02.04.2001

MOTORRADRENNEN„Ich bin eine Sensation“

Frauen an der Rennstrecke sollen traditionell für eine gefällige Optik sorgen. Jetzt kommt eine Deutsche daher, die aussieht wie ein Startnummerngirl und Motorrad fährt wie ein Mann.
Dass sie irgendwann etwas "Besonderes leisten" würde, ahnte Katja Poensgen schon, als sie noch in Mindelheim im Allgäu zur Schule ging. Dort war sie in ihrer Klasse die Anführerin der Jungen-Gang und bei Ausflügen auf dem BMX-Rad "immer vorneweg".
Die frühe Konditionierung ist mittlerweile auch in ihr Berufsleben eingedrungen. Katja Poensgen, 24, ist Motorrad-Rennfahrerin. An einem verregneten Nachmittag sitzt sie in einer Boxengasse am Hockenheimring auf einem Zweirad, das sich nicht nur durch das Fehlen eines Nummernschilds als besonderes seiner Art ausweist. Das pechschwarze Ungetüm der Marke Aprilia, gefertigt aus Leichtmetall und Carbon, hat rund hundert PS, beschleunigt in 2,8 Sekunden von null auf hundert Stundenkilometer und kostet 250 000 Mark.
Poensgen sitzt das erste Mal auf ihrer neuen Rennmaschine. Die Premiere wird von vier Kamerateams observiert, eines ist extra aus Frankreich angereist. Als die Pilotin von ihren Mechanikern auf die Strecke geschoben wird, verraten die Gesichter der durchweg männlichen Augenzeugen tiefe Zweifel.
Kann die das?
Katja Poensgen fährt seit ihrem 17. Lebensjahr Motorradrennen. Sie gewann 1995 den ADAC-Junior-Cup und ließ 1998 im Supermono-Cup die ausnahmslos männliche Konkurrenz hinter sich. Bis vor kurzem interessierte diese überschaubare Karriere kaum jemanden.
Doch nun darf sie sich mit den wirklich schnellen Jungs der Branche messen. Als Sechste der Superstock-Europameisterschaft - der Zweiten Liga sozusagen - erhielt sie einen Startplatz für die Weltmeisterschaftssaison in der Klasse bis 250 Kubikzentimeter Hubraum: die erste Frau aller Zeiten in der Viertelliter-Kategorie. Seitdem ist die Hölle los.
Motorsport auf höchstem Niveau gilt seit jeher als eine der letzten Männerdomänen des Sports. Frauen sind in dieser Welt aus Reifenqualm, Benzingeruch und derber Macho-Erotik allenfalls geduldet. Und auch nur dann, wenn sie in knappen Textilien lüstern in den Boxengassen lungern.
Dass nun mit Katja Poensgen ausgerechnet eine Frau in die Männergesellschaft drängt, die den Fahrerlager-Models auch noch phänotypisch ähnelt, sorgt für Irritationen. Im Großen und Ganzen geht es um die uralte Frage, ob Frauen im Zug der Emanzipation wirklich alles mit Männern teilen müssen. Die Kernhaltung der Skeptiker im Fall Poensgen brachte unlängst ein Leserbriefschreiber in der Fachzeitung "Motorsport aktuell" auf den Punkt. Die Kandidatin solle sich doch bitte auf das beschränken, was andere Damen im Rennsport auch machten, nämlich den echten Spitzenleuten "in sexy Klamotten den Sonnenschirm halten".
Die Ressentiments mögen darauf gründen, dass Katja Poensgen - blond, attraktive Figur - einem heftigen Bikertraum entsprungen sein könnte. Andererseits ist das Rennweib, liiert mit einem Motocross-Fahrer aus Belgien, nicht gerade zimperlich. Nach einem schweren Unfall 1997 in Spanien lag sie drei Tage lang im Koma, erst nach fünf Monaten konnte sie das Krankenhaus verlassen. Ihr Vater Bert schlug vor, zum weniger verletzungsträchtigen Automobilrennsport umzusatteln, doch die Tochter reagierte mit Unverständnis: "Das ist doch was für Warmduscher."
