12.03.2001

KOSOVOSchöngeredete Apartheid

Ein WDR-Film über den Nato-Krieg geriet zum Politikum: Weil ein serbischer Sender ihn als Propaganda nutzt, müssen albanische Interviewpartner die Rache von Landsleuten fürchten.
Jeden Abend versteckt Nazmie Berisha ihren Haustürschlüssel. Dann hofft sie, schnell zu vergessen, wo sie ihn abgelegt hat.
Doch im Traum nimmt sie ihn immer wieder zur Hand und entriegelt die Tür zum Hof. Dort liegen ihre Kinder, "blutüberströmt, ermordet". Mit einem Schrei wacht sie auf. Seit zwei Jahren geht das so, fast jede Nacht.
Psychologen würden bei der 32-jährigen Albanerin ein schweres Kriegstrauma diagnostizieren und ihr dringend eine Therapie empfehlen. Doch in Rogovo, einem Dorf im südwestlichen Kosovo, gibt es keine Ärzte, die sich um verwundete Seelen kümmern. Also melkt Nazmie Berisha morgens die Kühe, backt mittags Brot und versteckt abends den Schlüssel.
Ihre Kinder hat die Frau an jenem 29. Januar 1999 Gott sei Dank nicht verloren, aber sie hat mit ansehen müssen, wie ihr Mann auf dem Hof von serbischen Uniformierten erst geschlagen und dann umgebracht wurde. Auch Verwandte sind an diesem Tag ermordet worden, doch die Todesangst, die sie damals um ihre Kinder empfand, hat sich nun in ihren Träumen verselbständigt. Unter den insgesamt 24 Opfern von Rogovo waren viele UÇK-Kämpfer, aber eben auch Zivilisten.
Für jemanden, der die Ereignisse in Rogovo rekonstruieren will, ist die Witwe eine wichtige Zeugin. Im Sommer vorigen Jahres, erinnert sich Nazmie Berisha, waren deutsche Journalisten im Dorf. Auch wenn es geschmerzt hätte, wäre sie keine Antwort auf alle ihre Fragen schuldig geblieben. Doch die Männer, Mitarbeiter des WDR, haben nicht nach ihr gefragt.
Ihr Schwager hat den Journalisten zwar ein Interview gegeben. Doch das wurde nicht gesendet. Die Erinnerungen der Familie Berisha an den Krieg haben wohl nicht ins Konzept gepasst.
Denn mit ihrem 45-minütigen Dokumentarfilm, der im Februar von der ARD ausgestrahlt wurde, wollten die WDR-Autoren beweisen, dass der Krieg der Nato gegen Belgrad von vornherein mit Halb- und Unwahrheiten gerechtfertigt wurde. Das Massaker von Rogovo, so die WDR-Rechercheure, sei in Wahrheit ein Gefecht zwischen albanischen UÇK-Kämpfern und serbischer Polizei gewesen. Der Titel des Films: "Es begann mit einer Lüge".
Tatsächlich berichten die Journalisten über eine Falschinformation aus der Zeit des Krieges. So wurden während des Nato-Bombardements im Fußballstadion von Pristina niemals albanische Gefangene zusammengepfercht, wie von Rudolf Scharping Ende März 1999 als Verdacht geäußert wurde.
Ob ein "Operationsplan Hufeisen", den der Verteidigungsminister damals als Vertreibungsstrategie der Serben gegen die Kosovo-Albaner präsentierte, diesen Namen trug, ist umstritten. Das ändert aber nichts daran, dass Milosevics Truppen die Albaner aus dem Land jagten.
Inzwischen müssen sich die WDR-Journalisten selbst den Vorwurf gefallen lassen, dass sie bei den Recherchen im Kosovo unsauber gearbeitet haben. Denn wichtige Aussagen ihrer albanischen Interviewpartner wurden nicht verwendet oder gar nicht erst aufgenommen.
Wenn zum Beispiel Shaban Kelmendi, den der WDR zum Kronzeugen gegen Scharping aufbaut, seine Familiengeschichte vor laufender Kamera hätte erzählen dürfen, wäre die These vom grundlosen Krieg wohl nicht haltbar gewesen. Die WDR-Reporter hätten einen anderen Film drehen müssen.
Kelmendi bezeugt zwar, dass er im Stadion von Pristina keine Gefangenen gesehen habe. Der Film verschweigt aber, dass damals ganz in der Nähe des Stadions Tausende Albaner am Bahnhof und auf einem nahe gelegenen Hügel von Serben festgehalten wurden. Dort wurden sie von Soldaten und Polizisten in Züge Richtung Mazedonien gezwungen.
"Das habe ich den Journalisten alles erzählt", beteuert Kelmendi - doch Mathias Werth, Co-Autor des Beitrags, bestreitet das. Warum allerdings sollte Kelmendi es verschwiegen haben?
