12.02.2001

TENNISWertanlage mit Zahnspange

Jedes Jahr spielen die weltbesten Tenniskinder ein Turnier in Südfrankreich. Die Leistungsschau gedrillter Teenager zieht Vermarktungsmanager magisch an. Gesucht wird eine neue Anna Kurnikowa.
Das Mädchen mit den schulterlangen Zöpfen, dem eine glänzende Zukunft vorausgesagt wird, hadert mit der Gegenwart: Es hat ein Tennisspiel verloren.
Eine Niederlage in der ersten Runde. Schlimmer noch: eine Niederlage beim wichtigsten Turnier der Saison. Als Laura Siegemund, zwölf, die Tasche mit den Schlägern schultert und die Halle verlässt, blickt sie stumpf ins Nichts, als habe man ihr eben mitgeteilt, sie müsse das Schuljahr wiederholen.
Sonst gewinnt das Kind doch immer. 1999 war Laura Siegemund Deutsche Meisterin in der Altersklasse bis zwölf, im vorigen Jahr erneut, und im Dezember gewann sie in Miami gar die berühmte Trophäe Orange Bowl - in den Vereinigten Staaten fertigte sie gleichaltrige Konkurrentinnen aus aller Welt ab.
So sollte es weitergehen. Laura war mit ihren Eltern Ende Januar nicht ins südfranzösische Tarbes gefahren, um in der ersten Runde an einer Schweizerin zu scheitern. Schließlich hat Tarbes für die globale Tennis-Elite der Jugendlichen eine ähnliche Aura, wie sie Wimbledon später für Profis hat. Es gibt nichts darüber.
Das Turnier "Les Petits As", das die Veranstalter als "einziges Grand-Slam-Turnier der 12- bis 14-Jährigen" rühmen, gilt in der Branche als erster Meilenstein auf dem Weg zur Weltkarriere. Wer sich durchsetzt bei dieser Leistungsschau gedrillter Teenager, weiß: Die Richtung stimmt.
Turnierdirektor Jean-Claude Knaebel, ein mit reichlich Goldschmuck verzierter Geschäftsmann Mitte fünfzig, ist ein wenig zerstreut. Für den Nachmittag hat sich die französische Sportministerin Marie-George Buffet angesagt. Routiniert rattert Monsieur dennoch die Namen illustrer Profis herunter, die schon in Tarbes reüssierten: Martina Hingis, Anna Kurnikowa, Lindsay Davenport, Anke Huber, Michael Chang, Richard Krajicek, Marat Safin. Knaebels Losung: "Hier bestehen nur die Besten."
Kam das Turnier also ein Jahr zu früh für Laura? Harro Siegemund, der Vater, will davon nichts wissen: "Es war ihre eigene Entscheidung." Die Mutter sekundiert: "Sie macht das alles ganz spiele-
risch." Die Eltern sind gereizt. Sie wollen nicht als Tennis-Eltern gelten.
Wenn seine Tochter im Ausland spielt, reist Harro Siegemund immer mit. So geht sein Jahresurlaub bei der Regulierungsbehörde für Telekommunikation und Post in Reutlingen drauf. Seine Frau Brigitta ist bei jedem Turnier dabei, auch in Deutschland. Das geht ins Geld. 60 000 Mark kostet Lauras Sport im Jahr. Brigitta Siegemund könnte hinzuverdienen, "etwa als Kassiererin". Doch sie verzichtet auf einen Job, damit Laura jeden Tag überall hinkommt: zum Einzeltraining, zum Vereinstraining, zum Verbandstraining.
Als Laura in Miami gewann, druckte "Sport Bild" prompt eine Homestory: "Die neue Steffi - Was kann sie schon?"
Das fand Herr Siegemund ärgerlich. "Laura ist Laura", sagt er und meint damit auch: Harro ist nicht Peter. Vater Graf hat seine Tochter als Dreijährige mit "Flambage" belohnt, einem Vanilleeis mit heißen Himbeeren, wenn sie den Filzball mit einem abgesägten Tennisschläger 50-mal über die Couch im Wohnzimmer schlug. Harro Siegemund liest Bücher über Psychologie und Trainingswissenschaft und legt Wert auf die Feststellung: "Wir setzen Laura nicht unter Druck."
