30.04.2001

TERRORISMUS„Handschrift eines Profis“

Ein deutscher Ex-Fallschirmjäger, so vermuten Ermittler der Uno, hat für die Albaner die Drecksarbeit im Kosovo erledigt. Er soll mit Sprengstoffanschlägen missliebige Serben getötet haben.
Oberst Aleksandar Petrovic war ein mächtiger Mann. Der Leiter des jugoslawischen Passbüros in Pristina entschied, wer aus dem Kosovo nach Serbien reisen durfte und wer nicht, was mitunter einer Entscheidung über Leben und Tod gleichkam. Zwei Gegensätze, zwischen denen auf dem Balkan manchmal nur Sekunden liegen.
Am vorvergangenen Mittwoch wurde Petrovic mit tödlicher Präzision ermordet. Gegen 14.50 Uhr hatte der serbische Polizei-Offizier mit vier Begleitern sein Büro verlassen und einen dunkelblauen VW-Passat bestiegen. Als die Limousine in der Mostarstraße ein verfallenes Haus passierte, detonierte ein im Erdgeschoss versteckter Sprengsatz. Die ferngezündete Fünf-Kilo-Bombe war wie ein Trichter auf die Straße gerichtet und mit todbringenden Metallsplittern gespickt.
Petrovic wurde von Schrapnellgeschossen zerfetzt, seine Begleiter überlebten, einige schwer verletzt. Nur der Zufall hatte ein noch folgenreicheres Blutbad verhindert: Kurz zuvor hatte ein Passant vor der Ruine sein Auto abgestellt - es minderte die Wucht der Druckwelle erheblich.
Wenig später wurde ein zweiter Sprengsatz entdeckt, der offenbar zeitgleich gezündet werden sollte, um die Zielperson Petrovic regelrecht einzukreisen. Er war an Elektrodrähte angeschlossen, die zu einem Versteck in der Nähe führten. Obwohl die zweite Bombe nicht zündete, konstatierten die Uno-Polizisten, trage der Anschlag "die Handschrift eines Profis".
Diese "Handschrift" sorgt jetzt für erheblichen Wirbel weit über die Grenzen des Balkans hinaus. Obwohl im Kosovo 4000 Uno-Polizisten und rund 40 000 Kfor-Soldaten Dienst tun, können Tausende geflohener Serben und andere ethnische Minderheiten nicht aus dem Ausland in ihre Heimat zurückkehren. Auch das deutsche Außenministerium warnt vor Abschiebungen in den Kosovo; die Flüchtlinge müssten "systematische Pressionen, Einschüchterungen und gewaltsame, immer wieder auch tödlich endende Übergriffe" radikaler Albaner fürchten.
Und nun soll ausgerechnet ein Deutscher die Drecksarbeit für die Albaner erledigt haben. Als mutmaßlicher Haupttäter des Mordes an Petrovic wurde ein Ex-Fallschirmjäger der Bundeswehr verhaftet. Er steht nach Angaben aus Uno-Kreisen zudem im Verdacht, als Auftragskiller der UÇK für drei weitere Terroranschläge im Kosovo mit verantwortlich zu sein. Der Tatverdächtige war bereits kurz nach der Detonation festgenommen worden. Ein albanisches Polizeikommando hatte am Nachmittag des 18. April einen sich heftig wehrenden Mann bei der Uno-Polizei abgeliefert. Er besaß einen deutschen Pass auf den Namen Roland Bartetzko, 30 Jahre alt, ehemaliger Stabsunteroffizier.
Der über und über mit Staub bedeckte Bartetzko bestritt heftig, irgendetwas mit dem Anschlag zu tun zu haben. Die Explosion habe ihn wahnsinnig erschreckt. Die Kriminalpolizei in Pristina, die von einem deutschen Staatsschützer geleitet wird, nahm seine Fingerabdrücke und ließ ihn zunächst wieder laufen.
Erst später, nachdem die Pristina Murder Squad (die Mordkommission der Uno-Polizei) die Spuren an der nicht explodierten Bombe mit Bartetzkos Fingerabdrücken verglichen hatte, wurde der Deutsche zur Fahndung ausgeschrieben.
Am Freitag, zwei Tage nach dem Tod des Obersts, griffen Fahnder der Anti-Terror-Einheit Team Six zu. Gegen 23.30 Uhr nahmen sie Bartetzko unweit seiner Wohnung in Pristina fest. Er leistete heftigen Widerstand und wurde bei der Aktion am rechten Arm verletzt. Die Uno-Untersuchungsrichterin Renate Winter erließ Haftbefehl wegen Mordes, Körperverletzung und Terrorismus.
Bartetzko ist kein unbeschriebenes Blatt. 1991 wurde der Stabsunteroffizier "unehrenhaft" aus der Bundeswehr entlassen. Als Mitglied einer in Merzig stationierten Fallschirmjäger-Einheit soll er zuvor an Einzelkämpferlehrgängen und an Sprengstoffkursen teilgenommen haben.
Nach seiner Entlassung verließ Bartetzko Deutschland und hauste zunächst in einer Studentenunterkunft, einem 20-Quadratmeter-Zimmer für 200 Mark Monatsmiete, im belgischen Ort La Calamine unweit der deutschen Grenze. Frühere Mitbewohner erinnern sich heute an einen "Waffentick", den er damals gehabt haben soll.
Im Juni 1995 verlor sich Bartetzkos Spur zunächst - seine Daten wurden "von Amts wegen" aus dem Melderegister gelöscht. Zu diesem Zeitpunkt hatte er bereits den Kontakt zu seiner Familie abgebrochen. Aus Uno-Akten geht hervor, dass Bartetzko in den Jugoslawien-Kriegen zunächst unter dem Kampfnamen "Matthias" auf kroatischer Seite gekämpft habe, bis er schließlich gefangen genommen und einmal sogar für tot erklärt worden sei. Doch in Wahrheit habe der Deutsche fliehen können und sich später muslimischen Kämpfern angeschlossen.
