07.05.2001

BAUINDUSTRIERetter im Zwielicht

Zwei Wirtschaftsprüferberichte behaupten: Ausgerechnet die in der Presse gefeierten Sanierer des Baukonzerns Philipp Holzmann haben die Bilanzzahlen geschönt - zu Lasten ihrer Vorgänger.
Die Beinahe-Pleite der Philipp Holzmann AG war bislang ein Drama in zwei Akten. Gute und Böse ließen sich klar unterscheiden.
Da gab es die scheinbar schlimmen Finger, also jene Altvorstände um Lothar Mayer, die 1997 abtraten und einen Schuldenberg von 3,2 Milliarden Mark hinterließen. Gemeinerweise hatten sie weitere Verluste und Risiken in Höhe von 2,4 Milliarden Mark so trickreich in den Bilanzen versteckt, dass sie bis November 1999 unentdeckt blieben. Danach stand der Traditionskonzern schon wieder vor dem Aus.
Das jedenfalls behaupteten die "Guten" - also Mayers Nachfolger Heinrich Binder und dessen Vorstandskollegen sowie der damalige Chef des Aufsichtsrats Carl Ludwig von Boehm-Bezing. Sie förderten die "vertuschten Altlasten" heldenhaft zu Tage. Und sie erstatteten im November 1999 Strafanzeige - gegen die Bösen. Außerdem forderten sie Schadensersatz.
Im zweiten Akt des Schauspiels ging es um die dramatische Rettung des Baukonzerns. Da kämpften Binder & Co. wacker gegen den geizigen Geldadel und für den Erhalt des Baukonzerns. Doch die 20 Hauptgläubigerbanken konnten sich nicht zu der nötigen Finanzspritze durchringen. Eine hoffnungslose Situation, bis im Finale der Retter auf die Bühne trat.
Da stand der Kanzler am 24. November 1999 auf dem eilig zusammengezimmerten Holzpodest, neben den Kumpels vom Bau. Über eine Stunde hatte er den Bankern ins Gewissen geredet. Wenn sie ihren Sanierungsbeitrag leisten, lege die Bundesregierung noch mal 250 Millionen Mark drauf. "Wir haben es geschafft", rief Gerhard Schröder nun den Holzmännern (und dem Rest der Nation) zu - und seine Worte gingen beinahe im Jubelgeschrei unter: "Gerhard, Gerhard", skandierten die Bauarbeiter. Der Kanzler genoss den Triumph.
Der Chef der Guten, Binder, trat wenige Tage nach der geglückten Rettung ab. Der Aufsichtsrat nahm ihm übel, das er die vertuschten Altlasten so spät entdeckt hatte. Binder, so schien es damals, war ein spätes Opfer des bösen Vorgängers geworden.
Nun aber muss das Schauspiel um einen dritten Akt erweitert werden. Der beginnt im kargen Büro des Frankfurter Staatsanwalts Horst Streiff, der auf Grund der von Binder gestellten Strafanzeige gegen Mayer ermittelte. Doch das Ergebnis belastet vor allem auch Binder selbst.
Streiff liegen die beiden Berichte der Wirtschaftsprüfer zum Geschäftsjahr 1999 der Philipp Holzmann AG vor. Demnach waren es Binder und seine Kollegen, die ihre Bilanzzahlen geschönt haben.
Den Vorständen wird darin vorgeworfen, wesentliche Risiken und Verluste nicht nur teilweise selbst verursacht, sondern lange vor Bekanntwerden der Beinahe-Pleite gekannt und unterdrückt zu haben. Den Anlegern präsentierten die Herren demnach ein falsches Bild von der Lage des Konzerns.
Zwar ermittelt die Staatsanwaltschaft bereits seit einem Jahr gegen Binder und Boehm-Bezing, unter anderem wegen Betrugs bei der Darstellung der wirtschaftlichen Lage des Konzerns (SPIEGEL 33/ 2000). Allerdings beruht das Verfahren auf einer Strafanzeige von Mayer. Boehm-Bezing bestreitet die Vorwürfe, Binder will sich generell nicht äußern.
Doch die vielen Beispiele, mit denen die beiden Berichte gespickt sind, geben Mayers Argumentation nun erheblich mehr Gewicht - und dem Strafverfahren um die Verantwortung für die Milliardenverluste eine völlig neue Wendung.
Laut dem Prüfbericht der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft KPMG stammt das Milliardenloch nicht allein aus vertuschten Altlasten, wie von Binder seinerzeit behauptet. Die angeblichen Altlasten in Höhe von 2,7 Milliarden Mark, schreiben die Prüfer, enthalten auch einen operativen "Verlust von 1071,4 Millionen". Dieser "resultiert primär aus dem extremen Einbruch der Bau- und Betriebsleistungen um nahezu die Hälfte (48 Prozent) des Vorjahresniveaus", schreiben die Prüfer. An anderer Stelle heißt es: "Sämtliche Direktionen und operativen Abteilungen haben negativ zum Jahresergebnis beigetragen."
