12.02.2001

STUDENTENBEWEGUNG„Wer war mein Vater?“

Als Erwachsener ist der Sohn des einstigen Apo-Führers Rudi Dutschke aus den USA zurückgekehrt. Ursprünglich wollte er nur Deutschland kennen lernen, doch im Sog der 68er-Debatte ist er selbst zum politischen Akteur geworden.
Es ist ziemlich ungewöhnlich, dass der bundesdeutsche Außenminister bei einem Praktikanten der Grünen-Bundestagsfraktion vorfühlen lässt, ob es ihm denn um 15 Uhr passen würde mit einem Termin zum Kaffeetrinken, angenehmerweise im "Einstein" Unter den Linden in Berlin-Mitte.
Der Praktikant ist der 20-jährige Rudi-Marek Dutschke, Sohn von Rudi Dutschke, dem Anführer der 68er-Studentenbewegung, die einen grünen Vizekanzler Joschka Fischer überhaupt erst möglich gemacht hat.
Das Treffen findet an einem Freitagnachmittag statt. Es dauert über anderthalb Stunden, vor der Tür und an den Nebentischen wachen Fischers Bodyguards. Bei dem Gespräch geht es wohl um mehr als um den Austausch von Sentimentalitäten, wenn sich der 52-jährige Fischer an Hosea Che, 33, und Polly, 31, Mareks ältere Geschwister, erinnert. Oder wenn der heutige Minister berichtet, wie er 1968 zu einer Demonstration nach Baden-Baden fuhr, um erstmals "Rudi" zu hören, wie er auch gleich von der Polizei vermöbelt worden sei.
Einer wie der junge Dutschke, der seinem berühmten Vater schon äußerlich so markant ähnelt mit den schräg stehenden Augen, der großen Nase und dem dunklen Haar, kommt heute ein wenig daher wie die Auferstehung des Geistes von damals. Demonstrativ spreizt Fischer bei dem Treffen die Finger, um dem jungen Mann zu zeigen, dass er seinen Siegelring nicht mehr trägt, zu dem Dutschke in einem Interview eine kritische Anmerkung gemacht hat.
"Fischer war im Grunde kein 68er. Man muss schon differenzieren", hatte Dutschke da ein paar Tage zuvor kess behauptet. Von der Opposition als militanter Chaot verunglimpft, von einem Gesinnungsgenossen, dazu noch von einem Dutschke, dann als großspuriger Karrierist geschmäht zu werden - das war Fischer, wie man vermuten darf, nicht angenehm.
Dutschke hat unter dem Eindruck des Gesprächs sein Fischer-Bild ein wenig korrigiert. Der Minister sei zwar ein "Karrierist", doch einer, der seine Sache gut mache, gesteht er. In den Stand, ein "echter 68er" zu sein, hat er Fischer inzwischen ebenfalls erhoben - wenn auch nur als "Mitläufer". Aber solche habe die Bewegung ebenfalls gebraucht.
Rudi-Marek Dutschke hat die wenigste Zeit seines Lebens in Deutschland verbracht, die meiste in den USA, in Boston, wo seine amerikanische Mutter Gretchen, 58, heute lebt. Der Germanistikstudent der University of Massachusetts mit dem leichten amerikanischen Akzent kam vergangenen September für ein knappes Jahr ins neue Berlin, um zu suchen, was er ein Leben lang entbehren musste: seinen Vater. Bei den Grünen half er zunächst in der Poststelle der Fraktion aus, mittlerweile ist er in die Pressestelle aufgestiegen.
Als Rudi Dutschke an Heiligabend 1979 mit 39 Jahren starb, war sein drittes Kind noch nicht geboren, seine Frau im sechsten Monat schwanger. Dutschke ertrank in der Badewanne bei einem epileptischen Anfall, einer Spätfolge des Attentats auf ihn. Am 11. April 1968 hatte der 23-jährige Anstreicher Josef Bachmann, ein fanatischer Antikommunist, beim Büro des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes (SDS) drei Schüsse auf den Führer der außerparlamentarischen Opposition (Apo) abgefeuert.
