14.04.2001

Echte Gräfin, falscher Scheich

Die britische Monarchie hat sich - wieder einmal - königlich blamiert.
Offenbar sind es immer die angeheirateten Blondinen, die Elizabeth II. und ihre deutschstämmigen Windsors in tiefste Krisen stürzen. Zuerst war es der Tod der "englischen Rose" Diana, der das Ansehen des britischen Königshauses welken ließ. Jetzt hat Sophie Rhys-Jones, 36, Gräfin von Wessex und Gattin von Prinz Edward, dem jüngsten Sohn der Queen, den Part der gefährlichen blonden Schwiegertochter übernommen. Die Diana durchaus ähnlich sehende Durchlaucht zog gegenüber einem vermeintlichen Kunden ihrer PR-Agentur munter über etliche Politiker her. Seit sie das ungeschriebene Gesetz verletzte, nach dem sich die Royals nicht in die Politik einmischen dürfen, hadern die Briten wieder einmal mit ihren Windsors. Die Inszenierung, die dem Volk erneut Klarheit brachte, welch kleinlicher Krämergeist die Windsor-Schlösser durchmieft, war bühnenreif: Nach entsprechenden Hinweisen eines Mitarbeiters von Sophies PR-Agentur recherchierte das größte britische Sonntagsblatt "News of the World", ob die Gräfin ihren Ehrentitel Königliche Hoheit für schnöden persönlichen Gewinn missbrauche.
Um Beweise zu sammeln, verkleidete sich ein Enthüllungsexperte des wenig skrupulösen Boulevardblatts als "Scheich Mohammed", der einen lukrativen PR-Auftrag für ein Freizeitzentrum in Dubai vergeben wolle. Als sich zunächst Sophies Geschäftspartner Murray Harkin mit dem viel versprechenden Kunden traf, entblödete der PR-Mann sich nicht, auszuplaudern, dass er gern Kokain schnupfe, auch schon Ecstasy geschluckt habe und jederzeit "nice boys" für eine Männer-Party beschaffen könne. Der falsche Scheich und seine Gehilfen nahmen alles mit einer versteckten Videokamera auf - Reality-Soap vom Feinsten.
Noch brisanter wurde es, als Sophie selbst im noblen Londoner Dorchester Hotel den Undercover-Reporter traf. Seit Prinz Edward sie im Juni 1999 zum Traualtar geführt hat, gelten die beiden als Belegexemplare für die runderneuerten Windsors. Das Paar wollte den britischen Steuerzahlern - die alimentieren die Royals derzeit mit 117 Millionen Mark im Jahr - nicht länger auf der Tasche liegen. Edward betreibt eine Filmproduktionsgesellschaft, Sophie steigerte den Umsatz ihrer PR-Agentur im vergangenen Jahr um 40 Prozent.
Dabei schlachteten sie allerdings die Beziehungen zu ihrer herrschaftlichen Verwandtschaft nach Kräften aus. Edward ließ seine hoch verschuldete Firma Dokumentationen über Großonkel Edward VIII. und andere Ahnen produzieren. Sophie lockte den falschen Scheich dezent mit dem Glanz, den die Nähe zum Thron verleiht - "etwas, was nicht jedermann versprechen kann".
Standesdünkel steckt auch in ihren losen Sprüchen über Politiker, die sie dem Reporter servierte. Gegenüber dem kultivierten Landleben sei ein machtbesessener "Präsident" Tony Blair schlicht "ignorant", sagte Sophie, noch schlimmer sei seine Gattin Cherie: "Sie hasst das Land." Blairs Vorgänger John Major sei "vollkommen hölzern". Nachdem "News of the World" die "Sophie tapes" abgedruckt hatte, musste die Gräfin als Geschäftsführerin ihrer Firma zurücktreten, ihr Partner schied ganz aus dem Unternehmen aus. Die Queen kündigte an, dass sie für die geschäftlichen Aktivitäten ihrer Familie neue strenge Regeln erlassen werde, bestieg ein Pferd, ritt durch den Windsor Great Park und schaute grimmiger drein denn je - 2001 droht erneut zum "annus horribilis" zu werden.
Die königliche Maul- und Plauderseuche ließ zwar nicht den Thron wanken, denn "die Firma", wie Prinz Philip seinen Chaoten-Clan nennt, lockt mit traditionellem Pomp noch reichlich Touristen auf die Insel. Doch für junge Briten sind längst David Beckham und Posh Spice die wahren Royals. Und wenn die 100-jährige Queen Mum stirbt, sinkt auch die letzte Ikone traditioneller Monarchisten ins Grab. Kein Wunder, dass die meisten Briten glauben, ihr Königshaus sei über kurz oder lang dem Untergang geweiht.
So sprachen sich zwar jüngst in einer Untersuchung mehr als zwei Drittel der Befragten gegen eine Republik aus, doch nur ein Fünftel glaubt, dass die Monarchie das 21. Jahrhundert noch überleben wird.
Und der leidgeplagten Sippenchefin Elizabeth, die in zehn Monaten den 50. Jahrestag ihrer Thronbesteigung feiern will, droht womöglich ein neues Public-Relation-Fiasko: Ihr Zweitältester, Andrew, der sich noch vor kurzem auf einer Segelyacht mit einer Gruppe barbusiger Schönheiten ablichten ließ, soll endlich eine seriöse Aufgabe übernehmen - und weltweit als Repräsentant der britischen Exportwirtschaft auftreten, was die Gelegenheiten, sich zu blamieren, erheblich mehrt. Einige Labour-Minister haben dem geschiedenen Playboy bereits "unmissverständlich" klar gemacht, dass das "Modell Sophie" im neuen Job out sei: Seine Ansichten habe Andrew gefälligst für sich zu behalten.

DER SPIEGEL 16/2001
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