26.03.2001

Am RandeDenker an der Börse?

Wer nie sein Brot mit Tränen aß, hat nie an der Börse gepokert. Jetzt fließen Tränen allerorten, und Gedankenschwere, also Kulturträger, die sich via Börse vorsichtig dem Kapitalismus angenähert hatten, erinnern sich eines Kollegen, eines gewissen Karl Marx und dessen dicker Warn-Broschüre "Das Kapital". Speziell vor der Börse hatte Marxens Sponsor, ein gewisser Friedrich Engels, Alarm geschlagen: Die Börse, schrieb er, sei der "Herd der äußersten Korruption". In den Wind gerufen? Jedenfalls für Karl Marx. Denn der Mann, der sich im Londoner Exil die Finger wund schrieb, dem darob "Karbunkeln am Hintern und in der Nähe des Penis" wuchsen und der dennoch arm wie eine Kreml-Maus blieb, ging mit (gepumptem?) Geld an die Börse. Marx an der Börse! Der Herd der äußersten Korruption verhielt sich formulierungsgemäß. Marx verbrannte sich die Finger und verlor an die tausend Pfund. Eine Menge Kohle; das Jahresgehalt eines Bankdirektors belief sich damals auf 300 bis 350 Pfund. Dialektik der Abklärung: Marx war für den Markt nicht geschaffen, er aß sein Brot mit Tränen und Rotwein und berechnete ahnungsvoll, "Das Kapital" werde ihm "nicht einmal so viel einbringen, als mich die Zigarren gekostet, die ich beim Schreiben geraucht". Waren es die verbrannten Börsenpfunde, die ihm auch die Zukunft, heute Globalisierung genannt, als verbrannte Erde erscheinen ließen? Denn das sah er kommen: "Altehrwürdige Vorstellungen werden aufgelöst", und drohend nahe die "Verschlingung aller Völker in das Netz des Weltmarktes" sowie die "planmäßige Ausbeutung der Erde". Das zumindest war nicht falsch spekuliert. Erstaunliche Einsichten. Sie gehen durch Marx und Bein.

DER SPIEGEL 13/2001
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