02.04.2001

PRESSESo lachte Stalin nie

Bereits vor seinem Erscheinen macht ein knochentrockenes Buch über Stasi-Verstrickungen westdeutscher Journalisten in der Medienwelt Furore. Gauck-Nachfolgerin Marianne Birthler versuchte vergebens, das Werk per einstweiliger Verfügung zu verhindern. Von Jochen Bölsche
Seine Eltern gaben ihm den Namen des Schutzheiligen aller Jäger, seine Freunde rühmen seinen Sinn für Gerechtigkeit, seine Geschäftigkeit und seine Gradlinigkeit: Den promovierten Historiker Hubertus Knabe, 41, muss niemand zum Jagen tragen.
Fast so unerbittlich und so unermüdlich wie der Wiener Nazi-Jäger Simon Wiesenthal folgt auch der gebürtige Mülheimer seinen Fährten: Knabe hat sich der Aufgabe verschrieben, möglichst viele der 20 000 bis 30 000 westdeutschen Handlanger des DDR-Geheimdienstes aufzuspüren.
Der Stasi-Jäger, bis Ende März wissenschaftlicher Mitarbeiter der Gauck-Behörde, verfügte dazu über die besten Möglichkeiten: Jahrelang hatte er Zugang zu 180 Regalkilometern ungeschwärzter Stasi-Akten. Doch als er zur Leipziger Buchmesse sein jüngstes Werk - diesmal über Stasi-Kontakte westdeutscher Journalisten - vorstellen wollte, kam es zum Eklat.
Per einstweiliger Verfügung hatte Gaucks Nachfolgerin Marianne Birthler, 53, versucht, das so knochentrockene wie inhaltsschwere Propyläen-Buch (Titel: "Der diskrete Charme der DDR") zu verhindern. Doch vor Gericht scheiterte die einstige Dissidentin mit ihrem Argument, Knabe müsse vor Erscheinen die Einwilligung ihrer Behörde einholen; hätte Knabe für das private Buchprojekt, wie Birthler mutmaßt, auch Intimdaten verwendet, die nur Mitarbeitern der Forschungsstelle zugänglich sind, wäre das datenschutzrechtlich in der Tat höchst fragwürdig.
Birthler lenkte ein, als sich zeigte, dass das Berliner Arbeitsgericht - der Forschungsfreiheit ebenso verpflichtet wie den Persönlichkeitsrechten möglicherweise Betroffener - dem Antrag der Behörde auf den zensurähnlichen Eingriff nicht folgen würde. Per Vergleich einigten sich die Parteien darauf, dass die Behörde das Manuskript auf etwaige unzulässige Indiskretionen überprüfen darf; allerdings kann sich der Wissenschaftler - der juristisch für seinen Text allein haftet - über mögliche Einwände auf eigenes Risiko hinwegsetzen.
Zu einer geplanten Buchvorstellung in der "Runden Ecke", der einstigen Leipziger Stasi-Bezirkszentrale, erschien Knabe auf Grund der gerade vereinbarten Sperrfrist mit leeren Händen. Im enttäuschten Publikum herrschte eine "Stimmung wie 1989" ("Berliner Zeitung"): blanke Empörung - diesmal über die vermeintliche Absicht der Obrigkeit, nach jahrelanger Verfolgung ostdeutscher Führungseliten nun die Mielke-Helfer im Westen zu schützen.
Knabe, in Wahrheit juristisch eher Sieger als Verlierer, machte umgehend deutlich, dass er den Stasi-Tätern aus den alten Ländern auf der Spur zu bleiben gedenkt. Der "FAZ" wie der "Welt" überließ er zum Vorabdruck einen leicht modifizierten Auszug aus dem umkämpften Buch, der zwar kaum Neuigkeiten enthielt, aber vergangene Woche dennoch Furore machte.