Ein Satz, der von Ralf Waldmann stammen könnte. Der Brachialrhetoriker aus Ennepetal war bis zuletzt Platzhirsch und Aushängeschild der deutschen Motorradzunft. Nach 15 Jahren ist der zweimalige Vize-Weltmeister jedoch aus dem Grand-Prix-Zirkus ausgestiegen. Und da es den
übrigen deutschen Zweiradprofis sowohl an Erfolgen als auch an Charisma mangelt, füllt nun Katja Poensgen mit ihrem Potenzial an Talent, Exotik und Erotik die Marktlücke aus. Poensgen: "Ich bin eine Sensation." Die Frage ist nur: auf welchem Gebiet?
Weil sie erst im Februar vom britischen Rennstall Umoto (der das Budget nicht zusammenbrachte) zur "Racing Factory" des Bochumer Teamchefs Dieter Theis wechselte, verlor Poensgen wichtige Trainingszeit. Während ihre Grand-Prix-Konkurren-
ten bis zu 50 Testtage absolvierten, konnte Poensgen ihr Motorrad vor dem ersten WM-Lauf am kommenden Wochenende in Suzuka nur einmal ausprobieren. Nun lautet das Minimalziel: "Nur nicht Letzte werden."
Für Dieter Theis reicht das. Katja Poensgen ist ja nicht engagiert worden, um dem Teamkollegen Alexander Hofmann den behänden Umgang mit dem Motorrad beizubringen. Die Pionierin soll das Bühnenlicht auf die Racing Factory lenken, damit die Sponsoren glücklich werden.
Daran gemessen, leistet Katja Poensgen seit Wochen aufopferungsvolle Arbeit. Getreu ihrem Motto ("Sag niemals nie"), gibt es kaum noch einen Fernsehsender, dem sie nicht zu Diensten war. Der "Gazzetta dello Sport" gestattete sie "sexy Fotos" (Poensgen) in Edelkleidern von Prada und Gucci. Nur dem "Playboy" sagte sie kategorisch ab: "Nackt kann jeder."
In der Flut der Termine drängte sich zuletzt der Eindruck auf, die fulminante Kurvendiva habe eher das erklärte Ziel, die Nachfolge von Hera Lind als omnipräsentes Superweib der Nation anzutreten, als jemals einen Grand Prix zu gewinnen. Mal gibt sie bei Harald Schmidt die offenherzige "PS-Beauty" ("Bild"). Dann sitzt sie breitbeinig und in schwarzer Lederjacke auf einem Barhocker in der Talkshow "Nachtcafé" des Südwestrundfunk und liefert grundsätzliche Kommentare zur aktuellen Lage im Geschlechterkampf ab: "Frauen können alles tun, was Männer auch machen."
Aus jedem Autogramm macht sie ein Vermächtnis. 15 Sekunden dauert es, bis die kunstvoll geschwungene Signatur fertig gestellt ist. Gern garniert die Schöpferin den Schriftzug obendrein mit einer bedeutungsschweren Lebensweisheit: "Zahme Vögel träumen von Freiheit, wilde Vögel fliegen."
Allmählich tut sich Poensgen jedoch schwer, bei dem steilen Aufstieg von der rasenden Provinzschönheit zur gesamtdeutschen Powerfrau den Überblick zu bewahren. Deshalb hilft neuerdings verstärkt ihr Vater bei der Organisation.
Bert Poensgen ist hauptberuflich Vertriebsleiter der Motorradsparte bei Suzuki. Als die Tochter die ersten Rennen bestritt, fuhr er sie im Wohnmobil zu den Strecken und war gleichzeitig ihr Mechaniker. Jetzt ist er ihr Berater.
Beim Mittagessen in einer Pizzeria in Hockenheim klingelt das Handy der Tochter. Ein Mann von der Deutschen Presse-Agentur ist dran. Katja Poensgen hält das Gerät in die Luft und fragt: "Ist dpa wichtig?" Papa säbelt an einer Pizza Hawaii und nickt. Die Tochter setzt das Gespräch fort. Dann klingelt das Handy von Bert Poensgen. Ein Angebot für eine TV-Show in Italien. Italien ist wichtig. Das Motorrad, auf dem Katja fährt, ist ein italienisches Fabrikat. "Den Termin", sagt er, "kriegen wir noch unter, Action, Action."
