23.04.2001

BEVÖLKERUNG„Wie im Dreißigjährigen Krieg“

Ahnungslosigkeit und Desinteresse an den Demografie-Prognosen wirft Herwig Birg, Direktor des Instituts für Bevölkerungsforschung der Universität Bielefeld, den ostdeutschen Landesregierungen vor. Um mit der Landflucht fertig zu werden, seien Phantasie und Energie gefragt.
SPIEGEL: Die Deutschen werden immer weniger und immer älter, wie wir aus der Rentendiskussion wissen. Warum dann die Extra-Aufregung um das Schrumpfen des Ostens?
Birg: Mit einer Geburtenrate von 1,1 Kindern pro Frau gehört Ostdeutschland - gemeinsam mit Nordspanien und Norditalien - zu den Ausnahmen in Europa. Ganz einmalig ist aber der permanente Wanderungsverlust der neuen Bundesländer. Die 20- bis 40-Jährigen bilden jene Altersgruppe, die deutschlandweit um eine halbe Million pro Jahr schrumpft und deshalb im Westen besonders willkommen ist. Um diese Menschen zu halten, müssten die Ost-Länder mehr bieten als der Westen. Das können sie aber nicht.
SPIEGEL: Was bedeuten diese Daten für die Zukunft?
Birg: Weil die Arbeitskräfte knapper werden, deckt sich der Westen weiterhin im Osten ein. Wenn das Humankapital - also das in den Köpfen gesammelte Wissen - dort ständig abgeschöpft wird, verschwindet der eigentliche volkswirtschaftliche Reichtum. Die Investitionen fallen zurück, damit die Produktion, als Folge auch das Einkommensniveau. Das wiederum verstärkt die Abwanderung. Die Baden-Württemberger und Bayern haben auf diese Weise lange vor der Wiedervereinigung gewaltig von den Wanderungen profitiert. Überdurchschnittliche Einkommen und die niedrige Arbeitslosenquote dort beruhen auch auf den Leistungen der Wanderer. Das ist nicht nur hausgemacht.
SPIEGEL: Gibt es hier keinen Sättigungseffekt?
Birg: Im Gegenteil, der Prozess verstärkt sich sogar noch selbst. Wenn gut qualifizierte Zuwanderer da sind, erhöht das die Wirtschaftskraft, das Einkommensniveau, den Wohlstand. Diese positive Entwicklung zieht dann noch mehr Zuwanderer an. Das ist kein ostdeutsches Phänomen, weltweit läuft das so.
SPIEGEL: Der Osten ist also bald ein Land ohne Menschen?
Birg: Bis zur Jahrhundertmitte wird sich die Zahl der Erwerbspersonen halbieren, und danach geht der Prozess weiter. Bewahrheitet sich diese Prognose, wäre das ein geschichtliches Novum - zumindest für Friedenszeiten oder Zeiten der Prosperität. Das letzte Mal gab es dieses Phänomen im Dreißigjährigen Krieg.
SPIEGEL: Wie gehen die Politiker im Osten mit solchen Prognosen um?
Birg: Man nimmt sie sehr genau zur Kenntnis, hütet sich aber, öffentlich darüber zu diskutieren. Wahrscheinlich fürchten die Politiker, dass die Investitionsbereitschaft dann noch weiter sinkt. Die Verantwortlichen in Mecklenburg-Vorpommern weigern sich beispielsweise, Zahlen über 2015 hinaus zu veröffentlichen. Dort gibt es eine Doppelbödigkeit in den Daten. Bei unseren Länderprognosen können wir aber keine Rücksicht auf die Sorgen der Ost-Bundesländer nehmen und bei 2015 aufhören zu rechnen.
SPIEGEL: Vielleicht trauen Politiker in Ost und West solchen Demografie-Daten nicht.
Birg: Das war immer so. Bevölkerungsprognosen sind auch im Westen lange Zeit von der jeweiligen Regierung verdreht und verdrängt worden. Wer dem Wähler als Erster die Wahrheit sagt, hat verloren. Im Osten ist das nicht anders. Dort gibt es zwar auch aufgeschlossene Politiker, die mit unseren Zahlen arbeiten und für ihre Planung noch mehr wollen. Viele andere glauben allerdings, es sei besonders demokratisch, über demografische Fakten nichts zu wissen. Die Abwehrhaltung ist im Osten etwas größer.
SPIEGEL: Woran liegt das?
Birg: Der Nachholbedarf ist sehr groß. Aber es dominieren Ahnungslosigkeit und Desinteresse. Unwissen ist zwar in Ost und West demokratisch gleich verteilt. Aber die Konsequenzen sind für den Osten dramatischer, weil mehrere Negativfaktoren zusammenkommen: Wanderungsverlust, die unterdurchschnittliche Geburtenrate und wenig Attraktivität für qualifizierte ausländische Zuwanderer. Deshalb die stärkere Abneigung gegen Informationen.
SPIEGEL: Sind alle Ost-Landesregierungen gleichermaßen beratungsresistent?
Birg: Nein. In der sächsischen Landesregierung sind unsere Gutachten Pflichtlektüre. Ganz anders in Mecklenburg-Vorpommern. Zu den betrüblichsten Erfahrungen meines Berufslebens gehört eine Demografie-Tagung des dortigen Wissenschaftsministeriums. Ein derart arrogantes Desinteresse wie dort habe ich noch nie erlebt.
SPIEGEL: Manchmal schützt Schweigen.
Birg: Den Leuten in Mecklenburg-Vorpommern tut die Regierung aber keinen Gefallen, wenn sie noch immer eine blühende Zukunft verspricht. Die wiegen sich in Sicherheiten, die nicht da sind.
SPIEGEL: Ist das Bevölkerungsdilemma im Osten noch abzuwenden?
Birg: Kaum. Auch der Westen kann die Bevölkerungsentwicklung nicht wirklich steuern. Man muss sich so optimal wie möglich den Dingen anpassen.
SPIEGEL: Der Osten sollte sich also mit dem Schrumpfen abfinden?
Birg: Richtig. Sich darauf einstellen und das Beste daraus machen, sich klug anpassen. Die geschichtliche Tragweite dieser Aufgabe ist so groß, dass es sich lohnt, mit Phantasie heranzugehen und Energie zu investieren. Verdrängen hilft nicht. INTERVIEW: IRINA REPKE
Von Irina Repke

DER SPIEGEL 17/2001
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