30.04.2001

FILMHungrige Raubkatze

Wie aus einem Allerweltsunglück eine einzigartige Geschichte wird: Mit „Rosetta“ gewannen Luc und Jean-Pierre Dardenne 1999 in Cannes die Goldene Palme.
Kann es sein, dass von allen Gründen, aus denen man gern ins Kino geht, keiner für "Rosetta" passt? Dass dieser Film einfach keines von all den vertrauten schönen Bedürfnissen erfüllt? Und einen stattdessen mit einer Endgültigkeit überwältigt, die weiter keine Erklärungen braucht?
"Rosetta" beginnt wie mit einem Schlag in den Nacken. Eine Tür wird zugeknallt, ein Mädchen in Arbeitskleidung rennt durch einen Korridor in eine Fabrikhalle, schreit den Chef an, schlägt um sich und verschanzt sich endlich in einem Umkleideraum, bis ein paar Uniformierte die Tobende auf die Straße befördern. So ist Rosetta: Schulabgängerin, nach einem Vierteljahr Probezeit ohne Begründung gefeuert und mit wenig Hoffnung, bald einen anderen Job zu finden. Nun steht sie im Regen, Auge in Auge mit dem Nichts, und die Kamera, die während der ganzen ersten Szene wie atemlos hinter ihr her hetzte, kommt endlich dazu, Rosetta in Ruhe ins Gesicht zu sehen, in dieses kräftige, breite, vor Verzweiflung glühende Jungmädchengesicht. (Ihre Darstellerin Émilie Dequenne, zur Drehzeit des Films 17jährig, ist ein Naturereignis.)
Dann macht Rosetta sich auf die Suche nach Arbeit; eine ehrliche, anständige Arbeit, mehr wünscht sie sich nicht, darin würde sie Lebensberechtigung und Identität finden. Den ganzen Film lang wird diese Suche sie auf Trab halten, und die Kamera wird sie dabei keinen Augenblick aus den Augen lassen, bis in jene Momente tiefster Erschöpfung hinein, wo Rosetta vor dem Einschlafen sich selbst mit einer kindlichen Flüsterlitanei Mut zuspricht: "Nein, du wirst nicht abstürzen! Nein, du wirst nicht vor die Hunde gehen!" Wer hätte gedacht, dass dies und sonst nichts eine große, bewegende Filmgeschichte ausmachen könnte?
Rosetta verhält sich zu jeder Chance auf Arbeit wie eine ausgehungerte Raubkatze; sie prügelt sich handgreiflich darum, sie klammert sich daran, sie verbeißt sich in sie. Sie ist nahe daran, sich einem möglichen Arbeitgeber, der sie abwimmeln will, vor sein Auto zu werfen; und sie ist - einen entsetzlichen und nicht enden wollenden Augenblick lang - noch näher daran, jemanden in den Tod zu stoßen, auf dessen Arbeitsplatz sie sich Hoffnung macht ...
Rosetta ist in die Arbeitslosigkeit geboren, wie ein Kind anderswo in die Kaste der Unberührbaren hineingeboren wird; niemand hat sie je haben wollen, deshalb braucht niemand sie. Rosetta lebt in einem schmuddeligen Wohnwagen in einem Camp letzter Klasse, wo die einzige Waschgelegenheit ein tröpfelnder Wasserhahn ist; sie lebt da zusammen mit ihrer Mutter, einer apathischen Alkoholikerin, die sich gelegentlich für eine Flasche Schnaps prostituiert. Rosetta schweigt in sich hinein, doch in ihrem Gesicht ist wie in einem Buch zu lesen, wie in ihr die Idee reift, diese Mutter umzubringen - der sonst nicht mehr zu helfen ist - und sich mit ihr.
Der Ort, wo Rosettas Geschichte gedreht wurde, heißt Seraing: ein Arbeitervorort von Lüttich im südbelgischen Kohlenpott, nun schon seit langem soziales Notstandsgebiet mit etwa 20 Prozent Arbeitslosigkeit. Die "Rosetta"-Macher Luc und Jean-Pierre Dardenne, 47 und 50, haben ihre halbe Jugend in Seraing verbracht, haben als Dokumentarfilmer immer wieder den Blick auf die Miseren dieser Region gerichtet und in Seraing vor sechs Jahren auch jenen Spielfilm gedreht, der ihnen die erste internationale Aufmerksamkeit verschafft hat: "La Promesse".
Da ging es - atemberaubend genau und lakonisch erzählt - um einen jener Mieslinge, die ihr Geschäft mit den Ärmsten, Wehrlosesten der Welt machen, als Ausbeuter von illegalen Immigranten aus dem Ostblock oder Afrika - doch das schmerzhaft Bewegende an dieser Geschichte war die Liebe und Anbetung, die der halbwüchsige Sohn dieses Dreckskerls dem entgegenbrachte.
Auch Rosettas Schicksal ist kein vor der Kamera nachgestellter Sozialfall, sondern eine Geschichte, die in die Tiefe geht. Auch da ist die Liebe, die Unmöglichkeit oder Unerträglichkeit von Liebe das Schmerzhafteste: In ihrer Verbiesterung stößt Rosetta genau jenen einzigen Gutmütigen, der ihr, weil er sie liebt, helfen möchte, am heftigsten zurück; und mitten in einer Handbewegung, die vielleicht alles wenden und retten kann, reißt der Film, so abrupt, wie er begonnen hat, ab.
Das Filmfestival in Cannes endete vor zwei Jahren mit einem Beinahe-Eklat, denn die Jury vergab all ihre Hauptpreise an die Darsteller und Macher der beiden sperrigsten, ausweglosesten Filme im Programm, an die Brüder Dardenne und ihre Rosetta-Darstellerin Émilie Dequenne sowie an Bruno Dumonts Film "L'Humanité" und dessen Laien-Hauptakteure. Diese Jury-Entscheidung erschien als demonstratives Bekenntnis gegen alles Buhlen des neuen europäischen Kinos um amerikanischen Glamour.
Dumonts Arme-Leute-Geschichten sind, was ihre Kunstmittel angeht, denkbar weit vom Kino der Dardennes entfernt, doch seine nordfranzösische Heimat und Filmwelt liegt unter demselben grauen Himmel nicht weit vom Revier der Dardennes. Wie sie versucht er, diesem Kartoffelland, wo auch die Menschen wie Kartoffeln aussehen, eine Art Schönheit abzugewinnen, und den Menschen auch. Wer das erkennen will, muss es aushalten können. Und wer behaupten will, dass der asketische Einzelgänger Robert Bresson im Kino doch Erben gefunden habe, muss sagen: Das sind die Brüder aus Seraing. URS JENNY
Von Urs Jenny

DER SPIEGEL 18/2001
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