05.02.2001

SACHSENWen ich will

Der angebliche Mordfall Joseph hat die Stadt Sebnitz traumatisiert. Mit einer Art Marshallplan will man den Ort nun vom düsteren Image befreien.
Zur Bescherung kam Sachsens Landesvater höchstpersönlich. Fünf Tage vor Heiligabend überreichte Ministerpräsident Kurt Biedenkopf dem Sebnitzer Oberbürgermeister Mike Ruckh (CDU) zwei kleine Präsente: Kinderkleidung für dessen Töchter und ein handsigniertes Exemplar seiner Wende-Memoiren "Ein deutsches Tagebuch". Als Dank für alles, was Ruckh für die Stadt getan habe.
Bescherungen gibt es in Sebnitz jetzt nicht mehr nur zur Weihnachtszeit. Zweieinhalb Monate nachdem der angebliche Mordfall Joseph weltweit für Schlagzeilen sorgte, versuchen Kommunal- und Landespolitiker mit vereinten Kräften, das düstere Image der 10 000-Einwohner-Ortschaft an der tschechischen Grenze aufzuhellen. "Normal" soll alles wieder werden - Sebnitz ist zur Chefsache des ins Straucheln geratenen Ministerpräsidenten im Freistaat geworden. "Wenn ich bei der Staatsregierung anrufe", berichtet Ruckh, "krieg ich ans Telefon, wen ich will."
Die Affäre um den Tod des sechsjährigen Joseph Abdulla, der - wie inzwischen festzustehen scheint - ohne Zutun anderer im Freibad ertrunken ist, hatte die Republik im November an den Rand der Hysterie getrieben (SPIEGEL 49/2000). Auf der Strecke blieb dabei die Glaubwürdigkeit von Justiz, Medien und Politik; drei zu Unrecht als Kindsmörder Verdächtigte, die mit der Last der falschen Anschuldigung leben müssen; eine deutsch-irakische Apotheker-Familie, die finanziell und psychisch am Ende ist; eine traumatisierte Stadt, der man kollektives Wegschauen zugetraut hat - und in der Morddrohungen, von rechts wie links, weiter an der Tagesordnung sind.
Die Ermittlungen im "unnatürlichen Todesfall zum Nachteil des Kindes Joseph Abdulla", die demnächst eingestellt werden sollen, wurden zum Teil schlampig geführt. Als ob man den auch durch die Justiz mit verursachten Schaden wieder gutmachen wollte, versucht nun die Landesregierung, mit einer Art Marshallplan den Neuaufbau der darnieder liegenden Gemeinde zu beschleunigen. In allen Ressorthaushalten forscht man, wo Geld für Sebnitz abgezweigt werden könnte.
In einem 66-Punkte-Katalog ("Wie weiter in Sebnitz?") hat die Stadt Forderungen in Gesamthöhe von 34 Millionen Mark zusammengefasst, die aus Biedenkopfs Füllhorn finanziert werden sollen. Am 17. Januar verabschiedete der Stadtrat das Papier - mit der Stimme von Renate Kantelberg-Abdulla, die ihr SPD-Mandat nicht niederlegen will. Verlangt wird in dem Katalog nicht nur, präventive Jugendprojekte zu starten, sondern auch, die Bahnstrecke nach Bad Schandau zu sanieren (20 Millionen Mark), Pressereisen für Chefredakteure zum Dialog mit Sebnitzer Jugendlichen zu organisieren (50 000 Mark) und eine Wetterstation zu bauen (20 000 Mark). Selbst absurdeste Wünsche, heißt es, würden in Ministerien wohlwollend geprüft.
Der politisch brisanteste Punkt zur "Wiederherstellung des Gleichgewichts in Sebnitz" steht freilich nicht in dem Papier. Er wird als diskrete Kommandosache zwischen Staatskanzlei, Bundespräsidialamt und Stadtverwaltung behandelt: der Wegzug der Familie Abdulla aus Sebnitz.
Die Familie, die zwei Immobilien in der Stadt besitzt, steht vor dem finanziellen Ruin. Ihre Bereitschaft, den Ort zu verlassen, ist an die Möglichkeit geknüpft, diese Liegenschaften zu verkaufen.
In einem Brief wandten sich die Abdullas an Bundespräsident Johannes Rau, der bei seinem Sebnitz-Besuch im Dezember Vermittlung angeboten hatte. Ein Referatsleiter Raus setzte sich daraufhin mit der Sächsischen Staatskanzlei in Verbindung. Dort lotet man derzeit die Spielräume für ein Finanzierungsmodell aus, bei dem der Freistaat öffentliche Mittel nach Sebnitz transferiert, mit denen die Stadt dann wiederum die Apotheke der Familie kaufen könnte.
Anfangs kursierten im Ort Gerüchte über einen Kaufpreis von fünf Millionen Mark, den Saad Abdulla und seine Frau angeblich erlösen wollten. Nach aktuellem Verhandlungsstand dürfte die Summe wesentlich geringer ausfallen - rund 1,5 Millionen Mark. Die Familie würde dabei draufzahlen. Diese Woche kommt der Vorgang auf den Tisch des frisch gekürten Finanzministers Thomas de Maizière (CDU) - der Ausgang ist offen.
In Sebnitz ist die Empörung dennoch bereits groß. Die Grundstückspreise, heißt es, seien nach den November-Schlagzeilen im Keller. Dagegen spricht der Politologe Hajo Funke, der als Berater der Abdullas auftritt, von einem "Akt der Humanität in einer für die Familie verzweifelten Situation". Der Verkauf der Apotheke biete "den einzigen fairen Ausweg aus der psychischen und physischen Isolation durch weite Teile der Sebnitzer Bevölkerung".
Weniger Gedanken macht man sich in Biedenkopfs Regierung offenbar um die Zukunft der drei zu Unrecht Festgenommenen. Sandro Richter, 25, wartet bis heute auf seine Haftentschädigung. Laut Gesetz stehen ihm gerade mal 280 Mark zu. SVEN RÖBEL, ANDREAS WASSERMANN
Von Sven Röbel und Andreas Wassermann

DER SPIEGEL 6/2001
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