19.02.2001

ABENTEURER„Schlichter Wahnsinn“

Mit 24 solo um die Antarktis - in ihrem E-Mail-Tagebuch hat die britische Extremseglerin Ellen MacArthur Strapazen und Reiz der Nonstop-Regatta Vendée Globe beschrieben.
KURZ VOR DEM START am 9. November 2000 im französischen Atlantikhafen Les Sables d' Olonne:
Obwohl ich die ganze Zeit von diesem Rennen geträumt habe, kann ich es nicht fassen, hier zu sein. Ich habe die Chance meines Lebens. Von mir aus kann's losgehen.
11. NOVEMBER, der dritte Tag:
Ich bin so glücklich, hier draußen zu sein. Nur mit dem Speed bin ich nicht zufrieden. Das liegt zum Teil an dem Gewicht der Dinge, die ich für die dreimonatige Tour geladen habe. Ich fahre das Großsegel voll - auch, wo ich bei Normalgewicht längst über ein Reff (Verkleinerung des Segels -Red.) nachgedacht hätte.
In der Nacht habe ich meinen Großvater angefunkt wegen eines gequetschten Fingers. Ich fragte ihn, ob ich mit einer glühenden Nadel meinen Fingernagel durchstechen sollte, um den Druck zu mindern. Er sagte Ja. Also habe ich es gemacht, und es war gar nicht so schlimm wie gedacht. Inzwischen schmerzt der Finger nicht mehr so sehr.
Noch ist die Konkurrenz dicht beieinander, je nach Kurs und Winddreher ist mal der eine, mal der andere vorn.
13. NOVEMBER, erste Erschöpfung:
Die Nacht war grausam. Die "Kingfisher" schlug derart in die Wellen, dass es mich auf dem Vordeck umgerissen hat. Wenn man so durchnässt ist, ist es schwer, wieder warm zu werden. Ich fühle mich ausgebrannt. Mit rasender Geschwindigkeit geht es weiter Richtung Kanarische Inseln.
14. NOVEMBER, mit Tom Jones:
Zuweilen scheint es, als ob die Zeit stehen geblieben ist. Es ist wunderbar, hier zu sein und das Wasser am Rumpf vorbeiströmen zu hören. Das rote Glimmen der Instrumente. Vorhin habe ich 20 Minuten lang Tom Jones gehört. Phantastisch.
17. NOVEMBER, Highspeed:
Heute mehr als vier Stunden am Ruder. Nicht nur, weil das schneller ist, es ist auch ein großartiges Gefühl. Wenn du oben auf einer Welle surfst und schon die nächste auf dich zukommen siehst, ist es, als ob du von einem Berg herunterfällst und nicht mehr stoppen kannst. Ich bin gerade auf eine Geschwindigkeit von 23,2 Knoten gekommen. Highspeed: toll und beängstigend zugleich. Ich muss meine Beine fest unter den Kartentisch klemmen, um mich festhalten zu können. Wie eine Achterbahnfahrt.
4. DEZEMBER, im Blau des Südens:
Das Meer hat seine Farbe geändert. Es hat jetzt ein tiefes Dunkelblau angenommen, sieht aus wie Tinte. So langsam zieht der südliche Sternenhimmel auf.
8. DEZEMBER, die Kälte kommt:
Es wird hier nicht richtig dunkel - vier Stunden Dämmerlicht, und dann wird es auch schon wieder hell. Die Temperatur des Meeres ist auf drei Grad gesunken. Ich mummel mich immer dicker ein. Eine Schicht über die andere.
Dann war gestern das Weihnachtsessen des Royal Ocean Racing Club. Ich hatte angerufen, und im Hintergrund hörte ich 350 Segler, wie sie mir zujubelten. Beim Abschied haben wir unglaublichen Lärm veranstaltet. Muss immer noch grinsen.
8. DEZEMBER, der Eisberg:
Ich bin mir nicht sicher, was mich dazu gebracht hatte, aus kurzem Schlaf aufzuschrecken. Aber auf einmal stand ich senkrecht in meiner Koje und starrte aus dem Kabinenfenster. Da war er. Ein Eisberg. Direkt neben meinem Boot.
Keine Sekunde, und ich war an Deck. Ich konnte einfach nicht glauben, was ich sah. Wir (MacArthur und ihre Yacht - Red.) fuhren keine 15, 20 Meter an einem riesigen Eisberg vorbei. Wir segelten durch das weiße Wasser.
Was wäre gewesen wenn? Das Radar war angeschaltet. Aber - das kommt manchmal vor - dieser Berg war für das Radar unsichtbar.
15. DEZEMBER, Sturm:
Die Nacht war unglaublich. Die aufgewühlte See schrecklich. Heute morgen sind es noch immer 40 Knoten Wind.
19. DEZEMBER, gekentert:
Ich bin körperlich total am Ende, geistig fast ebenso. Alle Glieder schmerzen, mir fehlt jede Kraft.
Es begann, als das Stagsegel zerriss. Ich peitschte das Boot mit um die 30 Knoten durch die Wellen. Und dann riss das Segel. Ich bin sofort aufs Vordeck. Bei schwerem Sturm nicht die einfachste Aufgabe. Die Wellen brachen über dem Bug, und ich musste die Luft anhalten, wenn sie über mich hinwegrauschten und mich begruben.
Dann passierte es. Eine mächtige Welle traf das Schiff wie eine Faust. "Kingfisher" legte sich auf die Seite, immer weiter. Noch bevor ich es wieder ins sichere Cockpit schaffen konnte, lagen wir flach auf dem Wasser, den Mast zum Horizont gestreckt, das Deck senkrecht wie eine Steilwand.