Nun möchte Rudi-Marek Dutschke wissen, "wer mein Vater wirklich war, was er bewirkte, wie ihn die Menschen, die ihn damals kannten, gesehen haben, was aus seinen Weggefährten und was aus den Gegnern und diesem Land geworden ist" - das ganze Paket also. Seine Spurensuche ist geprägt von Beharrlichkeit und manchmal fast naivem Mut, wobei er offenbar ähnlichen Prinzipien folgt wie sein Vater. Der stritt stets gegen Gewalt und für den "langen Marsch durch die Institutionen". Mit 20 Jahren schrieb er: "In der absoluten Hingabe an die Wahrheit liegt mehr oder weniger der einzige Grund unseres Lebens."
Für manche, die Dutschke heute befragt, ist das nicht schmerzfrei. Es sei doch komisch, dass der Dutschke-Sohn und die Witwe von Axel Springer über 30 Jahre nach dem Attentat auf einmal in derselben Straße wohnten - das schrieb Dutschke junior an Friede Springer, als er feststellte, dass seine Berliner Unterkunft im Haus des Arztes, der früher seinen Vater betreute, unweit von Springers Haus in Dahlem liegt.
Schon lange bedrängt ihn die Frage, ob Schlagzeilen vor allem des Springer-Blattes "Bild" ("Stoppt den Terror der Jungroten jetzt!" - "Man darf nicht die ganze Drecksarbeit der Polizei überlassen") ihm nicht den Vater nahmen. Ob sie dessen Gegner so aufwiegelten, dass sich der Attentäter Bachmann zur Tat aufgefordert fühlte: "Warum hat der Springer-Verlag eine so bittere Kampagne gegen die Studenten geführt?", will er wissen. Er erhält prompt Antwort.
"Erstaunt", aber auch erfreut, schreibt Friede Springer dem "lieben Herrn Dutschke" mit "freundlichen Grüßen von Tür zu Tür". Es sei eine "aufregende Zeit" gewesen damals, ihr verstorbener Mann sei "angefeindet" worden "von allen Seiten". Die "Ursachen der ganzen Entwicklung" könne man "im Archiv nachlesen". In einem Punkt jedoch sei sie, wenn sie das auch nicht näher begründet, sicher: "Schuld am Tod Ihres Vaters kann Axel Springer gar nicht gewesen sein."
Dutschke ist deutlich irritiert, als er wenige Wochen später ausgerechnet im Kommentarteil der Springer-Zeitung "Die Welt" das Gegenteil liest: "Immerhin war es vor allem die Hetze in Springers ,Bild'-Zeitung in den heißesten Zeiten des Kalten Krieges, die in West-Berlin eine Stimmung in der Bevölkerung aufheizte, ohne die der junge Nazi Bachmann wohl kaum seine drei Kugeln in den Kopf von Rudi Dutschke geschossen hätte." Autor des Textes ist der langjährige Dutschke-Freund und Liedermacher Wolf Biermann, 64, einstmals in der DDR ein geschmähter Dissident, heute "Chef-Kulturkorrespondent" der "Welt".
Dutschke, der Biermann bereits von einem privaten Fest kennt, bittet um Aufklärung. Wie konnte plötzlich so ein Artikel erscheinen? "Ein interner Machtkampf der Springer-Chefredaktionen, in dem sich der ,Welt'-Chefredakteur durchsetzte", lässt Biermann ihn wissen. Am Ende bleibt für Dutschke dennoch die Frage offen, wieso Biermann heute überhaupt für Springer schreibt: "Das ist doch komisch, oder?"