Die Prüfer weisen in klarer Sprache darauf hin, dass selbst in dem gesondert ausgewiesenen Posten "Risiken der Vergangenheit" operative Verluste des Jahres 1999 enthalten sind, "darunter insbesondere auch solche, die auf im Geschäftsjahr 1999 getroffene Entscheidungen zurückzuführen sind". Zudem habe der Vorstand in mehreren Fällen Ergebnisbelastungen unterdrückt.
Wesentliche Risiken der Gesellschaft, schreibt die KPMG weiter, waren Holzmann schon "lange vor allen Sonderuntersuchungen und Risikoabfragen bekannt". Zudem haben die Prüfer viele Hinweise auf "ergebnisverbessernde Eingriffe des Vorstandes". Die Manager hätten obendrein negative Entwicklungen zwar festgestellt, aber ignoriert, heißt es in dem Papier weiter.
Wie trickreich der Vorstand um Binder offenbar die Zahlen bearbeitet hat, zeigen mehrere Beispiele. So habe die Direktion West, die größte Niederlassung des Konzerns, am 18. Februar 1999 ein Budget mit einem Betriebsverlust von 33,5 Millionen Mark vorgelegt. Dieser Verlust wurde aber "vom Vorstand als 'nicht akzeptabel und nicht kommunizierbar' zurückgewiesen". Dem Prüfbericht zufolge wiesen Binder und seine Kollegen die Direktion an, ein neues Budget mit einem ausgeglichenen Betriebsergebnis zu erstellen. Zwei Wochen später präsentierte die Direktion die neuen, deutlich schöneren Zahlen.
Auch bei Großprojekten hat der Vorstand offenbar geschummelt. Zum Beispiel beim so genannten Sun Flower Tower in Peking, den Holzmann im Jahre 1999 fertig gestellt hat. So schrieb der Vorstand der für das Gebäude zuständigen Holzmann Anlagen GmbH im Mai 1999 an den Konzernvorstand, dass in dem Hochhaus giftiges Ammoniak austrete und sich der Immobilienmarkt in der chinesischen Hauptstadt verschlechtert habe. Beides mache eine substanzielle Wertberichtigung auf das Projekt erforderlich. Die aber wurde "bis zum Jahresende nicht berücksichtigt", heißt es in dem Papier der KPMG.
Ebenso unberücksichtigt blieben Hinweise auf gravierende Ergebnisbelastungen im Zusammenhang mit dem City Carré Magdeburg, einem Büro- und Einkaufskomplex in der sachsen-anhaltinischen Landeshauptstadt. Dem Aufsichtsratsprotokoll der mit der Vermarktung des Projekts betrauten Holzmann-Tochter BauProjekt AG sei zu entnehmen, dass im Juni 1999 mit Kaufpreisrückforderungen sowie mit Baukostenüberschreitungen gerechnet wurde. Sechs Tage nach dieser Sitzung habe der Vorstand dennoch schwarze Zahlen angekündigt. "Im November 1999 wurde die erforderliche Nachdotierung der Rückstellungen dann als neu entdecktes Risiko dargestellt", heißt es in dem Bericht.
Trotz der prekären Lage priesen Holzmann-Chef Binder und seine Kollegen die Lage des Konzerns immer wieder in den höchsten Tönen: "Die Gesundung des Unternehmens schreitet rasant voran", sagte Binder noch zur Jubiläumsfeier im Oktober 1999.
"Die Altlastenlegende ist widerlegt", fasste der KPMG-Deutschlandchef Harald Wiedmann den Bericht zusammen. Die Wirtschaftsprüfer von Ernst & Young kommen zu einem ähnlichen Ergebnis. In ihren Augen sind von den 2,7 Milliarden Mark Altverlusten nur Millionenbeträge vor Binders Amtszeit angefallen. Den dicks-ten Verlustbrocken haben der Retter und seine Vorstandskollegen selbst erwirtschaftet - und ihn offenbar dem Vorgänger untergeschoben. Einer der damaligen Vorstände, Johannes Ohlinger, ist bis heute im Amt.
Der Aufsichtsrat der Philipp Holzmann AG erkannte die Brisanz der Papiere. "Wir haben die Berichte an die Staatsanwaltschaft weitergegeben", berichtet ein Vertreter der Kapitalseite, "und den neuen Vorstand ermächtigt, Schadensersatz geltend zu machen - diesmal gegen Heinrich Binder."
Das Schauspiel um Deutschlands ehemals größten Baukonzern geht damit weiter. Aus dem Drama ist längst eine Posse geworden. WOLFGANG REUTER
Von . Wolfgang Reuter

DER SPIEGEL 19/2001
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