30.04.2001

KATASTROPHENAlarm aus der Tiefe

Blitzartig türmen sich die Tsunamis haushoch vor den Küsten auf. Jetzt entsteht ein Frühwarnsystem für die Riesenwellen.
Erst bebte die Erde unter dem Ozean. Schäumend hob sich die Meeresoberfläche empor und senkte sich wieder. Dann herrschte Stille.
John Sanawe, ein pensionierter Oberst, dachte schon, die Katastrophe sei glimpflich an ihm vorübergegangen. Da ließ ihn ein Donnerschlag zusammenzucken. Als er sich zum Meer drehte, sah er eine riesige Welle auf die Küste zurollen. Fortlaufen zwecklos.
Sanawe hatte Glück und überlebte drei bis zu 15 Meter hohe Tsunamis, als diese vor knapp drei Jahren Papua-Neuguinea heimsuchten. Doch 2200 Dorfbewohner starben, erschlagen von umherschwimmenden Trümmern. Manche wurden von abgebrochenen Mangrovenästen gepfählt.
Der Auslöser der Riesenwelle, ein Seebeben der Stärke 7,1, lag in diesem Fall nur 20 Kilometer vor der Küste. Doch viele Tsunamis entstehen Tausende Kilometer entfernt von dem Ort, wo sie ihr zerstörerisches Werk anrichten. Nach einer Verwerfung des Meeresgrundes oder einem unterseeischen Hangrutsch breiten sie sich wie Schockwellen durch die Tiefen des Ozeans aus - fast so schnell wie ein Düsenflugzeug.
Von Schiffen aus sind diese unterseeischen Wasserwalzen kaum zu erkennen. "Der Meeresspiegel hebt sich höchstens um ein paar Zentimeter", erklärt Frank González, Leiter des Tsunami-Forschungsprogramms der "National Oceanic and Atmospheric Administration" in Seattle. Erreicht die Unterseewelle jedoch flaches Küstengewässer, türmt sie sich auf "wie bei einem Auffahrunfall".
Lange Zeit galten die Riesenbrecher als unberechenbar. Nun bauen amerikanische Tsunami-Forscher ein Frühwarnsystem auf, das sich in ersten Praxistests bereits als zuverlässig erwiesen hat. Detektoren am Meeresgrund registrieren die charakteristische Druckwelle eines Tsunami und übertragen die Daten an eine Boje. Von dort gelangt der Alarmruf über einen Satelliten an die drei amerikanischen Tsunami-Frühwarnzentren (siehe Grafik).
Vier solcher Alarmgeber haben González und Kollegen vergangenen Sommer in den Pazifik vor Alaska und Oregon versenkt. Diesen Sommer sollen zwei weitere folgen: "Diese Technik erlaubt es uns erstmals, Tsunamis direkt zu messen."
Über 4000 Meter unter der Wasseroberfläche überwachen die Detektoren zwei bevorzugte Ursprungsorte der Riesenwellen: die tektonisch aktive Zone, die sich vor der Inselkette der Aleuten und parallel zur Küste Alaskas erstreckt, sowie die Erdbebengebiete entlang der amerikanischen Westküste. "Rumpelt hier die Erde", so González, "können sich Tsunamis in alle Anrainerländer des Nordpazifiks ausbreiten."
Tsunami-Warnungen waren für die Katastrophenschützer bislang ein Lotteriespiel. Mit seismischen Messgeräten konnten die Forscher nur die auslösenden Erdbeben lokalisieren. Anhand von wackligen Computermodellen schätzen sie dann ab, in welche Richtung eine Flutwelle losrast.
Im Vergleich zu Erdbeben und Vulkanausbrüchen kommen die Riesenwellen zwar eher selten vor, dafür kosten sie stets viele Menschenleben. Seit 1990 starben über 4000 Menschen in den Blitzfluten. Die Verwüstungen werden künftig wohl noch zunehmen. "Schließlich werden die Küstenregionen immer dichter besiedelt", warnt González.
Europäischen Geologen bereitet derzeit vor allem das Mittelmeer Sorgen, weshalb sie sich im Mai zu einer Konferenz in Istanbul treffen. Nach dem großen Erdbeben 1999 östlich von Istanbul erwarten Seismologen ein noch stärkeres Beben entlang der gleichen tektonischen Störungszone - diesmal allerdings unter dem Marmarameer. "Das unterseeische Beben ist überfällig", erklärt der Geophysik-Professor Stefano Tinti von der Universität Bologna.
Die Topografie könnte nicht günstiger für die Entstehung einer Todeswelle sein: Das Marmarameer ist bis zu 900 Meter tief. Tinti: "Das reicht völlig aus für die Entstehung eines großen Tsunami." GERALD TRAUFETTER
Von Gerald Traufetter

DER SPIEGEL 18/2001
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KATASTROPHEN:
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