", kontert Barenboim jedoch scharf.
Barenboim, der es kaum verwunden hat, dass er nicht zum Chef der (West-)Berliner Philharmoniker gemacht wurde, solidarisiert sich nun publikumswirksam mit seinem Ost-Ensemble. Die Musiker wählten ihn gerade zum Chefdirigenten auf Lebenszeit, obgleich sich der immer wieder harscher Kritik ausgesetzt sah: er habe der Staatsoper kein Profil gegeben, recke den Kopf mehr nach schnellem Beifall als innovative Inszenierungen zu wagen und betreibe das Haus eher nebenbei zu seinen diversen Engagements in Bayreuth, Salzburg und nicht zuletzt in Chicago, wo sich sein zweites Standbein befindet (SPIEGEL 38/2000).
Gleichzeitig fühlen sich seine Musiker, auch zehn Jahre nach der Wende, von den neuen Machthabern als Honeckers Kader-Kapelle verunglimpft und von der Staats- zur Stadtkapelle degradiert. "Wir passen in keine West-Schablone, der Senat ist scharf auf die Immobilie, die wollen den Laden ausräumen und neu auffüllen", mutmaßt Orchestervorstand Matthias Glander, 40: "Die wollen uns weghaben."
Auf eine Ost-West-Verschwörungsdebatte mag sich Kultursenator Stölzl jedoch gar nicht erst einlassen. Die neue Runde mit Sparringspartner Gysi sehe er lediglich als die "Fortsetzung eines Missverständnisses", sagt er. Statt um Personal und Politik gehe es doch nur ums Geld: "ein klassischer Tarifkonflikt".
Ganz so klassisch ist es auch wieder nicht gelaufen. In Hintergrundgesprächen hatte sich Gysi längst eingeschaltet: Der 3,5-Millionen-Mark-Zuschuss, den Ex-Kulturstaatsminister Michael Naumann der Lindenoper zur Angleichung der Gehälter an das Niveau der Dresdner Staatskapelle spendierte, ist nicht zuletzt Gysis Werk. Von diesem Geldsegen hatte Barenboim sein Bleiben in Berlin abhängig gemacht.
"Der Gysi hat mich erpresst", klagte Naumann später intern. Der populäre PDS-Politiker drohte, die Staatsoper als Wahlkampfthema aufzugreifen, falls der Senat den Laden sukzessive schließen wolle. Nicht anders überzeugte Gysi Bundeskanzler Gerhard Schröder: "Wenn das passiert, zwingen Sie uns einen Ost-West-Wahlkampf auf."
Ob für das Einlenken der Bundespolitik "den Ausschlag" ("Zeit") gab, dass Barenboim - wie früher auch Gysi - zuletzt Zielscheibe von Attacken mit antisemitischen Untertönen wurde, ist dagegen reine Spekulation. Womöglich hatte Naumann auch nicht viel dagegen, Stölzl ein Danaergeschenk zu hinterlassen.
Auf jeden Fall geht der Punktsieg an Gysi. Was immer Stölzl mit der Staatsoper vorhatte - nun sind ihm weitgehend die Hände gebunden. Das Drohpotenzial, jederzeit Stimmung machen zu können, bleibt Gysi und Barenboim erhalten.
Die beiden hatte bisher nur der ferne gegenseitige Respekt verbunden. Nun trafen offenbar verwandte Seelen aufeinander - über Weltoffenheit und Mutterwitz verfügen beide. "Zwei große Persönlichkeiten, beide klein", bemerkte ein Ensemblemitglied.
Mit seiner Wahl des Rechtsbeistands erteilt Barenboim auch jenen eine Abfuhr, die noch immer glauben, es sei genug, sich bei Querelen um die Kunst allein auf das mächtige Netz der alten West-Gesellschaft zu verlassen.
So lassen sich die Granden des Berliner Kulturbetriebs bevorzugt von dem Anwalt Peter Raue, der grauen Eminenz der Kulturszene, vertreten - wie der neue Chef der Berliner Philharmoniker, Simon Rattle, oder der Intendant der Ost-Berliner Staatsoper, Georg Quander. Sie vertrauen Raues fachlicher Kompetenz, vor allem aber auch den kurzen Wegen zwischen jenen, die sich seit Jahrzehnten aus der Inselzeit West-Berlins kennen.
Für Gysi wiederum könnte die Akte Barenboim der Start zu einem großen Coup werden. In bekannter Keckheit deutet er bereits heute an, dass er die Regierenden der Stadt für unfähige Schnarchnasen hält - und sich für eine echte Alternative: "Berlin wird so provinziell regiert, dass die hiesigen Medien schon von der Idee angetan waren, dass etwas Farbe und Leben in die Landespolitik kommen könnte."
Gysis Wahlchancen sind so unrealistisch nicht: Die CDU ist im Westteil der Stadt mit beinahe 50 Prozent stärkste Partei, die PDS im Osten immerhin mit fast 40 - und wer weiß schon, ob Berlin nicht aus alter Lust am Protest am Ende einen Ostler wählt. SUSANNE KOELBL
Von Susanne Koelbl

DER SPIEGEL 3/2001
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