Immer wieder gerät Dutschke bei seiner Recherche in alle möglichen Widersprüche der Gegenwart. Ihn befremdet, dass sich Weggefährten seines Vaters heute mitunter von "Geld und Macht" haben unterkriegen lassen, statt an "Inhalten" festzuhalten: "Das wäre Rudi nicht passiert."
Wieso ruft der grüne Umweltminister Jürgen Trittin plötzlich dazu auf, Demonstrationen beim Castor-Transport zu unterlassen? "Dagegen muss man doch einfach demonstrieren", meint Dutschke. Wie kann die grüne Landwirtschaftsministerin Renate Künast für die Tötung von 400 000 Kühen sein - das wäre eine Kette von Tieren, so lang wie der Weg von Berlin nach Verona -, nur um den Marktpreis stabil zu halten? "Das ist aus ethischen und tierschützerischen Gründen entschieden abzulehnen", protestiert Dutschke, der sich den Jungen Grünen in der Hauptstadt angeschlossen hat.
Statt die Zeitgeschichte nur zu beobachten, ist Rudi-Marek Dutschke, der einen deutschen und einen US-Pass besitzt, inzwischen selbst mittendrin in der Politik. Es sind die Anklage der Meinhof-Tochter Bettina Röhl, 38, gegen den früher militanten Sponti Joschka Fischer und die, wie Dutschke findet, beschämende Aktuelle Stunde darüber im Bundestag, die ihn in die öffentliche Diskussion treiben - als Sohn und Verteidiger seines Vaters.
"Am Mittwoch, den 17. 1. 01 ist die Generation der 68er von der CDU/CSU auf die Anklagebank gesetzt worden. Es ging um die erfolgreiche Kulturrevolution ... die unsere Gesellschaft verändert hat. Sie hat uns alle davon befreit, als brave Biedermannbeamte aufzuwachsen und die Handlungen der Politik niemals in Frage zu stellen", schreibt er aufgebracht in einer Pressemitteilung. Er wendet sich gegen die "heuchlerische Haltung" der Opposition, verteidigt die "Bewegung, für die mein Vater gelebt hat und wofür er gestorben ist".
So viele verbale Attacken Fischer hat einstecken müssen, so viel Sympathie erfährt nun Dutschkes Sohn. Er, der 1968 nicht dabei war, der in Dänemark geboren, fern der Bundesrepublik aufgewachsen, politisch geschichtslos ist und unschuldig geblieben, ist seither ein gefragter Interviewpartner, Talkshow-Gast und ein neuer und doch großer Name bei den Grünen.
Mitunter wird der Sohn heute behandelt, als sei er der wieder auferstandene Vater Rudi, der nun endlich all die offenen Fragen beantworten kann. So beschwerte sich die Schauspielerin Uschi Glas in der Runde von "Talk in Berlin" bei Marek darüber, dass sie damals an der Universität "als schwarzes Schwein gemobbt" worden sei, nur weil sie die Aktionen des SDS nicht unterstützt habe.
Im Gegensatz zur Meinhof-Tochter Bettina, die von ihrer Mutter für den bewaffneten Kampf jäh im Stich gelassen wurde, hatte Dutschke nie Grund, seinen Vater, einen erklärten Familienmenschen, kritisch zu sehen oder gar zu bekämpfen. Die Mutter tat ihm den Gefallen, ihn mit den alten Kriegsgeschichten nicht zu behelligen. "Dass mir gefällt, was Rudi getan hat, habe ich selbst herausgefunden", sagt der Sohn.
Nach dem Studium in den USA will Dutschke womöglich nach Deutschland zurückkehren und sich dann entweder dem Sport oder der Politik widmen - "den einzigen Themen, die mich wirklich elektrisieren". Der Sport, mutmaßt er schon jetzt, dürfte für den leidenschaftlichen Basketballer jedoch als Hauptberuf ausfallen - Dutschke ist nur 1,72 Meter groß. SUSANNE KOELBL
Von Susanne Koelbl

DER SPIEGEL 7/2001
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