12.03.2001

SCHULENOffensive am Nachmittag

Politiker aller Parteien haben die Ganztagsschule als Wahlkampfthema entdeckt. Für ein flächendeckendes Angebot fehlt jedoch das Geld.
Kurt Beck plant den "bildungspolitischen Quantensprung". Auf dem SPD-Landesparteitag im Januar überraschte der rheinland-pfälzische Ministerpräsident selbst die eigenen Genossen mit seiner Ankündigung, zwischen Rhein und Mosel ein flächendeckendes Netz von Ganztagsschulen aufbauen zu wollen. Im engsten Kreis, nur mit Bildungsminister Jürgen Zöllner und Finanzminister Gernot Mittler, hatte Beck zuvor das millionenteure Projekt ersonnen.
Seither vergeht kein Wahlkampfauftritt, ohne dass Beck die Vorzüge der Ganztagsschule preist: Schülern soll sie bessere Bildungschancen bieten, Müttern mehr Zeit für den Job. Von SPD-Plakaten lächeln glückliche Familien zu dem Slogan: "Gute Ideen können Sie wählen: Die Ganztagsschule". Auch der Kanzler ist begeistert. Das Vorhaben, erklärte Gerhard Schröder bei der Auftaktveranstaltung zum Landtagswahlkampf am Aschermittwoch in Ludwigshafen, sei "einmalig in Deutschland".
Doch nicht nur in Rheinland-Pfalz sollen die Schüler demnächst mehr Zeit im Klassenzimmer verbringen. Quer durch die ideologischen Lager haben neuerdings Bildungs- und Familienpolitiker die Ganztagsschule zum Top-Thema erkoren.
"Die flächendeckende Einführung von Ganztagsschulen ist längst überfällig", erklärt etwa Bundesbildungsministerin Edelgard Bulmahn (SPD). "Die Ganztagsschule ist eine Notwendigkeit, weil heute mehr als 50 Prozent aller Mütter erwerbstätig sind", assistiert ihre Kollegin Christine Bergmann (SPD), Familienministerin im Schröder-Kabinett.
Sogar für die Unionsparteien hat der Unterricht am Nachmittag neuerdings seinen Schrecken verloren. Einst sahen sie mit der Ganztagsschule den Niedergang der Familie herannahen, zudem setzten sie sie gleich mit der verhassten Gesamtschule. Inzwischen lobt Bayerns Ministerpräsident Edmund Stoiber das Pilotprojekt seiner Schulministerin Monika Hohlmeier (CSU) zur Ganztagsschule als "familienfreundliche Offensive". Bislang gab es Nachmittagsunterricht im Freistaat fast ausschließlich an Privatschulen. Jetzt will Hohlmeier auch je zehn staatliche Hauptschulen und Gymnasien zu Ganztagsschulen ausbauen.
Im unionsregierten Baden-Württemberg werden derzeit weitere 50 Bildungsstätten für den Nachmittagsbetrieb aufgerüstet. Kultusministerin Annette Schavan (CDU) will die intensivere Betreuung vor allem an Hauptschulen einführen.
Neu ist die Idee zwar nicht. In Großbritannien, Frankreich und Skandinavien wird traditionell bis in den Nachmittag unterrichtet. Einzelne Ganztagsschulen gab es auch in der Bundesrepublik bereits in den fünfziger Jahren, später wurde das Modell vor allem an den neu gegründeten Gesamtschulen erprobt. Rund 300 allgemein bildende "Tagesschulen" entstanden damals in den alten Bundesländern.
Ende der siebziger Jahre fiel die Thematik jedoch "in einen Dornröschenschlaf", wie der Konstanzer Bildungsforscher Tino Bargel feststellte. Ohne größeres Aufsehen entschieden sich trotzdem manche Kommunen für die Einrichtung weiterer Ganztagsangebote. In der DDR standen zwar ganztägige Horte zur Verfügung, Ganztagsschulen gab es jedoch nicht.
