19.02.2001

THAILAND„Wir hören nur die Schüsse“

Unter elenden Bedingungen sitzen deutsche Häftlinge, meistens Drogenkuriere, in tropischen Gefängnissen. Der schlimmste Knast liegt auf der Ferieninsel Phuket.
Jeden Mittwoch fahren Claudia Stone und Monika Dettmann mit dem Geländewagen zum Hochsicherheitsgefängnis Bang Kwang, Bangkoks größter Strafanstalt. In schweren Reisetaschen schleppen sie Medikamente und Lesestoff, Obst, Kekse und Getränke in den Knast.
Ohrenbetäubender Lärm schallt von den so genannten Tigerkäfigen herüber. Gut 200 Menschen drängen sich am Besuchstag vor den engmaschigen Draht- und Stahlverhauen. Fünf Minuten haben sie Zeit, um den Häftlingen, die sich hinter einem vier Meter breiten Gang drängeln müssen, Grüße und Nachrichten zuzurufen.
"Ende! Nächste Gruppe!", brüllt ein Aufseher. Dann schlurft eine weitere Hundertschaft Gefangener in hellbrauner Einheitskluft herein. Mühsam schleppen einige an ihren Fuß- und Handketten aus zwölf Kilo schwerem Eisen. Ein infernalischer Gestank liegt in der Tropenluft.
Anfang der siebziger Jahre war das Zuchthaus für 1500 Insassen errichtet worden. Jetzt sind in den zehn lang gestreckten Blocks knapp 6700 Mörder, Drogenkriminelle und andere Schwerverbrecher inhaftiert. "Todesstrafe: 246", verkündet eine Tafel neben dem stählernen Eingangstor. Die Zahl der Verurteilten wurde mit Kreide geschrieben, denn sie erhöht sich ständig. Viele Häftlinge verlassen Bang Kwang im Bodybag, dem Leichensack.
Stone und Dettmann betreuen fünf Deutsche und einen Schweizer, die in dem weiß gekalkten Gebäude einsitzen, sowie drei weibliche Häftlinge in Bangkoks Frauengefängnis. Einer ihrer Klienten ist ein Mörder, sieben sitzen wegen Drogenschmuggels, eine Frau wegen Hoteldiebstählen. Im Gegensatz zu thailändischen Gefangenen und Besuchern dürfen die Ausländer im "Botschaftszimmer" Platz nehmen, das sonst für Anwalts- und Konsularbetreuung reserviert ist.
"Ohne diese Besuche könnten wir nicht überleben", sagt Ulrich D., 53. "Wir wären längst wahnsinnig geworden oder hätten uns umgebracht." Der hagere Mann sitzt in gestreiftem T-Shirt hinter einem Stahlgitter auf einem Plastikschemel. Ein schrappender Ventilator zerteilt die Schwüle. In diesem trostlosen Ambiente ist immerhin eine Unterhaltung in Zimmerlautstärke möglich. Ulrich D. ist gefasst, fast ruhig. Das ist hier eher die Ausnahme.
Am 7. April 1994 wurde der Kieler Schifffahrtsmakler am Don-Muang-Flughafen von Bangkok mit sieben Kilogramm Heroin erwischt, die er im doppelten Boden seines Koffers versteckt hatte. Die Behörden machten nicht viel Federlesens.
Zwar gelten die mehrheitlich buddhistischen Thailänder als liberales, konsensorientiertes Volk, doch der Kampf gegen das Rauschgift wird inzwischen als ein Akt nationaler Notwehr empfunden: Denn Thailand, ursprünglich vor allem Herstellungs- und Transitland für Drogen, hat mittlerweile selbst ein massives Konsumentenproblem.
In Chiang Mai verkaufen Lehrer ihren Schülern die synthetische Droge Yaba ("Verrückte Medizin") im Klassenzimmer. In Bangkok hängen Studenten an der Nadel oder schniefen Heroin in Discos. Entsprechend unnachsichtig ist die Justiz. Faustregel: Ein Gramm reines Heroin bringt ein Jahr Haft. Wer mit mehr als 50 Gramm oder mit 200 Amphetamin-Pillen erwischt wird, dem droht die Todesstrafe.
