05.03.2001

BANKENDie Angst der Strohmänner

Die Bankgesellschaft Berlin hat Mitarbeiter oder deren Angehörige als Kreditnehmer für Milliardenbeträge eingesetzt. Die werden jetzt unruhig - und lästig.
Im Flur seiner Ost-Berliner Wohngemeinschaft rostet ein altes Fahrrad, daneben stapeln sich Bücher, und auf dem wackeligen Küchentisch liegt eine Gasrechnung, beschwert von einem Glas abgestandener Club-Cola.
"Lebt so etwa ein Immobilien-Milliardär?", fragt Michael Nitschke, der hier ein Zimmer bewohnt.
Der 33-jährige Bauingenieur beschäftigt mittlerweile alle möglichen Finanz- und Aufsichtsbehörden. Selbst in der Bundesbank ist Nitschke aktenkundig.
Denn alle Banken müssen Kredite über drei Millionen Mark an die ehemaligen Währungshüter melden. Und Nitschke hat bei seinem Arbeitgeber, der mehrheitlich landeseigenen Bankgesellschaft Berlin, rund 1,7 Milliarden Mark Schulden.
Nitschke, einige Kollegen, aber auch Angehörige von Bankmitarbeitern wurden von der Bankgesellschaft als Strohmänner benutzt: für deren äußerst umstrittene Immobilienfonds. Bei denen tragen nicht etwa die Anleger, sondern die Steuerzahler praktisch alle Risiken (SPIEGEL 9/2001). Seit diese Praktiken bekannt geworden sind, hat die Filzhauptstadt Berlin eine Affäre mehr - und die Bankgesellschaft ein gewaltiges Problem.
Dass es einmal so weit kommen würde, hatte sich Nitschke nicht vorstellen können, als er vor zwei Jahren für den Job ausgeguckt wurde. "Wollen Sie persönlich haftender Gesellschafter in einem Immobilienfonds werden?", fragte ihn damals ein Manager der bankeigenen Immobilientochter IBG. Und versicherte: "Das ist eine bombensichere Sache."
Der für ihn avisierte "Okeanos Immobilien Verwaltungs GmbH & Co KG - Zweiter IBV-Immobilienfonds für Deutschland" umfasst 38 Objekte, darunter mehrere Logistik-Zentren, verschiedene Hotels in Hamburg sowie SB-Märkte und Kinos in der ganzen Republik. Nitschke sagte ja - und als kleines Dankeschön erhält er seither 0,1 Prozent der Mieteinnahmen aus dem Fonds. Das sind 60 Millionen Mark, Nitschke bleiben also 60 000 Mark im Jahr.
Für den jungen Mann ist das ein nettes Zubrot, schließlich verdiente er in seinem richtigen Beruf gerade mal 88 000 Mark im Jahr. "Ich wollte mir so meine Altersvorsorge zusammensparen", sagt der gebürtige Schwabe.
Um die Geschäfte des Fonds musste sich Nitschke nie kümmern: "Ich habe beim Notar zwölf Handlungsvollmachten für Anwälte und IBG-Manager ausgestellt", sagt er. Seither haftet er für Kredite in Höhe von einer Milliarde Mark, mit denen der Fonds seine Projekte finanzierte.
Mit diesen Vollmachten haben die Manager Nitschke aber auch in 29 Objektgesellschaften eingesetzt. In diese Firmen packte die Bank weitere Immobilien, die später an andere Fonds übertragen werden sollten. Ehe er sich versah "und ohne es richtig mitzubekommen", hatte Nitschke noch mal 700 Millionen Mark Schulden.
Die Bank brauchte den Bauingenieur und die anderen Strohmänner, weil sie ihre Geschäfte über das zulässige Maß hinaus ausdehnen wollte. Die IBG, in der sie ihre Immobilientöchter gebündelt hatte, war längst an die so genannten Großkreditgrenzen gestoßen. Laut Kreditwesengesetz (KWG) darf eine Bank nämlich nicht mehr als 20 Prozent ihres haftenden Eigenkapitals an einen einzelnen Kreditnehmer verleihen.
Doch nun fungierte nicht die Bank, sondern Nitschke als "Kreditnehmereinheit", so der Fachausdruck - und damit haftet er für die Rückzahlung des Geldes. Oder, in anderen Fällen, eben einer der übrigen Strohmänner. Und so war alles in Ordnung.
Zumindest bis vergangenen Mittwoch: Da erschienen zwei Mitarbeiter der Bankenaufsicht unangemeldet in dem Institut und befragten verschiedene Angestellte. Die gaben schließlich zu, dass die Bankgesellschaft zumindest einige der persönlich haftenden Gesellschafter von jeglicher Haftung freigestellt hat.
Damit aber liegt das wirtschaftliche Risiko dieser Kredite eindeutig bei der Bank, die Großkreditgrenzen sind aller Wahrscheinlichkeit nach überschritten worden. Ein Verstoß gegen das KWG würde aber Folgen haben, möglicherweise sogar für Wolfgang Rupf, den Mann an der Spitze der Bankgesellschaft. Der allerdings behauptet, von den Freistellungserklärungen und den daraus resultierenden Risiken für sein Institut nichts gewusst zu haben. Das aber ist ein für einen Bankmanager unglaubliches Versagen.
Gefährlich ist die Affäre auch für den Chef der zur Bankgesellschaft gehörenden Landesbank Berlin, Ulf Decken. In seinem Institut wurden die drei von der Bankenaufsicht entdeckten Erklärungen ausgestellt. Weitere Freistellungen, weiß Berlins Finanzsenator Peter Kurth, wurden von IBG-Managern unterschrieben.
Als Nitschke Ende vergangenen Jahres schließlich merkte, dass die Bankgesellschaft in seinem Namen immer weitere Objekte gekauft hatte, geriet er in Panik. Am 19. Januar kündigte er per Gerichtsvollzieher alle Vollmachten. Sein Immobilienfonds, aber auch die Objektgesellschaften, waren drei Wochen lang völlig handlungsunfähig. Andere persönlich haftende Gesellschafter leiteten ähnliche Schritte ein.
Die Banker drohten den renitenten Strohmännern zunächst mit Schadensersatzklagen, inzwischen aber lenkten sie ein. Ganz plötzlich entließen sie Nitschke aus den Objektgesellschaften.
Der versteht die Eile: "Ich war kurz davor, die Firmen einfach zu verkaufen." Mit einigen Interessenten hätten er und auch andere Strohmänner bereits verhandelt.
Und wenn die Betroffenen tatsächlich eine Freistellungserklärung der Bank haben, müssten sie ihre Kredite noch nicht einmal zurückzahlen. WOLFGANG BAYER,
WOLFGANG REUTER
Von Wolfgang Bayer und Wolfgang Reuter

DER SPIEGEL 10/2001
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