Wer das Mädchen auf dem Tenniscourt beobachtet, wundert sich. Laura hat einen Tick. Sobald ein Punkt gespielt ist, verfällt sie in eine Art Trance, als gehorche sie einer inneren Stimme. Wenn sie Bälle einsammelt, marschiert sie nur parallel zu den weißen Linien über das Feld. Sie achtet penibel darauf, keine Linie mit dem Fuß zu berühren. Dabei geht sie in Trippelschritten, die einem nicht zu durchschauenden Rhythmus folgen. Kehrt sie dann zurück zur Grundlinie, dreht sie mit weit aufgerissenen Augen den Kopf nach links und rechts, als werde sie verfolgt.
Ist der Ball wieder im Spiel, bewegt sich Laura flink und gelöst.
Der Mutter ist Lauras Spleen peinlich. Sie hat keine Erklärung dafür. Manchmal zischt sie ihre Tochter von der Tribüne herunter an: "Schlaf nicht ein!" Wenn es ihr zu viel wird, geht sie aus der Halle und raucht eine Zigarette. "Keiner redet von Lauras Spiel", klagt Brigitta Siegemund, "alle fragen nur nach dieser Macke."
Laura schweigt. Sie mag über ihre zwanghaften Angewohnheiten mit den Eltern nicht reden. Auch ihr Vater weiß nicht, wie er das Thema zur Sprache bringen soll. Seine Tochter erinnert ihn an eine "Somnambule". Er will nicht, dass ihm Lauras Karriere aus den Händen gleitet.
Es könnte irgendetwas zerbrechen.
Hans-Peter Born, der Gesandte des Deutschen Tennis Bundes in Tarbes, weiß auch keinen Rat. Er müsse sich zwingen, Lauras Gehabe "nicht als störend zu empfinden". Aber um Einfluss zu nehmen, fühlt er sich als Bundestrainer "zu weit weg".
1993 war Born zum ersten Mal beim Turnier der "Petits As". Es kommt ihm vor, als seien seither 20 Jahre vergangen. Er trinkt Espresso aus einem Pappbecher, schaut sich im Foyer der Halle des "Parc des Expositions" um und sagt: "Es hat sich viel verändert hier." Damit meint er: Früher war es besser.
Früher etwa begegnete er in Tarbes keinem Scout. Diesmal sind sechs da, vielleicht auch acht. Scouts sind fein angezogene Menschen wie der Italiener Fabio Della Vida von der Vermarktungsagentur IMG, der Holländer Chris Vermeeren vom Sportartikel-Giganten Nike oder der leger gekleidete Italiener Ugo Colombini von der Agentur Sports Marketing Consultants.
Scouts suchen die Stars der Zukunft. Sie riechen die Millionen, die noch nicht gedruckt sind.
"Für die Vermarkter", sagt Hans-Peter Born verächtlich, "sind die jungen Spieler doch nur eine Ware." Er liegt damit gar nicht so falsch, und es kann irgendwann einmal passieren, dass Born deswegen auch nicht mehr gebraucht wird. Das Big Business, das immer tiefer in die Fördersysteme der Verbände eindringt, schafft allmählich eine neue Ordnung.
In Tarbes bleibt Born von Abwerbungsversuchen unbehelligt. Der DTB-Coach betreut drei Spielerinnen. Ann Kathrin Gerk scheidet wie Laura Siegemund in der ersten Runde aus, Tatjana Malek scheitert im Viertelfinale.
Keiner der Späher hat sich näher nach einem der Mädchen erkundigt. Auch nicht Ivan du Pasquier.
Der Schweizer steht für das Big Business. Alles, was er für seine Arbeit braucht, hat er in einem Aluköfferchen verstaut: die aktuelle Rangliste des europäischen Tennisverbandes für "Jugendliche unter 15", einen vorgefertigten Fragebogen, einen Notizblock und eine Videokamera.
In seinen Unterlagen hat er sich etliche Spielerinnen vorgemerkt. Sie kommen aus Bulgarien, Jugoslawien, Polen und Kroatien. Der Mann mit der Yannick-Noah-Frisur, der für die Agentur UpturnOne.com aus Lausanne als "Chief Sport Selector" nach Tarbes geflogen ist, hat einen klaren Auftrag: Er soll Spielerinnen aus dem Osten rekrutieren. Die sind ergebener. "Mit jungen Französinnen oder Deutschen", murrt der ehemalige Tennisprofi, "können wir nichts anfangen."
