19.03.2001

STASIDiskreter Charme

A uf der Leipziger Buchmesse gibt es am Donnerstag eine Premiere der besonderen Art. Der Propyläen-Verlag hat zur Vorstellung eines Buchs über die Verbindungen von Westjournalisten und Stasi geladen, der Autor persönlich werde Rede und Antwort stehen. Allerdings: Der Historiker Hubertus Knabe wird zwar vor Ort sein - aber schweigen. Denn am selben Tag entscheidet ein Berliner Arbeitsgericht über das Schicksal des Werks. Autor Knabe ist noch Mitarbeiter der Gauck-Behörde, die von ihm den Nachweis verlangt, mit dem Werk nicht gegen die Veröffentlichungsrichtlinien für Stasi-Akten verstoßen zu haben. Als wissenschaftlicher Mitarbeiter im Forschungsbereich hatte Knabe Zugang zu allen Unterlagen. Das Buch mit dem Titel "Der diskrete Charme der DDR", dessen Veröffentlichung die Behörde per einstweiliger Verfügung vorerst verhindern will, behandelt detailliert die Verstrickungen von Westjournalisten - etwa wie Redakteure als heimliche Botschafter der Bonner Parteien fungierten und dabei derart intensive Beziehungen zu Funktionären und Geheimdienstagenten entwickelten, dass sie die Grenzen zur Spionage überschritten. Knabe beschreibt neben zahlreichen Fällen von "Inoffiziellen Mitarbeitern" in den Redaktionen auch, wie die Anti-Springer-Kampagne durch die Stasi gesteuert und die "taz" als linker Feind der DDR "bearbeitet" wurde.

DER SPIEGEL 12/2001
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