Jetzt allerdings wird angesichts der wachsenden Zahl berufstätiger und allein erziehender Eltern der Ruf nach Kinderbetreuung durch die Schulen immer lauter. Viele Eltern würden ihre Kinder gern länger in die Schule schicken, das belegt eine neue Studie des Dortmunder Instituts für Schulentwicklungsforschung (IFS). Danach befürworten fast 50 Prozent der Bundesbürger die Einrichtung zusätzlicher Ganztagsschulen. Derzeit bieten in Deutschland rund 1000 der etwa 35 000 allgemein bildenden Lehranstalten ein Nachmittagsprogramm, rund sechs Prozent der Schüler nehmen daran teil.
Oft können die Schulen mit Ganztagsangebot gar nicht alle Bewerber aufnehmen. Bei der Schule am Altonaer Volkspark im Hamburger Stadtteil Lurup zum Beispiel gehen regelmäßig weit mehr Anmeldungen ein, als Plätze zur Verfügung stehen. Die Grund- und Hauptschule im Hamburger Westen ist eine der ältesten Ganztagsschulen der Bundesrepublik. 170 Kinder der Klassen eins bis neun kommen hier in den Genuss einer Rundumbetreuung durch Lehrer und Sozialpädagoginnen - auch außerhalb der Klassenzimmer.
Ihre Mittagspause verbringen die Luruper Schüler schon mal mit süßer Werkarbeit. In der Arbeitsgruppe "Lollipop" schwenken sie Reagenzgläser über Bunsenbrennern, schmelzen den Zucker darin zu einer klaren Flüssigkeit und färben ihn mit Lebensmittelfarbe, vorzugsweise in knalligem Pink. In einer Mulde im Zuckerberg auf der Arbeitsfläche erstarrt die Flüssigkeit zum Lutscher. Schon auf der Treppe vor dem Physikraum riecht es nach Karamell.
Die schuleigene Süßwarenproduktion ist eine von vielen Aktivitäten, die die Schüler in ihrer Freizeit wählen können. Zum wechselnden Angebot zählen Fußball - drinnen und draußen -, Schach, Werken, Malen, Internet und die neue Kletterwand. Lehrerinnen und Lehrer schlichten Pausenhof-Streitereien und passen auf, dass beim Fußball nicht allzu wild gebolzt wird. Nach einer Stunde, Punkt 13.05 Uhr, geht es noch einmal zurück in die Klassenzimmer: für die Kleinen bis 14 Uhr, für die Großen bis halb vier.
Wie der Ganztagsunterricht organisiert wird, bleibt der einzelnen Schule überlassen. "Die typische Ganztagsschule gibt es nicht", sagt Bildungsforscher Ernst Rösner vom Dortmunder IFS. Am Altonaer Volkspark ist der Nachmittagsunterricht für alle obligatorisch. Anderswo, wie an der Offenen Ganztagsschule Hegelsberg in Kassel, ist kein Schüler verpflichtet zu kommen. Statt Unterricht gibt es Hausaufgabenhilfe, eine Theater-Arbeitsgemeinschaft und HipHop-Tanz.
Teuer kommen die Ganztagsschulen, ob Pflicht oder Kür, vor allem wegen des Personals. Etwa 30 Prozent mehr Lehrkräfte, glauben Experten, werden gebraucht, an Grundschulen sogar 40 Prozent. Rund sechs Milliarden Mark pro Jahr, so schätzt das Institut der deutschen Wirtschaft, würde es kosten, wollte man alle Schüler der Klassen fünf bis zehn versorgen. Doch von einer Pflichtverlängerung des Schultags für alle Kinder ist angesichts knapper Kassen sowieso nirgends die Rede.
Mit Lehrern allein ist der Bedarf auch wegen des sich abzeichnenden Mangels an Pädagogen kaum zu decken. Einige Schulen suchen sich ihre Betreuer bereits außerhalb. Stefan Appel, Direktor der Offenen Ganztagsschule Hegelsberg in Kassel, hat für seine Kids Spielpädagogen, Computerfachleute und Künstler engagiert. Die finanziert das hessische Kultusministerium über das Programm "Mittel statt Stellen". Statt einer Lehrerstelle hat Appel jährlich 75 000 Mark zur Verfügung, mit denen er stundenweise Fachpersonal einkaufen kann.
