30.04.2001

BIOETHIK„Paare ins Ausland geschickt“

Klaus Diedrich, 54, Reproduktionsmediziner und Direktor der Universitäts-Frauenklinik in Lübeck, über die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft gegen ihn wegen Beihilfe zu einer Straftat
SPIEGEL: Die so genannte Präimplantationsdiagnostik (PID), bei der künstlich befruchtete Embryonen in der Petrischale auf Gendefekte getestet werden, gilt in Deutschland als verboten. Sie rieten dem holsteinischen Ehepaar Graumann, die PID deshalb in Brüssel durchführen zu lassen. Dafür stehen Sie jetzt am Pranger.
Diedrich: Eine mir zuvor unbekannte Gruppierung namens Bioskop in Essen, die die Biowissenschaft sehr kritisch sieht, hat mich angezeigt. Ich habe dann bei der Staatsanwaltschaft in Lübeck angerufen und erfahren, dass ein Anfangsverdacht wegen Beihilfe zu einer Straftat besteht, dem man jetzt nachgeht.
SPIEGEL: Fühlen Sie sich schuldig?
Diedrich: Nein. Als Arzt bin ich überzeugt, dass es meine Pflicht ist, ein Paar mit Kinderwunsch auch adäquat zu beraten. Das habe ich bei den Graumanns getan. Zudem verstößt die PID gar nicht gegen deutsches Recht. Die Mehrzahl der Juristen hält sie für zulässig.
SPIEGEL: Was sagen Ihre Kollegen?
Diedrich: Ein Humangenetiker aus Frankfurt bot spontan an, Geld für mich zu sammeln, damit ich mich ordentlich verteidigen kann. Andere Reproduktionsmediziner wollen sich aus Solidarität selbst anzeigen und auf diese Weise öffentlich machen, dass sie alle schon Paare ins Ausland geschickt haben.

DER SPIEGEL 18/2001
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