Es gibt allerdings einen Ermessensspielraum. Ulrich D. etwa wurde am 20. Oktober 1994 zunächst zum Tode verurteilt, doch weil er geständig war und als Ersttäter galt, wandelte das Gericht die Strafe in lebenslange Haft um. Das sind in Thailand 50 Jahre.
Im Disziplinarbuch von Bang Kwang ist der Deutsche als vorbildlicher Häftling geführt. Deswegen wurde ihm ein Fünftel seiner Strafzeit erlassen. "Mehr als 33 Jahre habe ich noch vor mir", sagt Ulrich D. leise. "Damit bin ich gut bedient." Doch selbst die zweimalige Strafreduzierung garantiert keineswegs, dass er Thailand lebend verlässt. "Mehr als zehn Jahre verkraftet ein Mitteleuropäer vor allem psychisch nicht", sagt Claudia Stone. Auf vorzeitige Entlassung besteht indes nur geringe Aussicht.
Die deutsche Botschaft kann nach vier Jahren Haft die Überstellung ins Heimatland beantragen, allerdings muss der Delinquent ein Drittel seiner Strafe verbüßt haben. Einzige Hoffnung für Langzeit-Häftlinge sind die regelmäßigen Strafminderungen durch König Bhumibol. Drogentäter waren davon in der Vergangenheit aber strikt ausgenommen.
Ulrich D. ist im Block zwei untergebracht - in Block eins befindet sich die Todeszelle, wo derzeit 40 Menschen auf ihr Ende warten. "Von den Hinrichtungen hören wir nur die Schüsse", sagt Ulrich D. "Meistens passiert es mittags gegen zwei Uhr. Dann macht es bum, bum. Das war's dann."
Das Essen in Bang Kwang erinnert an den Kehricht eines Fischmarktes. Wenn es Gemüse gibt, dann ist es verfault. Zum Waschen wird das Wasser des nahen Flusses verwendet, in den die Slumbewohner der Nachbarschaft Abfall und Fäkalien entsorgen.
In einer 24-Quadratmeter-Zelle des normalen Strafvollzugs sind 30 Häftlinge untergebracht, ohne Bett, ohne Stuhl, geschlafen wird auf dem nackten Betonboden. Zwischen halb fünf am Nachmittag und sieben Uhr morgens dürfen sie den Raum nicht verlassen. Als Toiletten dienen drei Löcher im Boden. Tuberkulose, Hautkrankheiten und HIV-Infektionen sind weit verbreitet. Meistens wird die Seuche durch selbst gefertigtes Impfbesteck übertragen. Junkies drücken sich das Heroin mit angespitzten Kugelschreiberminen in die Adern.
Wer mit Drogen erwischt wird, verbringt sechs Monate in einer Dunkelzelle - es sei denn, er kann sich freikaufen. Gefängnisse sind Spiegelbilder der ihren traditionellen Werten zunehmend entfremdeten thailändischen Gesellschaft: Korrupte Wärter besorgen Fernsehapparate und Pornovideos, und auch am Drogenhandel sind sie beteiligt.
Der Baumaschinenhändler Ralf F., 49, aus dem Ruhrgebiet wurde zu 19 Jahren verurteilt, weil man bei ihm eine erhebliche Menge Heroin fand. "Mir wurde eine Falle gestellt", erklärt Ralf F. "Alte Ausrede", meinen thailändische Strafermittler.
Ralf F. weiß, dass der Kampf gegen seine Verurteilung sinnlos ist. Deshalb arrangiert er sich mit den Verhältnissen. "Heute gehe ich zum Chinesen essen", scherzt er gallig. Für 1200 Baht (60 Mark) hat er einen Kochtopf gekauft. 3000 Baht kostet ein geräumiger Schlafplatz im Mittelgang zwischen den Zellen.
Das Geld kommt von der deutschen Botschaft. Im Gegensatz zu den meisten EU-Vertretungen stellt Konsul Klaus Schick inhaftierten Landsleuten 200 Mark Sozialhilfe zu. Gleichwohl wird der Diplomat mit Protestbriefen und Dienstaufsichtsbeschwerden überschüttet - meist Ausdruck von Knastkoller.