"Solange es pädagogisch sinnvoll ist, sollte jede Schule ein individuelles Konzept entwickeln können", fordert Appel, der Vorsitzender des deutschen Ganztagsschulverbands ist. So sieht es auch Rösner vom IFS: "Warum sollte die Schach-Arbeitsgemeinschaft nicht vom örtlichen Schachclub geleitet werden?"
Wahlkämpfer Beck will im Fall seines Wahlsiegs jährlich 100 Millionen Mark für den Ausbau von Ganztagsschulen bereitstellen. Etwa 1000 Lehrerstellen könnten damit finanziert werden. Insgesamt sollen in Rheinland-Pfalz 60 Hauptschulen, 120 Grundschulen und 72 Schulen mit der Sekundarstufe I auf Ganztagsbetrieb umstellen. Weitere Kosten, für Umbauten etwa oder für das Mittagessen, sollen die Kommunen übernehmen.
Eine eigene Schulküche leisten sich nur wenige Ganztagsschulen. In Hamburg-Lurup essen Schüler und Lehrer an einer langen Tafel im Klassenraum, die Verpflegung liefert eine Großküche. Drei Kinder decken den Tisch, verteilen das Essen und sind auch fürs Abräumen verantwortlich. Das schult das Sozialverhalten.
"Auf Klassenreisen fallen wir immer angenehm auf", erzählt Rüdiger Krumme, einer der drei Schulleiter, "es gibt nie Probleme mit dem Küchendienst in der Jugendherberge." Mit den Tischmanieren auch nicht. "Guten Appetit, liebe Klasse vier", ruft die Lehrerin vom Kopf der Tafel, "Danke gleichfalls, liebe Frau Grundei", tönt es aus 17 Kinderkehlen.
Umstritten ist unter Bildungspolitikern, welche Institute vorrangig zu Ganztagsschulen erweitert werden sollen: nach den Vorstellungen der Stuttgarter Ministerin Schavan in erster Linie Hauptschulen in Großstädten, weil die "ihren Bildungs- und Erziehungsauftrag unter erschwerten Bedingungen erfüllen" müssen. "Es ist eine subtile Diskriminierung", findet dagegen Schulforscher Rösner, "die Ganztagsschule auf die Hauptschulen zu beschränken."
Doch gerade dort profitieren die Schüler besonders vom pädagogischen Allround-Programm. In Hamburg-Lurup legen die Lehrer sehr viel Wert darauf, ihre Schüler aufs Berufsleben vorzubereiten. Die Achtklässler gründen einen Schulbetrieb, in dem sie eigene Produkte herstellen. "Von der Marktanalyse über die Materialbeschaffung bis zum Verkauf müssen die Schüler alles selbst machen", sagt Krummes Schulleiterkollege Thorsten Bräuer. "Die treten am Ende ganz anders auf als vorher."
CSU-Ministerin Hohlmeier verfolgt mit ihrem Konzept gleich zwei Ziele. Die "internationale Tageshauptschule" an zehn Brennpunktschulen soll helfen, Kinder aus schwierigen Verhältnissen besser fürs Leben fit zu machen, das Ganztagsgymnasium dagegen vor allem dazu beitragen, die Gymnasialzeit zu verkürzen - auf acht statt bislang neun Jahre bis zum Abitur. Der Kasseler Schulleiter Appel hält von der Idee nichts: "Eine Verlagerung der Paukschule auf den Nachmittag hat mit der eigentlichen Idee der Ganztagsschule nichts zu tun."
Die setzt auf eine kindgerechtere Form des Unterrichtens, konzentrierte Lernphasen und Phasen der Entspannung sollen sich abwechseln. "Die Ganztagsschule", sagt Appel, "ist mehr als eine verlängerte Halbtagsschule mit Suppenausgabe." JULIA KOCH
* In der Hamburger Ganztagsschule am Altonaer Volkspark.
Von Julia Koch

DER SPIEGEL 11/2001
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