Erst im Januar 1996 tauchte Bartetzko wieder in Deutschland auf. Die Polizei griff ihn nach der Einreise aus Österreich am Grenzübergang bei Bad Reichenhall auf und sicherte seine Fingerabdrücke. Das BKA war ihm zwar wegen seiner Söldnertätigkeiten auf die Spur gekommen, doch Beweise fehlten: Der Dienst in einer fremden Truppe ist nach deutschem Recht nicht strafbar, solange keine Erkenntnisse über konkrete Straftaten vorliegen.
Drei Monate später wurde der offenbar in großen Geldnöten steckende Balkan-Desperado wegen Handtaschenraubs in die Justizvollzugsanstalt München-Stadelheim eingeliefert. Gleichzeitig fahndete die österreichische Polizei nach Bartetzko - ebenfalls wegen eines Raubdelikts. Nach einem weiteren Haftaufenthalt, diesmal in Rastatt, zog es den Ex-Söldner offenbar in das Kosovo.
Nach dem Einmarsch der Nato-Truppen tauchte Bartetzko in Mitrovica auf, gründete das Sicherheitsunternehmen Sucuir Kosova und heiratete eine Albanerin. Vabona Mustafa war beeindruckt von der sozialromantischen Ader des Deutschen, der nicht aufhörte, von der "menschlichen Wärme", von den "echten Gefühlen" und der "Herzlichkeit der Menschen" im Kosovo zu schwärmen. "Deutschland ist doch eiskalt", soll er immer gesagt haben.
Menschliche Wärme fand Bartetzko offenbar vor allem bei der UÇK. In seinem Apartment in der Ramiz-Sadiku-Straße fand die Polizei Fotos, auf denen er im Combat-Dress neben seinen albanischen Kameraden posiert. Weil "Roland" für die Milizionäre so sonderbar klang, ließ er sich von ihnen "Shaban" (Held) nennen.
Der weiche Deutsche aber hatte womöglich auch seine harten Seiten. Das Wort "Sicherheitsunternehmen", heißt es in Pristina, sei in Wahrheit nichts weiter als eine nette Umschreibung für Terror und Schutzgelderpressung. Insidern gilt der frühere Gymnasiast "mit dem deutschen Pass, dem russischen Namen und der albanischen Frau", so ein Uno-Sprecher, inzwischen als "großer Fisch". Derzeit prüft man, ob Bartetzko an drei weiteren Terrorakten beteiligt war:
* dem Bombenanschlag auf das "Zentrum für Frieden und Toleranz" in Pristina am 18. August vergangenen Jahres, bei dem eine Mitarbeiterin der Türkischen Volkspartei verletzt wurde;
* dem Sprengstoff-Attentat auf die Residenz des Belgrader Regierungsvertreters im Kosovo, Stanimir Vukicevic, bei dem am 22. November dessen Chauffeur starb;
* dem Massaker an serbischen Männern, Frauen und Kindern, deren Buskonvoi am 16. Februar bei Pudojevo in eine Sprengfalle geraten war.
Besonders die perfide Technik des letzten Anschlags, der mindestens zehn Todesopfer forderte, macht die Fahnder misstrauisch. Die Täter hatten in einem Wasserrohr unter der Straße mehr als 220 Kilo Sprengstoff deponiert und gewartet, bis die gepanzerten Begleitfahrzeuge der schwedischen Kfor-Eskorte vorbeigefahren waren. Genau in dem Moment, als sich der Bus mit den Zivilisten über der Bombe befand, zündeten sie über ein anderthalb Kilometer langes Kabel den Sprengsatz, indem sie die blanken Enden an eine Autobatterie hielten.
Unter den Toten befand sich auch ein Ehepaar mit einem kleinen Kind; zudem gab es 40 zum Teil schwer Verletzte. Das Blutbad beschäftigte sogar den Sicherheitsrat der Vereinten Nationen.
Bartetzko, dem 40 Jahre Haft drohen, verweigerte bislang bei allen Vernehmungen hartnäckig jede Aussage. Sein albanischer Anwalt Tom Gashi sagt: "Bisher habe ich noch keinen der angeblichen Beweise gesehen, ich glaube nicht, dass er den Anschlag auf Petrovic verübt hat." Viel helfen wird der Glaube angesichts der Fingerabdrücke auf der Bombe wohl kaum.
Gegen den deutschen Ex-Söldner ermittelt inzwischen der für die Uno nach Pristina abkommandierte Frankfurter Staatsanwalt Peter Korneck, Spezialist für Organisierte Kriminalität. Er will vor allem die Hintermänner fassen, die in Kreisen der Albaner-Führung vermutet werden. Korneck erwägt, die Ermittlungen an Deutschland zu übertragen, da "die rechtlichen Möglichkeiten im Kosovo an ihre Grenzen stoßen".
Diese Grenzen wurden am vergangenen Freitagnachmittag deutlich. Weil es Hinweise auf eine gewaltsame Befreiungsaktion durch radikale UÇK-Kämpfer gab, wurde Bartetzko eilig und unter schärfsten Sicherheitsvorkehrungen von Pristina in das festungsartig ausgebaute "Bond Steel"-Camp der US-Kfor-Truppe ausgeflogen.
GEORG MASCOLO, SVEN RÖBEL, ANDREAS ULRICH
Von Georg Mascolo, Sven Röbel und Andreas Ulrich

DER SPIEGEL 18/2001
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