Besonders verzweifelt sind die Häftlinge im Zuchthaus auf der Ferieninsel Phuket, 700 Kilometer südwestlich von Bangkok. "Der Dreck, die Hitze, die entwürdigende Behandlung sind kaum zu ertragen", klagt Michael Z., 42, ein ehemaliger Reiseleiter und Tauchlehrer, der als Dealer verdächtigt wird und auf seinen Prozess wartet.
Noch auf der Wache, unmittelbar nach der Festnahme, hatte die Polizei Michael Z. und einem gleichfalls verhafteten deutschen Freund angeboten, für 1,8 Millionen Baht (knapp 91 000 Mark) "Kaution" auf freien Fuß zu kommen. Dann hätten sie über die grüne Grenze nach Malaysia flüchten können. Doch über so viel Geld verfügten beide nicht.
Also teilen sie mit bis zu 180 Gefangenen eine von sechs Massenzellen des "Phuket-Hilton", wie die Verwahranstalt ironisch heißt. Alle drei Monate geht es zum Gerichtstermin. Eine Untersuchungshaft zieht sich oft über Jahre hin. Burmesen, Kambodschaner oder Schwarzafrikaner vergisst man bisweilen ganz im Knast.
Auf Phuket ist Gefängnis Folter. Jedem Insassen stehen maximal 0,7 Quadratmeter Schlaffläche zur Verfügung. "Wir können nur auf der Seite liegen", sagt Michael Z. "Alle paar Stunden gibt jemand das Kommando zum gemeinsamen Umdrehen." Zudem muss ein Insasse viertelstündlich mit dem Hammer auf ein Stahlrohr dreschen - das ersetzt die Uhr.
Vier Deutsche sitzen derzeit auf Phuket ein. Uwe Geyer, 39, kennt ihre Situation nur zu gut: "Oft wache ich nachts schreiend auf", sagt der ehemalige DDR-Kampfpilot, "dann habe ich wieder vom Knast geträumt."
Im vergangenen Mai hatte er "im Vollrausch" einen gefüllten Einkaufswagen an der Kasse des "Lotus-Supermarktes" vorbeigeschoben, ohne zu bezahlen. Auf Ladendiebstahl stehen bis zu fünf Jahre Gefängnis.
Nach vier Wochen Untersuchungshaft kam Geyer bis zur Hauptverhandlung frei, weil seine Freundin für ihn eine Kaution hinterlegte. Nun braust er regelmäßig mit seinem klapprigen Suzuki-Geländewagen zur Haftanstalt, bringt Lebensmittel, sauberes Trinkwasser und versucht, Beistand zu leisten, zum Beispiel dem Discothekenbesitzer Gerhard M.
Der war mit einem reichen Einheimischen in Streit geraten, weil sein Kampfhund die fünf Schäferhunde des Thailänders totgebissen hatte. Tags darauf wurde Gerhard M. verhaftet, und die Polizei stellte eine Plastiktüte mit Marihuana unweit der Stelle sicher, wo die Festnahme erfolgt war. Außer den Beamten gibt es keinen Belastungszeugen. Dennoch hat Gerhard M. schon dreimal Weihnachten im Gefängnis von Phuket verbracht.
"Neulich träumte ich", sagt der Heidelberger, "dass jemand meine Kaution bezahlt hätte und mir die Flucht nach Deutschland gelang." Doch plötzlich weckte ihn ein Kitzeln im Gesicht - Kakerlaken krabbelten über seinen nackten Körper.
Der Geruch von Urin, Schweiß und Fäkalien kroch in seine Nase. "Ich konnte nicht anders und flennte wie ein Kind: Gott, warum hast du mich in diese Hölle verbannt?" JÜRGEN KREMB
Von Jürgen Kremb

DER SPIEGEL 8/2001
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 8/2001
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

THAILAND:
„Wir hören nur die Schüsse“

  • Der Bär und die Felswand: Schafft er's, oder schafft er's nicht?
  • "Aggressives Luftmanöver": Venezolanischer Kampfjet nähert sich US-Flugzeug
  • Japanisches Geisterdorf mitten im Wald: Die traurige Geschichte von Nagatani
  • Das Geheimnis der V2: Hitlers Angriff aus dem All