Aufsehen erregte weniger die - eindrucksvoll dokumentierte - Darstellung Knabes, dass SED und Stasi 1967/68 mit Hilfe von Einflussagenten in der Außerparlamentarischen Opposition (Apo) den Studentenzorn über den Springer-Konzern nach Kräften anfachten. Turbulenzen löste in der Branche vielmehr eine damit verknüpfte, vergleichsweise schwach belegte Vermutung aus: "Nicht auszuschließen" sei, heißt es im Knabe-Text, dass die DDR auch bei einem Artikel "ihre Finger im Spiel hatte", den der damalige "Stern"-Redakteur Manfred Bissinger 1967 unter der Überschrift "Die Axel-Springer-Story" verfasste und der "entscheidend für den Durchbruch der Kampagne" gegen Springer gewesen sei.
Zwar versicherte der heutige "Woche"-Herausgeber Bissinger, 60, in Leserbriefen umgehend, "zu keiner Zeit" hätten "Material oder Unterlagen aus Ostberlin" bei der Vorbereitung der damaligen Titelgeschichte "eine Rolle gespielt".
Dennoch nahm Hubert Burda, Präsident des Verbandes Deutscher Zeitschriftenverleger, Knabes Mutmaßungen zum Anlass für eine fragwürdige Attacke auf Europas größte Illustrierte: Axel Springer selber, erklärte der "Bunte"-Verleger im Springer-Blatt "Welt am Sonntag", habe ihm einst anvertraut, vermutlich stünden SED und "Stern" hinter der "Enteignet Springer"-Kampagne der Apo.
"Wir werden noch manche Überraschungen von Seilschaften zwischen den Kommunisten in Ost-Berlin und Journalisten im damaligen Westen erleben", orakelte der Verleger-Präside. Zu den Spekulationen über DDR-Quellen Bissingers merkte Burda süffisant an: "Ich erinnere mich, dass damals viele in Hamburg Bissinger für einen glänzend recherchierenden Journalisten hielten."
Knabe stützt sich in Sachen Bissinger auf Angaben des DDR-Drehbuchautors und Stasi-Mitarbeiters Karl-Georg Egel (Deckname: "Engel"), der mit Unterstützung des Mielke-Ministeriums an einem fünfteiligen Anti-Springer-Film arbeitete: Egel/"Engel" informierte die Stasi, er habe erfahren, dass drei West-Berliner Studenten "mit Bissinger vom ,Stern'' und Archivmaterial über A. C. Springer für mich am Kontrollpunkt Friedrichstraße eintreffen würden"; dort wollten sie Material austauschen.
Aus solchem Hörensagen die Schlussfolgerung abzuleiten, erst ein Stasi-"Stern"-Kontakt habe der Anti-Springer-Kampagne zu breitem Widerhall verholfen, hält Knabe für zulässig, Bissinger hingegen für "eine ganz fiese Nummer": "So kann man jeden und alles denunzieren."
Wo weitere Belege fehlen, interpoliert Knabe: "Dass der ,Stern'' durchaus bereit war, propagandistisch aufbereitete Materialien aus der DDR zu verwenden, hatte er schon 1966 bei der Kampagne gegen Bundespräsident Heinrich Lübke bewiesen"; damals wollte Ost-Berlin den CDU-Politiker mit verfälschten Dokumenten als "KZ-Baumeister" hinstellen.
Der Lübke-Vorwurf ist zwar nicht neu, aber zutreffend: Schon 1991 hatten sich die HVA-Offiziere Günter Bohnsack und Herbert Brehmer im SPIEGEL-Gespräch gebrüstet, die 60-köpfige Abteilung X ("Desinformation") unter Oberst Rolf Wagenbreth habe serienweise West-Medien aufs Kreuz gelegt - einmal, vor 21 Jahren, mit einem angeblichen CSU-Protokoll sogar den SPIEGEL.
