30.04.2001

EINE MELDUNG UND IHRE GESCHICHTEDie Milch der Rettung

Wie eine Frau zur Amme von Schiffbrüchigen wurde
Und am Schluss, sagt José-Alberto, wurden wir auch noch beschossen. Wir überlebten diese Reise nur, fällt Roberto ein, weil wir immer zusammenhielten. Faustina aber, der Engel der Schiffbrüchigen, schweigt. Wiegt zwei Kinder auf den Armen, links Jennifer, ihr Jüngstes. Erst als die Kinder zufrieden an den Milchflaschen nuckeln, spricht sie. Nach zwölf Tagen auf See - dunkel und warm ist ihre Stimme - war ich mager, die Haut verbrannt, die Brüste waren leer. Heute, an Land, schäme ich mich, es zu erzählen. Aber auf hoher See war alles ganz natürlich. Eine Eingebung Gottes.
Ein neues Leben, haucht José-Alberto, 23. Ich habe, knurrt Roberto, 37, nur ein einziges Mal daran genippt. Höchstens zwei.
Sie hatten sich, im Dunkel der Nacht, an einem verlassenen Strand getroffen. Sie wollten, acht Männer und acht Frauen, ihrem Land und der Armut entkommen, wollten die Dominikanische Republik verlassen und den von Stürmen geplagten Meereskanal überqueren, in Puerto Rico an Land gehen, dem Eintrittstor in die Vereinigten Staaten von Amerika. Verarmte Reisbauern. Fischer, die ihr Leben riskieren, wenn sie sich mit ihren kleinen Booten aufs offene Meer wagen. Andere Arbeit gibt es nicht. Zehntausende Dominikaner verlassen jedes Jahr das Land, auf legalen und illegalen Wegen. Von dem, was die Emigranten ihren Familien nach Hause schicken, lebt das Land ebenso wie vom Tourismus.
Allein in Robertos Gemeinde, Sabana de la Mar, waren im vergangenen Jahr 16 Personen beim Versuch, die Mona-Passage zu überqueren, gestorben. Es waren schon Schiffe gekentert, weil an Bord ein Streit ausgebrochen war. So erzählte man im Dorf. Es waren schon Frauen in die See geworfen worden, weil sie auf der Fahrt begonnen hatten zu menstruieren. Aus Angst, das Blut würde die Haifische anlocken.
Geh nicht, hatte Faustinas Mann geklagt, du trägst noch die Jüngste an der Brust. Ich gehe, sagte sie, bevor unsere Kinder sich ihrer Eltern schämen müssen. Sie brachte den Nachwuchs unter, zwei bei der Mutter, zwei bei der Schwester. Um zehn Uhr nachts fuhr die Expedition los, geschätzte Fahrzeit: 16 bis 36 Stunden. Das Boot: 18 Fuß lang, 2 Motoren, 25 und 15 Pferdestärken. Als ein Flugzeug zu hören war, stellte der Junge, der das Boot führte, den Motor ab. Angst vor der Küstenwache. Als er ihn wieder anlassen wollte, streikte die Kerze. Der Ersatzmotor funktionierte nicht. Die Strömung trieb das Boot weg. Endlich waren die Kerzen gewechselt, folgte der Bootsführer dem Kompass. Als am anderen Abend kein Land sichtbar war, wussten alle, dass sie sich verirrt hatten.
Am dritten Tag wurde der letzte Wasservorrat verteilt, die Kappe einer Cola-Flasche für jeden. Am vierten Tag, auf der Flucht vor einem Wal, dessen Flossenschläge das Boot zu zerschmettern drohten, ging das Benzin aus. Sie schafften es gerade noch, einem russischen Handelsschiff vor den Bug zu gehen. Schrien und winkten, Hilfe, Hilfe. Das Schiff schnitt wenige Meter an ihnen vorbei. Die Matrosen schauten dem Wal zu.
Am fünften Tag trieben ein Apfel vorbei und ein Brett. Mit der Feile eines Nagelknipsers teilte Roberto den Apfel in 16 Teile. Aus dem Brett macht er einen Mast, hängte die Schutzplane als Segel dran.
In der Nacht stürmte es. Roberto blieb wach, die Füße auf der Lee-Seite abgestützt, die Hände am gegenseitigen Rand, das Schiffchen emporreißend, wenn eine der haushohen Wellen, die plötzlich von der Seite angriffen, sie zu überrollen drohte.
Am sechsten Tag plumpste ein Fliegender Fisch ins Boot. Roberto fraß ihn roh. Den anderen grauste.
Wann geschah das Wunder?
Seit Tagen lag José-Alberto, der Jüngste und Größte von allen, röchelnd auf den Planken, unfähig, beim ständigen Wasserschöpfen mitzuhelfen.
Faustina aber wandte sich an ihre Schwester, hör mal, sagte sie, diese Brüste müssten noch gut sein, bis vor kurzem haben sie meine Tochter Jennifer genährt. Die Schwester versuchte es, und aus dem Mund der Schwester nahm auch Faustina von ihrer Milch. Dann beugte sie sich zu José-Alberto hinunter. Trink, sagte sie, und danach nahm sie die anderen zur Brust. Einige kamen alle zwei Stunden, andere seltener.
Aber Roberto fraß so viel Seetang, wie er aus dem Wasser fischen konnte.
Am zwölften Tag sahen sie Land.
Mit Schraubenzieher und Zange zertrennte Roberto die Planken des Boots und zimmerte vier Paddel. Noch vier Männer hatten die Kraft zu rudern.
Wind und Strömung hatten sie an die dominikanische Küste zurückgetrieben, direkt auf eine Marinegarnison zu. Vier Soldaten standen unter den Palmen und versuchten, die Flüchtlinge zuerst mit Schüssen zu vertreiben. Dann ins Gefängnis zu stecken. Erst ein Offizier brachte sie ins Kranken-haus.
Sabana de la Mar. Staubige, löchrige Straßen, Bretterbuden. Im Haus ihrer Mutter, dünne Holzwände, Vorhänge statt Türen, bringt Faustina die beiden Kinder zu Bett, die auf ihren Armen eingeschlafen sind.
Roberto flüstert: Auf dem Schiff hielten wir alle zusammen. Wir waren eine Einheit. Aber jetzt, an Land, ist sie die große Heldin. Ganz allein. Tritt im Fernsehen auf, der Staatspräsident hat ihr ein neues Haus versprochen. Dabei war ich es, der jede Nacht gegen die Wellen angekämpft hat, während die anderen dösten.
Du hast schon Recht, bestätigt José-Alberto, der Jüngste und Größte von allen, im Gesicht noch das Glück der unverhofften Rettung. "Aber sie hatte die Titten." RUEDI LEUTHOLD
Von Ruedi Leuthold

DER SPIEGEL 18/2001
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