UpturnOne.com lockt mit viel Geld. 150 000 Mark steckt die Agentur pro Jahr in die Ausbildung einer jungen Spielerin - um später an sämtlichen Einnahmen zu 30 Prozent beteiligt zu sein. Wer zahlt, bestimmt. Einmal pro Woche verlangen die Schweizer Vermarkter von den Heimtrainern aus dem Osten einen Report via Internet - und ein Agent vor Ort überprüft die Fortschrittsmeldungen mit Stichproben. Das Investment in die Karriere junger Mädchen verspricht schnelle Rendite. Gute Tennisspielerinnen dringen spätestens mit 18 Jahren in die Gewinnzone vor, bei Jungen beginnt die Erntezeit gewöhnlich zwei Jahre später. Zudem lassen sich im Frauentennis auch Verliererinnen verkaufen - wenn sie nur hübsch genug sind. Das Prinzip Kurnikowa haben auch die Vermarkter der zukünftigen Profigeneration längst verinnerlicht. "Das Wichtigste im Frauentennis", hält du Pasquier ungerührt fest, "ist der Sex-Appeal."
Die Georgierin Tinatin Kawlaschwili fällt bei der Sichtung in Tarbes deshalb durchs Sieb. Der Schweizer Scout ist von ihrer Technik durchaus angetan, doch da gibt es ein unlösbares Problem: Kawlaschwili ist klein und stämmig. "No way", urteilt der Agent trocken.
Zwei Spielerinnen passen schließlich in sein Raster: die Bulgarin Dia Jewtimowa, 12, und die Jugoslawin Ivana Ivanovic, 13. Ivan du Pasquier hat sie gefilmt und mehrere Tage nicht aus den Augen gelassen. Dann passt er die Trainer ab - und lädt sie mit den Spielerinnen zu einer Woche in ein Camp auf Mallorca ein. Beide stimmen zu, und das Mädchen aus Belgrad sagt: "Ich war mir sicher, dass mich hier einer anspricht."
Wie gut du Pasquier im Geschäft ist, lässt sich am Tableau in Tarbes ablesen. Die beiden Topgesetzten waren bereits zum Härtetest auf Mallorca. Der Nummer zwei, der Kroatin Katarina Zoricic, die in Kanada lebt, hat du Pasquier keinen Vertrag gegeben. Es war eine Bauchentscheidung. Irgendetwas an ihrem Spiel gefiel ihm nicht. Er hat Katarinas Trainer einen Brief geschrieben, in dem er beiden alles Gute für die Zukunft wünschte.
Von der Tribüne aus wirkt das 13 Jahre alte Mädchen mit der Zahnspange wie eine Kopie der jungen Anna Kurnikowa. "Vielleicht", sagt du Pasquier, als er Zoricic in Tarbes ein Match gewinnen sieht, "habe ich mit diesem Brief den größten Fehler meines Lebens gemacht."
An Iva Lisjak, bei den "Petits As" auf Position eins gesetzt, hat du Pasquier keine Zweifel. Die Kroatin hat das Balearen-Camp mit Bravour überstanden. Doch ihr Vater zögert noch mit der Vertragsunterschrift. Er hat einen Rechtsanwalt eingeschaltet, der die sechs Seiten des Kontrakts noch einmal durcharbeiten soll. Die Forderung nach mehr Geld hat der Advokat auch schon durchklingen lassen. Es ist nicht mehr so einfach. Der Osten hat aufgeholt.
Du Pasquiers Lippen verengen sich zu einem Strich. Lisjak und ihre Trainerin, vermutet er, pokern mit der Konkurrenz. Er will unbedingt, dass sie bei ihm unterschreibt. Das Mädchen, sagt er, sei eine Bombe.
Doch das Einzige, was er in der Hand hält, ist eine Absichtserklärung des Vaters. Darin steht, dass der für seine Tochter vor Juni 2001 keinen anderen Vertrag unterzeichnen werde. Das Papier ist ziemlich wertlos. Du Pasquier kann nichts machen.
Als Börse hat Tarbes einen tollen Ruf. Aber dieses Mal kommt sich du Pasquier vor wie auf einer Auktion, bei der die Gebote außer Kontrolle geraten sind. Das Problem mit Lisjak werde sich mit anderen Talenten wiederholen. Bei "Les Petits As" bleibt nichts mehr geheim.
Du Pasquier wird ausweichen. Ein Visum für die Ukraine hat er schon beantragt. Bei Dynamo Kiew, so kam ihm zu Ohren, sollen drei Mädchen begnadet spielen. MICHAEL WULZINGER
* Der spätere Turniersieger nach dem Halbfinale gegen den Briten Andrew Kennaugh.
Von Michael Wulzinger

DER SPIEGEL 7/2001
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