Noch erfolgreicher waren die professionellen Fälscher in anderen Fällen, die das Duo Bohnsack/Brehmer ebenfalls bereits 1991 offenbarte und die Knabe in seinem Buch nun nachzeichnet:
* Die "Süddeutsche Zeitung" publizierte 1978 den Text eines von der Stasi mitgeschnittenen und geschickt manipulierten Telefonats zwischen CSU-Chef Franz Josef Strauß und einem Redakteur des Parteiblattes "Bayernkurier";
* die "Hamburger Morgenpost" und das ARD-Magazin "Panorama" saßen 1988 einem in Ost-Berlin gefälschten Brief auf, den der Kieler Ministerpräsident Uwe Barschel angeblich dem CDU-Bundesminister Gerhard Stoltenberg geschrieben hatte;
* der "Stern" stellte den ehemaligen "Quick"-Redaktionsdirektor Heinz van Nouhuys, der Front gegen die Entspannungspolitik Willy Brandts machte, 1973 mit Stasi-Hilfe als "Doppelagenten" hin.
Die Hamburger Illustrierte wird von Knabe als besonders anfällig für Stasi-Einflüsterungen eingeschätzt. In der Tat konnten die Desinformanten dem Blatt des erfahrenen Journalisten Henri Nannen erstaunlich viel unterjubeln. Unter anderem druckte der "Stern" 1975 ein von der Stasi mitgeschnittenes und raffiniert verfälschtes Telefonat zwischen CDU-Chef Helmut Kohl und dessen damaligem Generalsekretär Kurt Biedenkopf.
Nicht immer ist heute genau auszumachen, was zu solchen Pleiten und Pannen mehr beigetragen hat: die Neigung manch eines linken Journalisten, Christunionlern alles denkbar Böse, Kommunisten aber eher Edelmut zuzutrauen, oder schlicht mangelnde Professionalität. Knabe weist darauf hin, dass zwei der "Stern"-Leute, die auf Stasi-Manipulationen hereinfielen, auch an der Veröffentlichung der gefälschten Hitler-Tagebücher beteiligt waren.
Peinlich wirkt heute manche Eloge, mit der sich Mediengewaltige einst bei der DDR-Führung um Interviews bewarben. Und geradezu liebedienerisch nimmt sich ein Porträt des poststalinistischen Kreml-Chefs Leonid Breschnew aus, mit dem sich der "Stern" offenbar für ein Exklusiv-Interview erkenntlich zeigen wollte: "Der Mund kann verschmitzt lächeln und lauthals lachen - so lachte Stalin nie."
Als sich später dank der sozial-liberalen Entspannungspolitik die journalistischen Ost-West-Beziehungen normalisierten, bediente sich die DDR im Umgang mit der Westpresse einer Dreifachstrategie:
* West-Korrespondenten in Ost-Berlin wurden, wie bei der Anti-SPIEGEL-Operation "Tarantel", mit absurd anmutendem Abhör- und Observationsaufwand bespitzelt (SPIEGEL 33/2000);
* "Feindobjekte" von "Bild" bis "taz" ließ die Stasi durch Perspektivagenten ausforschen, die gezielt in den Westen eingeschleust worden waren; im SPIEGEL etwa wirkten der Ostexperte Dietrich Staritz und der Wehrexperte Diethelm Schröder (SPIEGEL-Titel 51/1990);
* heimlich subventionierte die DDR Linksblätter wie bis 1964 das Hamburger "Konkret" des Ulrike-Meinhof-Ehemanns Klaus Rainer Röhl oder den von Stasi-Agenten wie Walther Barthel und Carl Guggomos redigierten "Extra-Dienst", dem der Geheimdienst bisweilen fertige Texte lieferte.
Die Zahl der von Knabe genannten journalistischen Stasi-Mitarbeiter im Westen nimmt sich eher bescheiden aus. In den - zu Wendezeiten allerdings stark ausgedünnten - Stasi-Akten zählte er gerade mal drei Dutzend West-Journalisten (inklusive Mitarbeitern von Pressestellen und unbedeutenden Pressediensten). Zum Vergleich: Allein auf die Berliner CDU waren mindestens 80 Stasi-Agenten angesetzt.