Es sollte noch schlimmer kommen. Die "Kingfisher" richtete sich langsam wieder auf, und ich beschloss, das Großsegel zu reffen. Da musste ich feststellen, dass eine der Segellatten über der Saling (einer Querstrebe am Mast - Red.) hakte. Um nichts in der Welt würde das Segel runterkommen. Ich musste also da hoch. 15 Meter den Mast empor - das ist ohnehin der Alptraum für Solosegler. Bei einem Sturm denkt man nicht einmal darüber nach. Es wäre schlichter Wahnsinn.
Mir blieb nichts anderes übrig. Ich stellte auf den Autopiloten um, zog meinen Bergsteigergurt an und begann zu klettern. Die See tobte, zehn Meter hohe Wellen warfen mein Schiff auf und ab, der Mast raste wie der Taktstab eines Dirigenten durch die Luft. Schließlich fehlte mir noch ein halber Meter. Es waren die schlimmsten Zentimeter meines Lebens. Eine Zeitlang schaukelte ich im Wind und schlug gegen den Mast wie ein nasser Sack.
Man könnte meinen, dass es runter leichter geht. An einem Punkt hatte ich mein Bein in einer Schlaufe verheddert. Ich hing dort, flog immer wieder gegen den Mast. Ich brauchte für die 15 Meter mehr als eine Stunde, um nach unten zu kommen. Im Cockpit brach ich zusammen.
Der Morgen danach war noch schlimmer. Ich hatte einen Riss in der Genua entdeckt, einem Vorsegel. Ich versuchte, das Segel zu reparieren. Unmöglich. Der Sturm riss den Stoff hin und her, die Naht riss weiter, ich kann das Segel nicht mehr gebrauchen. Nun kann ich nicht mehr maximale Geschwindigkeit laufen.
29. DEZEMBER, guten Rutsch:
Wir fliegen gerade, ein toller Winkel zum Wind. Die Wetterbeobachtung kündigt ein Tiefdruckzentrum genau über uns um den 31. Dezember an - frohes neues Jahr.
Ich habe gestern gehört, dass Marc Thiercelin (einer der Konkurrenten - Red.) sagte, er habe die Schnauze davon voll, hinter der kleinen Ellen herzusegeln.
3. JANUAR, zwischen Eisbergen:
Noch nie habe ich eine derartige Schönheit erlebt - und zugleich so viel Angst gespürt. Zehn Eisberge - der erste war keine Überraschung, der zweite auch nicht, aber als dann der dritte, vierte, fünfte und sechste Eisberg auftauchte, im Abstand von einer Meile, war ich doch verblüfft. Ich segelte zwischen dem fünften und sechsten durch und sah den siebten und achten. Der siebte war der größte. Weite blaue Höhlen mit hohen Bögen, so hoch wie die Klippen von Dover. Schlicht und ruhig stand er da, wie abgetrennt von den Wellen, die sich an seinem Fuß brachen.
UNDATIERT, vor Kap Hoorn:
Der Stress der letzten Tage verschmilzt zu einem einzigen Gefühl, während ich mich Kap Hoorn nähere. Dieses Rennen ist hart, aber wenn ich an die denke, die hier vor Hunderten von Jahren segelten, fühle ich mich klein. Für sie war diese Ecke Leben oder Tod, und ich fühle mit all denen, die auf diesem Stück Wasser kämpften, überlebten oder starben.
Ich freue mich auf den Atlantik. Zum einen, weil wir dann heimsegeln, zum anderen, weil wir unsere Reparaturen unter wärmeren Bedingungen erledigen können. Ich fühle, dass wir verwundet sind. Wir brauchen das warme Wetter, um unsere Stärke wiederzubekommen.
18. JANUAR, Träume:
Ich fühle mich nicht gut, die Bewegungen des Schiffes sind unerträglich. Wir fahren 30 Knoten. Ich kann meinen Kopf nicht stillhalten, es ist unmöglich zu schlafen.
Ich habe nur noch ein bisschen Trockennahrung bei mir, die mein Magen vertragen kann.
Auf dem Schiff träume ich unglaubliche Sachen. Gestern träumte ich, dass (der britische Unternehmer und Abenteurer - Red.) Richard Branson an Bord wäre. Wenn mir jemand sagen könnte, ob er Milch in seinem Kaffee mag, wäre das toll. Ich würde gern wissen, ob mein Traum der Wahrheit entspricht oder nicht.
19. JANUAR, you've got mail:
Ich habe mich sehr über die E-Mail von Branson gefreut. Er bestätigte, dass er Kaffee mit Milch mag. Nun muss ich sehen, wovon ich das nächste Mal träume.
12. FEBRUAR, auf der Pressekonferenz am Tag nach dem Zieleinlauf in Les Sables d' Olonne:
Das Größte, was man bei so etwas lernen kann: Wenn du einen Traum hast, kannst du ihn realisieren. Glaub einfach, dass du es tun kannst.
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ie Vendée Globe ist die weltweit härteste Regatta für Solosegler, "eine Herausforderung für Menschen, die nichts fürchten", so der britische Segler-Star Pete Goss: alle vier Jahre von Frankreich aus rund 48 000 Kilometer einmal um die Antarktis. 24 Konkurrenten starteten diesmal auf etwa 18 Meter langen Rennmaschinen. Am Sonntag vor einer Woche ging einen Tag nach dem Franzosen Michel Desjoyeaux die Engländerin Ellen MacArthur mit der "Kingfisher" als Zweite ins Ziel. 200 000 Menschen jubelten ihr zu, Briten-Premier Tony Blair gratulierte. Ihr E-Mail-Tagebuch steht ausführlich bei SPIEGEL-ONLINE (www.spiegel.de).

DER SPIEGEL 8/2001
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