23.04.2001

TV-MARKTWehe, das macht Schule

Dem Fernsehspiel in Baden-Baden droht nach Ansicht von Kritikern durch einen Vorstoß des SWR-Intendanten der Absturz ins Mittelmaß.
Wenn sich der Schauspieler Günther Maria Halmer an das Drehen in Baden-Baden erinnert, fallen dem eleganten Bonvivant ("Anwalt Abel") putzig-anrührende Szenen ein: Er sieht Maskenbildnerinnen mit viel Zeit vor sich, die sich auch durch drohende Arbeit nicht in ihrem Plausch übers "Gärtle" stören lassen. Und Halmer, der die Bedingungen an vielen TV-Sets in Deutschland und Europa kennt, weiß: "Für jeden Hauptdarsteller einen eigenen Fahrer, das gibt's nur beim SWR in Baden-Baden."
Tatsächlich existiert in dem berühmten Kurort an der Oos ein idyllisches Reservat aus längst verflossenen Rundfunktagen: Werkstätten in öffentlich-rechtlicher Regie, Schneiderinnen, Kameraleute und Fundusverwalter mit den beamtenähnlichen Arbeitsverträgen der ARD. Der Südwestrundfunk - der letzte deutsche Sender mit einer eigenen Produktion.
So was riecht in den Nasen der Rationalisierer nach träger Gemütlichkeit. Doch ein Blick auf den Bildschirm lehrt etwas anderes: Baden-Baden ist in der von Versteppung bedrohten Fernsehlandschaft für TV-Movies ein belebender Ort.
Hier hat eine qualitätsbewusste Redaktion mit guten Regisseuren und anspruchsvollen Drehbüchern Ulrike Folkerts als den Männern ebenbürtige "Tatort"-Kommissarin durchgesetzt. Hier kann Edgar Reitz seine deutsche Chronik mit der dritten "Heimat" fortschreiben, hier wird in der Reihe "Debüt im Dritten" Nachwuchsförderung ernst genommen - kein Nico Hofmann ("Der Tunnel"), kein Sönke Wortmann ("Allein unter Frauen"), keine Conny Walther ("Das erste Mal") ohne Baden-Baden. Diese Leistungen haben Namen: Peter Schulze-Rohr als ehemaliger und Dietrich Mack als amtierender Fernsehspielchef sowie vor allem Susan Schulte, die umtriebige Redakteurin.
Mit der Herrlichkeit könnte es in dieser Woche zu Ende gehen. Dem Verwaltungsrat des Südwestrundfunks liegt ein Papier des Intendanten Peter Voß und seines Programmdirektors Christof Schmid zur endgültigen Entscheidung vor, das Kritikern als Selbstaufgabe des Anspruchs auf Qualität und Kreativität erscheint.
Um die Eigenherstellung nicht mehr direkt zu verantworten, plant der SWR-Intendant das "Outsourcing" der Produktion. Das sieht auf den ersten Blick wie der mutige Abbau eines Monopols und die Öffnung in Richtung Marktwirtschaft aus. Doch für die Abwicklung der Produktion wird die Maran Film, an der der SWR zu 51 und die Münchner Bavaria, ihrerseits in ARD-Besitz, zu 49 Prozent beteiligt sind, verantwortlich sein. Außer Spesen wenig gewesen: Impulse für den Markt bleiben gering.
Hauseigen sollen auch weiterhin neun Filme pro Jahr hergestellt werden, weitere vier oder fünf der jährlichen fiktionalen Südwest-Projekte, so rechnen Kenner, werden ebenfalls von der Maran abgewickelt.
Und die freien, meist kleineren Produzenten blicken stumm auf dem ganzen Tisch herum: Sie dürfen sich voraussichtlich um die verbleibenden vier oder fünf Projekte balgen, bei denen sie Rechte erwerben können. Wenige Chancen für die Freelancer.
Für Nico Hofmann, der die Produktionsfirma Teamworx leitet, ist das eine "Riesenenttäuschung". Warum, so fragt er sich, hat das Land Baden-Württemberg, in dem außer dem SWR kein anderer großer Sender beheimatet ist, Anstrengungen unternommen, die renommierte Filmhochschule Ludwigsburg mit einem Medienzentrum zu stärken. Warum hat er, der Professor an der Hochschule ist, Ludwigsburger Studenten und Absolventen zur Gründung von Filmproduktionsfirmen ermuntert, wenn gleichzeitig der größte Sender im Ländle den Wettbewerb nicht fördert.
Sondern vielmehr einschränkt. Die Konstruktion mit der Maran ist nicht nur für Hofmann ein Akt frecher öffentlich-rechtlicher Selbstbedienung: Als Sender durfte der SWR nicht die Mittel der Filmförderung abschöpfen, über die Maran, so glauben zumindest seine Juristen, darf er es sehr wohl. Was der SWR in die Filmförderung einzahlt, holt er sich über die Tochter zurück - die freien Produzenten blicken nach solcher Umwegfinanzierung wieder stumm: Für sie bleibt weniger im Topf.