Der Versuch des DDR-Geheimdienstes, in der Bundesrepublik mitzumischen, wird den Stasi-Forscher Knabe wohl auch künftig nicht loslassen. Denn sein eigener Werdegang ist mit dem Thema seiner Bücher eng verknüpft.
Als Sohn des renommierten Grünen-Mitbegründers und Waldforschers Wilhelm Knabe bekam der junge Hubertus mit, wie Spitzenfunktionäre der Ökopax-Partei deren pazifistische Grundhaltung immer wieder einseitig gegen West-Raketen zu mobilisieren versuchten - später erfuhr er, dass sogar ein Vorstandsmitglied der Grünen auf der Gehaltsliste der Stasi stand.
Und als Grünen-Sprecher in Bremen erlebte der Student Knabe mit, wie DDRnahe Kader an der Uni Stimmung gegen den DDR-Dissidenten und Gastprofessor Rudolf Bahro machten - nach der Wende erwies sich, dass selbst der Pressesprecher der Universität vom Mielke-Ministerium besoldet wurde.
Als junger Historiker, der über die DDR-Friedensbewegung schrieb und über die DDR-Umweltbewegung promovierte, wurde Knabe 1980 von Ost-Berlin mit einem Einreiseverbot belegt - offenbar auf Grund von Spitzelmeldungen aus dem Westen; das Original des Konzepts seiner Doktorarbeit fand sich nach der Wende in den Akten der Stasi-Hauptabteilung XX/5.
Als frisch gebackener Leiter der Evangelischen Akademie in West-Berlin schließlich stand Knabe 1988 "vor einer Mauer der Ablehnung" - sein Vorgänger Peter Heilmann hatte, so flog später auf, 33 Jahre für die Stasi gearbeitet und dafür 200 000 Mark kassiert; nach seiner Enttarnung kam Heilmann mit 8000 Mark Geldstrafe und 20 Monaten Haft auf Bewährung davon.
Auf Grund all dieser Erfahrungen mit West-Spitzeln reagiert Knabe verständnislos auf Forderungen von Altlinken aus den alten Ländern, die Geschichten von einst ruhen zu lassen. Auch innerhalb der Gauck-Behörde warfen ihm 68er-Wessis vor, mit seiner Spitzeljagd den - tatsächlich absurden - Eindruck zu erwecken, ohne die Stasi hätte es weder die Studenten- noch die Friedensbewegung gegeben.
Kollegen schwärzten ihn an, er wolle durch "einseitige Selektion" den Eindruck einer "massiven Unterwanderung" der Bundesrepublik vermitteln. Weil er seine These aber nicht "wirklich belegen" könne, flüchte er sich in das Argument, Ursache der Beweisnot sei die "HVA-Aktenvernichtung". Zermürbt von diesem Kleinkrieg, übernahm Knabe jüngst eine neue Aufgabe als Wissenschaftlicher Direktor der Gedenkstätte Hohenschönhausen, einst ein berüchtigter Stasi-Kerker.
Auch in Westdeutschland sieht sich der Aufklärer bisweilen unverstanden. Bei einer Lesung an der Bremer Universität protestierten Zuhörer, als der Stasi-Forscher über den "rot lackierten Faschismus" der SED sprach und forderte, die DDR-Geschichte mit der gleichen Gnadenlosigkeit aufzuarbeiten, "mit der wir unsere Eltern mit dem Nationalsozialismus konfrontiert haben".
Knabes Hinweis, der "Krefelder Appell" der Friedensbewegung von 1980 sei von der SED inspiriert und finanziert worden, ließ das Publikum kalt.
"Ist doch egal", murrte eine SPD-Genossin, "richtig war er trotzdem."
* Bei Breschnew 1973 in Moskau; mit Dolmetscher Iwan Kurpakow (2. v. l.).
Von Jochen Bölsche

DER SPIEGEL 14/2001
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