05.03.2001

„Das ist die totale Freiheit“

Die Punker Anja, 15, und Stöpsel, 16, über das Leben auf der Straße in Berlin
SPIEGEL: Wo kommt ihr her, und wann seid ihr zu Hause abgehauen?
Stöpsel: Vor drei Jahren, mit 13. Ich komm aus Spremberg, das liegt in Brandenburg an der polnischen Grenze. Da herrscht voll der Gruppenzwang, Alter, ich war als Punk total der Außenseiter. Dann hatte ich Zoff mit meinem Stiefvater. Irgendwann bin ich mit dem Zug nach Berlin. Am Zoo war klar, dass ich endlich alles machen konnte, worauf ich Bock hab.
Anja: Ich war 13, und ich war voll das Kind, als ich weg bin. Mein Vater starb an Krebs, als ich 6 war, und meine Mutter musste jobben. Sie hat immer nur Stress gemacht, um sechs zu Hause sein und so. Himmelfahrt 1998 bin ich mit dem Wochenendticket von Michelstadt im Odenwald nach Berlin.
SPIEGEL: Warum nach Berlin?
Anja: Mein älterer Bruder hat mich mal mitgeschleppt, als ich zehn war. Eine geile Stadt, du triffst immer geile Leute. Ich hatte die totale Party, 365 Tage im Jahr, 24 Stunden am Tag. Es ist cool, was der Körper so aushält. Und dann im Sommer sechs oder acht Wochen Urlaub am Wannsee mit 15 Punks und 20 Hunden, einfach geil.
Stöpsel: Das ist hier die totale Freiheit, ich hatte davon gehört, und so ist es auch. Niemand nervt dich, keiner sagt, um zehn bist du zu Hause, und jetzt musst du ins Bett und morgen früh zur Schule und den Scheiß. Und: In Spremberg gab's nur Haschisch und LSD, in Berlin kriegst du alles.
SPIEGEL: Schlafen und Essen waren nie ein Problem?
Anja: Du kommst als Kid locker durch in Berlin. Du peilst, dass der Eintopf bei den Streetworkern vom Karuna-Mobil am Alexanderplatz geil schmeckt, dass es Frühstück in der Notunterkunft vom Sleep-In gibt. Du kriegst überall was.
Stöpsel: Pennen ist kein Problem. Ich war anfangs im Sleep-In, aber da kannst du nur kurz bleiben. Du schläfst bei Kumpels, die ein Zimmer haben, in besetzten Häusern oder im Tierpark.
SPIEGEL: Haben eure Hunde nicht Probleme gemacht?
Stöpsel: Hunde sind besser drauf als Menschen, Alter, sie sind immer für dich da. Wenn ich schnorre, kauf ich erst Futter für Sissy, danach für mich selbst.
Anja: Ich könnte ohne meine Mischlinge Joint und Oi nicht leben. Im Sleep-In kriegen sogar die Hunde was zum Fressen.
SPIEGEL: Wovon habt ihr gelebt?
Stöpsel: Berlin ist die Hauptstadt der Schnorrer. Viele Spießer, aber du kriegst schon auch was von Leuten mit Schlips.
Anja: Du kannst den reinsten Luxus haben, du darfst nur kein Problem damit haben, dass du ein Schmarotzer bist. Ich bin schon im Schleim ersoffen beim Schnorren, aber in drei Stunden hab ich 70 Mark zusammen.
SPIEGEL: Haben eure Eltern euch bei der Polizei als vermisst gemeldet?
Stöpsel: Zehn- oder fünfzehnmal. Wenn ich von den Bullen abgegriffen worden bin, ist meine Mutter nach Berlin, hat mich abgeholt, und ich hab wieder abgekackt nach Berlin. Dann hat sie kapiert, dass ich hier leben will.
Anja: Mit 13 haben die Bullen mich dreimal am Tag geschnappt. Beim Kindernotdienst bin ich durchs Fenster und zurück zum Zoo. War nervig.
SPIEGEL: Wie lief das mit den Drogen?
Stöpsel: Du rutschst da ganz schnell rein. Dauernd wirst du gefragt, ob du nicht probieren willst, irgendwann gibst du nach, und dein Dealer freut sich. Du bist voll verpeilt durch die Drogen.
Anja: Die Kids sind da, und die Drogen sind da. So ist das.
SPIEGEL: Ihr habt Heroin genommen.
Stöpsel: Bei mir war es voll knapp. Ich saß mit zwei Gramm in der Pumpe auf'm City-Klo, der todsichere goldene Schuss. Ich war am Ende, Alter. Ich hatte die Nadel im Arm und hab nicht abgedrückt. Ich glaub, wegen meiner Mutter. Die Abtörns sind unglaublich hart, dein Kopf fliegt auseinander, und du kriegst voll die weiche Stirn. Ich lag schon mal zwei Wochen im Koma. Und, Alter: 20 Kumpels, mit denen ich drei Jahre geballert hab, sind tot.
Anja: Ich hab alles probiert, was es gibt. Ohne Streetworker packst du es nicht, da rauszukommen. Die sprechen dich an, aber sie machen dir keinen Stress.
SPIEGEL: Wann seid ihr zuletzt zur Schule gegangen?
Anja: Och, vor drei Jahren wohl.
Stöpsel: Lange her. Ging nicht gut.
SPIEGEL: Ihr habt inzwischen beide wieder Kontakt zu euren Familien. Habt ihr sie zwischendurch vermisst?
Anja: Ich hab nach ein paar Tagen, als ich in Berlin angekommen war, meine Mutter angerufen. Da hat sie mich erst mal gefragt, ob ich noch Jungfrau bin, und ich hab sie beruhigt. Nach einem halben Jahr auf der Straße hatte ich richtig Heimweh. Ich hab jeden Tag an meine Mutter gedacht, und ich hab stundenlang geheult, weil sie so weit weg war. Ich hab sie oft angerufen, nur um kurz ihre Stimme zu hören, und gleich wieder aufgelegt.
Stöpsel: Ich hab die zu Hause nicht vermisst. Aber vorletztes Jahr, da haben mich die Bullen da abgeliefert, als ich voll auf Droge war, und meine Mutter hat mitgekriegt, dass ich Drucks mache. Sie war fertig und ich auch. Ich wollte ihr doch nicht so weh tun, Alter.
SPIEGEL: Wie geht's weiter mit euch?
Stöpsel: Irgendwann die Schule fertig machen, Maurer werden. Oder Streetworker. Anja will ich treu bleiben, solange es geht.
Anja: Ich möchte den Realschulabschluss. Und mit Stöpsel will ich alt werden. INTERVIEW: CARSTEN HOLM
Von Carsten Holm

DER SPIEGEL 10/2001
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