"Die waren höchstens zehn Minuten da", erinnert sich der Pensionär. Eine halbe Stunde länger hätte sich durchaus gelohnt. Denn Kelmendis Söhne wurden schon 1991 und 1996 von der serbischen Polizei aus ihren Häusern in Mitrovica verjagt - einer von vielen Belegen dafür, dass die Vertreibung von Albanern durch Serben im Kosovo schon lange vor dem Ausbruch des Krieges begann und keineswegs nur eine militärische Reaktion auf das Bombardement der Nato war, wie der Film suggeriert.
Kelmendi, Vorsitzender der Hochhausgemeinschaft, ist in seinem Viertel sehr beliebt. Doch das könnte sich nun ändern, fürchtet er.
Dass seine Aussage in einem "Film gegen die Nato und gegen uns Albaner" verwandt wurde, "ist für mich sehr gefährlich", sagt er. Seinen extremistischen Landsleuten wird er nun als Kollaborateur und Verräter erscheinen. Denn der WDR-Film wurde mehrmals von einem serbischen Sender ausgestrahlt, den man auch in Teilen des Kosovo empfangen kann - und diesen kontrolliert ausgerechnet die Partei der Milosevic-Gattin Mira Markovic.
Shaban Kelmendi will nie wieder mit ARD-Journalisten sprechen. In den Dörfern, die dem WDR als Illustration seiner knalligen Thesen dienten, reagieren die Menschen auf westliche Journalisten inzwischen misstrauisch. Auch der albanische Dolmetscher Besnik Hamiti, der die WDR-Journalisten bei vielen Terminen begleitete, beschwerte sich in einer mehrseitigen Stellungnahme über die Methoden seiner Kollegen.
Fatmir Zymeri, ein Angestellter aus dem schwer zerstörten Dorf Petershtica, sieht seinen Bericht nicht nur aus dem Zusammenhang gerissen, sondern sogar bewusst verfälscht.
Soldaten der deutschen Kfor-Truppe nahmen Aussagen mehrerer wütender WDR-Interviewpartner inzwischen zu Protokoll - aus juristischen Gründen an Bord eines Hubschraubers. Denn dort gilt deutsches Recht.
Behält sich das Verteidigungsministerium vor, den WDR zu verklagen? Schließlich hatten die Verfasser Rudolf Scharping unterstellt, er habe "manipuliert und auch gelogen". Das Leiden der Bevölkerung im Kosovo habe er keineswegs verharmlosen wollen, beteuert Jo Angerer, einer der Autoren des Films.
Vergießt er Krokodilstränen? Tatsächlich zeigt der WDR Aufnahmen von albanischen Jugendlichen, die im Stadion von Pristina trainieren "wie eh und je" - so der Kommentar zur Sport-Idylle - in Wahrheit ging es um eine ethnische Säuberung, die schöngeredet wurde.
Albanern war der Zugang zu allen Stadien verboten, denn im Kosovo herrschte ein Regime, das der WDR in Südafrika korrekt als Apartheid bezeichnet hätte. Doch diese Vokabel fällt im Film kein einziges Mal.
Erst seit dem Einmarsch der Kfor dürfen Albaner den Rasen betreten. Auch der siebenjährige Sedat Berisha aus Rogovo spielt manchmal Fußball, doch meistens bleibt er für sich. Als sein Vater ermordet wurde, stand der damals fünfjährige Junge am Fenster neben seiner Mutter.
Zum Guerrillero hat sein Vater nicht getaugt, weil eine Verletzung an der Schulter ihn zum Invaliden machte. Die UÇK hat er aber mit Geld unterstützt. Für serbische Freischärler war das offenbar Grund genug, ihn und acht weitere Zivilisten zu exekutieren.
Militärgefecht oder Massaker? Die Wahrheit über Rogovo passt kaum in ein paar Sendeminuten. Als Beleg für die Filmthese, es hätte im Kosovo im Januar 1999 keine humanitäre Katastrophe gegeben, taugt sie jedenfalls nicht.
Richtig ist vielmehr: Die humanitäre Katastrophe im Kosovo ist noch lange nicht vorüber. Irgendwie hat der kleine Sedat eine albanische Zeitung mit den Fotos der Leichen von Rogovo in die Hände bekommen. Täglich betrachtet er nun die Bilder. Sedats ermordeter Vater ist gut zu erkennen. Wenn ihm die Mutter das Blatt wegnehmen will, schreit die Halbwaise wie am Spieß und ballt ihre Fäuste.
CLAUS CHRISTIAN MALZAHN
Von Claus Christian Malzahn

DER SPIEGEL 11/2001
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 11/2001
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

KOSOVO:
Schöngeredete Apartheid

  • Airline testet Ultralangstreckenflug: Stretchen nicht vergessen!
  • Dreidimensionales Bild: Ein Hologramm zum Anfassen
  • Emotionaler Hoeneß-Abschied: "Dieser Tanker muss geradeaus fahren"
  • 137 km/h: "Jet-Suit"-Pilot bricht Geschwindigkeitsrekord