Dass seine Tochter mal richtig berühmt wird, hätte sich Bert Poensgen vor einigen Jahren nicht träumen lassen. Anfänglich war die Katja ja noch ein braves Mädchen und machte Dinge, die alle Mädchen tun. Sie liebte Pferde, sie schrieb kleine Gedichte und jeden Abend in ihr Tagebuch.
Doch dann wurde aus der Mustertochter ein schwer pubertierendes Kind. Zuerst färbte sie sich mit 14 Jahren die Haare bunt, dann rasierte sie sich eine Glatze und schloss sich der Punker-Clique in Heppenheim an, wo ihre Eltern noch heute wohnen. Sie fand es "cool", in verschlissenen Klamotten rumzulaufen. Sie flog von der Schule, und es war ihr egal. Ihr Vorsatz lautete: "Bloß nie arbeiten."
Bert Poensgen sagt über diese Zeit: "Ich hätte sie an die Wand klatschen können."
Als Katjas damaliger Freund an Drogen starb, wechselte sie die Szene. Nun feierte sie in Mannheimer und Frankfurter Techno-Clubs, und ihr Name tauchte in dem Notizbuch eines Dealers auf. Ein Jugendrichter verurteilte sie zu 20 Stunden gemeinnütziger Arbeit in einem Tierheim.
Erst jetzt griff der Vater ein. Unter "Androhung körperlicher Gewalt" zwang er seine Tochter, die inzwischen 16 Jahre alt war, ihn auf eine Dienstreise zur Rennstrecke im spanischen Calafat zu begleiten. Drei Tage lang verweigerte das störrische Kind die Nahrungsaufnahme, dann setzte es sich "aus Langeweile" auf ein Motorrad, das der Vater für seine Tochter mitgenommen hatte. Seither ist Katja Poensgen praktisch nie mehr abgestiegen.
Schon ihr Großvater fuhr Enduro-Rennen. Ihr Vater verlor bei einem Motorradunfall ein Bein. Nun ist Katja die Projektionsfläche seiner Träume.
Sie wurde ins "Sport-Studio" des ZDF eingeladen. Und einen Manager hat sie jetzt auch. Er wohnt ihn Monaco. Kürzlich war sie bei ihm zu Besuch. Er zeigte ihr die berühmte Rennstrecke und ein Spielcasino. Jetzt will Katja Poensgen auch nach Monaco ziehen, "schon wegen der Steuer und so". Dass man dafür ein paar Jahre im Fürstentum leben muss, könnte sie von manchem Sportler erfahren, der steuertechnisch desillusioniert nach Deutschland zurückgekehrt ist.
Doch jetzt ist nicht die Zeit für Zweifel und Hemmungen. Der Papa hat schon mal hochgerechnet. 500 000 Mark müsste sie verdienen, damit sich der Umzug lohnt. Er schlägt ihr mit der Hand auf die Schulter: "Action, Action."
Denn die Frage ist ja, wie lange der Ruhm noch hält. Erst neulich war in einer italienischen Fachzeitung ein Foto von ihr aufgetaucht, das darauf hindeutet, in welche Nische die Motorrad-Amazone platziert wird. Das Bild zeigte Katja Poensgen im Minirock und in ungünstiger Position, "das war alles nur noch Hintern".
Schamlos findet sie das. Sie hätten sie wenigstens "fragen können". Jetzt will sie der Redaktion einen bösen Brief schreiben. Denn was soll ihr Freund denken, "wenn der so was sieht"? Oder ihr Vater?
Doch der Papa platzt nur vor Stolz. Bert Poensgen sagt: "Wenn du nicht meine Tochter wärst, würde ich sagen, tolle Frau." GERHARD PFEIL
* Klaus Nöhles, Alexander Hofmann.
Von Gerhard Pfeil

DER SPIEGEL 14/2001
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