Den größten Protest aber erregen die SWR-Pläne, wichtige Teile der Redaktion zu privatisieren. Nach dem Voß-Modell, so interpretieren es Kritiker, verbleiben im Sender nur noch Redakteure, die die Projekte der Maran abnicken und in den ARD-Gremien vertreten, wenn es um die Platzierung im Programm geht. Andere Teile der Redaktion werden mehr oder weniger gewaltsam aus dem Sender unter das Dach der Maran herauskomplimentiert.
Dort weht, auch wenn die offiziellen Beteuerungen anders klingen, natürlich ein anderer Wind. Künstlerische Fragen werden zu Kostenfragen. "Ich habe es immer als wohltuend empfunden, wenn eine unabhängige Redaktion wirtschaftlich unabhängige Entscheidungen trifft", weiß Hofmann. "Ein solcher Redakteur kann einem Produzenten sagen: Ich bin mit dem Schnitt nicht einverstanden, ich erwarte von dir einen Nachdreh, auch wenn der kostspielig ist."
Fernsehspielchefs wie Gebhard Henke vom WDR fürchten Schlimmes, wenn die SWR-Pläne Wirklichkeit werden. "Angestellte einer Firma", schrieb Henke an seine Kollegen, "werden dann darüber entscheiden, ob lieber eine Schwarzwald-Komödie oder ein politisches Fernsehspiel von Heinrich Breloer entwickelt werden soll." Aufgaben unabhängiger Redaktionen dürften nicht an Firmen delegiert werden, die über den Gewinn wachen. Das sei "ein Schritt zur Selbstaufgabe" des öffentlich-rechtlichen Rundfunks. "Einige Intendanten", sagt Hofmann, "haben die Vorstellung, dass die Leute unter wirtschaftlichem Druck kreativer arbeiten. Ich halte das für eine große Illusion."
Niemals, so Hofmann, käme ein Mann wie RTL-Chef Gerhard Zeiler auf die Idee, seine Redaktion als GmbH auszugliedern und 75 Prozent der Gestaltung seines Hauptabendprogramms von einer Bertelsmann-Tochter machen zu lassen.
Vieles, was den Ruhm der ARD ausmacht, verdankt sie gerade der Verbohrtheit, Hartnäckigkeit und dem Mut einzelner Redakteure, sich auch intern unbeliebt zu machen. Die quasi-beamtenrechtlich vor Kündbarkeit geschützte Stellung eines öffentlich-rechtlichen Redakteurs hat nicht immer nur bürokratische Schläfrigkeit geboren. Manchmal entstanden daraus Wunder wie die Reitzsche "Heimat", "Der Laden" oder die Verfilmung des eigentlich Unverfilmbaren: von Uwe Johnsons "Jahrestagen".
Was im Kern hinter den SWR-Konflikten steckt, ist offenbar die Unkenntnis einer auf kameralistische Erwägungen fixierten Anstaltsführung über die Stärken im eigenen Haus. Das stille Kämmerlein des Planers zählt offenbar mehr als das Hineingehen ins wirkliche Leben einer Redaktion.
Von Kommunikation halten die Hierarchen jedenfalls wenig. In geharnischten Schreiben unter Androhung arbeitsrechtlicher Sanktionen verboten sie, dass Redakteure wie Ulrich Herrmann oder Susan Schulte mit dem SPIEGEL reden. Maulkörbe statt Argumente - die Rationalisierer sprechen in diesem Punkt eine klare Sprache.
Vielleicht sollten sich Voß und Schmid einmal darüber informieren, wie intensiv die Angestellten ihres Senders in vielmonatiger Drehbucharbeit mit Nachwuchsfilmern das zu sichern versuchen, was der ARD zu allererst am Herzen liegen muss: die Qualität.
Die SWR-Planer scheren sich auch wenig über die Auswirkungen ihrer Abschottungspolitik gegen den Markt. Wo Sender ihre Aufträge an wenige Produzenten binden, kommt erfahrungsgemäß wenig heraus.
Die Privaten verhalten sich anders. RTL ist es nach den Erfahrungen von Hofmann Wurst, ob eine Produktionsfirma zur Bertelsmann-Gruppe gehört, wie es auch der Kölner Sender tut: Die Zeiler-Leute entscheiden sich unabhängig von Besitzverhältnissen für das Angebot, das sie für das Beste halten. Es ist auch gang und gäbe, dass Kirch-Sender ARD-Produzenten beschäftigen oder, wie im Fall des erfolgreichen Flüchtlingsdramas "Der Tunnel", auf die konkurrierende Bertelsmann-Firma Teamworx zurückgreifen.
Deshalb meint Hofmann zum SWR-Protektionismus: "Wehe, das macht Schule." Nach dem Südwestrundfunk könnten auch die Privaten anfangen, nur noch mit konzerneigenen Produzenten zu arbeiten - gute Nacht, Kreativität. Die Verwaltungsräte im Südwesten haben wahrlich Stoff zum Nachdenken.
NIKOLAUS VON FESTENBERG
Von Nikolaus von Festenberg

DER SPIEGEL 17/2001
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